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Sie nannten es Hexenholz oder Krausbaum und verfluchten es, wenn die Axt am harten Stamm einfach abfederte. Dann, vor 170 Jahren, machten die Bauern dem undurchdringlichen Wald am Nordrand des Süntels den Garaus: Bis auf wenige Exemplare wurden die knorri

Mythos Süntelbuche

Ein hoher Zaun umgibt das ehemalige Steinbruchgelände am „Steinriepen“ oberhalb von Nettelrede. Besucher wundern sich zwar ein wenig über das aufwendig gestaltete Tor, doch bald gilt das weitaus größere Interesse der umliegenden Landschaft: Weit schweift der Blick über das Tal zwischen Süntel und Deister.

veröffentlicht am 27.06.2014 um 00:00 Uhr

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„Dort hinten“, zeigt Hans-Joachim Rothe vage in nördliche Richtung, „war die Westeregge.“ In einem Gebiet zwischen Hülsede, Raden und dem Gut Nienfeld soll bis 1840 der größte zusammenhängende Wald von Süntelbuchen gestanden haben, bis Menschenhand ihn beseitigte. Der ehemalige Realschullehrer muss sich mit seinen Gästen nur umdrehen – schon befindet er sich mitten auf dem Gelände, das den 70-Jährigen und einige Mitstreiter fast täglich fordert.

Auf der Fläche von 1,1 Hektar wachsen junge Bäume der seltenen Art einer neuen Zukunft entgegen. Allerdings nicht nur diese: Vorhandener hoher Baumbestand liefert notwendigen Schatten. Und weil sich im naturbelassenen Ambiente auch Brennnesseln und Ackerwinde, Brombeeren mit dornigen Ranken und scharfkantiges Gras wohlfühlen, bedarf es gelegentlich einer ordnenden Hand. Sonst wäre das erklärte Anliegen alsbald komplett überwuchert.

Dass Süntelbuche nicht gleich Süntelbuche ist, macht Rothe den beinahe wöchentlich eintreffenden Besuchergruppen schnell klar. Heute legen die Experten Wert auf „wurzelechte“ hölzerne Nachkommen. Will heißen: Sie müssen aus Sämlingen oder als Steckling oder Wurzelbrut von einem Altbaum stammen. Vor 30 Jahren, als die Initiatoren Gregor Kuhn und Udo Mierau das Gelände als „Reservat“ anpachteten, versuchten diese noch, dem Aussterben des Baums durch Pfropfung zu begegnen.

So stehen auf dem Gelände neben rund 60 Neupflanzungen aus genetischer Vielfalt noch 35 Pfropflinge. Einige dürften bald zum Opfer der Motorsäge werden, um Platz für die neue Generation zu schaffen. Wie sehr das Auge der Wissenschaft auf die versteckt gelegene Anlage bereits gefallen ist, macht Rothe sofort deutlich: Studenten der Universität Hannover kommen zu Exkursionen und Untersuchungen. Im Institut für Gartenbauliche Produktionssysteme werden sogar schon künstliche „In vitro“-Vermehrungen vorgenommen. Als kürzlich nahe dem Arboretum ein noch größeres Gelände als neue Pflanzfläche eingeweiht wurde, folgten hochrangige Gäste aus Politik und Forschung der Einladung.

Rothe ist mit seinen Zuhörern auf dem mit Hackschnitzeln markierten Rundweg ein Stück weitergegangen. Er verschweigt nicht die schwere körperliche Arbeit, die mit der Arboretum-Pflege verbunden ist und auch nicht das unrühmliche Kapitel der Geländenutzung, das zwischen 1945 und 1951 als Müllkippe herhalten musste. Vielleicht trägt der Boden Schuld, dass eine Buche gerade in diesem Frühjahr stark „fructifiziert“: Für den 70-Jährigen sind die ungewöhnlich starken Fruchtansätze Indiz für eine „Notreaktion“. Die Buche wolle ihren Fortbestand durch Nachkommen sichern, lautet seine Theorie, und er will ihr künftig besondere Aufmerksamkeit widmen.

Überhaupt, so doziert er, dürfe niemand von einer Robustheit der knorrigen Riesen ausgehen. Sie seien gleichermaßen sonnen- wie stressempfindlich. Letzteres mache sich bereits bei Bodenarbeiten rund um den Stamm bemerkbar.

Dann fordert Rothe seine Zuhörer auf, dichter an die Kronen heranzutreten. So kann er ihnen besser erläutern, welche Merkmale eine Süntelbuche auszeichnen. Die Krone ist meist flach, glockenförmig und dicht belaubt. Der Stamm wirkt gedrungen, krüppelig, dreht sich oder wächst schräg in die Höhe. Äste zeigen einen unregelmäßigen Wechsel ihres Wuchses, bilden Knicke oder gar „Ellenbogen“. Bilden sich neue Triebe, sind es meist geweihartige Doppelknospen.

Bei der Aufzucht lässt sich frühestens nach drei Jahren erkennen, ob es eine „normale“ Rotbuche wird oder die mutierte krüppelige Form. Derzeit unterhält das Arboretum einen Pflanzgarten im benachbarten Hamelspringe, wo der Wuchs von 600 Sämlingen von 23 Altbäumen aus der Region beobachtet wird. Der Anteil an „süntelnden“ Buchen liegt zwischen fünf und 15 Prozent, wenn er nicht durch Absterben oder Mäusefraß weiter dezimiert wird.

Der Rundgang nähert sich seinem Ende. Rothe wirbt um Mitgliedschaft im „Freundeskreis“, damit weitere Maßnahmen im Arboretum finanziert werden können. Die Besucher blicken noch einmal auf das große Tor, auf dem sie jetzt die Konturen einer großen Süntelbuche erkennen können: Bei der Ankunft hatten sie die Metallarbeit nur als „moderne Kunst“ eingestuft.

Führungen durch das Arboretum sind für Gruppen nach vorheriger Absprache unter Telefon (0 50 42) 69 85 jederzeit möglich.



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