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Multitasking – auch hinter dem Steuer?

Nieselregen. Sechs Grad über null. Rot-weißes Flatterband mit der Aufschrift „Polizeiabsperrung“ blockiert die Zufahrt zur Nebenfahrbahn der Breslauer Allee. Vor dem Eingang der Theodor-Heuss-Schule steht ein grün-weißer Streifenwagen. Polizeihauptkommissar Andreas Hinz platziert orange-weiße Absperrkegel auf dem feuchten Asphalt. Große Lübecker Hütchen markieren den Parcoursverlauf, kleine die Sperrflächen. Die wenigen Fußgänger, die sich bei dem nasskalten Wetter vor die Tür getraut haben, bleiben verwundert stehen, fragen sich, was hier wohl vor sich geht. Wird am Tatort eines Verbrechens nach Spuren gesucht oder eine Drogenkontrollstelle aufgebaut? Nein. Hier soll herausgefunden werden, wie ein erfahrener Autofahrer auf Ablenkung reagiert und wie multitaskfähig er ist. Die Beteiligten: Polizei, Verkehrswacht und eine Fahrschule.

veröffentlicht am 29.03.2011 um 00:00 Uhr

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Dafür baut Polizeihauptkommissar Andreas Hinz, der in Personalunion Verkehrssicherheitsberater der Inspektion Hameln/Holzminden und der Verkehrswacht der Stadt Hameln ist, eine 100 Meter lange Versuchsstrecke auf. Als Proband hat sich Peter Grünberg zur Verfügung gestellt. Der Fahrlehrer bildet seit 34 Jahren Fahrschüler aus – mehr als 3300 Fahrschüler sollen es bislang gewesen sein. Eigenen Angaben zufolge hat der 56-Jährige schon mehr als drei Millionen Kilometer in Autos zurückgelegt. Grünberg ist ein Profi. Aber wie wird er auf Stress und Ablenkung reagieren? Werden sich Telefonieren und SMS-Schreiben während der Fahrt auf das Fahrverhalten und die Reaktionsgeschwindigkeit des Emmerthalers auswirken?

Obwohl es seit dem 1. Februar 2001 verboten ist, wird in unserer hektischen Zeit am Steuer telefoniert. Oft, um Zeit zu sparen. Im letzten Jahr wurden allein im Zuständigkeitsbereich der Polizeiinspektion Hameln/Holzminden 877 Handyverstöße geahndet (ein Punkt und 40 Euro Bußgeld). „Das wirtschaftliche System zielt immer mehr darauf ab, die zur Verfügung stehenden Zeitressourcen zu optimieren. Simultanes Telefonieren und Lenken eines Fahrzeugs kann eine Folge davon sein“, schreibt der wissenschaftliche Mitarbeiter der Beratungsstelle für Unfallverhütung in Bern, Dipl.-Ing. Gianantonio Scaramuzza. Der Forscher hat zahlreiche internationale Studien zu diesem Thema ausgewertet – und kommt zu der Erkenntnis: „Da mit steigender Erfahrung das Lenken eines Fahrzeugs immer automatisierter abläuft,

werden kognitive Ressourcen frei, um zu telefonieren oder SMS zu schreiben. Beim Lenker entsteht das Gefühl, er sei durchaus in der Lage, beide Aufgaben gleichzeitig lösen zu können. Dies trifft meistens zu, was ihn in seiner Annahme bestätigt.“ Auch Fahr-Profi Grünberg geht zu Beginn des Versuchs davon aus, dass er die ihm gestellten Aufgaben „schon meistern“ wird.

Die Testperson: Fahrlehrer Peter Grünberg. Wie reagiert der Fahrprofi, wenn er mehrere Dinge gleichzeitig erledigen soll?

Fünf Versuche sollen an diesem Nachmittag durchgeführt, mit einer Kamera dokumentiert, mit zwei Stoppuhren gemessen und später ausgewertet werden. Dazu wird Verkehrssicherheitsberater Hinz die Erkenntnisse des Sicherheitswissenschaftlers und Stressforschers Prof. Dr. Dietrich Ungerer von der Universität Bremen heranziehen. Spezialgebiet des Forschers ist das Stressverhalten von Menschen in kritischen Situationen.

Versuch eins: Peter Grünberg soll den Parcours so schnell wie möglich fehlerfrei zurücklegen. Dazu muss der Proband mit einem VW Golf durch fünf je 2,50 Meter breite und versetzte Tore (Slalom) fahren. Der Wendekreis im oberen Viertel der Versuchsstrecke ist extra eng abgesteckt worden, um ein einmaliges Zurücksetzen des Fahrers zu erzwingen.

Peter Grünberg fährt los. Der Motor heult auf. Nach einer Links- und einer Rechtskurve ist der Wendehammer erreicht. Bremsen. Kuppeln. Zurücksetzen. Lenken. Vorwärtsfahren. Gasgeben. Grünberg braucht für dieses Manöver beide Hände und beide Füße. Dann folgen wieder eine Rechts- und eine Linkskurve. Schon nach 44,2 Sekunden fährt er ins Ziel. Er hat allerdings den Parcours unterschätzt. Zwei Kegel wurden umgefahren. „Ich bin das wohl etwas zu schnell angegangen“, meint Grünberg.

Versuch zwei: Der erfahrene Autofahrer muss nun, während er den Parcours fährt, über eine Freisprechanlage mit Andreas Hinz telefonieren. Zusätzlich bekommt er während der Fahrt via Handy eine Aufgabe gestellt. Er muss sich den Satz: „Sitzt ein Zweibein auf einem Dreibein, hat ein Einbein in der Hand. Kommt ein Vierbein, nimmt dem Zweibein auf dem Dreibein das Einbein weg“ merken und ihn wiederholen.

Los geht’s. Grünberg hat Schwierigkeiten, den Satz aufzusagen. Im Wendehammer unterbricht er das Sprechen, weil er sich jetzt mehr auf das Zurücksetzen als auf das Nachdenken und Sprechen konzentrieren muss. Sein Lenkverhalten hat sich geändert. Beim ersten Testdurchgang waren seine Lenkbewegungen noch fließend, nun sind sie eckig. Dreimal übersteuert Autofahrer Grünberg, dreimal muss er korrigieren. Zudem kommen die Autoreifen den Kegeln gefährlich nahe. Aber die Lübecker Hütchen bleiben stehen. Die Stoppuhr zeigt: Der Proband war 9,1 Sekunden langsamer als bei Runde eins.

„Kein Wunder“, sagt Experte Hinz. „Das Gehirn des Probanden war mit der Multitasking-Aufgabe, dem Telefongespräch und dem Fahren, überfordert. Es hat sozusagen die Notbremse gezogen. Hätte Grünberg die Geschwindigkeit beibehalten, hätte es gekracht.“ Sein Gehirn habe ihn vor Unfällen bewahrt, „indem es Geschwindigkeit rausgenommen hat“, sagt Hinz. Nach Ansicht des Experten wäre der VW des Testfahrers durch die eckig ausgeführten Korrekturlenkbewegungen bei Tempo 100 aus der Kurve geflogen. „Man bedenke: Unser Versuch läuft bei Schrittgeschwindigkeit ab. Bei 10 bis 15 km/h kann man noch gefahrlos gegensteuern, bei hoher Geschwindigkeit wirkt sich das ganz anders aus.“

Versuch drei: Diesmal muss Peter Grünberg fahren und das Handy mit der rechten Hand an sein Ohr halten. Wieder bekommt er während der Fahrt die Anweisung, den schwierigen Satz zu wiederholen. Im Wendebereich legt der Proband das Handy auf den Beifahrersitz, denn er benötigt beide Hände zum Fahren. „Bitte jetzt die Warnblinkanlage anschalten“, sagt Hinz. „Und jetzt die Warnblinker aus und die Scheibenwischer an.“ Grünberg hat zu kämpfen. Er muss fahren, das Lenkrad drehen, hat das Handy am Ohr, muss sich seltsame Sätze über Zwei- und Dreibeine merken und dazu noch mehreren Anweisungen folgen. Und dann fragt Tester Hinz auch noch: „Was liegt auf dem Armaturenbrett des Streifenwagens?“

Spätestens jetzt ist Grünbergs Gehirn völlig überlastet. Es blendet deshalb die letzte Frage komplett aus. Der Proband antwortet nicht. Später sagt er zur Begründung: „Ich musste mich voll auf das Kurvenfahren konzentrieren. Da war mir das mit dem Armaturenbrett erst mal nicht so wichtig. Kurz danach hatte ich die Frage völlig vergessen, weil ich ja noch den Spruch aufsagen musste.“

Für den Parcours mit Handy am Ohr hat Grünberg allerdings kaum länger (plus 0,8 Sekunden) benötigt, als für die Runde mit Freisprechanlage. Wieder hat er keinen einzigen Absperrkegel umgefahren. „Unser Proband hat sich den Parcoursverlauf längst eingeprägt“, erklärt Hinz. „Beim Lenken musste der Fahrer allerdings häufig nachkorrigieren. Wäre er sehr schnell gefahren, hätte das zu Unfällen geführt, denn der Wagen hätte die Bodenhaftung verloren.“ Hinz zitiert Professor Ungerer: „Wo unser Gehirn mit zusätzlichen Aufgaben belastet wird, geht die Hirnleistung runter. Das kann in kritischen Situationen den Ausschlag für einen Unfall geben.“

Und warum hat Grünberg die Frage nach der Rolle Flatterband, die auf dem Armaturenbrett des Streifenwagens liegt, komplett ausgeblendet? „Ganz einfach“, sagt Hinz. „Das überforderte Gehirn hat diesen Befehl einfach aussortiert, weil es nicht imstande war, alle Aufgaben zu leisten.“ Nach Professor Ungerer könne jeder Mensch – je nach Veranlagung – nur maximal drei bis fünf Informationen pro Sekunde verarbeiten. „Ist die Informationsflut aber zu groß, fallen einige Informationen unter den Tisch“, sagt der Verkehrssicherheitsberater.

Versuch vier: Grünberg muss den Parcours noch einmal fahren, dabei über Freisprechanlage telefonieren und eine Denkaufgabe lösen. Vor Beginn der Fahrt wird ihm gesagt, dass er bremsen muss, wenn er eine Sirene hört. Der Fahrlehrer startet. Während er mit Andreas Hinz telefoniert, rechnet er – wie er später berichtet – nicht damit, dass Hinz während des Gespräches auf den Sirenenknopf drückt. Grünberg führt eine Vollbremsung aus.

Der erfahrene Fahrer staunt über sich selbst: Er hat sich erschrocken, obwohl er wusste, dass das Signal kommen würde. 2,2 Sekunden betrug seine Reaktionszeit bei Tempo 12. „Für Laborbedingungen ist das sehr viel“, urteilt Hinz. „In der Fahrschule wird gelehrt, dass die Reaktionszeit eine Sekunde beträgt.“ Es habe zu lange gedauert, bis der Befehl in Grünbergs Gehirn angekommen sei. Schuld sei die Ablenkung.

Versuch fünf. Peter Grünberg soll den Parcours so lange fahren, bis er die ihm über die Freisprechanlage gestellten Aufgaben erledigt hat. Während der Fahrt muss sich der Fahrlehrer eine Handy-Nummer notieren und an diese eine SMS schreiben. „Bitte schicken Sie ,Ich bin fertig‘ an folgende Rufnummer…“, sagt der Tester. Während der langsamen Fahrt notiert sich Grünberg die Nummer problemlos auf einem Zettel. Er hat aber extreme Schwierigkeiten, die Zahlen in sein Handy einzutippen, die Worte zu schreiben und gleichzeitig zu fahren. Ohne es zu merken, nimmt er den Fuß vom Gaspedal, lässt den Wagen ausrollen und hält an.

Erst ein Anruf des Testers reißt ihn aus seinen Gedanken. „Fahren Sie bitte weiter, Sie blockieren den Verkehr!“ Er habe, sagt Grünberg später, überhaupt nicht realisiert, dass sein Wagen stand. So sehr sei er auf das SMS-Schreiben konzentriert gewesen. Grünberg hat auch nicht bemerkt, dass er vier Kegel umgefahren hat. Zwei Runden (1,19 Minuten und 1,27 Minuten) ist er gefahren, seine SMS hat die Versuchsleiter nicht erreicht.

Während der Fahrt eine SMS schreiben – das kam für Grünberg schon vor dem Test nicht infrage. Er wisse aber, dass vor allem junge Autofahrerinnen dazu neigten, beim Fahren Kurznachrichten zu verschicken. Das beobachte er immer wieder, wenn er mit dem Fahrschulwagen unterwegs sei, sagt er.

„Das Problem ist: Beim SMS-Schreiben ruht mein Blick sekundenlang auf dem Telefon“, sagt Hinz. „Wenn ich bei Tempo 100 nur drei Sekunden nicht auf die Straße schaue, bin ich quasi mit verschlossenen Augen 90 Meter weit gefahren. Ich nenne das einen totalen und vor allem gefährlichen Blindflug.“

Forscher Scaramuzza von der Beratungsstelle für Unfallverhütung zitiert in seinem Bericht Studien, wonach das SMS-Schreiben am Steuer bei jungen Fahrern eine Zunahme der unkorrekten Spurwechsel um 140 Prozent und Fehler im Spurhalten um 28 Prozent bewirkt. „Dazu konnte in Simulatoren nachgewiesen werden, dass sowohl Fahranfänger als auch erfahrene Autofahrer beim Telefonieren am Steuer signifikant häufiger Sicherheitslinien überfuhren beziehungsweise von der Fahrbahn abkamen.“

Noch wird dem Multitasking in unserer hektischen Leistungsgesellschaft eine große Bedeutung beigemessen. Aktuelle Studien kommen allerdings zu dem Ergebnis: Multitasking macht dumm.

„Jede Funktion, die beim Multitasking wesentlich ist, wird schlechter, wirklich jede“, hat Hirnforscher Professor Manfred Spitzer jüngst in einem Interview mit der Fachzeitschrift Media Spectrum klargestellt.

Die Strecke ist ja bekannt – da wird eine Autofahrt gerne genutzt, um zu telefonieren oder eine SMS zu schreiben. In unserer hektischen Turbo-Gesellschaft wird vieles nebenbei erledigt, denn Multitasking spart Zeit. Doch am Steuer kann das gefährlich werden. Wie Autofahrer auf Ablenkung reagieren, haben wir in einem Test überprüft.



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