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Auf Spurensuche nach ganz alltäglichem Sexismus – wo Späße aufhören und Belästigungen anfangen

Manche sehen bloß die „sexy Schwester“

Sexismus im Alltag, dieses momentan viel diskutierte Thema im Regionalteil einer Zeitung aufzugreifen, ist ein spezielles Unterfangen. Niemand würde unter seinem eigenen Namen über ein problematisches Beziehungsgeflecht am Arbeitsplatz erzählen, und selbst wenn, dann müsste es so verschlüsselt geschehen, dass kein Arbeitsplatz, erst recht kein Chef oder Kollege identifizierbar wäre.

veröffentlicht am 31.01.2013 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 24.01.2019 um 14:16 Uhr

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Reporterin zur Autorenseite

Zwar gibt es unzählige, überwiegend männliche Stimmen, die kleine Anzüglichkeiten oder augenzwinkernd herabsetzende Bemerkungen dem anderen Geschlecht gegenüber harmlos finden, zugleich aber möchte sich niemand den Vorwurf gefallen lassen, er sei ein Sexist oder handele sexistisch. „Dann frag doch mal zum Beispiel im Friseursalon nach“, rät ein Kollege, „frag mal, wie es an so einem Ort läuft zwischen Angestellten und Kunden.“

Gute Idee. Gerade beim Friseur kommen sich Frauen und Männer in einem eigentlich recht neutralen Arbeitsumfeld körperlich durchaus nahe, sei es, wenn die Friseurin (es sind ja fast immer Frauen, die in einem Friseursalon arbeiten) dem Kunden die Haare wäscht und dabei auch eine Kopfhautmassage anbietet, sei es, wenn sie Haare schneidend um ihn herumgeht, ihn oftmals streift oder sich vorbeugt, sodass man im Spiegel das Dekolleté betrachten kann. Eigentlich die perfekte Situation für deutliche Blicke oder um Bemerkungen über Busen, die gut in Dirndl passen würden, anzubringen.

„Na ja, also, hm“, überlegt Barbara Grosser, Inhaberin des Team-Friseur in Rinteln. „Natürlich gibt es Männer, die es genießen, wenn die jungen Frauen hier um sie herumwuseln. Da ist ja aber nichts dabei. Merkt man, dass jemand dem etwas viel Aufmerksamkeit widmet, dann hält die Kollegin eben mehr Abstand. Ich kann mich nicht an irgendwelche belästigenden Dinge erinnern, jedenfalls wäre so etwas schon viele Jahre her.“ Ihre „Mädchen“ seien außerdem durchweg ziemlich locker und schlagfertig. „Mit einer unangenehmen Anmache käme hier niemand weit.“ Ja, ab und zu werde eine der Kolleginnen schon mal gefragt, ob sie vielleicht Lust auf eine Einladung zum Kaffee hätte. „Nun, das nimmt man eben an oder lehnt es, meistens, auf nette Weise, ab.“

Ihren Angestellten mache es ja außerdem Spaß, sich besonders hübsch zu machen. „Wer sich so herrichtet, will ja eine gewisse Aufmerksamkeit und wird wohl kaum so pingelig sein, ein Kompliment als sexuelle Belästigung zu empfinden.“ Aber beide Seiten, Kunden und Friseurinnen, kennen die unausgesprochenen Spielregeln, so sieht sie es. Trotzdem findet sie es nicht schlecht, dass das Thema „Sexismus im Alltag“ so breit diskutiert werde. „Wir sind hier ja eine Frauenclique und stehen fest zusammen“ meint sie. „Es gibt sicher genug andere Arbeitssituationen, wo Frauen auf unangenehme Anmachen spontan reagieren und sich gleich abwehrend verhalten sollten.“

Ist damit vielleicht die Kneipe von nebenan gemeint, die „Markwirtschaft“ am Rintelner Marktplatz zum Beispiel, in der sich fast immer eine Männerrunde mit einigen Frauen dazwischen am Tresen versammelt und wo natürlich fröhlich getrunken wird? So mancher, der sich tagsüber korrekt verhält, meint abends, vom Alkohol beflügelt, den Macho spielen zu dürfen, und wenn sonst niemand da ist, den er anmachen kann, dann doch in jedem Fall die weibliche Kneipenbedienung, deren Kunde er schließlich ist und die sich ihm nicht einfach entziehen kann.

„Ha ha“, lacht da der gemütliche „Marktwirtschaft“-Wirt Mario Dreyer, „unsere Bedienungen haben alle den Mund am Koppe, da soll mal einer kommen.“ Die umsitzenden Männer und auch die Frau dabei lachen ebenfalls und nicken. „Außerdem“, so der Wirt, „wer hier einer Frau dumm käme, würde sofort von uns allen abgebügelt.“

Ja, man könne meinen, gerade in der Kneipe würde ein Alltagssexismus besonders deutlich werden, doch genau das Gegenteil sei der Fall. „Hier sind ja alle beobachtet. Und vor allem: Hier sind alle gleich“, sagt er. „Es gibt hier keine Hierarchie, niemanden, der sich das Recht herausnehmen könnte, andere unkommentiert zu belästigen. Das ist ja gerade das Schöne an der Nachbarschaftskneipe.“

Wie aber steht es etwa in einem Herrenbekleidungsgeschäft, wo ja ebenfalls eine gewisse Intimität zwischen den Verkäuferinnen und den männlichen Kunden entsteht, die Hemden und Hosen anprobieren. Fallen da Bemerkungen, aus denen man ein sexistisches Verhalten ablesen kann oder präsentiert sich da öfter mal jemand anzüglich in seiner ganzen Schönheit? „Ja, flapsige Sprüche kommen schon ab und zu“, sagt Liane Alter, Filialleiterin bei „Engbers“ in der Rintelner Klosterstraße. „Aber dann flapse ich eben zurück.“

Sie sei ja selbst sehr locker und mache anerkennende Bemerkungen, wenn bei einem Käufer eine Hose besonders gut sitze. „Wo ist die Grenze zwischen Kompliment und Belästigung? Was mich betrifft, ich nehme immer alles als Kompliment.“ Wirkliche Belästigung, ein Benehmen, aus dem hervorginge, dass sie als Frau mit Anmaßung oder Verächtlichkeit behandelt werde, nein, so etwas ginge von den Kunden nicht aus. Dieses Problem gäbe es in ihrem Berufsalltag nicht.

Ganz anders allerdings sieht es am Arbeitsplatz Krankenhaus aus. Stellvertretend für viele ihrer Kolleginnen erzählt die langjährige Krankenschwester Katrin Bürger (Name von der Redaktion geändert) davon, wie sehr ihr Alltag von einem wirklich sexistisch zu nennenden Männerbild der „Krankenschwester“ geprägt ist. Sie arbeitet in einem der Krankenhäuser des Landkreises und ist da ganz besonders während des Nachtdienstes ständig mit alkoholisierten Patienten konfrontiert, die sich, so sagt sie, recht häufig benehmen, als sei sie die „sexy Krankenschwester aus dem Karnevalszug“. „Grad neulich hat ein betrunkener Architekt, der von einer Party kam, sich glatt die Hose ausgezogen und mich gefragt, ob wir nicht hier zusammen weiterfeiern können. Na ja…“ Ein sexuell anmaßendes Verhalten männlicher Patienten jeden Alters und jeder Gesellschaftsschicht zöge sich eigentlich durch alle Stationen.

„Es scheint, als hätten Krankenschwestern noch immer den Ruf weg, dass man es mit ihnen machen kann und dass sie das sogar toll fänden.“ Man gehe an einem Bett vorbei und jemand tätschele einen wie selbstverständlich am Hintern; man beuge sich über einen Patienten, und der meint: „Oh, an ihrem Busen könnte ich mich schön festhalten“, und es käme wirklich oft vor, dass man – im Spaß gemeint – zu gewissen Berührungen aufgefordert werde. „Was mich betrifft, so bin ich da eher gelassen, aber es gibt auch zartbesaitete Kolleginnen, von den Schülerinnen ganz zu schweigen, die manchmal richtig geschockt sind.“

Offiziell, zum Beispiel während der Ausbildung, seien solche Belästigungen am Arbeitsplatz kein Thema und es gäbe auch keine Schulung, wie man am besten damit umgeht. Worüber allerdings gesprochen werde, sei ein typisches Problem der männlichen Patienten, wenn sie nämlich einen Katheter gelegt bekommen sollen und dabei eine Erektion bekämen. Das sei fast allen Männern schrecklich peinlich und auch die Beruhigung, wie normal das sei und dass man dann eben eine halbe Stunde warte, ändere daran nicht viel. „Dabei empfinden wir nun gerade diese unwillkürlichen Erektionen keinesfalls als sexuelle Belästigung, im Gegensatz zu absichtlichen Anzüglichkeiten, die für viele Patienten offensichtlich was ganz Normales sind.“ Mit Belästigungen müsse man aber als Krankenschwester im Moment noch leben, das gehöre quasi zum Berufsbild dazu. „Natürlich verweisen wir die übergriffigen Patienten taktvoll in ihre Grenzen, und die meisten von denen, die nicht betrunken eingeliefert werden, akzeptieren das schließlich auch“, so Katrin Bürger. „Ansonsten ist es wichtig, ein gutes Team zu haben, wo einer den anderen unterstützt. Wir haben ja auch männliche Kollegen, die wir im Fall des Falles vorschicken können.“

Polizistin Britta Sobottka, Polizeioberkommissarin in Rinteln, hat aus beruflichen Gründen ebenfalls oft mit betrunkenen Männern zu tun. „Klar, da fallen natürlich so manche Hemmungen weg“, meint sie. Aber direkt sexistische Sprüche oder lästige Anbaggereien seien weit weniger häufig, als man denken könne. „Es nervt von Betrunkenen angepöbelt zu werden, während man einfach seinen Job macht. Aber die männlichen Kollegen müssen da ebenso die Ruhe bewahren wie wir Frauen. Wir geben da einen möglichst lockeren Spruch zurück, und das war’s dann auch meistens.“

Ergebnis des kleinen Rundgangs durch den Arbeitsalltag von Frauen, die dabei viel mit Männern zu tun haben: „Cool“ sein müssen sie alle irgendwie, aber mit echtem, bedrängendem Alltags-Sexismus scheinen in erster Linie die Krankenschwestern zu tun zu haben.

Immerhin würden Krankenschwestern inzwischen nicht mehr den vorher üblichen relativ kurzen Kittel tragen, sondern lange Hosen, so Katrin Bürger. „Als der Kittel noch die allgemeine Krankenschwesteruniform war, nervten auch so manche Ärzte mit blöden Bemerkungen, zum Beispiel, wenn man auf einen Stuhl steigen musste“, sagt sie. „In Hose mit neutralem Oberteil stehen wir wenigstens nicht schon von der Kleidung her wie ein Objekt zur sexuellen Befriedigung da.“

Die am „Fall Brüderle“ entbrannte

Debatte über den alltäglichen Sexismus

füllt Twitter-Hashtags, Internet-Foren, Fernsehsendungen, Zeitungen. Es wird viel darüber gesprochen. Immer und überall? Gewiss nicht. Spätestens im persönlichen Umfeld oder direkt am Arbeitsplatz fällt das Reden über Anzüglichkeiten und herabsetzende Bemerkungen schwer. Was sagen Friseurinnen,

Verkäuferinnen, Krankenschwestern?



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