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Wer etwas wissen will, der „googelt“ eben – und das zig Mal am Tag / Ein persönliches Eingeständnis

Mein Sekretär: die Suchmaschine

Fünfzig Mal pro Woche – so oft befragt, durchschnittlich gesehen, ein Internetnutzer bei Google an, damit die Suchmaschine ihm den Weg durch das unendliche Internet weist. Hin zu dem, was der Nutzer denn gerade wissen will.

veröffentlicht am 27.08.2013 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 10.10.2017 um 09:20 Uhr

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Reporterin zur Autorenseite

Ich kann da nur lachen. Fünfzig Mal googeln, das schaffe ich locker an einem einzigen Tag. Ohne Google würde mein Leben total umgestülpt werden, nicht viel anders, als wäre ich plötzlich blind oder taub. Allein für die Vorbereitung auf das Verfassen dieses Artikels, habe ich sicher acht Anfragen losgeschickt, 40 unterschiedliche Seiten angeklickt und mindestens fünfzehn Texte gelesen. Ein Rätsel ist für mich inzwischen, wie ich auch schon vor 15 Jahren in der Lage war, für eine Tageszeitung zu arbeiten.

Mein (virtueller) Tag mit Google, so etwa sieht er aus: Eine der ersten Fragen ist fast immer die nach Namen und Telefonnummern. Wie heißt nochmal der Vereinsvorsitzende, mit dem ich gestern sprach? Welche Durchwahl hat der Erste Stadtrat? Wer ist zuständig in einer Beratungsstelle? Wo sitzen Menschen, die mir was zu Autodiebstahl, Paartherapie oder Überwachungskameras erzählen können?

Die Universal-Bibliothek direkt vom Schreibtisch

aus betreten können

Google ist mein Freund, mein treuer Helfer, der mir unzählige Telefonate erspart und oftmals auch peinliche Nachfragen, bei Ortsterminen, etwa, wenn ich nicht mitbekommen habe, wie der Name eines durchaus bekannten Redners eigentlich geschrieben wird. Wo früher meine private Sammlung überlebenswichtiger Kontakte und Adressen die „sine qua non“ für einen halbwegs rationalisierten Arbeitstag darstellte, ist heute mein Sekretär, die Suchmaschine, zuständig.

Habe ich gefunden, was ich brauche, dann kommt das Schnellstudium rund um die gerade zu bearbeitenden Themen. Schließlich will ich in den Interviews mit Fachleuten nicht als der mehr oder weniger unwissende Laie auftreten, der ich eigentlich bin, sondern als ein auch in abseitigen Bereichen durchaus informierter Mensch, der überraschend kluge Fragen stellen kann. Ob Helmpflicht oder Trauma-Bewältigung, ob Denkmalschutz, Platon und die Liebe oder die Geschichte des Irish-Folk-Festivals in Möllenbeck: Meine Universal-Bibliothek steht für mich bereit und ist direkt vom Schreibtisch aus zu betreten.

Ohne den Wegweiser zu den nötigen Informationen brauchte ich manchmal Tage, um mich kundig zu machen, mit Google-Hilfe ist das meistens in wenigen Stunden erledigt.

Doch auch außerhalb des Berufsalltags nutze ich die Suchmaschine so selbstverständlich, als sei da ein Diener an meiner Seite, der mir auf Wunsch jede Frage beantwortet; der Texte, Filme, Bilder anschleppt und auch alle nur denkbaren Landkarten parat hat. Jemand schwärmt von einem Song? Dann hör ich ihn mir doch gleich mal an, Google listet mir alle Musikvideos auf, und dazu auch nach, unter dem zusätzlichen Stichwort „lyrics“, die entsprechenden Texte, falls ich in Mitsingstimmung bin. Jemand erzählt mir von einem Film?

Es ist kein Problem, sämtliche Kritiken dazu auf einen Schlag vor mir zu haben, die Trailer auch und ob ein Film vielleicht grad im Kino in der Nähe läuft. Ob mir wohl ein bestimmtes Buch gefällt? Google leitet mich zu Leserkommentaren und zu Seiten, wo ich direkt Ausschnitte daraus lesen kann.

So leicht war es nicht immer. Die Suchmaschinen mussten erst lernen, wie sie in Sekundenschnelle die gewünschten Ergebnisse präsentieren konnten. Als im Jahr 1990 in Montreal das erste Programm dieser Art entwickelt wurde, konnte es noch keine einzelnen Texte untersuchen, sondern nur die Titel und groben Schlagwörter für ganze Dateien. Stichworte wie eines, das ich kürzlich nutzte, „Rinteln Henker“, wären damals ins Leere gelaufen, auch dann, wenn es schon Seiten wie diejenige der Stadtführergruppe „Weiberschnack“ gegeben hätte, die nun sofort erscheint, weil inzwischen alle, aber auch alle Texte, die irgendwo im Netz gespeichert sind, von sogenannten „robots“ indiziert werden, mit (fast) jedem Wort, das in ihnen vorkommt.

Dass ich obendrein nicht an vorderer Stelle irgendeinen abseitigen Bericht über einen Herrn „Alois Henker“ erhalte, sondern schnell genau da fündig werde, wo es für mich sinnvoll ist, hat mit der ausgefeilten Programmierung dieser „robots“ oder „crawler“ zu tun, die anhand von vielerlei Algorithmen erkennen, in welchem thematischen Zusammenhang ein Stichwort steht und wie relevant und seriös die Seite ist, auf der es vorkommt.

Ich erinnere mich noch gut, wie enttäuscht vor einem Jahrzehnt viele Internetneulinge waren, denen ich die Online-Bibliothek anpries und die unter den tausend Suchergebnissen nicht das für sie Sinnvolle entdecken konnten. Heute weiß man: Was auf den ersten von Google aufgelisteten Seiten nicht zu finden ist, wird einen in den meisten Fällen auch nicht weiterbringen.

Einen Preis allerdings hat diese alles in allem effektive Such-Möglichkeit. Sucht man nach Dingen, die man kaufen kann, nach Orten, die um Touristen werben, nach Hilfeleistungen, für die man auch bezahlen könnte, dann sind die entsprechenden Anbieter meist ganz oben auf der Ergebnisliste und man muss schon etwas Übung haben, um rein kommerzielle Seiten von solchen zu unterscheiden, die echte Informationen bieten. Auch speichert Google die Suchanfragen. Jedenfalls für alle, die sich dort über ein Google-Konto anmelden oder diejenigen, die nicht regelmäßig Cookies löschen, so dass man (Werbe-)Links erhält, die mit vorherigen Suchen im Zusammenhang stehen – auch, wenn man das gar nicht wünscht.

Umgehen kann man das mit der Routine, die man allmählich beim Suchen erwirbt, oder damit, dass man – anders als weit über 90 Prozent aller deutschen Nutzer – alternative Suchmaschinen nutzt, etwa „Metager“, die keinerlei Nutzerdaten abspeichern.

Männer und Frauen

suchen unterschiedlich nach Antworten

Und nun: Will ich am Wochenende meine Freundin besuchen, sagt Google mir, wie das Wetter an ihrem Wohnort sein wird, wie ich auf dem schnellsten Weg dorthin komme, wie viele Baustellen mich auf der Autobahn erwarten und, tagesaktuell, wie es um die Verkehrslage steht. Soll es heute Abend überbackenen Schafskäse geben, muss ich nicht in meinem Kochbuch suchen, sondern habe gleich unzählige Rezepte samt Fotos zur Verfügung. Ein Rotweinfleck auf dem Teppich? Die Suchmaschine führt mich zu Seiten wie „Frag Mutti“, und schon weiß ich, was zu tun ist. Scheint mir mein PC irgendwie so langsam zu sein, gebe ich die entsprechende Frage ein und schon finde ich in Computer-Foren allerlei Tipps, woran das liegen könnte. Zugegeben, es kann ein bisschen dauern, bis ich Antworten finde, die meinem Verständnishorizont entsprechen, und doch habe ich mir mein nicht geringes Wissen über das Beheben von PC-Problemen ganz allein mit Google-Hilfe angeeignet.

Männer und Frauen sollen übrigens auf recht unterschiedliche Weise nach Antworten suchen. Ein beliebter Witz erzählt, wie es aussähen würde, wenn es um Infos rund um ein Auto ginge. Das Männerstichwort: „BMW 3er Touring E91“. Die Frauen: „Blaues Auto mit Schiebedach“. Darüber hinaus fanden Studien heraus, dass Männer auf der Suche nach Hilfe recht pragmatisch knapp und präzise bleiben, während die Frauen Google eher wie einen Trupp menschlicher Helfer betrachten.

Wo also Männer schreiben „Film kostenloser Download“ geben Frauen ein: „Weiß jemand, wie und wo man einen Film kostenlos downloaden kann?“ Die einen werden dann zu einer reinen Informationsseite mit praktischen Weiterleitungen geführt, die anderen landen auf der Seite „Gute Frage“, wo sie mit Glück auch gute Antworten erhalten, oft aber auch nur diffuses Wischiwaschi.

Je nach Stimmung bekommt die Google-Suche in den Abendstunden noch einmal einen anderen Charakter. Da ich mich oft online mit anderen Menschen über verschiedenste Dinge unterhalte, studiere ich unvermutet so abseitige Dinge wie die Liste sämtlicher Phobien (da gibt es zum Beispiel die „Nomophobie“, die Angst davor, ohne Handykontakt dazustehen), klicke ich die Webcam einer Urlaubsstadt an, suche unter „Google-Bild“ nach einem Foto (letztens ging es um Achselhaare), um es zur Illustration in einem Forum zu verlinken, oder lande aufgrund eines Hinweises bei Zeitungsartikeln von Zeitungen, die nicht in meiner Lesezeichenliste stehen. Auch Selbsthilfeseiten kommen manchmal in den Blick, etwa, wenn jemand von seiner Freundin erzählt, die mit ihren Eltern nicht klarkommt.

Manchmal auch lande ich von mir aus in Foren, wo andere Menschen Hilfe bei Lebensproblemen suchen und dann ihre individuelle Geschichte erzählen. Das kann tröstlich sein, wenn man auch gerade Anlass hat, unzufrieden oder ratlos zu sein. Stichworte wie „Liebeskummer“ oder „Übergewicht“, „Verzweiflung“, Tod“ oder „Ich weiß nicht mehr weiter“ (alle natürlich nur willkürlich gewählt) nehmen einen mit in Alltag oder Abgründe menschlicher Seelenzustände und zeigen nebenbei auch, wie viel einfühlsame Ratschläge Hilfesuchenden oft gegeben werden.

Packt mich Langeweile oder will ich einfach noch nicht ins Bett, dann ist es gefährlich, die Suchmaschine mit dem Wort „Browserspiel“ zu füttern. Schwupps landet man auf Zeitvernichtungsseiten mit Hunderten von kleinen Online-Spielen, die auf fatale Weise süchtig machen können (aktuell zwingt mich „Smarty Bubbles“ lauter bunte Kugeln mit bunten Kugeln abzuschießen). Da hilft dann nur der „Google-Timer“, der einen nach vorgegebener Zeit durch ein aufschreckendes Geräusch daran erinnert, dass für heute Schluss sein muss und ja auch morgen noch ein Google-Tag ist.

Namen, Adressen, Telefonnummern, Informationen aller Art – es gibt kaum etwas, was nicht „gegoogelt“ werden kann. Etwa fünfzig Mal pro Woche geben Deutsche im Durchschnitt einen Begriff in die Suchmaschine ein. Unsere Autorin übertrifft das bei Weitem. Sie verrät: Google ist zu einem Freund und Vertrauten geworden – ein täglicher Ansprechpartner.



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