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Horst Friedrichs ist Autor von Heftromanen / „Man darf sich nicht zu einer Maschine machen lassen“

Nur berühmt als Jerry Cotton

Über 700 Romane hat er geschrieben, eine so unglaublich hohe Anzahl, dass sein Name doch deutschlandweit berühmt sein müsste. „Ja, wenn Sie mich ,Ken Roycroft‘ oder ,Jerry Cotton‘ nennen, dann bin ich auch berühmt“, sagt er. In Wirklichkeit heißt der Mann allerdings Horst Friedrichs, und da findet man aktuell (nur) einen Weserbergland-Krimi, der kürzlich unter dem Titel „Opferwissen“ im Hamelner C.W. Niemeyer-Verlag erschien. Und die ganzen anderen Bücher? Der Name Ken Roycroft? Nun, es sind eben keine „Bücher“, sondern unter Pseudonym unter anderem im Bastei-Verlag veröffentliche „Hefte“, sogenannte Heftromane, die meisten davon mit der wohlbekannten Hauptfigur Jerry Cotton.

veröffentlicht am 01.07.2013 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 10.10.2017 um 09:21 Uhr

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Autor

Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

Heftromane, sie sind wirklich ein Genre für sich. Obwohl man sie nur im Zeitschriftenhandel und in Supermärkten findet – meistens kosten sie weniger als zwei Euro – liegt ihre jährliche Gesamtauflage im oberen zweistelligen Millionenbereich. 60 Seiten mit leserfreundlich großen Buchstaben locken mit unkompliziertem Lesevergnügen, seien es die Arzt- oder Heimatromane, seien es die unendlichen Reihen der Liebesgeschichten oder eben so klassische Romane, wie die um den amerikanischen FBI-Agenten Jerry Cotton. Horst Friedrichs, inzwischen 70 Jahre alt, ist immer noch einer der Cotton-Autoren, der dienstälteste von allen und derjenige, der die meisten dieser Krimiabenteuer verfasste.

Noch nie dort gewesen, wo der Romanheld gegen

das Verbrechen kämpft

„Ich hätte damals auch Arztromane geschrieben“, sagt er. „Ich arbeitete Ende der 60er Jahre als freier Journalist und suchte weitere Verdienstmöglichkeiten.“ Es war eine Anzeige des Bastei-Verlages, der neue Jerry-Cotton-Schreiber brauchte, die ihn ein Experiment wagen ließ. Er lieferte eine Idee und 20 Probeseiten ab und wurde genommen. „Das klingt so einfach“, sagt er, „ist es aber nicht. In eine bereits bestehende Reihe einzusteigen bedeutet, sich bestens mit dem Romanpersonal auszukennen. Am Serien-Geschehen dann weiterzuarbeiten heißt: recherchieren, ständig neue Ideen entwickeln, sich auf der Höhe der Zeitprobleme zu bewegen.“

Er sei ja noch niemals in New York gewesen, in dessen Straßen der Held gegen das (organisierte) Verbrechen kämpft. „Und ohne ,Google Maps‘ und Online-Zeitschriften mit entsprechenden Informationen eine glaubwürdige Atmosphäre und Geschichte zu erschaffen, das war schon ein Kunststück. Ich hatte mir erst mal die Stadtpläne von New York besorgt, für mich war es wie eine Reise zum Mond.“ Ihn habe fasziniert, dass er sämtliche gesellschaftspolitischen Themen aufgreifen konnte und völlig frei gewesen sei in dem, was er schreibt. „Nur Vergewaltigungen oder Gewalt gegenüber Kindern und behinderten Menschen waren Tabu.“

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Aber nicht nur Ideenreichtum ist gefragt bei einem Heftromanautoren, er muss auch einen souveränen Schreibstil besitzen, der sich dabei an strenge Konzeptregeln hält. Die Sprache soll klar und überschaubar sein, gern zwar mit stimmungsvollen Adjektiven, zugleich aber leicht und flüssig zu lesen, so, dass vor dem inneren Auge des Lesers die jeweilige Welt aufblüht, sei es nun im Krimi, im Western oder in den „Geisterjäger“- und Vampirromanen, alles Genre, in denen Horst Friedrichs präsent war.

Wie das Konzept für ein Heftroman-Grundgerüst aussieht, das bringt Autorin Anna Baseler in Bezug auf die Liebesromane in ihrem Ratgeber „Heftromane schreiben und veröffentlichen“ erstaunlich knapp auf den Punkt. Da seien A und B, die sich verlieben und ohne Zweifel füreinander bestimmt sind. Dann kommt C ins Spiel, ein Konflikt in Gestalt einer Person oder eines überraschenden Geschehens, und reißt die Verliebten scheinbar unrettbar auseinander. Schließlich trete D auf und löst den Konflikt. Zum Schluss dann kurz und bewegend das Happy End: A und B bleiben für immer zusammen.

„Das klingt fürchterlich trivial“, so Horst Friedrichs. „Und es ist ja auch trivial, soll trivial sein. Wir schreiben genau das, was die Leser sich wünschen, Überraschungen inklusive, das ist unser Auftrag.“ Natürlich habe auch er viel darüber nachgedacht, wie er selbst seine Arbeit bewerten soll. „Die Kritik, dass Heftromane rein affirmativ seien, dass sie die Leser einlullen, statt sie wach zu rütteln, und Verhältnisse eher zementieren, statt sie aufzubrechen, sie hat auch mich nicht kalt gelassen.“ Er erzählt von einer Lesung in einem Gymnasium, wo der Deutschkurs sich gerade mit dem Thema „Das Triviale bei Goethe, Schiller und Jerry Cotton“ auseinandersetzte, und alle zu dem Schluss kamen, dass oft genug auch Weltliteratur mit Klischees spiele und Klischee-Wünsche erfülle.

Ein Mädchen habe ihn gefragt, ob es für ihn als Autor auch so etwas wie Hingabe beim Schreiben gäbe, die Identifikation mit dem Helden, sozusagen eine Romantik des Schreibens. Diese Frage habe ihn sehr berührt, weil er sie nämlich, anders als viele glauben, eindeutig mit Ja beantworten könne. „Ich liebe das Schreiben, ich gehe meistens ganz darin auf, ich weine sogar manchmal, wenn es tragisch wird, und es kommt vor, dass ich Nächte durchschreibe, nicht, um so schnell wie möglich fertig zu werden, sondern weil mich meine eigene Geschichte mitreißt.“

In den 1980er Jahren habe er mal eine Urkunde für seinen 100. Heftroman bekommen, die aber immer nur achtlos herumlag, weil sie ihm eher peinlich war, auch vor seinem journalistischen Hintergrund (dem freien Journalismus waren jahrelange Redakteursstellen gefolgt). Dann fand seine zweite Frau die Auszeichnung und sagte: „Häng sie dir auf, das ist doch toll!“ Der Text der Urkunde enthielt unter anderem den Satz: „Sie haben Freude in das Leben vieler Leser gebracht!“ Freude bringen, indem man Lesebedürfnisse erfüllt? „Ich brauchte Jahre, um es so zu sehen, aber es ist doch wohl wahr.“

Die Wendungen

kommen genau dann, wenn man sie erwartet

Der Stichprobenblick in einige aktuelle Heftromane kann zeigen: Die meisten Autoren beherrschen ihr Handwerk auf beeindruckende Weise. Der Erzählstil zieht in die Geschichte hinein, die überraschenden Wendungen kommen genau dann, wenn man sie wünscht und erwartet, die Guten sind zwar nicht über allen Zweifel erhaben, doch man muss sie einfach mögen, und die „Bösen“ erhalten unbedingt ihre gerechte Strafe. Eigentlich nicht anders, als in den allermeisten Filmen, die man sich zur Entspannung ansieht. Kein Wunder, dass die großen Heftroman-Verlage sich häufig dem Nacherzählen von Fernsehserien widmen oder umgekehrt, Roman-Serien wie etwas „Dr. Stefan Frank“ (und früher auch Jerry Cotton) verfilmt wurden.

Gestandene Autoren wie Horst Friedrichs können mit ihrem Schreiben durchaus einen guten Lebensunterhalt verdienen. Insgesamt aber sammelt kaum ein Heftroman-Autor Reichtümer an. Zwischen knapp 700 und 900 Euro Honorar ist pro Roman angesetzt. Da muss man schon sehr routiniert und fleißig sein, um das hauptberuflich durchzuhalten. Er habe Zeiten gehabt, wo er kaum fünf Tage für eine Romanfolge brauchte, so Horst Friedrichs. „Allmählich aber merke ich, wie kräftezehrend dieses ununterbrochene Produzieren ist.“ Beim letzten Heftroman habe er die zweite Hälfte innerhalb von 25 Stunden hintereinander weggeschrieben. „Danach aber war ich auch drei Tage völlig fertig.“

Als Heftroman-Autor sei man meistens als Einzelkämpfer unterwegs. Die Konkurrenz sei groß und außerdem hätten auch die Verlage kein gesteigertes Interesse daran, dass die Autoren sich untereinander kennen und sich über Honorare und Verträge austauschen. Inzwischen aber habe er doch so einige Kollegen kennengelernt. „Die Typen sind so unterschiedlich wie in allen anderen Branchen auch“, meint er. Eine gemeinsame Macke aber habe er feststellen können: „Die meisten neigen zur Prokrastination, also zum Herauszögern bis zum letzten Augenblick. Die Lektoren behaupten gerne, man selbst sei der Einzige, der so lange braucht, aber ich glaube, wir sind da in der Mehrzahl.“

Er jedenfalls ist nicht der Typ, der sich täglich zur selben Zeit an seinen Schreibtisch setzt und seine fünf oder zehn Seiten produziert. „Man darf sich nicht zu einer Maschine machen lassen“, sagt er. Dazu trägt sicher bei, dass der im C.W. Niemeyer-Verlag erschienene Krimi „Opferblut“ seinen wahren Namen trägt, ebenso wie der frühere Thriller „Hüttenzauber“. Außerdem ist Horst Friedrichs in seinem Heimatort Hoya bei Bremen als Jazzposaunist bekannt, und wird wegen seiner „warmen, melodischen“ Stimme (so beschreibt es ein Bandmitglied) von einigen die „Lerche von Hoya“ genannt. „Lerche von Hoya“ – Liebesromane schreibt er ja keine, aber einen hübschen Titel dafür hätte er ja schon mal.

Es klingt fürchterlich trivial: Genau das schreiben, was sich Leser wünschen, Überraschungseffekt inklusive. Über 700 Heftromane hat Horst Friedrichs geschrieben, darunter auch Geschichten mit dem FBI-Agenten Jerry Cotton. Auf Arzt- oder Liebesromane hat er sich aber nie eingelassen. Ein Blick auf den Autoren-Schreibtisch.

„Jerry Cotton“ ist eine der erfolgreichsten Kriminalroman-Serien im deutschsprachigen Raum.dpa



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