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Depression ist eine Krankheit, wird aber für viele Menschen zum Stigma: Betroffene wollen aufklären

Morgen ist leider auch noch ein Tag

veröffentlicht am 30.08.2016 um 08:28 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:16 Uhr

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Alle sechs wissen, wovon sie sprechen. Sie sind oder waren erkrankt.

Jeder fünfte Mensch, so zeigen Studien, erkrankt in seinem Leben einmal an einer Depression, und Klaus wird später im Gespräch sagen, dass es im Berufsleben jeder Dritte sei. Mit der Presse hat sich das Sextett darauf geeinigt, nur die Vornamen zu verwenden; im Zeitalter von Google und Facebook ist jeder Mensch sofort identifizierbar.

Der frühere deutsche Nationaltorwart Robert Enke war depressiv und hat seinem Leben ein Ende gesetzt, der US-Schauspieler, Millionär und Oscar-Gewinner Robin Williams ebenfalls. Depression kann jeden treffen, „und sie ist eine Krankheit, die bei jedem anders aussieht“, sagt Maria.

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Die meisten Mutmacher sind auf dem Fahrrad unterwegs. Foto: pr

Sie alle sprechen über die Krankheit, aber es ist ihnen schwergefallen. Denn Depressive sagen meist ihrem engsten Umfeld nicht einmal, wie sie sich fühlen. „Mir geht’s ganz gut“, sagen sie, weil es für Nichtbetroffene so schwer nachzuvollziehen ist, was das denn ist, eine Depression. „Nun hab dich nicht so“, hören die Erkrankten oft, und: „Jeder hat mal einen schlechten Tag; ich kenn‘ das auch, aber nun reiß dich doch mal am Riemen!“ Depressionen, denken die Nichterkrankten häufig, das ist eine Willensschwäche, eine Charakterschwäche.

Ganz so einfach ist es nicht.

Jeder, so erklärt es das Sextett, hat mal eine Phase, in der er eine Krise hat, in der es ihm schlecht geht. Aber diese Phase geht vorbei. Depression ist dagegen eine Phase, die länger andauert. Jeder erlebt mal ein Tal und kommt wieder raus – aber in der Depression hat man nicht mehr die Kraft, den Berg hochzukommen, sagen sie – und die Gratwanderung sei sehr schmal. Die Gesellschaft wird immer schnelllebiger, gerade im Zeitalter mit Smartphones, und genau dieser Stress kann Grund für eine beginnende Depression sein; aber auch genetische Faktoren oder nicht verarbeitete psychische Probleme; im Alltag, in der Beziehung oder auch schon in der Kindheit. Wenn der Körper nie zur Ruhe kommt, kann dies zu Antriebslosigkeit oder Ängsten und inneren Unruhen führen. Damit verbunden sind Schuldgefühle und Verzweiflung, die ebenfalls Anzeichen einer Depression sein können.

Depression als Krankheit gab es immer schon, sagt Gert, und wenn die Gesellschaft offener damit umgehen würde, dann könnten auch die Betroffenen besser damit umgehen. Viele Menschen kommen gar nicht auf den Gedanken, dass sie psychisch krank sein könnten, erzählt Stefanie, sie holen sich keine Hilfe, weil es ihnen abwegig erscheint: Ich? Krank? Niemals! Und wenn doch, so holen sie sich zu spät Hilfe, weil sie erst von einem Arzt zum nächsten pilgern, ehe sie akzeptieren, dass erst ein Besuch beim Psychiater Hilfe bringen könnte. Aber das könne ja auch ein Durchbruch sein, die Erkenntnis, die Diagnose: Man ist depressiv.

Die Mut-Tour gibt es seit 2012, ist als Aktionsprogramm auf Fahrrädern gestartet worden, um einen Beitrag zur Entstigmatisierung der Depression als Erkrankung zu leisten; erstmals sind vier Jahre später auch Kajak-Teams dabei. Die Tour ist eine Möglichkeit, professionelle Behandlung bei Depression mit Selbsthilfe zu kombinieren, erklärt Mario am Hamelner Weserufer. „Es ist eine Mischung aus Natur, Gemeinschaft, täglicher Struktur und Sport. Wir möchten damit Betroffenen Mut machen, zu ihrer Erkrankung zu stehen, während wir Nichtbetroffene ermutigen wollen, Erkrankten offener entgegenzutreten.“

Wie kann der Einzelne denn helfen? „Er kann hinschauen und dann auch mal den Betroffenen ansprechen“, sagt Stefanie, „man muss sich ein Herz fassen und sagen: „Du pflegst deine Mutter, hast Familie und bist beruflich stark eingespannt – kommst Du selbst da nicht zu kurz?“ Denn wenn man den anderen nicht anspreche, sagt Gert, wenn man nichts mache, „dann unterstütze ich den sozialen Rückzug“. Es ist ein Teufelskreis, sagt er. Und dann sagt man sich, morgen ist leider auch noch ein Tag? „Ja“, antwortet Gert sofort, „da kommt man hin, irgendwann.“

Selbstfürsorge ist ein Wort, dass alle benutzen: Man muss in seinen Körper auch mal hineinhorchen, ein Hörsturz etwa sei oftmals ein Vorbote, ein Anzeichen für eine Depression, auch wenn es ein einheitliches Krankheitsbild nicht gibt, „jede Depression ist anders“, erzählen sie und sind sich in diesem Punkt absolut einig.

Spricht man nicht über Erlebtes, wird es schlimmer

Maria erzählt von sich, um ein Beispiel zu nennen. Sie ist immer gern in die Sauna gegangen, aber dann hatte sie einfach keine Lust mehr, sie hat sich nicht aufraffen können, „die Depression ließ es nicht zu“. Sachen, die früher Spaß gemacht haben, machen auf einmal keinen Spaß mehr, sagt sie, und dann beginnt er eben, der von Gert angesprochene soziale Rückzug. Und wenn sie heute in ihrem Tagebuch liest, das sie damals geführt hat, dann kann sie an jedem zweiten Tag den gleichen Satz nachlesen: „Ich will und kann nicht mehr.“

Schnell kommt die Rede auf die Fassadenhaftigkeit der modernen Gesellschaft; auch wer lacht, kann betroffen sein; wer über seine Krankheit nicht sprechen will, der setzt sich einfach dazu und eine Maske auf, man lacht, wenn die anderen lachen, auch wenn man innerlich gar nichts fühlt. Der Schritt, sich jemandem anzuvertrauen, ist für Betroffene meist riesig. Die Scham vor der psychologischen Erkrankung ist in Deutschland noch viel zu groß, doch genau das ist das Problem. Spricht man nicht über Erlebtes, wird es immer schlimmer.

Doch am Ende hilft nicht nur die medizinische Betreuung, sondern vor allem auch das soziale Umfeld. Und da gehört es dazu, Betroffenen zu helfen und sie nicht zu verspotten. Für diese Akzeptanz in der Bevölkerung sind die sportlichen Tandemfahrer mit ihrer Mut-Tour unterwegs und wollen in Gesprächen auf Augenhöhe aufklären.

Die Mut-Tour, sie findet vor allem auf dem Fahrrad statt, und allein hier sind die Zahlen beeindruckend: 7300 Kilometer Gesamtlänge, 52 Tandem-Teilnehmer, 127 Fahrtage, 100 Nächte auf Isomatten, 14 Etappen, mehr als 70 Städte mit Mitfahr-Aktionen. Natürlich, sagt Klaus beim Gespräch im Hameln, finden die Fahrrad-Fahrer mehr Aufmerksamkeit; allein schon über die schiere Größe der Gruppe: Man sieht, wenn sie in die Stadt fahren und man sieht sie wieder, wenn sie die Stadt verlassen. Sie werden auf jeden Fall bemerkt. Das ist bei den Kajak-Teams nur bedingt der Fall, aber man informiere jeden Kajak-Klub, an dem man anlege, über den Sinn und Zweck der Tour, und wenn am nächsten Tag ein Kajak-Fahrer gerne ein paar Kilometer mitpaddeln möchte – umso besser.

Egal, ob auf dem Radweg oder auf dem Wasser: Die Tour ist eine Möglichkeit, professionelle Behandlung bei Depression mit Selbsthilfe zu kombinieren; es ist eine Mischung aus Natur, Gemeinschaft, täglicher Struktur und Sport.

Wie soll man als Betroffener mit dem Arbeitgeber umgehen? Soll man sagen, hey Chef, ich bin depressiv? Offiziell, sagt Klaus, darf man es, es dürften keine Nachteile entstehen. Aber Klaus weiß auch um das Risiko, denn nicht jeder Arbeitgeber geht mit dem Outing gleich gut auf.

Ein weiteres Bild, dass Depressive bei Nichtbetroffenen oftmals heraufbeschwören, ist dies: depressiv gleich gestört gleich gefährlich. Es ist ein Bild, das spätestens mit dem Absturz der Germanwings-Maschine in den Köpfen der Menschen stark verankert ist. „Als direkte Ursache für eine Gewalttat kommt eine Depression aber nicht infrage“, stellte die Süddeutsche Zeitung am vorletzten Wochenende fest. Wenn ein Depressiver jemanden töte oder verletze, dann meistens sich selbst.

Letztes Stichwort: Burn-out. „Ist nur ein anderes Wort für Depression“, sagt Gert, aber es hat auch Türen geöffnet, weil es in unsere Leistungsgesellschaft zwar die gleiche Krankheit meint, aber ein anderes Bild zeigt: Wer ausgebrannt ist, der hat sich für seinen Job geopfert, er hat mal gebrannt, während der depressive schlaffe Schluffi den ganzen Tag im Jogginganzug auf der Couch verbracht hat.

Es sind jene falschen Bilder, gegen die die Mut-Macher anpaddeln und antreten: Erst wenn die falschen Bilder aus den Köpfen der Nichtbetroffnen verschwunden sind, wenn Depressive Menschen nicht mehr als faul und charakterschwach abgestempelt werden, dann kann man über das reden, was Depression wirklich ist: eine Krankheit. Gert sagt: „Eine Krankheit, so wie Diabetes.“



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