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Von Ulan Ude nach Moskau / 100 Stunden zwischen russischem Gebäck, sauren Äpfeln und Gasarbeitern

Mythos Transsibirische Eisenbahn

Nicht nur die längste Zugstrecke der Welt, sondern Stoff unzähliger Romane, Reportagen und Träume: Keine Frage, 9200 Kilometer Eisenbahn erzählen ihre ganz eigenen Geschichten. Eine Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn ist immer noch ein Abenteuer. Reporter und Weltreisender Benjamin Krämer hat es zusammen mit seiner Freundin Ellada gewagt.

veröffentlicht am 01.03.2017 um 14:55 Uhr

Sechs Quadratmeter ist die „rollende Wohnung“ groß. An jeder Wand befindet sich ein schmales Etagenbett. Foto: Benjamin Krämer, Ellada Azoidou

Autor:

Benjamin Krämer und Ellada Azoidou
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Da stehen wir nun also Ende September am Bahnsteig der russischen Stadt Ulan Ude, östlich des fernen Baikalsees und erinnern uns mit nostalgischem Blick gen untergehende Sonne an unser Motorrad, das sich per Spedition auf dem Weg nach Deutschland befindet. Die Zeit des flexiblen, komplett selbstbestimmten Reisens hat sich mit der verbrannten Kupplung und dem letzten Rasseln des Getriebes in der Mongolei erst einmal erledigt. Die Fahrt aus der mongolischen Hauptstadt zurück nach Russland haben wir mit einem jungen Hamburger Pärchen verbracht, die uns netterweise in ihrem Campingwagen mitgenommen haben. Keine fünfzehn Minuten ist es her, dass sie uns hier am zugigen Bahnhof abgesetzt haben, wo das neue Abenteuer beginnen soll.

Wir kennen die Transsibirische Eisenbahn, die das kontinentaleuropäische Moskau mit dem fernen Beijing verbindet, nur aus Dokumentationen. Doch das hat gereicht, um die Reiselust in uns am Leben zu erhalten und genug Euphorie zu erzeugen, um von der schmerzlichen Abwesenheit unseres Motorrads abzulenken. Das Ticket bis nach Moskau hat uns umgerechnet 130 Euro pro Person gekostet – für eine Strecke von 6000 Kilometern ein echtes Schnäppchen. Jetzt halten wir die eher unscheinbaren Tickets, die so gar nicht zu dem großartigen Mythos der dazugehörigen Eisenbahn zu passen scheinen, endlich in den Händen und schirmen mit ihnen unsere Augen vor der tief stehenden Sonne ab. Denn der Zug rollt gerade mit lautem Getöse in den Bahnhof ein und überrascht uns mit seinem modernen Aussehen. Wir hatten uns einen anachronistischen Zug im eher unansehnlichen Sowjetcharme vorgestellt, doch was wir sehen, erinnert eher an einen jener geschmacksneutralen Regionalzüge, die auch zwischen Hameln und Coppenbrügge verkehren könnten.

Was uns im Inneren erwartet, entspricht dann schon eher unseren Erwartungen. Wir schieben uns durch die Schlafsaal-Wagen der dritten Klasse, in denen sich bis zu 100 Männer, Frauen und Kinder um frische Atemluft streiten und sind mehr als glücklich, dass wir uns für die etwas teureren Viererabteile der zweiten Klasse entschieden haben: Unsere „Wohnung“ für die nächsten fünf Tage ist etwa sechs Quadratmeter groß, hat an jeder Wand ein schmales Etagenbett und einen uralten Teppich auf dem Boden, mit dem auch die Betten bezogen sind. Doch der wenig einladende Anblick stört uns nicht, denn das Fenster ist groß und gut geputzt – darauf kommt es an. Schließlich hoffen wir darauf, anders als auf dem Motorrad, viel Zeit damit zu verbringen, der sibirischen Landschaft beim Explodieren der Herbstfarben zusehen zu können. Wir werden nicht enttäuscht: Nachdem der Zug sich gemächlich in Gang gesetzt hat, starren wir wie gebannt aus dem Fenster und werden vom rhythmischen „Klack, Klack“ der Schienen davongetragen: Dichte Wälder, die das gesamte Farbspektrum von Gelb, Orange, Grün, Braun und Rot abzudecken scheinen, bedecken eine gutmütig geschwungene Hügellandschaft, die von gemächlich dahinziehenden Flüssen und einzelnen Seen durchzogen ist.

Die Schlafsaal-Wagen sind zwar schon in die Jahre gekommen, doch dafür entschädigt der Blick aus dem Zugfenster auf die faszinierende sibirische Landschaft. Foto: Benjamin Krämer, Ellada Azoidou
  • Die Schlafsaal-Wagen sind zwar schon in die Jahre gekommen, doch dafür entschädigt der Blick aus dem Zugfenster auf die faszinierende sibirische Landschaft. Foto: Benjamin Krämer, Ellada Azoidou
Einstieg in die Transsibirische Eisenbahn: Benjamin Krämer vor der Fahrt, die ihn uns eine Begleiterin ins weit entfernte Moskau bringen wird. Foto: Benjamin Krämer, Ellada Azoidou
  • Einstieg in die Transsibirische Eisenbahn: Benjamin Krämer vor der Fahrt, die ihn uns eine Begleiterin ins weit entfernte Moskau bringen wird. Foto: Benjamin Krämer, Ellada Azoidou
Foto: Benjamin Krämer, Ellada Azoidou
  • Foto: Benjamin Krämer, Ellada Azoidou

Die Faszination dieser Zugfahrt hat uns in ihren Bann geschlagen. Ein kleiner Zeitsprung, etwa fünf Stunden in die Zukunft: Wir sitzen etwas träge mit mühsam unterdrücktem Gähnen auf den Pritschen und sind in unsere Bücher vertieft. Die Landschaft ist zwar schön anzusehen, doch hat sie sich seit der Abfahrt um keinen Deut verändert. Für jede Veränderung wären wir jetzt dankbar. Also lesen wir viel, schauen fern auf unserem Reiselaptop und sprechen mit der Schaffnerin, die für unser Abteil zuständig ist.

Die stattliche Russin in der adretten Uniform schläft in einer kleinen Kabine am hinteren Ende des Waggons und kümmert sich um das Belüftungssystem an Bord. Das bedeutet eigentlich nur, dass sie die Fenster auf dem Gang sofort schließt, nachdem jemand sie geöffnet hat. Da der Zug über keine Klimaanlage verfügt, wird so recht schnell der Sauerstoff knapp, die Luft stickig und wir immer müder und unmotivierter. Abhilfe schafft da ein junger Russe, der ab Novosibirsk unser neuer Zimmergenosse wird. Er verbringt den Tag damit, Wodka und Bier zu trinken. Wann immer er ein Schläfchen gehalten hat, wird er etwas nüchterner und erzählt uns auf Russisch (Ellada übersetzt) vom harten Arbeitsalltag im fernen Nordosten Sibiriens: Er arbeitet auf einem Gasfeld in Kamtschatka und arbeitet immer einen Monat und hat dann einen Monat frei. Diesen freien Monat verbringt er in Moskau, der „Zivilisation“, wie er es nennt, wo auch seine Familie und seine Freunde leben. Dass wir die scheinbar endlose Fahrt mit diesem Zug freiwillig machen, entlockt ihm bloß ein Kopfschütteln. Wir teilen unsere vor Reiseantritt gekaufte Verpflegung mit ihm, denn der Zug hält nur in größeren Städten.

An Bord gibt es einen Speisewagen, der hauptsächlich „Piraschki“, frittierte Brötchen mit Kohl-, Kartoffel- oder Hackfleischfüllung, verkauft und jeden Morgen und jeden Abend eine Dame durch den Zug schickt, um sie an die hungrigen Passagiere zu verkaufen. Zum Glück entpuppt sich das russische Nationalgebäck als sehr schmackhaft und deckt sicherlich unseren Fettbedarf für mehrere Jahre. Da kommt es sehr gelegen, dasSehr gelegen kommt uns, dass an den meisten Bahnhöfen sogenannte „Matkas“ auf den Zug warten. Das sind ältere Damen, die auf Bauernhöfen der Umgebung leben und den Reisenden eigene Erzeugnisse, wie zum Beispiel Kompott oder Äpfel zum Verkauf anbieten. Wir freuen uns über die vitaminreiche Abwechslung und erstehen für 100 Rubel, umgerechnet etwa 1,50 Euro einen zwei Kilo schweren Sack Äpfel von einer alten Dame mit Kopfhaube. So verbringen wir die 100 Stunden zwischen russischem Gebäck, sauren Äpfeln und einem gesprächigen, meist betrunkenen Gasarbeiter und sind am Ende froh, in Moskau einzurollen und diese Großstadt mit ihrer bewegten Geschichte zu erkunden, bevor wir von dort nach Vietnam weiterfliegen.

Der Mythos Transsibirische Eisenbahn hat für uns zwar seinen etwas überhöhten Zauber verloren, doch eine Reise mit ihr lohnt sich trotzdem: In kleinen Abschnitten mit mehreren Tagen Aufenthalt in Städten wie Jekaterinenburg, Omsk, Novosibirsk oder Irkutsk. Und eines ist Gewiss, eine Fahrt mit der „Transsib“ wird niemand vergessen.


Benjamin Krämer und Ellada Azoidou berichten regelmäßig über ihr Abenteuer Weltreise auf ihrer Homepage und auf Facebook. www.facebook.com/horizonride



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