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Katzen werden zuhauf in Tierheime gebracht – meistens sind sie total verwahrlost oder todkrank

Nicht zu retten

Katzen müssen kastriert werden, möglichst dann, wenn sie zum ersten Mal „rollig“ sind. „Aber woher weiß ich denn, wann genau es so weit ist?“ – diese Frage hören Tierärzte oft. „Ich muss dann immer lachen“, sagt Veterinärin Claudia Daum. „Das ist, als wenn man fragt, woher man weiß, dass ein Baby Hunger hat.“ Rollige Katzen bestehen unübersehbar und unüberhörbar auf Sex. Sie jammern, reiben sich an allen Gegenständen, rollen sich ungeduldig auf dem Boden herum und strecken ihr Hinterteil auffordernd in die Höhe. Passt man nicht auf, entwischen sie nach draußen, auf der Suche nach einem Kater. „Gerade jetzt zu Jahresbeginn bekommen wir Tierärzte jede Menge panische Anfragen, ob wir einen schnellen Termin für eine Kastration anbieten können.“

veröffentlicht am 05.02.2014 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 29.05.2017 um 17:39 Uhr

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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

Januar und Februar sind die Monate der Katzenrolligkeit, aus der dann, meistens ungewollt, die sogenannten „Maikätzchen“ entstehen. Später im Jahr folgt die zweite fruchtbare Phase, und wenn man nichts dagegen täte, könnte eine einzige Katze mit ihren Nachkommen innerhalb weniger Jahre eine ganze Katzenkolonie gründen. Früher löste man das Problem oft auf brutal einfache Weise: Die Katzenbabys wurden ertränkt oder, gnädiger, vom Bauern so heftig gegen die Stallwand geschlagen, dass sie auf der Stelle tot waren. Inzwischen aber ist es für verantwortungsbewusste Katzenbesitzer keine Frage mehr, dass die Tiere kastriert werden müssen. „Daran führt schon aus Eigeninteresse eigentlich kein Weg vorbei“, so die Tierärztin aus Krainhagen.

Trotzdem aber klagen die Tierheime auch in den Landkreisen Schaumburg und Hameln-Pyrmont darüber, dass überzählige Katzen, die oft in ganz verwahrlostem Zustand bei ihnen ankommen, zu ihren Dauergästen gehören. „Das ganze Jahr hindurch bringen Leute aufgefundene junge Katzen zu uns“, sagt Hamelns Tierheimleiterin Claudia Gebhardt. „Viele davon sind so geschwächt und krank, dass wir sie trotz intensiver Pflege nicht retten können. Wirklich, es kann einem das Herz brechen.“ Monika Hachmeister, Tierheimleiterin in Bückeburg, erzählt dasselbe. Sie immerhin hat den kleinen Trost, dass in einigen Städten und Gemeinden des Schaumburger Landes nun eine Katzenverordnung gilt, die die Kastration zur Pflicht macht. In Hameln dagegen konnte so eine Verordnung, die bei Zuwiderhandlung Geldbußen bis zu einer Höhe von 5000 Euro auferlegt, noch nicht durchgesetzt werden.

„Als vor etwa zweieinhalb Jahren zum letzten Mal darüber beraten wurde, hieß es, eine Katzenverordnung sei ein im Grunde überflüssiges Gesetz, weil man ja nicht jede einzelne Katze überprüfen könne“, so Claudia Gebhardt. „An Letzterem ist auch was Wahres dran. Und doch: Die über ein Gesetz verpflichtende Kastration wäre ein wichtiges Signal an alle, die sich eine junge Katze anschaffen wollen.“ Es würde das Bewusstsein dafür schärfen, wie viel Verantwortung es mit sich bringe, ein Tier zu halten.

„Man darf sich nicht einfach gedankenlos eine süße, kleine Katze ins Haus holen und die Sache dann irgendwie laufen lassen, wie es einige leider immer noch tun“, sagt sie. „Es kommen durchaus Kosten auf einen zu, nicht nur für das Futter, sondern auch für die Entlausung, Entwurmung, die Impfungen und eben für die absolut notwendige Kastration.“ Ein Tier zu besitzen sei ein kleiner Luxus, darüber müsse man sich im Klaren sein. „Meistens gehörten die Katzen, die wir aufnehmen müssen, leichtsinnigen Menschen, die erst im Nachhinein feststellen, dass ihnen das alles zu viel ist.“

Claudia Daum macht manchmal die Erfahrung, dass Katzenbesitzer aus einer Art Mitgefühl heraus ihre Tiere am liebsten unkastriert lassen möchten. Sie wollen ihnen nicht das Sexualleben nehmen und meinen, eine Kastration, also bei Katern die Entfernung der Hoden, bei Katzen das Herausoperieren der Eierstöcke, ließe sich kaum mit einem artgerechten Leben vereinbaren. „Aber was heißt bei einem Haustier eigentlich ,artgerecht‘?“, fragt sie. „Die Menschen wollen mit der Katze zusammenleben, möglichst lange und möglichst ohne Sorgen. Das geht nur, wenn man die Tiere kastriert.“

Auf der triebhaften Suche nach Fortpflanzungsmöglichkeiten zu sein, bedeute körperlichen und seelischen Stress für die Katzen. Nicht nur würden sie in Kämpfe verwickelt oder sich lebensgefährliche Krankheiten wie etwa Katzenaids einfangen, nicht nur litten die weiblichen Tiere, wenn sie nicht befruchtet werden, häufig unter schließlich tödlichen Gebärmuttervereiterungen. „Eine kastrierte Katze, die draußen herumlaufen darf, kommt auch nicht auf die Idee, die A2 oder B 83 zu überqueren, um zum Geschlechtspartner auf der anderen Seite zu finden.“ Wer meine, statt der Entfernung der Keimdrüsen sei es angemessener, den Sexualtrieb zu erhalten und nur die Fruchtbarkeit durch Sterilisation oder die Pille zu unterbinden, der sei im Irrtum. „Das verkürzt in Wirklichkeit die Lebensdauer und die Lebensqualität der Tiere und erschwert fast immer auch den Alltag der Besitzer.“

Eigentlich ist die Kastration eine Routineoperation. Es sieht zwar unheimlich aus, wenn das Tier betäubt rücklings mit breit ausgestreckten Beinen auf dem Operationstisch festgebunden liegt, die Bauchhaare rasiert bekommt und der Arzt mit dem scharfen Skalpell den Bauch aufschneidet. Doch, anders als mancher Laie es erwartet, spritzt da kein Blut, und der geöffnete Bauch sieht auch gar nicht nach einer Wunde aus, sondern wirkt eher so, als sei er per Reißverschluss geöffnet worden. Die „Linea alba“, die beide Bauchseiten voneinander trennt, ist wie geschaffen dafür, auf unblutige Weise die Gebärmutter erreichen und entfernen zu können. Läuft alles gut, verheilt der Schnitt innerhalb kurzer Zeit.

Bei Katern ist die Sache noch viel einfacher. Zwei kleine Schnitte und schon kann man die Hoden herausdrücken. „Trotzdem lasse ich niemals die Besitzer bei einer Operation dabei sein“, sagt die Tierärztin. „Ich selbst habe ja an die 20 Jahre gebraucht, bis ich meine eigenen Tiere wirklich gelassen operieren konnte. Das ist fast so, als müsse man das eigene Kind chirurgisch behandeln.“ Es sei übrigens kein Problem, auch ältere Katzen zu kastrieren. „Besser spät als nie“, sagt sie.

Veterinäre empfehlen, die Kastration und die damit verbundene Narkose zum Anlass dafür zu nehmen, den Tieren auch gleich einen kostengünstigen Mikrochip am Hals einsetzen zu lassen. Auf dem ist eine Identifikationsnummer gespeichert, die mit einem Lesegerät erkennbar wird, wie es jeder Tierarzt und jedes Tierheim besitzt. Damit lassen sich verloren gegangene Tiere klar ihrem Besitzer zuordnen, wenn die Nummer im Haustierzentralregister „Tasso“ registriert ist. Claudia Gebhardt betont: „Das hätte auch, ebenso wie die Kastration, eine große Entlastungsfunktion für die Tierheime.“

Eine Katze zu kastrieren bedeutet nicht, es dürften gar keine niedlichen Katzenbabys mehr das Licht der Welt erblicken. Nur, darum bitten vor allem die Tierheime, solle man vor der Entscheidung, dass eine Katze Junge bekommen darf, genau geplant haben, was mit den Kleinen passieren wird. Hat man selbst Platz und Energie genug für drei oder vier weitere Kätzchen oder sind Menschen da, die verbindlich erklären, dass sie eines der Katzenbabys übernehmen wollen? Ist gesichert, dass auch der Nachwuchs tierärztlich behandelt und kastriert wird? Nach der tierärztlichen Gebührenordnung kostet eine Kastration bei Katern mindestens etwa 70, bei Katzen mindestens etwa 100 Euro. Was vielen nicht bewusst ist: Dort, wo die Katzenverordnung gilt,haben auch diejenigen Verantwortung für eine Katze zu übernehmen, die ein frei laufendes Tier regelmäßig füttern. Sie müssen die Katze kastrieren oder, in Ausnahmefällen, wenigstens per Mikrochip oder Tätowierung kennzeichnen lassen. „Ich kann nur hoffen, dass auch bei uns die Katzenverordnung eingeführt wird“, so Tierheimleiterin Claudia Gebhardt. „Man könnte dann Kastrations-Aktionen bei streunenden Katzen durchführen. Im ersten Moment scheint das zusätzlich Geld zu kosten, aber ich bin sicher, dass wir es dann viel weniger mit diesen armen Kreaturen zu tun haben, die wir regelmäßig im Tierheim versorgen müssen.“

Die Tierheime in der Region platzen inzwischen aus allen Nähten. Zuhauf werden streunende oder ausgesetzte Katzen in die Einrichtungen gebracht.

Viele Katzen kommen verwahrlost oder todkrank in die Heime und sind dann meistens nicht mehr zu retten. Kastrationen können dem entgegenwirken – doch nicht alle Katzenbesitzer halten sich daran.



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