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Wie Betroffene um die Kontrolle über ihren Alltag kämpfen – und gegen Vorurteile

Mit fremden Stimmen leben

Hameln. Wer Stimmen hört, muss nicht unbedingt verrückt sein. Referentinnen vom „Netzwerk Stimmenhören“ erklären in der Hamelner „Brücke“, wie man mit dem Phänomen umgehen kann.

veröffentlicht am 05.12.2015 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 12:56 Uhr

Michael Zimmermann

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Gastautor zur Autorenseite

Bei Marie (Name geändert) beginnt es im Alter von 17 Jahren: Während der Hausaufgaben erklingen hinter ihr plötzlich drei Stimmen. „Die schafft das nie,“ kommentieren sie die schwierige Mathegleichung. Als sie sich umdreht, ist niemand da. Am nächsten Tag in der Schule kommen die Stimmen zurück – und bleiben für viele Jahre. Nach dem Abitur wird sie jahrelang von Psychiatrie zu Psychiatrie gereicht. Es folgen fünf verschiedene Diagnosen und die erfolglose Behandlung mit Medikamenten. Schließlich geben die Ärzte jede Hoffnung auf, ihr Schicksal scheint besiegelt.

„Stimmen hören wird immer noch zu sehr als ein Symptom in der Diagnostik gesehen und nicht als einzelnes Phänomen, das für sich steht. Dabei muss man als Stimmenhörer nicht automatisch psychisch krank sein,“ erklärt Marie. Nicht das Stimmenhören an sich sei aber das Problem, sondern die Frage, wie man damit umgehen kann. Viel zu oft werde das Stimmenhören auch zu Unrecht mit Schizophrenie verwechselt.

In Selbsthilfegruppen probiert Marie verschiedene Strategien aus – nicht alle mit Erfolg. Dort kann sie auch zum ersten Mal „ganz normal über meine Stimmen reden.“ Heute hört sie immer noch gelegentlich Stimmen – aber anstatt zu drohen und zu beleidigen, sind sie jetzt freundlich und hilfreich, lassen mit sich reden und Termine absprechen. Inzwischen hilft sie auch anderen Stimmenhörern, die Kontrolle über ihr Leben zurückzugewinnen.

Wie Marie wollen nicht viele Betroffene über das Thema reden. Menschen, die Stimmen hören, werden oft sofort als verrückt und gefährlich abgestempelt oder als hochbegabt eingeschätzt. Die meisten haben Angst vor Stigmatisierung und Ausgrenzung. Erst wenn der Leidensdruck zu groß geworden und der Alltag massiv eingeschränkt ist, suchen diese Leute nach Hilfe – und landen dann fast immer in psychiatrischer Behandlung. Dort sind auch die Betreuer oft nicht in der Lage, angemessen zu reagieren.

Das Ameos-Klinikum an der Wilhelmsstraße und „Die Brücke e.V.“ haben sich darum im vergangenen Monat Rat von Antje Wilfer und der Psychologin Caroline von Taysen geholt. Für das „Netzwerk Stimmenhören e.V.“ geben die beiden regelmäßig in ganz Deutschland Seminare für Betroffene, Angehörige und Professionelle. Ziel der Workshops: Berührungsängste und Vorurteile abbauen und die praktische Arbeit mit Stimmenhörenden erleichtern. Das Netzwerk betreibt anonyme Telefonhotlines, organisiert Kulturveranstaltungen und Infostände und bietet in vielen Städten Selbsthilfegruppen an, unter anderem auch in Hannover.

Der Verein schätzt, dass etwa fünf Prozent aller Menschen vom Phänomen betroffen sind, also regelmäßig von Stimmen angesprochen werden, ohne dass jemand anwesend ist. Weitaus mehr Menschen berichteten davon, in extremen Situationen wie Scheidungen oder Todesfällen – wenn auch nur für kurze Zeit – Stimmen gehört zu haben. Oft seien verdrängte Erlebnisse und Gefühle aus der Kindheit die Ursachen, so die Referentinnen. Wenn diese gefunden und verarbeitet würden, hörten oft auch die Stimmen auf. Der Weg dorthin sei allerdings langwierig, ein Patentrezept gebe es nicht.

Viele Stimmenhörer hätten in sich geschlossene und logische Erklärungsmodelle für ihre Wahrnehmung. Wer Betroffenen wirklich helfen wolle, sollte ihre Realität nicht infrage stellen. Ob Radiowellen, Parapsychologie oder Esoterik – die Begründungen stellten oft ein beruhigendes und normalisierendes Element dar. Caroline von Taysen warnt: Der Streit über unterschiedliche Realitäten hingegen führe in der Regel zum Abbruch aller Kontakte.

Im Umgang mit Stimmenhörern gehe es daher zunächst einmal um Vertrauen. Das Gefühl, mit seinen Erfahrungen nicht ernst genommen zu werden, sei in vielen Fällen ein Abbild früherer Erfahrungen, erklärt von Taysen. Die erneute Ablehnung bestätige nur das bereits Erlebte.

„Nicht den

Botschafter zum Schweigen bringen“

Also müsse man erst einmal herausfinden, was hinter den Stimmen steckt. Wie in Träumen, wo sich wichtige Themen über das Unterbewusstsein bemerkbar machen, seien auch die Stimmen meist Botschafter für verdrängte oder verlagerte Probleme und Gefühle. Von Taysen kritisiert, dass die Psychiatrie „versucht, den Botschafter zum Schweigen zu bringen, anstatt die Botschaft herauszufinden.“

Ihr Verein setzt sich deshalb dafür ein, dass sich die Grundlagen der praktischen Arbeit ändern. Zunächst solle anerkannt werden, dass Stimmenhören ein normales und persönliches Phänomen ist und es um grundsätzliche menschliche Themen geht. Im Seminar erzählt Caroline von Taysen von einem jungen Mann, der jahrelang gut mit seinen Stimmen leben konnte – bis er in der Pubertät merkte, dass seine Erfahrungen vom Umfeld nicht geteilt werden. Erst dann setzten die Probleme ein.

Die Mitglieder des Netzwerks sind überzeugt: Wer lernt, mit den Stimmen ohne Angst zu leben, brauche auch keine Therapie. Stimmen könnten auch helfen, das Leben zu meistern, die Hörenden antreiben, ermutigen oder warnen, auf Schwächen aufmerksam machen und das Selbstbewusstsein stärken. Im Zusammenhang mit überwältigenden Lebensereignissen oder persönlichen Eigenschaften ergäben also die Stimmen durchaus einen Sinn. Selbst der Befehl „Bring dich um!“, könne manchmal als Zeichen gesehen werden, sein Leben zu ändern.

Das Ziel der professionellen Begleitung soll darum auch nicht unbedingt sein, die Stimmen komplett abzuschalten. Sie soll vielmehr einen vorhandenen Leidensdruck verkleinern und Lebensqualität erhöhen. Das Angstlevel muss soweit gesenkt werden, dass man den Alltag bewältigen kann. Manchmal gelingt es auch schon, die Kontrolle über das Leben zurückzugewinnen, wenn man weiß, wann das Problem vermehrt auftritt: Situationen wie stressige Familienbesuche oder volle Supermärkte kann man dann vermeiden.

Für die therapeutische Arbeit müssen zuerst ausführlich und langwierig Informationen gesammelt werden, bevor man mit einer Behandlung anfängt – die auch mit Medikamenten unterstützt werden kann. Diese wirken aber nur bei etwa einem Drittel der Patienten. Caroline von Taysen kennt Studien, nach denen einige der Patienten nach der Einnahme froh seien, wenn die Stimmen weg sind – andere würden depressiv oder fühlten sich einsam, weil etwas fehle. Bei einem weiteren Drittel würden immerhin Angst oder Schlaflosigkeit weniger. Problematisch werde es beim letzten Drittel: Die Stimmen blieben, und durch die Nebenwirkungen kämen zusätzliche Beschwerden dazu.

Die Teilnehmer des Workshops haben in ihrer täglichen Arbeit in der ambulanten Betreuung oder in Tagesstätten viel mit Stimmenhörenden zu tun. Das Thema ist aber sensibel und so mit Tabus belegt, dass die Betroffenen selbst sich auch im professionellen Umfeld nicht outen wollen. Außerdem gebe es auch zu wenig Weiterbildungsangebote, begründet Mitorganisatorin Kathrin Hupe von Ameos ihre Motivation. Menschen, die Stimmen hören, müssten angstfrei reden können und „nicht alles im stillen Kämmerlein mit sich ausmachen müssen.“ Am Ende des Tages ist Hupe zufrieden. Sie nehme viel neues Handwerkszeug für die Praxis mit und könne nun eigene Unsicherheiten abbauen. Im kommenden Jahr soll es darum auch weitere Seminare in Hameln geben.



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