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Nachbarschaftshilfe als Rettung in der Not?

Man kann es drehen und wenden, wie man will – unsere Gesellschaft wird dem demografischen Wandel kein Schnippchen schlagen können. Seit den 1970er Jahren befindet sich die Geburtenrate hierzulande auf einem gleich bleibend niedrigen Niveau. Gleichzeitig steigt durch die höhere Lebenserwartung der Anteil der älteren Menschen gegenüber dem Anteil der Jüngeren. Um den Folgen des Wandels entgegenzuwirken, wird vielerorts mit der Entwicklung strategischer Konzepte begonnen. In Schaumburg kümmert sich seit 2007 der im Kreis-Sozialamt angesiedelte Fachdienst Altenhilfe um die Bedürfnisse älterer und pflegebedürftiger Menschen. Jüngstes Kind des Dienstes sind die ehrenamtlichen Nachbarschaftshilfen.

veröffentlicht am 16.08.2011 um 00:00 Uhr

Symbol der Hilfestellung: Jung und Alt agieren Hand in Hand.

Autor:

Herbert Busch

„Da die Verwandten häufig in weiter Entfernung leben und auch Freunde und Bekannte nicht immer helfen können, sind heute viele ältere oder körperlich eingeschränkte Menschen auf sich allein gestellt und bedürfen der Unterstützung bürgerlich Engagierter“, erläutern Silke Finja Padubrin und Claudia Kuhlmann, die im Sozialamt das Seniorenservicebüro leiten. Sie zeichnen wesentlich für die Entstehung des seit dem 1. August dieses Jahres vorgehaltenen Angebots verantwortlich. „Aus diesem Grund haben wir eine Gruppe handwerklich geschickter Frauen und Männer aufgebaut, die für die Erledigung kleinerer Aufgaben zur Verfügung stehen.“

Um eventuellen Missbräuchen vorzubeugen, sind die Einsätze zeitlich auf maximal zwei Stunden begrenzt. „Für größere oder zeitintensivere Aufträge und ebenso für regelmäßig wiederkehrende Arbeiten sind die Nachbarschaftshilfen nicht zuständig“, unterstreichen Padubrin und Kuhlmann. „Wir verstehen uns nicht als ,Handwerkerdienst‘.“ Das sei – auch um die Erzeugung von Konkurrenzsituationen von vornherein zu vermeiden – mit dem Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, Fritz Pape, abgesprochen worden. Derartige Aufträge sollten an gewerblich tätige Handwerker oder professionelle Anbieter vergeben werden.

Bei den ehrenamtlichen Helfern – aktuell sind landkreisweit 19 Männer und eine Frau aktiv – geht es um Dinge wie Glühbirnen austauschen, Gardinen aufhängen, Möbel aufbauen oder umstellen, das Programmieren des Fernsehgerätes und alltägliche Reparaturarbeiten. Ausdrücklich ausgenommen sind mit Gefahren verbundene Tätigkeiten wie die Instandsetzung von Elektrogeräten oder Dachreparaturen. Zudem zählen Arbeiten, die typischerweise von Malern oder Gärtnern erledigt werden, sowie pflegerische oder Haushaltstätigkeiten nicht zum Angebotsspektrum.

Wer in den Genuss der vom Seniorenservicebüro koordinierten Offerte kommen möchte, muss älter als 60 Jahre, pflegebedürftig oder schwerbehindert sein. Pro Einsatz wird eine Aufwandsentschädigung in Höhe von fünf Euro gezahlt.

Im Vorfeld des Nachbarschaftshilfenstarts sind die Mitarbeiter ausführlich über Möglichkeiten und Grenzen ihrer Einsätze in Kenntnis gesetzt worden. „Das war schon deshalb wichtig, um rechtlich und versicherungstechnisch auf der sicheren Seite zu sein“, betont das Expertenduo vom Servicebüro. Zudem erfuhren die Freiwilligen, dass für die behördlich vermittelte Entsendung in Privathaushalte ein vom Einwohnermeldeamt ausgestelltes Führungszeugnis beigebracht werden muss. Vor Ort gibt ein vom Landkreis erstellter Ausweis über die Identität der Helfer Auskunft.

Padubrin und Kuhlmann betrachten das Hilfsangebot – gemeinsam mit den Projekten „Seniorenbegleiter“ und „Wohnberatung“ – als weiteren Schritt auf dem Weg zu einem möglichst langen Aufenthalt älterer Menschen in den eigenen vier Wänden. Auch in diesem Fall gelte das Prinzip „ambulant vor stationär“: „Unseren Gesprächspartnern gefällt es, wenn sie länger zu Hause bleiben können.“ Wenn die körperlichen Kräfte nachließen, Pflegebedürftigkeit eintrete oder die eigenständige Haushaltsführung nicht mehr möglich sei, müsse nicht gleich der Umzug in eine Pflegeeinrichtung erfolgen. Die vom Fachdienst Altenhilfe dargebotenen Hilfestellungen könnten dazu beitragen, das selbstbestimmte Leben in der eigenen Wohnung so lange wie möglich aufrechtzuerhalten und eine Heimunterbringung zu vermeiden.

In diesem Zusammenhang ist von Interesse, dass der überregional beklagte Fachkräftemangel in der Pflege auch in Schaumburg spürbar ist. „Seit einigen Jahren werden hier zwar viele Pflegekräfte aus ostdeutschen Bundesländern beschäftigt, der von einigen Experten aufgrund der erweiterten Berufsausübungsmöglichkeiten erwartete Zustrom aus osteuropäischen Ländern ist bisher aber ausgeblieben“, weiß etwa Rainer Worbs, der stellvertretende Leiter des Landkreis-Sozialamtes. Examinierte Pflegekräfte auf Jobsuche seien derzeit „buchstäblich an einer Hand abzuzählen“, bestätigt Cornelia Kurth. Die Leiterin der Stadthäger Agentur für Arbeit schätzt den Bedarf auf ungefähr 100 Kräfte. „Solche Fachkräfte sind gegenwärtig praktisch nicht greifbar“, ergänzt der Pflegedienstleiter am Alten- und Pflegeheim Sonnenhof in Obernkirchen, Volker Flöttmann. „Falls das alles so weitergeht, ist eine Katastrophe nicht auszuschließen.“

Die Heimpersonalverordnung des Bundes schreibt in Heimen eine Fachkraftquote von 50 Prozent für pflegende und betreuende Tätigkeiten vor. Abweichungen können von der Heimaufsicht unter der Voraussetzung zugelassen werden, dass Pflege und Betreuung trotz Unterschreitung der Quote gewährleistet sind. Entsprechende Beurteilungen kann die Heimaufsicht nur in Zusammenarbeit mit dem Medizinischen Dienst und den Pflegekassen vornehmen. Derzeit werden im Landkreis rund 3400 vollstationäre Pflegeplätze angeboten.

Dass sich diese Umstände „in Zeiten, in denen die Gesellschaft immer älter und die Jungen immer weniger werden“, wie der Bundesvorsitzende der CDU-Senioren-Union, Prof. Dr. Otto Wulff, den demografischen Wandel umschreibt, ändern werden, steht nicht unbedingt zu erwarten. Seit 1972 liegt die Zahl der Sterbefälle in der Bundesrepublik höher als die Zahl der Geborenen; 2009 lag der „Sterbeüberschuss“ bei 189 418 Personen. Seit 2003 reicht auch die Zuwanderung nicht mehr aus, um die Schrumpfung der Bevölkerungszahl aufzuhalten.

Obwohl die Auswirkungen dieser Entwicklung wirtschaftswissenschaftlich und politisch umstritten sind, bleibt als Tatsache die Zunahme hilfsbedürftiger älterer Menschen festzuhalten. „Und hier wollen wir mit der Nachbarschaftshilfe den Senioren nicht nur mit Rat, sondern auch mit Tat zur Seite stehen“, erklären Silke Finja Padubrin und Claudia Kuhlmann.

Kontakt: Das Seniorenservicebüro des Fachdienstes Altenhilfe ist unter den Rufnummern (0 57 21) 70 37 22 (Padubrin) und (0 57 21) 70 37 13 (Kuhlmann) sowie unter der E-Mail-Adresse fachdienst-altenhilfe.50@landkreis-schaumburg.de zu erreichen. Die Adresse lautet Landkreis Schaumburg, Fachdienst Altenhilfe, Seniorenservicebüro, Breslauer Straße 2-4, 3 16 55 Stadthagen. Sprechzeiten sind von Montag bis Freitag von 9 bis 12 Uhr und dienstags von 14 bis 17 Uhr sowie nach vorheriger Vereinbarung.

Seit dem 1. August sind 20 ehrenamtliche Helfer im Einsatz des Seniorenservicebüros Schaumburg: Sie sind handwerklich geschickt und übernehmen Aufgaben, die hilfebedürftige Menschen nicht selbst erledigen können. Eine Reaktion auf den demografischen Wandel und den damit verbundenen stetig wachsenden Bedarf an Hilfskräften.

Silke Finja Padubrin (r.) und Claudia Kuhlmann betreuen im Seniorenservicebüro des Fachdienstes Altenhilfe das Projekt Nachbarschaftshilfe. Foto: bus



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