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Wie Redaktionen ihre Arbeit transparenter machen können

Misstrauen in die Medien?

Am 2. Mai startet unsere Reihe „Nichts als die Wahrheit“, in der wir uns mit Glaubwürdigkeit in die Medien und „Lügepresse“-Vorwürfen beschäftigen. Den Auftakt macht die Frage: Was können Medien tun, um ihre Arbeit besser zu erklären? Und: Was kann vom Publikum kommen?

veröffentlicht am 02.05.2017 um 08:00 Uhr
aktualisiert am 16.05.2017 um 14:03 Uhr

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Redakteurin / Online zur Autorenseite

„Kann den wer anzünden, bitte?“ Diese Frage wurde auf einer öffentlichen Facebook-Seite gestellt. Mit „den“ war ein Journalist gemeint. Was er getan hatte, um diese Todesdrohung zu bekommen?

Er hatte über Twitter vorgeschlagen, dass der Österreichische Rundfunk ORF Nachrichten doch optional mit türkischen Untertiteln senden könne. Es dauerte nicht lange, bis die Beschimpfungen kamen. Und eben diese Frage: „Kann den wer anzünden, bitte?“

Florian Klenk ist Journalist und arbeitet für das österreichische Magazin „Falter“. Ihm galt diese Drohung. Als Reaktion darauf machte er sich auf die Suche nach dem Verfasser und traf sich mit ihm. Sein Artikel über diese Begegnung, „Boris wollte mich verbrennen“ vom November 2016, ist eine Geschichte darüber, welche Extreme das Misstrauen gegenüber den Medien inzwischen annehmen kann.

Laut Klenk konsumiert der Mann, der die Verbrennung des Journalisten forderte, kaum TV-Nachrichten, Zeitungen hat er noch nie abonniert. Seine Informationen kommen von Facebook und YouTube. Journalisten misstraue er, weil sie in seinen Augen gesteuert werden. Dabei sei er nicht einfältig, sondern gehobener Mittelstand und politisch interessiert.

Diese Geschichte ist ein extremer Fall, führt aber zu einer Kernfrage: Wie damit umgehen, wenn Menschen den Medien derart misstrauen?

Dunja Hayali überlegt lange. Gerade hat ihr eine Reporterin genau diese Frage gestellt. Für die ARD-Reportage „Vertrauen verspielt?“ vom Juli 2016 über die Glaubwürdigkeitskrise der Medien wurde unter anderem Hayali interviewt. Sie weiß, wie alle Journalisten: Vertrauen die Menschen nicht darauf, dass professionelle Journalisten gute Arbeit leisten, steht diese Arbeit auf wackligen Füßen.

Schließlich zählt Hayali „kleine Mosaikstücke“ auf, durch die man das Vertrauen zurückgewinnen könnte. Zum Beispiel: Menschen erklären, wie Journalisten arbeiten. Kritische Medienkonsumenten zu Hause besuchen. Menschen einladen, Journalisten einen Tag lang zu begleiten. Mit Medienkritikern auf der Straße ins Gespräch kommen.

Für genau diese Dinge, und ihre Offenheit, erhielt die Journalistin 2016 den Fernsehpreis „Goldene Kamera“. Ihre Dankesrede wurde tausendfach im Internet geklickt. Die „Mosaikstücke“, die sie aufzählt, sind Instrumente, um die journalistische Arbeit transparent zu machen.

Transparenz bedeutet Klarheit. Es geht darum, Informationen offenzulegen. „Kommunikative Transparenz“ werde in der Forschung als ein Faktor aufgeführt, der zu mehr Vertrauen führen kann, er trägt „zur Genese von Akzeptanz bei“, so Forscher Günter Bentele. Müssen Redaktionen also transparenter arbeiten, um glaubwürdiger zu werden?

Es ist Aufgabe des Journalismus, Transparenz herzustellen, beispielsweise über politische Entscheidungen oder Unternehmen.

Aber über sich selbst?

Damit tut sich Journalismus bislang oft noch schwer. In Deutschland galt Transparenz bislang nicht als wichtiges Qualitätsmerkmal. Vor dem Hintergrund der „Lügenpresse“-Vorwürfe scheint sich dies derzeit jedoch zu ändern: „Transparenz rüttelt am traditionellen journalistischen Wert der Objektivität“, schreiben die Forscher Klaus Meier und Julius Reimer. Kommunikation und Diskussion seien „die neue Richtschnur in vielen Redaktionen.“

Dabei schlagen Meier und Reimer eine Differenzierung vor: Transparenz nicht nur über den Gegenstand der Berichterstattung („Fremd-Transparenz“) herstellen, sondern auch über sich selbst („Selbst-Transparenz“).

Einfache Mittel der „Selbst-Transparenz“ sind: Quellen offenlegen, fehlende Informationen anzeigen, Recherchewege erklären, Gesprächspartner mit ihrer Funktion nennen.

Aber es geht auch aufwendiger. In Schweden oder den USA werden Redaktionskonferenzen ins Internet übertragen, werden Redaktionen für Publikum geöffnet, und sogenannte Leseranwälte oder Ombudsleute sind explizite Mittler zwischen Journalisten und Publikum.

Neuere Methoden sind persönlich betreute Online-Chats mit den Lesern oder Liveübertragungen und ganze Fernsehsendungen, die zeigen, wie eine Redaktionskonferenz abgehalten wird oder ein Beitrag zustande kommt.

Bekannt geworden sind auch die zehn Thesen zum „open journalism“ von Alan Rusbridger, dem ehemaligen Chefredakteur der britischen Zeitung „The Guardian“. Verkürzt wiedergegeben, soll dieser „offene Journalismus“ die Teilnahme des Publikums ermöglichen, die Bildung von Interessensgruppen unterstützen, Debatten von außerhalb anstoßen, die Arbeit anderer miteinbinden, offen für das Internet sein, andere Autoritäten oder Experten zulassen, Kritik gegenüber offen und transparent sein und die Veröffentlichung als Beginn des journalistischen Prozesses, nicht als dessen Ende begreifen.

Für eine solche Öffnung ist auch eine neue Fehlerkultur vonnöten, das Verständnis, dass Fehler machen erlaubt ist. Ja, auch im Journalismus.

Diesen Zusammenhang stellte MDR-Intendantin Karola Wille her, als sie Anfang des Jahres 2016 den ARD-Vorsitz übernahm: „(…) eine Fehlerkultur, die von Offenheit und Kritikfähigkeit gegenüber den Beitragszahlern bestimmt ist“, sei „auch Grundlage für aufklärenden Journalismus heutzutage“. Nur wer weniger Angst vor Fehlern hat, kann die eigene Arbeit öffnen. Wer die Arbeit als Prozess versteht, wird weniger Angst vor Fehlern haben.

Für dieses prozesshafte Verstehen journalistischer Arbeit haben (auch) die sozialen Netzwerke gesorgt. Durch sie hat sich Journalismus von dem Anspruch befreit, am besten zu wissen, was den Nutzer zu interessieren hat und wann man es ihm präsentiert.

Elmar Theveßen, stellvertretender Chefredakteur des ZDF, formulierte es gegenüber dem „Medium Magazin“ so: „Früher konnten Journalisten so tun, als ob sie etwas als Erstes wüssten. Das geht im Zeitalter der sozialen Medien nicht mehr – zum Glück.“

Dazu gehört auch der Mut, dem Publikum zu zeigen, dass man nicht alle Lösungen parat hat, sondern ebenfalls auf der Suche ist. Die „Lügenpresse“-Vorwürfe bringen daher hoffentlich auch Gutes in den Redaktionen hervor, einen Paradigmenwechsel: Nach außen zu tragen, dass niemand die Wahrheit für sich gepachtet hat.

Soziale Medien stellen auch in anderer Weise neue Kanäle für transparentes Arbeiten dar. Die eingangs erwähnte Fernsehjournalistin Dunja Hayali ist bekannt dafür geworden, auf Facebook und Twitter äußert aktiv zu sein. Sie zeigt ihre Arbeit, erklärt sie, kommentiert aktuelles Geschehen. Sie zeigt sich auch privat, etwa hinter den Kulissen von Sendungsproduktionen oder mit ihrer Hündin Emma.

Darin stecken viele Chancen: Man kann mit Kritikern diskutieren, Fragen beantworten, Stellung beziehen, Falschaussagen entlarven und dem Journalismus ein Gesicht geben. Dies kann dem Umstand vorbeugen, dass Kritiker pauschal „dem Journalismus“ misstrauen. Dass Journalismus von Menschen gemacht wird, wird vor dem Hintergrund sogenannter Shitstorms und von Hasskommentaren schnell vergessen zu werden.

Das Angebot der Kommunikation über soziale Netzwerke ist daher in vielen Redaktionen eine Selbstverständlichkeit: Es ist oft deutlich gekennzeichnet, von welchem Autor welcher Beitrag stammt, und wie der Autor über E-Mail-Adresse, Telefonnummer und auch Facebook und Twitter zu erreichen ist.

Doch diese Personifizierung ist ein zweischneidiges Schwert: Man macht sich als Journalist sehr viel angreifbarer. Wer sich beispielsweise als „Social Media Manager“ einer medialen Homepage mit Facebook-Kommentaren und Hassmails auseinandersetzt, hat keinen leichten Job. Man muss sich ein dickes Fell gegen Beleidigung, Drohungen und Verleumdung zulegen.

Gerade, wenn eine Debattenkultur kaum mehr herzustellen ist und man vor lauter Hasstiraden die ernsthaften Kommentare kaum mehr sondieren kann. Diskussionswellen schlagen besonders bei emotionalen Themen hoch, beispielsweise bei der Flüchtlingsthematik.

So hoch, dass auch Transparenz nicht immer wirken kann: „Auch dialogorientierte Kommunikation gerät an ihre Grenzen, wenn hochemotionale und wertbeladene Themen zur Diskussion oder sich zwei nicht miteinander vereinbare Positionen gegenüberstehen“, so Forscherin Patricia Grünberg.

Es ist Aufgabe der Redaktionen, Diskussionen auf der eigenen Homepage oder Facebook-Seite konstruktiv und fair zu halten – allein aus rechtlicher Sicht, aber auch, um eine Atmosphäre für Debatten zu schaffen. Doch dafür ist auch das Publikum gefragt.

Sowieso muss nicht nur bei den Journalisten, sondern auch beim Publikum ein Umdenken einsetzen. Dies fängt bei grundsätzlichen Fragen an: Was ist mir Journalismus wert? Was verstehe ich unter Journalismus? Setze ich mich ernsthaft mit ihm auseinander? Ist meine Kritik differenziert, im besten Fall sogar konstruktiv?

Das Beispiel des Journalisten Florian Klenk vom Anfang dieses Artikels, der jenen Menschen besuchte, der Klenks eigene Verbrennung vorgeschlagen hatte, zeigt die Dringlichkeit eines verstärkten Dialogs zwischen Publikum und Journalist: Dieser Mann konsumierte Journalismus nicht. Aber er misstraute ihm und warf ihm Manipulation vor. Er hatte sich abgewandt, bevor er sich überhaupt darauf eingelassen hatte. Sieht so ein Dialog aus? Und wenn kein Dialog gewollt ist: Was dann?

Redaktionen bieten schon seit Jahrzehnten Wege für das Publikum an, um mit ihnen in Kontakt zu treten. Klassiker sind zum Beispiel die Lesertelefone oder direkte Aufrufe ans Publikum, Themen oder Probleme an die Redaktion heranzutragen. Die Redakteure nehmen die Themen der Leser dann auf und recherchieren Erklärungen oder Lösungen. Vor allem Lokalredaktionen sind offen für Besuche, Themen-Ideen und konstruktive Gespräche.

Daher muss ein Appell nicht nur an die Journalisten gerichtet werden, transparenter und prozesshafter zu arbeiten. Es muss auch der Appell hinaus ans Publikum gehen: Gelegenheiten wahrzunehmen, um Themen-Ideen, Kritik und Wünsche zu äußern. Eine Atmosphäre des Dialogs zu schaffen. Sich nicht abzuwenden, sondern hinzuwenden. Zwischen Journalist und Publikum sollte es doch vor allem um eines gehen: um Austausch auf Augenhöhe.


Mehr zum Thema morgen in der Zeitung: Wie wählt eine Redaktion ihre Themen aus?

WEITERLESEN? Dies ist eine Zusammenfassung des Kapitels „Journalistische Transparenz – eine Chance für die Glaubwürdigkeit?“ aus dem Buch „Meinung Macht Manipulation“, erschienen 2017, Westend Verlag, ISBN 978-3-86-489-165-6.



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