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Reisen zum Discounterpreis

Nach Schottland für 800 Euro: Was bekommt man fürs Geld?

Eine Busreise durch Schottland, gebucht über einen Supermarkt-Discounter: Da kann man eigentlich nicht viel erwarten. Oder? Unser Autor hat es ausprobiert:

veröffentlicht am 12.05.2018 um 16:30 Uhr
aktualisiert am 13.05.2018 um 17:30 Uhr

Unten Touristen, oben Berg, und der Fotoapparat ist immer dabei: Alltag in den Highlands in Schottland. Foto: wm
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Hans Weimann Reporter

Eine Busreise durch Schottland, gebucht über einen Discounter, orientiert sich an folgenden Koordinaten: Fotostopp, Pinkelpause und Shoppen in Glasgow und Edinburgh.

Es ist Ende April, die Saison hat auf diesem Breitengrad eigentlich noch nicht so recht begonnen, trotzdem muss Busfahrer Nigel an manchen Hotspots schauen, wo er für den Bus noch einen Parkplatz findet. Schottland, sagt Reiseleiterin Beryl, ist zurzeit Top-Reiseziel und immer ausgebucht.

Schwingt die Bustür auf, sind alle Handys und Kameras schon in Position – und bleiben es einen Klickmarathon lang, bis es weitergeht. Burgen, Seen, Berge kann man sich ja hinterher auf den Bildschirm zoomen.

Schottland ist Touristenland. Überall findet man wie hier in Edinburgh Hinweisschilder – auch auf Chinesisch. Foto: wm
  • Schottland ist Touristenland. Überall findet man wie hier in Edinburgh Hinweisschilder – auch auf Chinesisch. Foto: wm
Den Nationalhelden William Wallace, von Mel Gibson in „Braveheart“ verkörpert, gibt es in allen Ausführungen und Größen in den Souvenirshops. Foto: wm
  • Den Nationalhelden William Wallace, von Mel Gibson in „Braveheart“ verkörpert, gibt es in allen Ausführungen und Größen in den Souvenirshops. Foto: wm

Bei Pinkelpausen sei wichtig, verrät Beryl, dass die Toilettennutzung nichts kostet: Welcher Bustourist hat schon die passenden Münzen parat?

Ihre erste Ansage gilt der Sicherheit: „Denken Sie immer daran, in Schottland ist Linksverkehr. Also machen Sie den Tennis-Blick, rechts, links, rechts.“ Dann das Wetter: „Ändert sich alle zehn Minuten und hinter jeder Kurve. Also nicht auf die Wetter-App gucken, sondern aus dem Fenster.“

Busreisen ist betreutes Reisen. Schon hinter dem Gepäckband am Flughafen in Edinburgh schart „Supernanny“ Beryl ihre Herde um sich und gibt am Abend in den Hotels sogar die Zimmerschlüssel persönlich aus: „Schaltet den Sherlock Holmes bei Euch ein. Wenn sich ein Schloss nicht linksherum öffnen lässt, dann eben anders. Den Strom zum Aufladen der Handys mit Adapter direkt am Stecker ein- und ausschalten. Unter der Nachttischlampe gibt es keinen Schalter, sondern einen Stab, den man verschieben muss. Was die Schotten machen, ist nicht immer logisch, aber es funktioniert. Und wenn Ihr morgens duscht: Es gibt in diesem Hotel keine Mischbatterien. Heiß heißt heiß, also erst den Wasserhahn für kalt aufdrehen. Am Heißwasserhahn warnt ein Schild: Danger, very hot“.

Beryl erzählt, Schotten fänden es seltsam, wenn Ehepaare im Hotel darauf bestünden, auf getrennten Matratzen zu schlafen, wo man doch diese Besucherritze habe. Schotten fragen sich, warum die Germans ihr Bier mit Schaum trinken: „Da wird doch ein Viertel verschenkt.“

Den „Pint“ (0,568 Liter) Lagerbier serviert übrigens in den Hotels niemand am Tisch. Bier und Whisky holt man sich selbst an der Bar und bezahlt sofort. Eigentlich praktisch, denn wer nach dem zehnten Whisky aufs Zimmer stolpert, muss sich keine Gedanken darüber machen, ob noch eine Rechnung offen ist.

Das „Dornoch Hotel“ könnte für viele schottische Hotels stehen. Was dem Zimmer an Breite und Länge fehlt, hat es locker in der Höhe. Über den Teppichboden ist schon das Personal aus der beliebten britischen TV-Serie „Downton Abbey“ gestöckelt. Dafür hat man einen Blick auf den Golfplatz direkt vor der Tür. Der perfekt geschorene Rasen reicht bis zum Loch Fleet und man kann kilometerweit einfach über den Platz spazieren. Schilder warnen vor fliegenden Golfbällen.

Schottland ist „The Big Sky“, Land des weiten Himmels, und punktet mit Landschaft, die aussieht, als sei Gottes Schöpfungsakt gerade vollbracht. Doch man sieht auf dieser Discounter-Tour die schneebedeckten Berge und wilden Täler (genannt Glens) bis auf Fotostopps nur aus dem Busfenster. Für Beryl kein Defizit: „Wer wandern will, bucht doch Wanderreisen.“

Schottland heißt Whisky, und auch bei einer Discount-Busreise gehört der Gang durch eine Destillerie zum Programm. Unsere ist die „Glen Moray Distillerey“, liegt in Elgin am Fluss Spey (wie passend) und wir lernen als Erstes, woran Zollbeamte früher einen Schuppen erkannt hatten, in denen illegal Whisky gebrannt wurde: an den schwarzen Wänden. Schuld daran ist Baudoinia compniacensis, ein Schimmelpilz, der Alkohol liebt.

Betrunken verlässt übrigens niemand aus unserem Bus die Brennerei. Nach einem Probeschluck bläst die Reiseleiterin wieder zum Aufbruch.

Reisen zum Discounterpreis ist Butter und Brot. Eine Busreise ist wie Probehäppchen: Die machen Lust auf mehr. Immer, wenn es interessant wird, rollt der Bus schon weiter. Eine halbe Stunde am Culloden Battlefield. Hier sind am 16. April 1746 die schottischen Highlanders, die Jakobiter, mit fliegenden Fahnen gegen die Engländer untergegangen. Worüber die Schotten noch heute sauer sind.

Eine knappe Stunde Kelvingrove Museum in Glasgow: In den oberen Etagen klassische Malerei, unten ausgestopfte Tiere und Elvis Presley mit Schmerbauch.

Eine halbe Stunde Stirling mit Blick auf das National Wallace Monument. Wem fällt da nicht Mel Gibson in „Braveheart“ ein, der den Rotröcken seinen nackten Hintern zeigt, bevor er ihnen die Gurgel durchschneidet?

Überhaupt: Filme. In Schottland könnte man von einem Blockbuster-Drehort zum nächsten fahren. Im „Tal der Tränen“, Glen Coe, wurde die „Highlander“-Saga in Szene gesetzt, kämpfte Daniel Craig als James Bond im furiosen Finale von „Skyfall“.

Am Ann Steal Waterfall ist Harry Potter auf seinem Besen entlanggeflogen.

In Edinburgh war Rosslyn Chapel Schauplatz für Dan Browns „Sakrileg“. Überall lugt hier Harry-Potter-Architektur zwischen modernen Häusern hervor und im Pub „The Elephant House“ hat Rowling ihren ersten Potter-Band geschrieben.

„Loch Ness“, weltberühmt, ist eigentlich „nur“ ein Loch, sprich See, wie alle anderen. Zwar tiefer, weil hier Kanada und Europa aufeinandergeprallt sind, aber um das zu würdigen, ist Fantasie gefragt. Dass dann „Nessie“ nicht am Urquhart Castle zum Discount-Preis aus dem Fluten aufgetaucht ist, dürfte niemand gewundert haben.

Bereits ab dem Loch Lomond beginnt der Nationalpark. Und damit ist auch die ausgebaute Straße zu Ende und die Piste zwängt sich zwischen Seeufer und Berghang. „Ab jetzt könnt Ihr am Straßenrand Radkappen zählen“, scherzt die Reiseleiterin.

Beim Kapitel Essen in den Hotels waren wir gewarnt: Bei den Würstchen gewinnt der Bäcker, Süßspeisen sind Zahnkiller und Würze – nun ja, wenn vorhanden, dann gewöhnungsbedürftig. Aber mit „Fish und Chips“ kommt man ganz gut über die Runden.

Was also kann man beim Discounter für rund 800 Euro bekommen? Schottland light. Eine Schnupperreise. Es ist gemessen an den Leistungen (Zug zum Flug, Flug Köln– Edinburgh, fünf Übernachtungen, Halbpension) und dem Preisniveau in Schottland ein Dumpingpreis. Fair.

Wer die volle Dröhnung will, mehr Whisky, Dudelsackpfeifer, Livemusik, Baumstammwerfer – der muss noch viele Scheine drauflegen.



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