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Der Hamelner Hausberg Klüt hat bei der Stadt offensichtlich keine Priorität

Mehr Schein als Sein?

Will die Stadt etwa Gras wachsen lassen über ihre Geschichte? Beim Anblick der moosbewachsenen und teilweise im Zerfall begriffenen Denkmäler im Klütwald kann man sich dieses Eindrucks nur schwerlich erwehren. Und es sind nicht nur die verwitternden Denkmäler, die sich selbst überlassen zu sein scheinen. Ein Spaziergang über den Klüt.

veröffentlicht am 29.03.2016 um 19:08 Uhr
aktualisiert am 06.12.2016 um 11:45 Uhr

Philipp Killmann

Autor

Reporter zur Autorenseite

Marode Schutzhütten, vergammelnde Sitzbänke, desolate Brunnen, Treppengeländer ohne Treppe und verwitternde Denkmäler legen den Schluss nahe, dass der Hamelner Hausberg nicht weit oben auf der Prioritätenliste der Stadt steht. Besonders tragisch: Mit dem Kleinschmidt- und dem Heise-Denkmal werden gleich zwei ursprünglich imposante Anlagen vernachlässigt, die ausgerechnet den beiden Männern zu Ehren errichtet wurden, die einst tatkräftig dafür eintraten, den Klüt zu dem ureigenen Erholungsgebiet der Hamelner Bürger zu machen, das er bis heute ist.

Am oberen Ende der Reden-Allee sitzen Anne und Heiko Riggert auf der Bank am Heise-Denkmal. Sie wohnen in unmittelbarer Nähe und nutzen den Klüt schon seit eh und je für ihre Spaziergänge. Letztere sind inzwischen etwas kürzer geworden, die Kraft von Heiko Riggert reicht jetzt nur noch bis zum Heise-Denkmal. „Aber zum Glück gibt es hier ja diese Bank“, sagt Anne Riggert, nicht ohne anzumerken: „Noch gibt es sie.“ Die Holzbank ist nämlich morsch. Jetzt fürchten die Riggerts, die Bank könnte bald ersatzlos abgebaut werden. „Das wäre dann wohl auch das Ende unserer Spaziergänge“, sagt Anne Riggert besorgt. Ihr Mann zeigt auf die Schutzhütte nebenan. „Da muss auch was passieren“, sagt er. „Da regnet‘s schon durch!“ Tatsächlich macht die Hütte keinen sehr einladenden Eindruck. Das Holz ist grau, die Bänke sind unvollständig und die Wände verunziert. Wenn das der strenge Oberpostmeister Friedrich Wilhelm Heise (1802-1883) wüsste!

„Dem Ehrenbürger der Stadt und Verschönerer des Klütberges“ ist auf dem zunehmend verblassenden Heise-Denkmal zu lesen. Es wurde Heise zu Ehren zwei Jahre nach dessen Tod errichtet und feierlich eingeweiht. Heise setzte sich maßgeblich für die Errichtung des Georgsturms, also des Klütturms, ein. Georgsturm, weil er aus Resten des etwa 30 Jahre zuvor geschleiften Fort Georges erbaut wurde. Damals war der Klütberg noch schwer von der Schleifung des Forts gezeichnet, Schutt prägte das Bild, und die obere Hälfte des Berges war noch nahezu frei von Bäumen. Heise setzte sich für die Verschönerung des Hamelner Hausbergs ein. Ferner initiierte er Spazierwege und Sitzbänke, ganz ähnlich wie vor ihm schon Georg Gottfried Kleinschmidt. An ihn erinnert ein paar Hundert Meter weiter südöstlich das Kleinschmidt-Denkmal. Zu ihm führt, natürlich, der Kleinschmidtweg.

Keine Frage, die fast vollständig von Moos bedeckten Mauern des Kleinschmidt-Denkmals haben auch ihren Reiz. Wie zuträglich dies jedoch dem Erhalt der Anlage ist, steht auf einem anderen Blatt. Das Denkmal selbst, ein dem Heise-Denkmal ähnelnder Monolith aus Sandstein, ist auch schon ganz grün, und die Inschrift wird immer unleserlicher. Dabei war Georg Gottfried Kleinschmidt (1785-1860) ein Pionier, als es darum ging, den Klüt als Erholungslandschaft zu erschließen. „Man sah ihn in den vierziger Jahren am Hang des Klütberges arbeiten, um selbst die Wege, die ihm vorschwebten, zu bauen“, ist über den vermögenden Musikliebhaber in der „Geschichte der Stadt Hameln“ von Dr. Heinrich Spanuth zu lesen. „Kleinschmidt tat das meiste für den Fußweg zum Finkenborn und für den bis in die Gegenwart so beliebten Weg am Hange des Berges entlang mit dem weiten Blick auf die Stadt, der seinen Namen trägt.“

Eines durchaus ansehnlichen Zustands im Vergleich zu den übrigen Denkmälern erfreut sich ausgerechnet die recht verborgen liegende Gauss-Grotte, oberhalb der letzten Meter des Felsenkellerweges. Zumindest oberflächlich betrachtet. Denn auch hier befindet sich das Gemäuer längst hinter üppigem Efeu, allein der rote Granitstein, in den der Name und das Erbauungsjahr der Gauss-Grotte (1904) eingemeißelt sind, ist halbwegs freigeschnitten. Davor steht eine zum Verweilen einladende Sitzbank jüngeren, aber nicht näher benannten Datums, bei der es sich um eine Spende des Hamelner Vereins für Grenzbeziehung und Heimatpflege handelt. Benannt ist die Gauss-Grotte nach einem Sohn des bekannten Mathematikers Carl Friedrich Gauß (1777-1855). Gauß jr. wohnte in Hameln am Breiten Weg. Er ließ diesen einst nach ihm benannten Waldweg auf der Südseite des Klütbergs anlegen.

Eine Seilbahn und andere Ideen

Der Reiz des Klüts besteht nicht nur in seinen Anlagen. Als bewaldeter Hausberg dient er vielen Hamelnern als natürliches Refugium. In der Vergangenheit hat es immer mal wieder Überlegungen gegeben, wie der Klüt zusätzlich aufgewertet werden könne. Ein Überblick – ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

2000/2001: Mit einer Seilbahn vom Dampferanleger auf den Klüt! Dafür begeisterten sich damals Politik, Verwaltung und Gastronomen gleichermaßen. Allein: Es blieb bei der Idee. Da die Stadt selbst nicht über das nötige Geld verfügte, hoffte man auf einen privaten Investor. Der fand sich offenbar nicht.

2009: Von einer Seilbahn war 2009 zwar nicht mehr die Rede. Die Frage, wie der Klüt touristisch aufgewertet werden könne, stand jedoch abermals im Raum. Fachleute sollten ein touristisches „Realisierungskonzept Klüt“ entwerfen. Angedacht war vonseiten der Politik beispielsweise eine attraktive Aufbereitung der Historie rund um das einstige Fort George – inklusive Veranstaltungsort.

2012: Drei Jahre später lag das sogenannte „Realisierungskonzept Klüt“ vor: Aussichtsplattformen rund um die einstige Festungsanlage am Klütturm und eine Minigolf-Anlage aus Natursteinen am Finkenborn würden den Klüt touristisch stark aufwerten. Die Politik zeigte sich begeistert – und wollte sich fraktionsintern beraten, wie das Konzept in die Tat umgesetzt werden könne.

2013: Nach knapp neunmonatigem Schweigen folgte auf die Begeisterung von einst Ernüchterung. Es fehle an Geld, so die überwiegende Meinung der Politiker. Ungeachtet dessen wurde das Projekt weiter „artenschutzrechtlich“ geprüft. Mit dem Ergebnis: Es habe den Prüfungen nicht standgehalten, wie Stadtsprecher Thomas Wahmes auf Anfrage mitteilt.



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