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Der Hamelner Arif Cakir (27) rappt über seine kriminelle Vergangenheit und die Unterwelt einer Kleinstadt

Mit eiserner Faust

Als Arif Cakir das erste und bis dato letzte Mal in der lokalen Presse von sich reden machte, tat er es als Drogendealer. Der damaligen Festnahme folgten zwei Jahre Gefängnis. Heute rappt er als Elli Bes (türkisch: 55) über seine kriminelle Vergangenheit und ein Hameln, von dem sonst nur in Polizeiberichten die Rede ist. Eine Premiere: Die Rattenfängerstadt hat ihren ersten Gangsta-Rapper.

veröffentlicht am 20.02.2013 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 20.02.2013 um 09:10 Uhr

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Das Licht ist gedämmt, durch den Raum wabern süß duftende Rauchschwaden. Für sein erstes Interview hat sich Arif Cakir (27) die Hamelner Shisha-Lounge „Zum Fliegenden Teppich“ ausgesucht. Hier, mit der Wasserpfeife im Mund und einem Glas Raki in der Hand, fühlt er sich wohl. Mit Gästen und der Bedienung ist er gleichermaßen vertraut. Weniger mit der Presse. „Wie genau stellst du dir das jetzt vor?“, fragt er, und sein ihm gegenübersitzender Freund Mehmed Ahmed (24), der sich scherzhaft als sein Manager ausgibt, ergänzt: „Falls dir die Fragen ausgehen, wir können dir alles erzählen; wie er angefangen hat zu rappen und im Knast war und so.“ Und schon sind wir beim Thema.

Arif Cakir ist Hamelns erster Gangsta- oder Straßen-Rapper, der öffentlich von sich reden macht. Mitte Dezember lud er sein erstes Video bei Youtube hoch: „Eyy waa“ (arabisch, abgeleitet von „aiwa“: alles klar). „Und drei Wochen später hatte ich schon 18 000 Klicks!“ Das Video zeigt Cakir samt Entourage an markanten Hamelner Plätzen, inhaltlich stellt er darin klar, wer der Babo (türkisch: Boss; abgeleitet von baba=Vater, Papa) ist: „Kuck mich an, Bruder, eyy waa / Ich kuck um mich rum und sehe einfach wirklich keine Gegner“, rappt sein Kollege Sipo im Refrain. Wie Ahmed gehört Sipo zu Cakirs Rap-Crew „La Kanaka“. „Das ist meine Schwarzkopffamilie!“, sagt Cakir und lässt sich das Wort „Schwarzkopf“ noch einmal auf der Zunge zergehen: „...ich liebe dieses Wort!“

Sein eigener Künstlername lautet 55, wird türkisch ausgesprochen (elli bes) und ist eine Hommage an die Heimatstadt seiner Eltern an der Nordküste der Türkei: Samsun. Zwar ist Cakir in Hameln geboren und aufgewachsen, und schon lange hat er die deutsche Staatsangehörigkeit. „Trotzdem repräsentiere ich Samsun“, sagt er leidenschaftlich, „genauso wie Hameln.“ Sein Hameln. Und das ist ein Hameln, das sich von dem der meisten Hamelner unterscheidet.

Arif Cakir alias 55 (l.) und Mehmed Ahmed von La Kanaka in der Hamelner Shisha-Lounge „Zum Fliegenden Teppich“, wo auch Teile des Videos „Leben nach Mitternacht“ gedreht worden sind. Foto: pk

„Deisterstraße, Brennpunkt / Menschen

werden unterdrückt“

„Hameln ist mit 60 000 Einwohnern zwar klein, aber die Kriminalitätsrate ist hier relativ hoch“, betont er. Denn in Kommentaren zu seinen Videos im Internet wird seine Glaubwürdigkeit in Bezug auf seine Gangster-Geschichten immer mal wieder in Zweifel gezogen. „Dabei sehe ich das doch von morgens bis abends: Einbrecher, Dealer, Zuhälter, jeden Tag kriege ich das mit.“ Das spiegelt sich auch in Cakirs multilingualem Vokabular wider. Es geht um para (türk.: Geld), den baba (türk.: Vater/Boss) und den pezevenk (türk.: Zuhälter) und wieder um massari (arab.: Geld). Darum geht es jedenfalls in seinen Raps, stellenweise sicher etwas übertrieben, aber im Großen und Ganzen handele es sich um realistische Momentaufnahmen aus seinem Umfeld.

„Deisterstraße, Brennpunkt / Menschen werden unterdrückt“, zitiert Cakir rappend aus seinem Song „Leben nach Mitternacht“. „Da habe ich abgezogen und da wurde ich abgezogen, da habe ich geschlagen und da wurde ich geschlagen“, berichtet der 27-Jährige über seine Vergangenheit.

Dennoch braucht auf der Deisterstraße niemand Angst zu haben, findet er. „Dabei weiß ich, dass viele Hamelner, die da im Stau stehen, ihre Autotüren verschließen, weil wir nicht über die Ampeln, sondern da über die Straße gehen, wo gerade eine Lücke ist“, erklärt er amüsiert. „Aber im Ernst, nur wenn man von außerhalb kommt und da ’nen Larry macht, dann gibt’s garantiert Ärger.“

In seinen Songs inszeniert sich Cakir zwar noch als Furcht einflößender Drogendealer, der mit eiserner Faust sein Revier behauptet. Aber in Wirklichkeit habe er damit längst abgeschlossen. „Ich habe das gemacht, aber heute nicht mehr. Ich gehe doch nicht mehr in den Knast!“ Den Grund dafür, dass er eines Tages einen kriminellen Weg einschlug, sieht Cakir vor allem darin, dass er ohne seinen Vater aufwuchs. „Meine Eltern ließen sich scheiden, als ich zwei Jahre alt war. Das war ungewöhnlich für Türken aus dieser Generation.“ Mit etwa zehn Jahren sei er dann öfter rausgegangen, habe ältere Leute kennengelernt und sei bald tagtäglich bis in die Nacht auf der Straße gewesen, ohne dass seine Mutter ihn davon habe abhalten können.

„Geld gab es zu Hause auch nicht, aber ich habe ja gesehen, was andere Kinder für Sachen hatten.“ Mit 16 kamen dann Drogen ins Spiel, das Interesse an Mädchen wurde geweckt, „und da wollte ich natürlich nicht mehr eine ganze Woche lang mit derselben Hose rumlaufen“. Statt zur Schule zu gehen, vertickte Cakir Drogen, um Geld zu verdienen. Es folgte Bewährungsstrafe auf Bewährungsstrafe – bis zur Festnahme.

Cakir war damals 20 Jahre alt, hatte eine Woche zuvor bei dem Hamelner Radiosender „Radio Aktiv“ seine ersten zwei Tracks aufgenommen, als er auf der Deisterstraße festgenommen wurde. Drei Jahre Strafvollzug in der Jugendanstalt Hameln wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz und Widerstand gegen die Staatsgewalt, lautete der Richterspruch.

Dass es zur Festnahme kam, führt Cakir vor allem auf den Paragraf 31 aus dem Strafgesetzbuch zurück. Darin heißt es sinngemäß, dass jemand nicht bestraft wird, wenn er „vom Versuch der Beteiligung“ an einer Straftat zurücktritt und diese dadurch verhindert werden kann. In anderen Worten: Jemand hatte gegen Cakir ausgesagt. Was er davon hält, ist auf T-Shirts zu lesen, die er und seine Crew in den Videos tragen: „Fuck §31“.

Cakir ist sich bewusst, dass er mit seinen Songs, die er auf seiner Facebookseite spaßeshalber auch gerne mal mit dem Prädikat „Erst ab 18“ ankündigt, nicht gerade ein Vorbild für Kinder und Jugendliche darstellt. „Meine kleinen Neffen und Cousins hören das ja auch und rappen es schon nach. Was soll ich sagen: Es ist nicht richtig. Meine Familie findet es auch nicht gut… Ich weiß, dass ich aufpassen muss, was ich sage.“

Zwei von drei Jahren hat Cakir in der Jugendanstalt abgesessen. „Es war krass, eingesperrt zu sein und nicht rausgehen zu können, aber ich habe viel daraus gelernt: Ich will da nicht mehr rein.“ Im Gefängnis holte Cakir seinen Hauptschulabschluss nach – „mit 1,6“. Mit ein paar Gleichgesinnten rappte er weiter, jetzt aber ernsthafter, und orientierte sich, um besser zu werden, an seinen Vorbildern. Allen voran: Azad aus Frankfurt, den er zuvor bei einem Auftritt im Hamelner Jugendzentrum Regenbogen persönlich kennenlernen durfte.

Als er wieder draußen war, fand er mithilfe seines Freundes Ahmed Arbeit in Eiscafés. Nebenbei rappte er weiter, stellte erste Aufnahmen ins Internet. Zunächst seien vor allem seine Freunde von seinen Fortschritten begeistert gewesen. „Ich selbst kann mich gar nicht hören, das ist bis heute so.“

Andere schon. Bald hatte er einen ersten Gast- und Videoauftritt bei einem Rapper aus Hannover. Sein erstes eigenes Video entstand in Kooperation mit „Pik As Clothing“ aus Nürnberg, das zweite mit „TV Straßensound“ und „CMTV“ aus Hannover. Der Kontakt in die Landeshauptstadt ergab sich über Ahmed, der dort gemeinsam mit den „Habibi Brüdern“ – einem Kollektiv, das sich der Parodie von Rappern verschrieben hat – Wirtschaftsingenieurwesen/Maschinenbau studiert. „Wir helfen uns gegenseitig da, wo wir auf Hilfe des anderen angewiesen sind“, sagt Ahmed über ihre unterschiedlichen Werdegänge. Und Cakir fügt verschmitzt hinzu: „Ich kenne Anwälte – und die dreckigsten Ratten.“

Im Januar erschien das zweite Video von 55: „Leben nach Mitternacht“. „Aber das ist nicht so gut angekommen“, winkt Cakir ab, ohne dabei an Aufgeben zu denken. „Ich lass’ es mir zwar nicht anmerken, aber die Musik ist inzwischen mein Leben. Ich investiere sehr viel Kraft und Zeit in die Musik.“ Noch in diesem Jahr will er ein Mixtape aufnehmen und es im Internet als kostenlosen Download anbieten. „Nordküsten-Flava“ soll es heißen. „15 Tracks sind schon fertiggeschrieben.“ Ein weiteres Video stehe bereits in der Pipeline: „Wir brauchen kein Abi“, ein Song mit seinem Cousin Ayyildiz aus Emmerthal.

„Und selbst, wenn sich das Video nur einer ansieht – ich mache weiter!“, sagt Cakir, und Ahmed merkt an: „Jetzt geht es erst mal darum, sich einen Namen zu machen. Doch das Ziel ist ein Vertrag mit einem Plattenlabel.“ Und ob dieser Traum in Erfüllung geht oder nicht: „Ich bleibe für immer in Hameln!“, verspricht Cakir.



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