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Mit EU-Auftrag von der Weser in den Kongo

Die mitten in Afrika gelegene Demokratische Republik Kongo ist ein Land voller Gegensätze, sagt der Bundeswehrmajor Matthias C. (Name der Redaktion bekannt): Einerseits ist es unheimlich groß, seine Fläche entspricht dem sechsfachen der Bundesrepublik Deutschland. Die Hauptstadt verfügt über Nobelrestaurants und andere Einrichtungen, die den internationalen Vergleich nicht scheuen müssen, und zudem ist es gesegnet mit einer wunderschönen, üppigen Natur sowie einem Übermaß an Bodenschätzen, das an sich Reichtum für alle ermöglichen könnte. Andererseits ist das Land aber auch unvorstellbar arm, der Großteil der insgesamt rund 60 Millionen Einwohner lebt unterhalb der Armutsgrenze. Es ist gebeutelt durch eine Vielzahl an gefährlichen Krankheiten – von AIDS über Ebola und Malaria bin hin zu Tuberkulose –, die alljährlich weit mehr als 100 000 Menschen dahinraffen, und zudem politisch sehr instabil und von marodierenden Rebellentruppen geplagt.

veröffentlicht am 30.09.2011 um 19:07 Uhr

Ein notwendiger Schutz vor drohenden Krankheiten: das persönliche „Medikit“ des deutschen Majors.

Autor:

Michael Werk

Genau in diesen schwarzafrikanischen Siedetopf hat es den in Porta Westfalica lebenden Bundeswehroffizier Christian C. verschlagen. Sein Auftrag: als Teil der „European Union security sector reform mission in the Democratic Republic of the Congo“ (kurz: „EUSEC RD Congo“) ein gewisses Maß an westlicher Bürokratie in das kongolesische Militär einzuführen. Dass der 35 Jahre alte Familienvater seinen vollen Namen nicht in der Zeitung genannt haben möchte, geht auf eine generelle Sicherheitsempfehlung der Bundeswehr zurück, durch die auf Auslandseinsätze geschickte Soldaten und deren Familien vor etwaigen Nachstellungen und anderen Schwierigkeiten geschützt werden sollen.

Aber zurück zur „EUSEC RD Congo“-Mission: Mehr als ein Dutzend europäische Nationen, allen voran Belgien und Frankreich, sind nach Auskunft von C. an diesem 2005 ins Leben gerufenen Projekt beteiligt, das sich den Wiederaufbau der kongolesischen Streitkräfte und damit letztlich auch die Stabilisierung der gesamten Region als Ziel gesetzt hat. Aber eben nicht unter Einsatz oder Lieferung von Waffen, sondern durch die Schaffung einer vernünftigen Verwaltung des Militärs.

Eine gewaltige Aufgabe: Im Jahr 2005 wusste man nicht mal, wie viele Soldaten dem kongolesischen Militär angehören und wo sie sich in dem weitläufigen Land – immerhin der zweitgrößte Staat Afrikas – überhaupt aufhalten, berichtet er. Um also einen Überblick über die Anzahl der Soldaten zu erhalten, wurden diese zunächst anhand ihrer Fingerabdrücke und eines Fotos „biometrisch“ erfasst. Monatelang war der Major deswegen bereits von November 2009 bis September 2010 quer durch den riesigen Afrikastaat gereist, im Konvoi mit Geländefahrzeugen oder an Bord von Flugzeugen der ebenfalls in friedlicher Mission im Kongo stationierten UN-Blauhelm-Truppen.

Militärstützpunkt in der Provinz Nord-Kivu: Die Soldaten hausen in primitiven Hütten aus Zweigen und Blättern, die mitunter durc
  • Militärstützpunkt in der Provinz Nord-Kivu: Die Soldaten hausen in primitiven Hütten aus Zweigen und Blättern, die mitunter durch eine übergespannte Plane komplettiert werden.

Anhand der im Rahmen der „EUSEC RD Congo“-Mission bislang gesammelten Daten gehe man heute von insgesamt rund 150 000 kongolesischen Soldaten aus, sagt C.. Die zahlenmäßige Erfassung sei aber nur die halbe Miete, denn ebenso wichtig sei es, den Soldaten auch den ihnen zustehenden Sold verlässlich zukommen zu lassen, „damit die Soldaten nicht gezwungen sind, sich selbst zu versorgen“. Im besten Fall bedeute Selbstversorgung noch, auf die Jagd nach Buschfleisch zu gehen, nicht selten aber auch, Straßensperren zu errichten, um Wegzoll zu erpressen, die Bevölkerung mit irgendwelchen Forderungen zu drangsalieren und Geschäfte zu plündern.

Und das, obwohl die kongolesischen Soldaten an sich „sehr genügsam“ sind, so der 35-jährige Major der Luftwaffe. Meist essen die kongolesischen Soldaten nämlich nur einen „Fufu“ genannten Maniok-Brei, der – wie der Deutsche aus eigener Erfahrung weiß – dann „wie ein Stein im Magen“ liegt. „Da brauchen wir als Europäer drei Tage nichts mehr essen“, konkretisiert er. Auf dem Speiseplan stünden aber auch Früchte, Weißbrot und „relativ viel“ kalorienhaltiges Starkbier.

Doch kein verlässliches monatliches Gehalt ohne eine funktionierende Bürokratie: „Alles Geld, das nicht sofort an einen Soldaten ausgezahlt wird, verschwindet einfach“, weiß C.. Im Kongo sei es bislang nämlich so, dass der Kommandeur einer Einheit den Sold für die gesamte Truppe erhält, diesen aber in der Regel nicht an die richtigen Empfänger verteilt, sondern das Geld für sich selbst behält oder es ihm nahestehenden Personen zuschanzt.

Bei der zweiten, von September bis April 2012 dauernden „EUSEC RD Congo“-Teilnahme des 35-Jährigen, der sonst im Bereich des Luftwaffenamtes tätig ist, steht daher die Fortsetzung der Aushändigung von Truppenausweisen auf dem Programm, für die zuvor die Fingerabdrücke genommen und Fotos angefertigt worden waren. Keine Modernisierung wird es indes beim Prozedere der von „EUSEC RD Congo“-Mitarbeitern überwachten Auszahlungen geben: Der Sold wird nach wie vor in Kongolesischen Franc (ein US-Dollar entspricht ungefähr 940 Kongolesischen Franc) in bar an die anhand ihrer biometrischen Merkmale beziehungsweise Truppenausweise identifizierten Soldaten ausgezahlt. Das hochinflationäre Geld wird dafür Lkw-weise und gut bewacht durch das Land transportiert. Zum Vergleich: Laut C. verdient die breite Masse der Soldaten beim kongolesischen Militär je nach Dienstgrad zwischen 30 und 60 US-Dollar pro Monat – hochrangige Führungskräfte entsprechend mehr.

Doch damit nicht genug: Die Vermittlung von Vorschriften zur Personalführung und der Aufbau eines entsprechenden Formularwesens stehen ebenfalls auf der Agenda der Mission. Abgesehen davon, dass es den kongolesischen Streitkräften auch an so profanen Dingen wie Papier, Kugelschreibern und Kartenmaterial mangelt, erschweren dabei die verschiedenen Sprachdialekte die Kommunikation und Führung innerhalb des Militärs. Die aktuell rund 50 europäischen „EUSEC RD Congo“-Berater halten sich dagegen ans Französische, der offiziellen Verwaltungssprache im Kongo.

„Bezeichnend ist außerdem, dass es im Kongolesischen kein Verständnis für Planung gibt“, erklärt der Bundeswehroffizier. Dies zeige sich in gewisser Weise auch im Sprachschatz: In Lingala etwa, einem im Westkongo gesprochenen Dialekt, bezeichnet das Wort „Lobe“ den Begriff „Zukunft“, konkretere Definitionen gibt es aber nicht, sodass damit „gleich“, „morgen“, „nächste Woche“ oder irgendein anderer Zeitpunkt gemeint sein kann. Ein weiteres Problem stellt die Pünktlichkeit der Soldaten dar. Zudem ist es nicht ungewöhnlich, dass sie der Truppe hin und wieder einfach fernbleiben, wenn sie beispielsweise kein Geld für ein öffentliches Verkehrsmittel zwecks Fahrt zu ihrem Militärstützpunkt haben oder mal eben einer anderen Arbeit nachgehen, um ein paar zusätzliche Kongolesische Franc zu verdienen.

Apropos Kommunikation und Führung: Auch die Arbeit der kongolesischen Führungskräfte ist stark verbesserungswürdig, so der deutsche Major. „Militärisch gesehen ist das genau genommen gar keine Führung“, berichtet er. Denn deren Kommunikation mit den einzelnen Truppenteilen und Soldaten laufe zum Großteil über Handytelefonate. Da brauche man nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie umständlich und zeitraubend es etwa ist, irgendwelche Einsätze zu koordinieren. Insgesamt gebe es im Kongo übrigens rund 40 Millionen Handys, aber nur etwa 5000 Festnetzanschlüsse.

Und schließlich wird die „EUSEC RD Congo“-Mission mitunter auch noch durch die Mentalität der Kongolesen erschwert: „Die Menschen dort sind extrem stolz und sehr direkt, aber schwierig zu beraten, weil sie sich sehr schnell persönlich angegriffen fühlen. Nach dem Motto: die Europäer wissen alles besser“, erläutert C., und resümiert: „Die Gemengelage ist da unglaublich komplex.“ Dies mache letztlich aber auch den Reiz an seiner Tätigkeit im Rahmen der Mission aus. „Die Arbeit ist hochinteressant und man muss Probleme lösen, die man hier gar nicht kennt.“

Der Preis dafür ist das Eingehen von „gesundheitlichen Risiken, gegen die man sich nicht hundertprozentig schützen kann“, und eine mehrmonatige Abwesenheit von seiner Familie in Deutschland. Zu der kann er den Kontakt dann nur mittels eines Satellitentelefons oder per Videotelefonie über das Internet aufrecht erhalten.

Keine richtige Führung, kein Verständnis für Planung und kein verlässlicher Sold – die Verhältnisse beim Militär im Kongo sind alles andere als gut durchorganisiert. Ein Stück westliche Ordnung in dieses Chaos zu bringen und damit letztlich auch das zentralafrikanische Land selbst zu stabilisieren, ist das Ziel der europäischen Beratungsmission „EUSEC RD Congo“, an der auch ein 35-jähriger Bundeswehrmajor aus Porta Westfalica mitwirkt.



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