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Wie die Arbeit mit Pferden Menschen mit psychischen Problemen helfen soll

Mutmacher

HOHENRODE. Auf den Therapiehof Hohenrode kommen Menschen, die Lösungen für ihr Leben suchen. Lösungen für psychische Probleme, Lösungen für Probleme in Familie und Beziehungen, Lösungen für Probleme in Beruf und Unternehmen, Lösungen im Sinne von Klarheit für den weiteren Lebensweg.

veröffentlicht am 08.08.2016 um 15:37 Uhr

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Überdachter Reitplatz mit weitem Blick über das Wesertal. Luftige offene Ställe auf geräumigen Ausläufen für drei kleine Herden von Islandpferden (Die „Jungen“, die „Aktiven“, die „Hengstgruppe“). Einladende Plätzchen im Grünen rund ums Haus. Ein alter Hof, roter Backstein, innen völlig neu gestaltet. Weiße Wände, kunstvolle Fliesen und edle Hölzer, freigelegte alte Balken, Lehmverputz. Gästezimmer und Seminarraum, mit viel Geschmack eingerichtet. Erlesene Einzelstücke mit Modernem kombiniert. Was entsteht da am Ortsrand von Hohenrode? „Der Therapiehof Hohenrode“, lautet die knappe Antwort von Besitzer Berthold Schaaf. Doch glücklicherweise ist der Diplom-Psychologe und Hohenroder Neubürger auch zu ausführlicheren Erklärungen bereit. Denn das Projekt, das auf dem Zusammenwirken von Pferd und Mensch zu heilsamen Zwecken basiert, ist durchaus spannend.

„Meine grundsätzliche therapeutische Ausrichtung liegt im lösungsorientierten Ansatz, in der Suche nach Ressourcen, die meine Patienten und Klienten stärken können, und im Blick nach vorn“, erklärt der Psychologe. Das gehe natürlich auch ganz klassisch im Gespräch. Doch seine Erfahrungen hätten gezeigt, wie erfolgreich die Arbeit mit Pferden diesen Ansatz ergänzen würde. „Dabei komme ich mit meinen Klienten nämlich weg von den Geschichten der Vergangenheit und hinein ins gemeinsame Erleben“, fährt Schaaf fort.

„Nehmen wir als Beispiel die Aufgabe, zu einem Pferd, das sich frei auf dem Reitplatz bewegt, Kontakt aufzunehmen Gewöhnlich wird mit den Tieren vom Boden aus gearbeitet. Es geht nicht ums Reitenlernen. Dann kann ein Tier, das sich vom betreffenden Menschen abwendet, bei jemandem, der sich auch sonst im Leben schnell zurückgewiesen fühlt, bereits eine sehr emotionale Reaktion auslösen. Und schon sind wir direkt in einem wichtigen Thema.“

Diplom-Psychologe Berthold Schaaf setzt auf vierbeinige Mitarbeiter. Hier begrüßen ihn die beiden Hengste seiner Herde, Gloi (li.) und Aragon. Foto: cm

Doch Pferde würden nicht nur auf bestehende Probleme hinweisen, sie würden auch als authentische, unverstellte Wesen jeden Fortschritt des Klienten widerspiegeln und ihm spürbare Erfolgserlebnisse vermitteln. Anders eingesetzt wären sie sowieso wunderbare Mutmacher. „Für sehr in sich zurückgezogene Menschen, zum Beispiel Klienten, die ein schweres Trauma erlebt haben, ist es oft leichter, den Kontakt zu einem Tier als zum Mitmenschen aufzubauen“, erläutert der erfahrene Psychologe. „Das ist dann oft der erste Schritt, der auch ein wenig auf das Vertrauensverhältnis zum begleitenden Therapeuten abfärben kann.“

Beeindruckend sei auch die Veränderung, die sich bei manchen Menschen zeige, wenn sie erfolgreich Einfluss auf ein doch recht beeindruckendes 400 Kilogramm schweres tierisches Mitgeschöpf genommen hätten. „Wenn es jemandem, der sonst nicht viel mit Pferden zu tun hat, gelungen ist, ein Pferd auf Anweisung dreimal rechts und dreimal links um den Reitplatz zu schicken, dann kommt sehr oft – und vielleicht seit Langem das erste Mal wieder – Stolz auf die eigene Leistung auf. Da sprudelt die Energie nur so.“ Womit man bei der Ressourcensuche einen großen Schritt weitergekommen wäre. Denn so ein Erleben von Selbstwirksamkeit, die Erfahrung „Ich kann Dinge bewegen“, könne für seine Klienten zu einer Quelle der Kraft werden.

Neben der therapeutischen Einzelarbeit hat Schaaf, der vor dem Umzug nach Hohenrode seinen Beruf lange Jahre im Frankfurter Raum ausgeübt hat, eine Reihe von Seminaren entwickelt, die deutschlandweit auf Resonanz stoßen. Titel wie „Der innere Ruf“ oder „Einfach Sein! Die Kraft der Gegenwart“ geben einen Eindruck von der Zielrichtung dieser Angebote. „Zu meinen Seminaren kommen überwiegend Menschen, die begonnen haben, einen leisen nagenden Zweifel an ihrer Lebensrichtung zu entwickeln. Die trauen sich dann in mittleren Jahren noch einmal, die Frage danach zu stellen, was eigentlich wirklich wichtig und was unwichtig ist. Und für sie selbst oft überraschend rückt dann die Suche nach ihrer persönlichen Bestimmung plötzlich wieder in den Vordergrund“, beschreibt Schaaf die Beweggründe, die seine Seminarteilnehmer zu ihm führen.

Das dritte Standbein des Therapiehofes, neben der Psychotherapie (mit und ohne Pferde) und den Seminaren, ist das Coaching-Angebot, das sich besonders auch an Firmen richtet. Teambildung ist hier das große Stichwort. „Selbst in diesem Bereich bewährt sich die Arbeit mit den Pferden. Sie macht nämlich besonders anschaulich, wie unterschiedlich Menschen ticken. Und dieses Verständnis hilft später im Arbeitsalltag enorm weiter“, betont der Coach.

„Wie die Teilnehmer an die Aufgaben mit den Pferden herangehen, das lässt sich häufig eins zu eins auch auf ihren Umgang mit beruflichen Herausforderungen übertragen.“ Da gebe es beispielsweise Mitarbeiter, denen die Beziehungsebene ausgesprochen wichtig wäre. „Wenn diese jedoch selbst nach erfolgreicher Aufgabenbewältigung unzufrieden bleiben, weil es ihnen nicht gleichzeitig gelungen ist, ein Vertrauensverhältnis zum Pferd aufzubauen, dann machen sie sich selbst das Leben schwerer, als es ist.“ Das andere Extrem wäre, so Schaaf, ein Teilnehmer, der sich so ausschließlich auf die Aufgabe konzentriert, dass er die Beziehungsebene ganz aus dem Blick verliert. Praktische Konsequenz bei der Arbeit auf dem Therapiehof: Das Pferd läuft weg. Im Arbeitsleben könnte das bedeuten, dass man einen Kunden verliert. Wenn diese unterschiedlichen Bedürfnisse und Herangehensweisen einmal erkannt wären und man mithilfe des Coaches einen wertschätzenden Umgang damit erlernt hätte, dann könnten solche unterschiedlich gestrickten Kollegen voneinander lernen und sich unterstützen, anstatt sich übereinander zu ärgern.“



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