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Mit dem eigenen Körper Leben retten

Jantje Dunkel aus Bückeburg ist 19 Jahre jung. Gemeinsam mit ihrer ebenfalls 19-jährigen Freundin Friederike Dawid aus Bückeburg hat sie an der letzten Typisierungsaktion des Leo-Clubs und Lions-Clubs teilgenommen. „Ich finde es faszinierend, dass man möglicherweise als ,Nadel im Heuhaufen‘ als Knochenmarkspender in Frage kommen kann und damit einem Menschen das Leben rettet“, gibt sie als Motiv dafür an, sich typisieren zu lassen.

veröffentlicht am 11.07.2011 um 00:00 Uhr

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Durch eine weitere Freundin war Friederike auf die Typisierungsaktion aufmerksam gemacht worden und hatte auch gleich hinterher eine Einladung zu dieser Aktion über das soziale Netzwerk Facebook erhalten. Gemeinsam mit Jantje Dunkel ließen sich die beiden Mädchen nicht nur typisieren, sie waren auch bereit, die Helfer tatkräftig zu unterstützen.

„Wir haben den Fragebogen ausgegeben, Krankheiten abgefragt und auch die Röhrchen gekennzeichnet“, erzählt Jantje Dunkel. „Nicht jeder kann spenden, beispielsweise nach einer überstandenen Krebskrankheit oder auch bei Diabetes geht man für den Empfänger der Spende kein Risiko ein.“ Die Typisierungsaktion in Bückeburg war weniger gut besucht, als die Veranstalter es sich erhofft hatten – im Gegensatz zu vorhergegangenen Aufrufen.

„Das kann man nicht als allgemeinen Trend ansehen“, antwortet Jutta Oellig, Leiterin der Pressestelle der Deutschen Knochenmarkspenderdatei, kurz DKMS, auf die Frage nach der allgemeinen Bereitschaft, sich typisieren zu lassen. „Wir haben hoch motivierte Spender im steigenden Trend.“

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Friederike Dawid: „Es können auch Leute spenden, die Blut nicht sehen können.“

Allein im letzten Jahr seien 365 000 neue Spendenwillige registriert worden, das sind 755 Spender pro Tag. „Allerdings ist das nicht so viel, wie es sich im ersten Moment anhört“, so Jutta Oellig. „Die Chancen, für einen Erkrankten einen passenden Spender zu finden, liegen im günstigsten Fall bei 1 zu 20 000 und reicht bis 1 zu unendlich.“ Hauptsächlich meldeten sich Spender über Typisierungsaktionen, allerdings würde verstärkt auch das Internet genutzt, vor allem von jüngeren Menschen.

Denn auch über das Internet kann man sich typisieren lassen. Wer sich online bei der DKMS meldet, bekommt einen Fragebogen und das Material für eine Speichelprobe zugeschickt. „Etwa 50 Prozent der Anfragen kommen auch tatsächlich zu uns zurück“, weiß die Expertin. Es gibt zwei Möglichkeiten der Typisierung: über die Blutabnahme und über eine Speichelprobe. Hier wird mit einem Wattestäbchen Speichel aus einer Wangentasche genommen und später untersucht. Auch in Bückeburg stand die Aktion unter dem Motto „Blut oder Watte“. „Damit auch Leute sich zur Spende trauen, die kein Blut sehen können“, sagt Friederike Dawid lachend.

Aber wie geht es eigentlich weiter, wie wird man als möglicher Knochenmarkspender ausgewählt? Die Daten, die sich aus dem untersuchten Blut ergeben, werden anonymisiert und im Zentralen Knochenmarkregister Deutschland (ZKRD) aufgenommen. Der Spender bekommt dann eine Spenderkarte mit einer Nummer zugeschickt.

Ein potenzieller Spender wird zunächst angeschrieben oder angerufen. Nach einem Gesundheitscheck durch den Hausarzt und weiteren Untersuchungen, unter Umständen auch einer Nachtypisierung, gibt es zwei Möglichkeiten der Entnahme. Bei der allgemein bekannteren Version wird in einer Entnahmeklinik operativ etwa ein Liter Gemisch aus Blut und Knochenmark aus dem Beckenkamm entnommen – das sich in etwa zwei Wochen übrigens wieder neu gebildet hat.

„Das wird noch in etwa 20 Prozent der Entnahmen so gemacht“, informiert Oellig. Es geht aber auch ohne OP, nämlich bei der peripheren Stammzell-Entnahme. Hier muss ein Spender fünf Tage lang einen hormonähnlichen Stoff spritzen, der die Stammzellenproduktion vermehrt anregt. In dieser Zeit kann sich der Spender schlapp und matt fühlen, in etwa wie bei einer Grippe. Zur Entnahme wird er an eine Maschine angeschlossen, die ähnlich funktioniert wie bei einer Dialyse. Das Blut wird aus einem Arm entnommen, durch ein besonderes Verfahren werden die Stammzellen abgesondert und dann das Blut dem Spender wieder zugeführt. Die körperlichen Beschwerden sind dann wieder verschwunden.

Jantje und Friederike haben sich gut über den Ablauf informiert, denn beide wären jederzeit bereit, tatsächlich Stammzellen zu spenden. Würden sie auch wissen wollen, wem sie das Leben gerettet haben? „Erst einmal nein“, antwortet Jantje. „Für den Kranken steht das Leben nach der Diagnose sowieso schon auf dem Kopf, ich selbst würde es vielleicht später einmal wissen wollen, wenn der Empfänger es auch wollte.“ Das stimmt mit der gesetzlichen Regelung in Deutschland überein, denn zwei Jahre lang dürfen Spender und Empfänger nichts voneinander wissen. Erst danach kann auf Wunsch ein Kontakt hergestellt werden.

„Die Spenden aus Deutschland werden übrigens weltweit vermittelt“, informiert Jutta Oellig. Wobei die gesetzlichen Bestimmungen für eine spätere Kontaktaufnahme in anderen Ländern von den deutschen Regeln abweichen können.

Kosten entstehen einem Knochenmarkspender übrigens nicht. Normalerweise übernehmen Arbeitgeber einen möglichen Lohnausfall, sonst würde dieser Betrag von der DKMS gezahlt, ebenso andere anfallende Kosten. Typisieren lassen kann man sich bis zu einem Alter von 55 Jahren, als Spender kommt man bis zum 61. Lebensjahr in Betracht.

„Die Spendenbereitschaft bei der Blutspende in Rinteln ist eigentlich gleichbleibend“, antwortet Irmtraut Exner, zweite Vorsitzende des Ortsvereines Rinteln des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), auf die Frage, ob die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung rückläufig ist. „Wir haben fünf Blutspenden im Jahr in Rinteln“, erzählt sie, „plus Extraveranstaltungen beispielsweise hier im Rathaus oder bei Wesergold, wo fast nur neue Gesichter zu sehen waren.“ Nach dem Hinweis auf den EHEC-Infekt seien bei der letzten Blutspendeaktion sogar 30 Spender mehr gekommen als sonst. Wünschenswert seien mehr junge Erstspender, bislang gibt es nicht genügend blutspendewilligen Nachwuchs. Der DRK-Blutspendedienst überlegt sich aus diesem Grund derzeit neue Möglichkeiten, wie Jugendliche motiviert werden können.

In ganz Deutschland werden täglich 15 000 Blutspenden benötigt, wobei schon der DRK-Blutspendedienst in Springe allein 330 Krankenhäuser beliefert. Bei einer Blutspende wird von dem Fachteam ein halber Liter Blut abgenommen, das vor der weiteren Verwendung auf Krankheiten untersucht wird.

Vollblutkonserven werden heute nur noch sehr selten verwendet. Das gespendete Blut wird in drei unterschiedliche Komponenten aufgeteilt. Rote Blutkörperchen halten sich etwa sechs Wochen und werden vor allem bei OPs und Unfällen eingesetzt. Blutplättchen werden bei Krebserkrankungen benötigt, halten nur viereinhalb Tage und können kaum gelagert werden. Blutplasma kann eingefroren werden und ist über Jahre hinweg haltbar. Es wird für Austauschtransplantationen benötigt. Sind Giftstoffe im Blutplasma eines Menschen, kann das Plasma ausgetauscht werden, so ist es gerade jetzt im Fall der EHEC-Infektion erforderlich gewesen. Aus Blutplasma kann man aber auch ganz spezielle Faktoren herausfiltern, um beispielsweise Bluter zu behandeln.

Gerade wurde Dieter Mast aus Rinteln für seine 140. Blutspende geehrt. Der 65-Jährige geht nicht nur regelmäßig zu jeder für ihn möglichen Blutspende, er hat sich außerdem typisieren lassen und trägt immer einen Organspenderausweis bei sich.

„Zum Blutspenden hat mich zum ersten Mal meine Schwiegermutter mitgenommen, als ich 22 Jahre alt war“, erinnert sich Mast. Von da an ging er erst zweimal im Jahr, später dreimal, und seitdem man als Mann sogar bis zu sechsmal im Jahr spenden darf, ist er immer dabei. „Die 150 kriege ich sicher noch voll“, lacht er.

Warum sich Dieter Mast typisieren ließ? „Da gab es 1999 im Raum Bad Münder einen Aufruf, wo ein Mädchen Hilfe brauchte, und da habe ich mit meiner Frau bei der Aktion mitgemacht“, erzählt er. „Manchmal braucht man einfach einen Schubser.“ Es sei ja nur wie beim Blutabnehmen und „überhaupt nicht schlimm“. „Natürlich“ wäre er jederzeit bereit gewesen, Knochenmark zu spenden, was jetzt aufgrund seines Alters nicht mehr möglich ist.

Möglich wäre aber eine Organspende nach seinem Tod, was Dieter Mast mit seinem Organspenderausweis dokumentiert. „Meine Frau darf in dem Fall entscheiden, was gespendet werden darf, das ist im Ausweis verankert. Leber, Lunge, Herz, Bauchspeicheldrüse, es gibt inzwischen eine Menge Organe, die nach dem Tod noch jemand anderem helfen können.“

Wegen einer Gehörerkrankung war der Spendenwillige 1977 in Hannover operiert worden. Dabei wurde ihm das Gehörknöchelchen eines Toten eingesetzt, was ihm 80 Prozent seiner Hörfähigkeit wiedergab. Wegen einer Entzündung musste das Knöchelchen zwar später wieder entfernt werden, aber es war doch Anlass genug, sich einen Organspenderausweis ausstellen zu lassen. „Man muss auch einmal über den Horizont hinausblicken“, sagt er dazu, „und über seinen eigenen Schatten springen.“

Wer mehr über Organ- und Gewebespenden wissen möchte, kann sich bei der Deutschen Stiftung Organtransplantation unter www.dso.de informieren. Lebendspenden sind übrigens nur unter nahen Verwandten oder persönlich eng verbundenen Personen möglich.

Neben der normalen Blutspende gibt es auch die Möglichkeit, Blutplasma zu spenden. Auch dazu ist jeder gesunde Mensch zwischen 18 und 68 Jahren geeignet. Die Blutplasmaspende ist etwas langwieriger als die Blutabnahme bei der üblichen Spende. Sie wird mit einer Maschine ausgeführt, die ähnlich funktioniert wie eine Dialysemaschine oder auch die Maschine, die zur Stammzellenentnahme verwendet wird.

Das Blutplasma umschließt die Blutzellen, besteht fast nur aus Wasser, speichert aber mehr als 100 Proteine, so zum Beispiel Antikörper und Gerinnungsfaktoren wie Fibrinogen. So kann nach schweren Unfällen, Verbrennungen oder Infektionen bei Intensivpatienten Plasma ein lebensrettendes Akutmittel sein.

„Meine Tochter ist Blutplasmaspenderin“, erzählt Mast. „Sie wurde einmal von Bad Oeynhausen aus angerufen, weil ein Bestandteil ihres Blutplasmas benötigt wurde. Ein gutes Gefühl, wenn man auf diese Art helfen kann.“

Knochenmark, Blut, Blutplasma, Organe und Gewebe – ohne spendenwillige Mitmenschen würde das im Notfall fehlen, die Medizin wäre machtlos. Aber wie hoch ist die Bereitschaft des Einzelnen, mit dem eigenen Körper anderen zu helfen?



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