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Vergnüglich zu lesen: Ludwig Boclos kurzweilige Reise-Beschreibung von 1844

Mit dem Dampfschiff nach Hameln

Der 1783 im hessischen Werra-Meißner-Kreis geborene Rintelner Schulleiter und Lehrer für Geografie und Geschichte, Dr. Ludwig Boclo, hatte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts seiner großen Leidenschaft, dem Wandern, in drei Publikationen Ausdruck verliehen, in denen er gegen das „moderne Medusenhaupt“ des Dampfwagens seine Stimme erhob. Doch wenige Jahre später hat er mit dem technischen Fortschritt offenkundig seinen Frieden gemacht. Davon zeugt sein Buch „Begleiter auf dem Weser-Dampfschiffe von Münden nach Bremen“.

veröffentlicht am 22.12.2018 um 12:08 Uhr

Die historische Ansicht zeigt den 100-PS-Raddampfer „Eduard“. Mit ihm wurde im Sommer 1843 der planmäßige Passagierverkehr auf der Weser eingeläutet. Foto: Archiv/Deweze

Autor:

Peter Weber
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Im Jahre 1844 veröffentlicht Boclo seinen Bericht, um die Reisenden mit den Schönheiten sowie den historischen und geografischen Gegebenheiten des Wesertals vertraut zu machen.

Zwei Jahre zuvor war die Weser-Dampfschifffahrt-Aktiengesellschaft in Hameln gegründet worden, um eine regelmäßige Personenschifffahrt zwischen Hannoversch Münden und Bremen zu betreiben. Ludwig Boclo ist von diesem Unternehmen angetan und zeigt sich überzeugt, „daß wer einmal die mannigfachen Genüsse einer Weser-Wasserreise kennen gelernt, diese Fahrt noch oft wiederholen wird“.

Im biedermeierlichen Plauderton, zuweilen mit reichlich Pathos und immer wieder sein Füllhorn historischer und geografischer Kenntnisse ausschüttend, begleitet der Autor die Reisenden auf dem Dampfschiff „Hermann“ oder der „Germania“ von Münden aus zu den Sehenswürdigkeiten, den „Electoralstellen“, des Wesertals.

Mit dieser Broschüre wurde 1900 für Dampfschifffahrten auf der Weser geworben. Foto: Zeitreise/Günther Meyer-Hermann
  • Mit dieser Broschüre wurde 1900 für Dampfschifffahrten auf der Weser geworben. Foto: Zeitreise/Günther Meyer-Hermann
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Dabei kann das Weserdampfschiff „an innerer und äußerer Schönheit des Baues mit allen seinen Collegen auf dem Rhein, der Mosel, dem Main und Neckar getrost wetteifern. Darum, ohne alle Furcht hinein!“ Den vielleicht ob ihres fauchenden Fahrzeugs doch etwas ängstlichen Passagieren, namentlich den „Dampfschifferinnen“, ermuntert er zu dem einen oder anderen Gläschen Wein, das „in nicht zu langen Zwischenräumen con amore zu sich genommen die Empfänglichkeit für den Natur- und Reisegenuss erhöhet“. Und geradezu enthusiastisch ruft der Schulmeister aus: „Werfe da jeder mit dem ersten Schritte ins Dampfboot den bleiernen Mantel des Berufsernstes, des Standes, des Ranges, der häuslichen Sorgen sogleich ins Wasser, und vergesse nicht, daß eine Reise (…) ein Carneval des Lebens sein kann.“

Den heutigen Leser muss es beschämen, welch hohes Maß an Wertschätzung der Landschaft des Weserberglandes entgegengebracht und wie sehr das Gemeinschaftserlebnis der Reise gefeiert wird.

So geht es denn von Münden aus über Karlshafen, Höxter und Corvey nach Holzminden, Electoralstellen, deren Geschichte sich der Autor ausführlich widmet, und er rät seinen Lesern, den „Truchseß“ des Schiffes zu ermahnen, nicht gerade an solchen Orten „das Eßglöckchen erklingen zu lassen“.

Die Reise führt entlang des neu angelegten Dammwerks, das den Fluss bei Hochwasser in seinem Bett halten soll, auf Polle zu, wo natürlich die über dem Städtchen thronende Burgruine von Interesse ist. Der Autor weiß aber auch die schönen Gartenanlagen zu ihren Füßen zu würdigen sowie von einem besonderen Osterbrauch zu berichten. Am Ostersonntag trifft sich Jung und Alt am steilen Hang des Birkenberges. „Jeder Fremde wird (…) durch die Sirenenblicke und Worte der Poller Jungfrauen herbeigelockt, auf ihren Schoß niedergezogen, nach wenigen Minuten wonnigen Behagens durch die in eine Wurfmaschine verwandelten Knie den Berg hinunter spediert, unter dem unendlichen Gelächter der muthwilligen Göttinnen des Olymps von Polle. (…) Die an der steilen Bergwand herumkletternden Ziegen bilden eine sehr anziehende lebende Staffasche in diesem Breughelschen Landschafts-Gemälde.“

Vorbei an Kalkbrennereien und entlang der neu angelegten Fahrstraße unter den zuvor unwegsamen Klippen von Steinmühle (eine Passage, die heute wieder Kummer bereitet) führt die Fahrt nach Bodenwerder, wo den heranschaufelnden, modernen Zeiten vom Brückenmeister ein Joch in der dortigen alten Schiffsbrücke geöffnet wird.

In Tündern fallen dem Weser-Reisenden „rühmenswerte Schönheiten“ auf

Das Schloss Hehlen kommt in Sicht wie auch die königliche Domaine in Grohnde, wo Schnaps gebrannt wird und Tausende Sauen und Schafe aufgezogen werden. Da fragt sich der Autor denn doch, wie viele Familien ihr Auskommen fänden, würden solche Betriebe unter ihnen aufgeteilt…

Immer wieder werden die Reisenden vom Autor ermuntert, zumindest in Gedanken ihr Schiff zu verlassen, um auch abseits gelegene Landschaften wie das Tal der Emmer bis hin nach Hämelschenburg und Bad Pyrmont in Augenschein zu nehmen. Bald sind mit den Örtchen Tündern Hamelner Gefilde erreicht, dessen Bewohner durch „rühmenswerte Schönheit gefallen“, zumal wenn sie dem Besucher in ihrem Sonntagsputz begegnen. Die Ursache solcher Bellezza sieht der Autor in der Wohlhabenheit des Ortes, die die Jugend davor bewahrt, „durch schwere Arbeit (…) zu verkümmern und zu verkrüppeln“.

Nicht weit ist es bis zum von Hackeschen Gut Ohr, dessen Park mit seinem Tempel der Eintracht, seinen Platanen, Orangenbäumen und in Gewächshäusern gedeihenden Ananasstauden als „Puppe unter den Gärten“ gerühmt wird. Nach der Besichtigung, die jedem „anständig auftretenden Fremden“ erlaubt ist, wird es Zeit, sich im örtlichen rustikalen Wirtshaus mit „Kaffee, dicker Milch, Eiern, Schinken, Mettwurst u. dergleichen“ zu stärken, um sodann, derweil das Dampfschiff auf Hameln zu hält, zum Ohrer Berge sich zu begeben, der „von Hackeschen Wilhelmshöhe“, „einem der anziehendsten Punkte des ganzen Weserthals“. Versehen mit Bänken, Pavillons und einem „aus Eichenstämmen und Rinde kunstlos aufgebaueten, mit nach oben spitz zulaufendem Strohdach bedeckten halb kreisförmigen Tempel (Einsiedelei), aus welchem man in einer Tiefe von 150 Fuß die Weser gleichsam unter den Füßen erblickt“.

Inzwischen gelangt das Schiff nach Hameln, eine Stadt, deren Gegend „zu den schönsten im ganzen Königreich Hannover“ zählt. Mit ihren 692 Wohnhäusern und 6200 Einwohnern nimmt sie sich aufgrund ihres neu erbauten „Correctionsgebäudes“, der Haftanstalt an der Weser, „großartig modern“ aus , wird vom Autor ansonsten aber als „ältliche nicht eben schöne Stadt“ charakterisiert. Keinen Blick hat er für die berühmten Bauten der Weserrenaissance, dagegen hebt er die moderne Kettenbrücke hervor, die als „wahre Zierde der Stadt“ den Strom überspannt und seit wenigen Jahren die altersschwache hölzerne „Angst- oder Seufzerbrücke“ ersetzt.

Ein weiterer Aufenthalt wird allerdings durch die große Zahl der „Ketten schleppenden, Karren- und Eisensträflinge“, denen man allenthalben in der Stadt begegnet, verleidet. Dann doch lieber hinauf zu den „Bieraltären des Felsenkellers“, ehe es so beflügelt weiter weserabwärts geht. Allerdings gilt es zuvor die schmale Hamelner Schleuse zu durchfahren, die sich als Nadelöhr für die breiten Dampfschiffe erweist, weil sie es nötig macht, die seitlichen Radkästen und Schaufelräder zwischenzeitlich abzubauen.


Lesen Sie kommenden Sonnabend Teil 2 über die Fahrt auf der Weser.



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