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Auch Bullifreunde wie Gerhard Witt kommen mit ihren Lieblingen zum VW-Veteranentreffen

Mit dem Bulli durch die Wüste

Warum rackert sich der Mann bloß so ab mit der alten Kiste? Wo doch eine Strecke von A nach B bequemer und schneller zurückgelegt werden kann. Überhaupt, und sowieso erst recht dann, wenn es in den Urlaub geht. Das ist eine dieser Fragen, die sich einem echten Bullifreund natürlich nie stellen. Einem wie Gerhard Witt, der mit seinen T1 und T2 schon überall auf der Welt unterwegs war – und immer noch ist. Mittlerweile sei er pensioniert und nicht mehr ganz so jung wie damals, 1974, als er mit seinem ersten Bulli den insgesamt rund 50 000 Kilometer langen Trip nach Kapstadt gefahren ist. Weswegen er auch keine Extremtouren mehr unternehme, erklärt der 66-jährige ehemalige Gymnasiallehrer für Mathe und Physik.

veröffentlicht am 19.06.2013 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 19.06.2017 um 13:20 Uhr

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Autor:

von alda maria grüter

Aber was heißt das schon, eine „Extremtour“ zu unternehmen? Was 08/15-Urlauber durchaus als solche bezeichnen würden, ist für den Bullifan aus Bayern bestenfalls ein Spaziergang: „Die nicht so großräumige“ Wüste Marokkos ist das nächste Reiseziel, das er mit seinem taigagrünen T2, Baujahr 1978, mal wieder anpeilen will. Vorher aber wird er den fensterlosen Kasten von seinem Heimatort Karlsfeld bei München Richtung Hessisch Oldendorf lenken. Denn dort wird auch die Interessengemeinschaft T2 (IG T2) während des 6. internationalen Veteranentreffens vom 21. bis 23. Juni ihre Zelte aufschlagen.

Es fahren also nicht nur Liebhaber alter VW-Käfer vor, sondern auch VW-Busse. Aus einem kleinen Freundeskreis von VW-Bus-Liebhabern hervorgegangen, die sich zuvor schon seit längerer Zeit der Restauration, Erhaltung und Pflege der VW-Busse der Jahre 1967 bis 1979 verschrieben hatten, ist die IG T2 seit ihrer Gründung 1993 zu einem inzwischen 600 Mitglieder starken Verein gewachsen – mit Anhängern in der ganzen Welt. „Vom 18jährigen Studenten bis zum 80-jährigen Hochschul-Professor ist in der IG T2 alles dabei“, sagt deren Vorsitzender Roland Röttges.

Der Bulli bringt also die Menschen zusammen – und alle sitzen sie sozusagen gerne in einem Bus. Nur warum sind sie denn so verzückt von diesem Oldie, der (pardon!) vielleicht nicht einmal sonderlich hübsch aussieht? Was hat der Bulli, was andere Fahrzeuge nicht haben? „Ach du liebe Güte!“, sagt Röttges. „Dazu gibt es so viel zu sagen. Ganze Bücher würden gefüllt!“ Stimmt, es ist schon viel gesagt und geschrieben und mit nostalgisch-schönen Worten und mit Klischees etikettiert worden: Inbegriff der großen Freiheit für ganze Generationen, Flower-Power-Feeling der 1970er-Jahre, das bunt bemalte Traumauto von Hippies und Surfern und nicht zuletzt ein vielseitig einsetzbares Fahrzeug mit reichlich Platz für Kind und Kegel, für Handwerker, Schaufeln und Schubkarren. Gepriesen wird natürlich immer wieder seine Robustheit, seine Langlebigkeit. Ein echter Kumpel, dieser Bulli. Und seine solide Technik – Klasse, sagen Bullifreunde. Er gibt nicht so schnell auf, und sollte er doch mal schlappmachen, man kann vieles selber reparieren. Meist ist es sein stolzer Besitzer, der den Bulli höchstpersönlich instandzusetzen in der Lage ist: „Wie’s geht, habe ich mir im learning-by-doing-Verfahren angeeignet, beziehungsweise von Kfz-Mechanikern abgeschaut“, sagt Gerhard Witt. Ach ja, sein T2 fährt immer noch prima, und mit dem hat Witt, wie wohl jeder andere Bullibesitzer auch, schon ganz viel erlebt. Aber von dem, was er zu erzählen habe, sei bislang noch nichts geschrieben worden, sagt Witt … In einem Lichtbildvortrag wird er am Samstag, den 22. Juni, ausführlich von seinem Abenteuer durch die Wüste Libyens erzählen.

Einiges verrät Witt vorab. Es waren ganz pragmatische Gründe, die ihn, „Lehrer mit jährlich fünf Wochen Zeit, leider immer nur in den in Nordafrika heißen Sommerferientagen“ und hier höre das Klischee aber auch schon auf – auf den VW-Bus brachten. „Damals war der Bulli halt der beste Kompromiss zwischen Geländetauglichkeit und Bequemlichkeit.“ Bei der Reise nach Kapstadt hatte er das Fahrzeug so richtig schätzen gelernt. „Im Regenwaldgebiet hatten mich einige Fahrer anderer Fahrzeuge beneidet. Denn ich hatte mein Bett im Bus und brauchte draußen kein Zelt aufzuschlagen!“ Mit dem T1 hatte er unter anderem Reisen durch ganz Afrika unternommen, wusste daher, was an Umbauten und Ausrüstung sinnvoll war. „Beispielsweise die Zwillingsbereifung auf der Hinterachse. Die hat sich für die Tour durch Libyien 1988 nicht bewährt. Die Motorleistung des T2 – gerade einmal 50 PS – reichte bei Weitem nicht aus, um die „Zwillinge“ durch den Sand zu drücken“, erinnert sich Witt an seine vorausgegangene Reise durch Süd-Algerien 1987. Das war zehn Jahre, nachdem er den T2 gekauft hatte. „Die komplette Inneneinrichtung habe ich im Laufe der Jahre selbst gebaut. Aus Massivholz und Bootssperrholz, sodass das Gesamtgewicht des Fahrzeugs bei voller Ausrüstung und Beladung sogar 150 Kilogramm unter dem zulässigen Gewicht von 2300 Kilogramm lag“, erzählt Witt. Damit war der Weg frei für die Wüstenfahrt. Ein leichtes Spiel war’s aber nicht unbedingt, mit dem Bulli durch Libyen zu tuckern. Das Fahrzeug, gefüllt mit allem, was Insassen und Wagen auf einer großen Reise benötigen. Erstere zum (Über)-Leben, Letzterer zum reibungslosen Funktionieren: Schlafplatz für Witt und seine Begleiterin, Kompass und Kartenmaterial („kein Navi!“), 140 Liter Trinkwasser und Lebensmittel für zwei Wochen, Medikamente, knapp 200 Liter Treibstoff, dazu sämtliche Ersatzteile (Wert 5000 DM; im Vergleich hat die Reise selber nur rund 3500 DM gekostet). Von Bayern nach Marseille – um Zeit zu sparen, per Schiff nach Tunis – dann weiter nach Algerien bis nach Libyen.

3500 Kilometer hat Witt in fünf Wochen hinter sich gebracht. Dass der Bulli auf richtigen Straßen immerhin 100 Stundenkilometer schnell fahren kann, sei schon nicht schlecht. Sonst aber sei Geschwindigkeit kein Thema: Ohnehin konnte es durch die libysche Wüste meist nur im Schneckentempo vorangehen. Mal waren es 200 Kilometer, die Witt und seine Begleiterin in vier Tagen zurücklegten, mal vergingen mehrere Stunden, und nicht einmal ein Kilometer war geschafft. Immer wieder gab es kleinere Hindernisse. Oftmals war die Struktur der Landschaft nicht einzuschätzen, da das gängige Kartenmaterial keine genauen Informationen hergab. „Wenn’s zu gefährlich wurde, sind wir umgekehrt, haben eine andere Fahrtrichtung eingeschlagen.“ Wo einst Karawanen unter der glühend heißen Sonne vorbeizogen, rollten Fahrer und Fahrzeug durch das damals touristisch völlig unbekannte und über Hunderte von Kilometern menschenleere Terrain. Er sei einer der ersten Ausländer gewesen, die in den 1980er Jahren, nach der Öffnung für den Tourismus durch Gaddafi, das Land besuchen durfte.

Auch nach 25 Jahren schwärmt Witt noch von den Landschaften Libyens, von Oasen, von Seen und dem Wüstenvulkan Caldera Waw an Namus (übersetzt Tal der Fliegen, „die es dort leider wirklich en masse gab…“), von unbewohnbaren Gegenden, von der beeindruckenden Vielfalt der Wüste. Und von Ghat im Süden von Libyen: Ob sie heute noch existiert, die Lehmstadt, die damals schon im Verfall war? Witt wird es wohl nicht selbst herausfinden können. Wegen der politischen Lage sei es heute zu gefährlich, eine derartige Tour auf eigene Faust durchzuziehen. „Man bekommt von der Regierung zwar immer einen Guide mit auf die Reise durch die Wüste.“ Aus Sicherheitsgründen reise man ja nie allein in solche Gebiete, aber einen dritten Mann an Bord zu nehmen, würde mehr Ausrüstung und damit mehr Gewicht bedeuten. Und dann noch einen, der überhaupt nicht auf gleicher Wellenlänge mit einem Abenteurer sei – das gehe bestimmt nicht gut … Der aufgezwungene Aufpasser passe zudem überhaupt nicht zum Freiheits-Feeling und der damit verbundenen „ergreifenden Demut eines Individuums der Natur gegenüber, die man in zivilisierten Gegenden nie erleben würde“. Je mehr solcher unvergesslicher Eindrücke man im Laufe der Jahre sammle, desto mehr merke man, wie sehr man auch an dem guten, alten Bulli hänge, der nicht einmal Allradantrieb habe.

Eine Herzensangelegenheit anderer Art: Wären die Bulli-Reisen in ferne Länder nicht gewesen – Witt hätte seine aus Kamerun stammende Frau nicht kennengelernt und geheiratet … Die Beziehung zum Bulli begann freilich viel früher und, weil alte Liebe bekanntlich nicht rostet, hält sie inzwischen schon 35 Jahre. Der Tacho seines mit 40 000 Kilometern gebraucht gekauften T1 brachte es auf rund 90 000 Kilometer, der des T2 zeigt aktuell 412 000 Kilometer an. Eine Kurbelwelle sei neu und überhaupt musste der T2 schon mal überholt werden, sagt Witt. „Der Motor aber ist noch von 1978“. Das komplette Auto im Original, mit allem Drum und Dran, wie es damals nach Libyen gefahren ist, wird in Hessisch Oldendorf zu sehen sein: „Einbauten, die auf deutschen Straßen nicht erlaubt sind, setze ich erst vor Ort ein. Deswegen reise ich auch einen Tag früher an“, sagt Witt. Nach dem Veteranentreffen muss alles wieder zurückgebaut werden, bevor es mit maximal Tempo 100 wieder heimgeht ins 800 Kilometer entfernte Karlsfeld.

Und warum rackert er sich nun so ab? Witt lacht: „Ja, man muss schon ein bisschen verrückt sein.“ Der Bulli sei für ihn eben das beste Auto für große Abenteuer. Im Alltag allerdings, da sattelt der Bullifreund denn doch lieber auf eine moderne Pkw-Variante um – keine Frage, im Stadtverkehr ist der kleine Smart ja auch viel praktischer…

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  • … um sich anschließend eine Pause im Schatten zu gönnen.


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