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Der ungewöhnliche Brief eines preußischen Staatsmanns aus dem Jahre 1820

Mit besonderer Hilfe in die Kurstadt

Vor einigen Wochen konnte das Museum im Schloss Bad Pyrmont einen in der Tat ungewöhnlichen Brief erwerben, der von einem Autographen-Sammler vor gut einem Jahr der Pyrmonter Sammlung angeboten worden war. Es ist ein Brief, der am 16. Mai 1820 in Berlin geschrieben und von „ganz der Ihrige Hardenberg“ unterzeichnet wurde.

veröffentlicht am 13.10.2018 um 11:34 Uhr

Blick auf das Schloss in Neuhardenberg in Brandenburg: Karl August von Hardenberg, der die offene Atmosphäre in einem Kurort wie Pyrmont schätzte, ließ das Brandenburger Bauwerk einst modernisieren. Foto: dpa

Autor:

Dr. Dieter Alfter
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Es ist ein Genuss, diesen auf einer Seite klar und deutlich geschriebenen Brief zu lesen – und man ist dann doch überrascht, was dieser hochbedeutende preußische Staatsmann Karl August Fürst von Hardenberg (1750-1822) hier eigentlich ganz persönlich formuliert.

Liebster Spilcker, Ich mache von Ihrem gütigen Erbieten Gebrauch und bitte Sie vom 15ten Juli an bis zum 15ten August, eine Wohnung für mich in Pyrmont zu bestellen. Ich bedarf 3 Zimmer für mich und 3 Zimmer für drei Räthe die mich begleiten werden. Außerdem Wohnung für einen Cammerdiener und 3 oder 4 Bedienstete, die der Räthe eingeschlossen, Stallung für 9 Pferde mit drei Stalleuten. Wo möglich wünsche ich meine Zimmer nicht nach der Sonnen Seiten zu haben. Dass ich mich unendlich freue, Sie wiederzusehen, bedarf wohl keiner Versicherung. Ich füge hier nicht weiter hinzu als das ich unwandelbar bin.

Ganz der Ihrige

Karl August Fürst von Hardenberg besuchte mehrfach Bad Pyrmont. Foto: Stadtarchiv
  • Karl August Fürst von Hardenberg besuchte mehrfach Bad Pyrmont. Foto: Stadtarchiv
„Ich mache von Ihrem gütigen Erbieten Gebrauch“: Der Brief, mit dem Karl August Fürst von Hardenberg einst Burchard Christian von Spilcker um Unterstützung bat. Foto: Stadtarchiv Bad Pyrmont
  • „Ich mache von Ihrem gütigen Erbieten Gebrauch“: Der Brief, mit dem Karl August Fürst von Hardenberg einst Burchard Christian von Spilcker um Unterstützung bat. Foto: Stadtarchiv Bad Pyrmont

Hardenberg

Dies ist nicht etwa ein amtlicher Brief zur Zimmerreservierung aus dem Büro des preußischen Kanzlers, sondern ein persönlich verfasstes Schreiben an seinen Freund Burchard Christian von Spilcker (1770-1838), einem anerkannten Topografen, Historiker und Autor, der zugleich auch Geheimer Rat, Regierungspräsident, dann auch als Regierungsdirektor im Fürstentum Waldeck-Pyrmont tätig war. Hardenberg übertrug ihm die Reservierungen der Zimmer im Badelogierhaus, dem heutigen Fürstenhof. Man stelle sich vor, so eine Reservierung von Zimmern würde heute ein hochrangiger Politiker oder Verwaltungsbeamter auf diese persönliche Art vornehmen.

Tatsächlich lässt sich anhand der im Stadtarchiv überlieferten Kurlisten der Aufenthalt Hardenbergs anschaulich beschreiben. Es ist keine ausschließlich private Sommerreise in einen der damals populärsten Kurorte Deutschlands. Die Reservierung von Zimmern für drei Räthe deutet auch auf einen Aufenthalt, der den Charakter einer „Dienstreise“ hat. Die Kurliste aus dem Jahr 1820 nennt für den 14. August, also später als zunächst geplant, unter der Nummer 1578 die Ankunft des „Fürsten von Hardenberg, Königlich Preußischer Staatskanzler“ im Badehaus, dem vornehmen Fürstenhof direkt am Brunnenplatz.

Aufenthalt in der Kurstand hatte auch einen politischen Charakter

Die nächsten fortlaufenden Nummern beschreiben bis zur Nummer 1585 Mitglieder seiner Reisedelegation, die Bediensteten werden ohne Namensnennung anonym unter der Aufzählung der „Landleute, so die Kur gebrauchen“ erfasst. Die genannten Regierungsmitglieder und Personen von Stand sind laut der Kurliste der Oberregierungsrath Schoell, der Geheime Finanzrath Schaumann, der Justizrath Hellwig, der Hofrath Corte, dazu die beiden Sicherheitsbeamten, die reitenden Feldjäger Kreth und Sonnenberg.

All das spiegelt schon ein wenig wider, auf welche Weise der preußische Staatskanzler seine Präsenz in Pyrmont kommuniziert. Die Kurlisten haben vom Grundsatz her immer die Aufgabe, dass sich die Gäste des Kurortes auf diese Weise der bereits anwesenden Kurgesellschaft vorstellen. Im Umfeld dieser Ankunft gibt es stets eine Reihe von wichtigen Standespersonen, die genau auf diese Situation und Möglichkeit von informellen, mitunter auch offiziellen Gesprächen gewartet haben.

Studiert man die Kurlisten, die je nach Umfang etwa alle drei oder vier Tage als vierseitiges Quartheftchen im Hause Ockel auf dem Brunnenplatz verkauft wurden, dann erweitert sich das Wissen um diesen Kuraufenthalt. Einen Tag zuvor, am 13. August 1820, steigt der Oberhofmarschall Graf von Hardenberg aus Hannover zusammen mit seiner Ehefrau im Haus Windmüller unmittelbar am Eingang zur Brunnenstraße (heute Areal-Haus) ab. Und schaut man noch einmal zehn Tage zurück, findet sich am 3. August 1820 unter der Nr. 1321 der Eintrag von Graf von Hardenberg, dem „Königl. Hannov.würklichen Geheimen Rath“, der zusammen mit seiner Ehefrau Gräfin von Hardenberg und den beiden Töchtern, den Comtessen von Hardenberg, absteigt, die als Familie aus Hardenberg angereist sind. Auch sie logieren im Haus J. Windmüller.

Entscheidend prägte er die Modernisierung von Preußen

Man darf also getrost davon ausgehen, dass neben einer politisch bedeutsamen Reise in den Kurort auch ein privates Familientreffen von Bedeutung war. Zu diesem Kreis darf auch sein Freund und Briefadressat, der Geheime Rath und Hofgerichtspräsident von Spilcker, gezählt haben, der zusammen mit der Waldecker Fürstenfamilie ab dem 1. Juli auf dem Schloss lebt, im Gebäude im Schlossgarten, also in einem der beiden sogenannten Kavalierhäuser rechts und links von der Sommerresidenz.

Dies wirft nun einen ersten Blick auf die Vielfalt der Kommunikationsebenen in diesem Kurort. Für die Familie, speziell für den 1814 von König Friedrich Wilhelm III. in den Fürstenstand erhobenen Karl August von Hardenberg. Ihm waren die Kommunikationsmöglichkeiten in diesem besonderen Ort durchaus vertraut. Als Mitglied eines uralten niedersächsischen Adelsgeschlechts ist er regelmäßig im Badelogierhaus zu Gast, um auf diese Weise Kontakte zu befördern oder neu herzustellen. Nachgewiesen sind die Kuraufenthalte in den Jahren 1778, 1779, 1781, 1782, 1806 und eben 1820. Den Aufenthalt der Königin Luise im Jahre 1806, die ebenfalls im Badelogierhaus wohnte, hat er ganz sicher auch nutzen können, um die Sympathie zu intensivieren.

Die spätere Ernennung in den Fürstenstand mag auf diese Weise positiv unterstützt worden sein. Überhaupt hat der preußische Verwaltungschef ab 1792 eine Vielzahl von Informationen aufnehmen können, die in einem Bad von europäischem Rang diskutiert werden konnten. Schließlich war Karl August von Hardenberg, damals noch Freiherr, von 1804 bis 1807 preußischer Außenminister. Als Freimaurer verstand er es ebenfalls in Pyrmont, Gesprächspartner und Kontakte über die Loge „Friedrich zu den drei Quellen“ zu knüpfen.

Als Mitinitiator der „Stein-Hardenberg’schen Reformen“ prägte er entscheidend die Modernisierung Preußens, trat er ein für einen liberalen Verfassungsstaat, plädierte für eine einheitliche Verfassungspolitik, für Gewerbefreiheit, für die Bauernbefreiung und die Judenemanzipation. Hardenberg liebte die besondere urbane Situation auf dem Lande, er schätzte die offene Atmosphäre in einem Kurort wie Pyrmont.

Als er 1814 mit der Erhebung in den Fürstenstand von dem preußischen König Friedrich Wilhelm III. die Herrschaft Neu-Hardenberg erhielt, ließ es dieses Schloss Neu-Hardenberg von Schinkel klassizistisch überformen und modernisieren, zudem einen bemerkenswerten Park anlegen. Ist es Zufall oder schwingt hier immer noch die Naturnähe von Bad Pyrmonts Parklandschaft mit? Auf alle Fälle hat der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder häufig im Sommer den Park für Kabinettsklausuren der Bundesregierung genutzt. Nicht im Gebäude, sondern im Schatten der alten Bäume im Park. In einem solchen Freiraum zu denken und zu diskutieren, das kommt der sinnstiftenden Atmosphäre der Hauptallee und den Parkanlagen doch sehr entgegen.

Karl August Fürst von Hardenberg war in seinem Leben dreimal verheiratet. Sein Kritiker von Marwitz hat ihn so charakterisiert: „Übrigens war Hardenberg von hellem Blick, einnehmendem Wesen, aber leichtsinnig, liederlich, und hatte die Art und Unerfahrenheit eines Jünglings mit in sein graues Alter hinübergetragen, daher nicht faul, doch immer seinen Geschäften nicht gewachsen und jederzeit von augenblicklichen Eindrücken bestimmt. So wie er sein lebenlang mit den Weibern unredlich war, eine nach der andern heiratete, entführte, sitzen ließ, und noch zehn andere neben ihr frequentierte….“ Irgendwie auch ein Bild, das dem Kurort Pyrmont im 18. und 19. Jahrhundert nicht ganz unbekannt ist.



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