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Kurt Gilde fotografiert bei Abendspaziergängen und vor allem gerne bei Regen

Nass, kalt, dunkel – und romantisch

Kurt Gilde ist Augenarzt im Ruhestand. Er hat sich ganz der Entwicklung von speziellen Fotokameras verschrieben. Eine davon wurde in der Fachliteratur sogar als „Rolls-Royce unter den Panoramakameras“ betitelt. In einem neuen Projekt hat er sich Rintelner Stadtansichten gewidmet: Dafür war er ausschließlich in der Dunkelheit unterwegs.

veröffentlicht am 14.07.2015 um 11:59 Uhr
aktualisiert am 30.07.2015 um 19:46 Uhr

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Autor:

Dietrich Lange

Eigentlich mag Kurt Gilde die Digitalfotografie nicht so besonders. „Vor allem wenn die Leute sagen, das kann ich ja wieder löschen.“ Doch jetzt hat der Experte für analoge Panoramakameras und 3D-Aufnahmen zur – natürlich hochwertigen – Digitalkamera gegriffen und die Möglichkeit der Verfremdung am Computer genutzt.

Rintelns schönste Seiten im Dunkeln, bei Regen und Kälte, von Bunt auf Schwarz-Weiß umgewandelt – das Ergebnis soll beim Betrachter romantische Gefühle wecken, nicht kitschige. „Der Fotograf hatte bei Temperaturen zeitweise knapp über dem Gefrierpunkt keine romantischen Gefühle“, sagt Gilde mit einem Augenzwinkern. „Aber auf den kommt es ja auch nicht an.“

Die Romantik habe es ihm seit der Abendschule in jungen Jahren aber angetan, verrät der Technik-Tüftler und Fotograf. Denn da wurde ihm „in wunderbarem Unterricht jene Zeit nahegebracht, die historisch nur in Deutschland große Bedeutung hatte. Das war eine Gegenbewegung zur Aufklärung“. Während sich die meisten Menschen in ihrem oft trübseligen harten Alltag an Geschichten, Gemälden und Zeichnungen erfreuten, die so gar nicht ihrem Leben entsprachen, will Gilde jetzt die Weserstadt Rinteln zeigen, wie sie eben nicht jeder kennt.

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  • Kurt Gilde zeigt am Computer eine auf Schwarz-Weiß umgewandelte Ansicht des Rintelner Marktplatzes mit Nachtwächter, wie sie auch die Titelseite des Bildbands ziert, der ebenfalls in d er Ausstellung im Rathaus zu sehen sein wird. dil
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  • Hauptsache, es regnet: Den Kran am Weserufer und die Rintelner Brücke hat Kurt Gilde ebenfalls bei „Schietwetter“ fotografiert. pr

Wer geht schon bei Regen und Kälte nach draußen, um Fotos zu machen? Gilde tat es über mehrere Jahre hinweg – im Frühjahr und Spätherbst, immer zwischen 17 und 21 Uhr, meist nur 15 Minuten lang. „Hauptsache es regnet, das ist mein Wetter“, sagte er sich vor dem oft spontanen Aufbruch. Im Umkreis von 60 Metern um den Nachtwächter, einer Skulptur auf dem Marktplatz, fand er seine Motive. Aber sie sollten anders aussehen als bei gewöhnlichen „Knipsern“. Keine Menschen, kein Sonnenlicht, das war Bedingung. Und Reflexionen von Regen auf nassem Boden sollten Leben in die Fotos bringen, ebenso wie manchmal Gaststättenstühle in den Vordergrund getragen wurden.

Gilde merkte bald, dass auch das schönste alte Haus nachts nicht wirkt, wenn die Fenster dunkel sind. „An der Ecke Enge Straße/Kirchplatz ging gerade eine Frau ins Haus, und ich fragte sie sofort, ob sie im Obergeschoss das Licht anmachen könnte“, erinnert sich Gilde. „Und sie tat es, ich hatte mein Foto.“

Aber nicht immer war es so einfach mit den Menschen im Dunkeln. „Einmal rannte jemand mich und die Kamera samt Stativ um, am ,Ratskeller‘ standen oft Leute und lasen Speisekarten. Ich will aber keine Leute auf den Bildern.“ Wenn er losging, wusste Gilde nicht, welche Motive er mit heimtragen würde. „Ich hatte zwar ein Konzept, aber das Spontane, das Kreative war für mich der Reiz“, sagt der 72-jährige frühere Augenarzt, der in Engern wohnt. „Ich widerlege den Spruch ,schlechtes Wetter – schlechte Bilder‘. Die Sonne nimmt Bildern doch das Geheimnisvolle, im Dunkeln sind die Sinne eingeschränkt, das beflügelt die Fantasie.“

Wenn er die ausgewählten Bilder am Computer in Schwarz-Weiß verwandelt, ist die natürliche Wahrnehmung noch einmal irritiert. Schöne Ansichten mit tollen Lichteffekten bei schlechtem Wetter – es lohnt sich, hinzuschauen. „Bis zu fünf Kopien werde ich auf Wunsch von den Bildern machen, wenn jemand eines kauft. Es ist dann eine limitierte Edition“, kündigt Gilde an. Seine Bilder werden ab heute in der Rintelner Rathaus-Galerie in der Klosterstraße 19 ausgestellt. Bis zum 16. Oktober sind 25 Exemplare von Gilde dort zu sehen – in Schwarz gerahmt, 50 mal 70 Zentimeter groß. Eines der Fotos ist in 3D. „Es reicht mir, wenn es den Leuten gefällt, der Mensch lebt ja auch von der Bestätigung“, sagt Gilde.

Doch diese Ausstellung erscheint angesichts Gildes Vergangenheit eher wie eine seiner leichteren Übungen. Denn seine Expertise ist weiter gefragt. Im vergangenen Jahr hat er die 3D-Fotoschau „Den Süntel entdecken mit den Augen eines Uhus“ für die Schillat-Höhle in Hessisch Oldendorf fertiggestellt. 150 Aufnahmen von mikroskopisch bis makroskopisch, nah und panoramisch. Gilde: „Die Besucher waren sehr angetan.“

Nächste Woche Donnerstag kommt ein Fotograf und Experte für „fotogrammetrische Kameras“ mit höchster Genauigkeit („achtmal schärfer als beste Digitalkameras“) zu Gilde, um mit ihm über die Entwicklung und den Bau solcher Kameras für die Industrie zu sprechen. „Freut mich, ist aber nicht mehr mein Ding, denn so etwas lässt sich nicht manuell wie bei mir, sondern nur mit computergesteuerten Geräten herstellen.“

Gefreut hat er sich kürzlich auch, als ein neues Buch über Panoramafotografie seine selbst entwickelte Kamera, die „Gilde“, als den „Rolls-Royce unter den Panoramakameras“ lobt. „Aber ich habe meine Zeit gehabt, will loslassen und Neues tun, aber weniger“, sagt Gilde. Solange seine Frau den großen Garten in Engern pflegt, hat er Zeit für seine Hobbys. Das Rennradfahren mit abnehmendem Ehrgeiz, und die Fotografie: „Licht in allen Formen, das wird mein nächstes Projekt. Durch die richtige Beleuchtung kann ein einfacher Stein zu einer Skulptur werden.“ Hört sich nach der übernächsten Ausstellung an.



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