weather-image
19°
×

Tüftler aus Bad Münder hat ein Bremslicht für Zweiräder erfunden

Mehr Sicherheit auf dem Rad?

Autos haben Bremslichter, Motorräder, Roller – nur Fahrräder nicht. Warum eigentlich? Eine Frage, die sich Mountainbiker Roland Balzereit schon länger gestellt hat. Denn wenn es dämmerig wird im Wald, ist es durchaus vorteilhaft, wenn man sieht, wann der Vordermann bremst. Weil es ein dynamisches Bremslicht, wie er es sich vorstellte, nicht gab, fing er selbst an zu tüfteln.

veröffentlicht am 03.07.2015 um 17:12 Uhr
aktualisiert am 10.07.2015 um 16:36 Uhr

Autor:

Ein Blick in die Unfallstatistik zeigt, Rad fahren ist durchaus nicht ungefährlich. Sicherheit ist daher oberstes Gebot: Ein Helm, Rückstrahler, Reflektoren in den Speichen, eine funktionsfähige Lichtanlage und verkehrssichere Bremsen sind unerlässlich und außerdem gesetzlich vorgeschrieben. Roland Balzereit aus Bad Münder aber will noch mehr.

Ein Beinahe-Auffahrunfall seines Trainingskollegen hat den passionierten Mountainbiker und Tüftler auf die Idee gebracht, für sein Rad ein dynamisches Bremslicht zu entwickeln. „Da die Verzögerung durch gute Bremsen beim Fahrrad sehr stark sein kann, kann man gerade bei Dämmerung und in der Gruppe Bremsvorgänge oft nur schwer wahrnehmen“, erläutert Balzereit. „Hier bedeutet der Einsatz eines dynamischen Bremslichtes – wie bei Motorrädern oder Autos, bei denen bereits das Suchen des Bremspunktes als Bremsvorgang angezeigt wird – ein echtes Plus an Sicherheit.“

Das Problem hierbei war die Signalabnahme an den Bremsgriffen, da diese sich abhängig von ihrer Bauart und Technik erheblich unterscheiden können. Balzereits nachrüstbare, analoge Lösung schafft hier die Möglichkeit, mechanische und hydraulische Bremssysteme diverser Hersteller mit einem einfachen Bremslichtschalter als Signalgeber auszustatten.

Roland Balzereit hat ein dynamisches Bremslicht für Fahrräder erfunden. Nun sucht der Tüftler aus Bad Münder Partner in der Industrie, um die Erfindung zu vermarkten. eaw

Monatelang hat der Münderaner getüftelt, Formen erst aus Bienenwachs, dann aus Silikon erstellt, Signalgebevorrichtungen entworfen und schließlich einen kleinen Bremslichtschalter gefertigt. „Einfach, aber sehr wirkungsvoll“, stellt er stolz fest. Seinen Antrag auf Erteilung eines Patents für die dabei verwendete Verfahrenstechnik, also die Art, wie die Teile zusammenwirken, hat ihm jetzt das Deutsche Patentamt in München genehmigt. „Das Ganze ist so etwas wie eine parallele Erweiterung des guten alten Bowdenzuges“, erklärt der 47-Jährige. Aber mit der Erteilung des Patents hat für ihn die eigentliche Arbeit erst begonnen. „Die Idee, die Erfindung und die technische Realisierung, das ist eine Seite, viel schwieriger und nervenaufreibender ist dagegen die Umsetzung und die Vermarktung“, hat Balzereit erfahren.

Der Geschäftsführer vom Hamelner Fahrradgeschäft „Bunny Hop“, Norbert Winter, findet „es ganz klasse, dass sich da jemand Gedanken macht, wie Radfahren sicherer werden kann“. Die Idee sei sehr zu begrüßen, schließlich seien Radfahrer diejenigen auf der Straße, die den größten Gefahren ausgesetzt seien. Solche Bremslichter gebe es aktuell im Handel noch nicht, das sei „eine ganz spezielle Geschichte“, so Winter. „Alles ist sinnvoll, was die Sicherheit erhöht.“

„Technische Entwicklungen am Fahrrad, vor allem, wenn sie der Sicherheit dienen, sind immer zu begrüßen“, sagt auch Horst Maler vom ADFC Hameln-Pyrmont. Allerdings sei weder in Hameln-Pyrmont noch auf Landes- und Bundesebene das Thema „dynamisches Bremslicht“ bislang thematisiert worden. Malers Einschätzung: „Einen möglichen Nutzen sehe ich in erster Linie bei Radtouren mit einer größeren Gruppe. Hier wird teilweise auch recht schnell und mit geringen Abständen zu Vorder- und Hintermann gefahren. Im Alltagsverkehr allerdings halte ich den Nutzen eher für begrenzt. Ein derartiges Bremslicht als gesetzlich verordneten Standard halte ich derzeit für nicht erforderlich.“

Malers Einschätzung teilt auch der ADFC-Landesvorsitzende Dieter Schulz: „Ein solches dynamisches Bremslicht ist für uns nicht unbedingt notwendig. Die Notwendigkeit einer permanenten Stromquelle ist eher ein Nachteil. Und in der Alltagstauglichkeit erkennen wir keine sinnvolle Verhältnismäßigkeit.“ Etwas anders sieht es ADFC-Sicherheitsexperte Bernd Zanke: „Alles, was der Verkehrssicherheit dient, ist positiv.“ Das Problem bei solchen Neuerungen sei in der Regel, dass es erst mal in die Köpfe der Menschen hineinmüsse.

Dabei scheint genau das schon einmal so gewesen sein: Die Idee, beim Bremsen ein Stopplicht aufleuchten zu lassen, wurde bereits im Frühjahr 1957 in der ehemaligen DDR angedacht. Bis Ende 1962 wurde das Stopplicht „Stopfix“ der Leipziger Firma Theilig als Zubehörteil angeboten.

Mit „STOPFIX“ bestand die Möglichkeit, beim Bremsen ein Bremslicht aufleuchten zu lassen. Dieses Bremslicht wurde durch einen kleinen elektrischen Kontakt eingeschaltet, der an die Felgenbremse oder Rücktrittbremse montiert wurde. Der Strom für das Bremslicht kam aus einer zusätzlichen Batterie, die in einem Duroplast-Gehäuse untergebracht wurde. Das Patent für das „Stopfix“-Bremslicht wurde im Januar 1959 eingetragen.

Auch der deutsche Radlicht-Experte Busch & Müller bietet seit etwa zwei Jahren ein „Bremslicht“ an, das aber in Deutschland nicht so genannt werden darf. Der Begriff „Bremslicht“ darf nur im Zusammenhang mit Kraftfahrzeugen verwendet werden. Das „DiWA-Distanzwarnlicht“ arbeitet mit einem Geschwindigkeitssensor im Fahrrad-Nabendynamo. Registriert der eine markante Verminderung der Geschwindigkeit, leuchtet das Rücklicht deutlich heller auf. Bei ausgeschaltetem Scheinwerfer leuchtet das „Bremslicht“ jedoch nicht separat auf. „Allerdings ist dieses System an den Nabendynamo gebunden, sagt Balzereit, „und in der Anschaffung nicht gerade billig.“ Desweiteren sei das Distanzwarnlicht ein reaktives System, beim Aktivieren leuchte das Bremslicht schon beim Suchen des Bremslichtes auf. Die entscheidende Frage für Balzereit wird die nach der Vermarktung sein. Dazu sagt Winter von „Bunny Hop“: „Die großen Hersteller fragen sofort nach den Kosten und nach der Anfälligkeit des Systems. Schließlich wird auch der Fahrradmarkt vom Preis bestimmt.“

Einige führende Fahrradhersteller und -ausstatter haben sich bislang eher zurückhaltend geäußert und auf die Problematik der Zulassung im Straßenverkehr hingewiesen. Auf Anfrage beim TÜV Nord heißt es: „Leider können unsere Sachverständigen, ohne das System zu kennen, keine qualifizierte Stellungnahme zu der Erfindung abgeben.“

„Ich werde mich deshalb jetzt verstärkt um die rechtliche Seite und die Genehmigung etwa durch den TÜV kümmern“, kündigt der Erfinder an. Balzereit weiß, dass finanzstarke Firmen und ihre Rechtsabteilungen häufig vorerst nur deutschlandweit und auf ein Jahr beschränkte Patente oft im benachbarten Ausland geringfügig verändert auf den Markt bringen. „Das ist dann so was wie Ideenklau und Abkupfern“, fürchtet er. Immerhin habe er in 160 Staaten derzeit ein Vorkaufsrecht auf seine patentierte Verfahrenstechnik.

Dennoch müsse die rechtliche Seite jetzt schnellstens geregelt werden. „Für meine Patenterweiterung bräuchte ich Partner, die von meiner Idee überzeugt sind und die mir ermöglichen, mein Patent auf den europäischen Raum auszudehnen“, sagt Balzereit. Knapp ein Jahr hat er noch Zeit, sich die Rechte auf seine eigene Idee europaweit zu sichern.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2021
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Anzeige
Anzeige