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„Man trainiert hier wie beim Fußball“

Eltern, die nicht wissen, was es mit dem Fußball- oder Tennisspiel auf sich hat, die niemals zu einem sportlichen Wettkampf ihrer Kinder mitkommen und bloß nichts über die Spielregeln wissen wollen, sie dürften eher selten sein. Macht ein Jugendlicher aber E-Sport, misst er sich also mit anderen in Videospielen wie Counter Strike, Starcraft oder League of Legends, haben Erwachsene oft nicht die geringste Ahnung, worum es da eigentlich geht. Dabei besitzt die deutsche Electronic Sports League (ESL) über eine Million Mitglieder. Vladislav Agluschewitsch (16), Linus Kurth (17) und Dennis Meier (17) aus Rinteln gehören dazu.

veröffentlicht am 20.02.2011 um 18:45 Uhr

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„Viele denken: Es ist doch kein Sport, wenn man PC-Spiele spielt“, sagt Linus. „Dabei spielt und trainiert man es wie Fußball oder Basketball.“ Dennis stimmt grinsend zu: „Nur, dass man dabei auf dem Arsch sitzen bleibt“, sagt er. Vladislav, der Jüngste in der Freundesrunde und dabei derjenige, der am intensivsten trainiert, er meint: „Man kann damit sogar Geld verdienen, wenn man gut genug ist. Dazu muss man allerdings ziemlich gut sein und sich in den Ranglisten ganz nach oben arbeiten.“ Dennis grinst schon wieder. „Na ja, diejenigen, die ganz oben mitspielen, das sind die übelsten Freaks.“ Was also macht man denn nun als E-Sportler?

Die Spiele, um die es geht, sind eine Mischung aus Kampf- und Strategiespiel. Wer am besten vorausplant, die Aktionen des Gegners rasch durchschaut und reaktionsschnell angreift, der gewinnt. Man bildet dabei Mannschaften oder schlägt sich als Einzelkämpfer durch. Vordergründig erzählen diese Wettkampfspiele durchaus eine Geschichte. Die spielt sich entweder in bürgerkriegsähnlichen Situationen ab oder in einer Fantasiewelt, wo feindliche Truppen gegeneinander kämpfen. „Man denkt beim Spielen aber nicht an eine Geschichte“, sagt Linus. „Man denkt nur daran, wie man schneller und besser als der Gegner agiert.“

Counter Strike („Gegenschlag“) dürfte das bekannteste Spiel dieser Art und auch Nichtspielern ein Begriff sein, wird es doch in den Medien immer wieder als Beispiel für „Killerspiele“ vorgeführt. Tatsächlich übernimmt der Spieler dabei entweder die Rolle eines Terroristen in einer fünfköpfigen Terrorgruppe, die versucht, eine Bombe zu legen, oder er gehört zum Antiterrorteam, das diesen Anschlag zu vereiteln sucht. Alle Spieler sind mit virtuellen Waffen ausgestattet und schießen aufeinander, sobald ein Gegner zwischen Häusern auf dem Bildschirm zu entdecken ist. Man gewinnt nicht mit wilder Herumballerei, sondern dann, wenn ein Team perfekt aufeinander eingespielt ist.

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Vladislav Agluschewitsch

Vladislav war eine Zeitlang Mitglied in so einem Counter-Strike-Team, in einem festen „Clan“, der vorhatte, sich in der ESL einen Namen zu machen. Zu den Profis dort hätten sie sowieso niemals gehören können – „das wäre so, wie in der Bundesliga zu spielen“, erklärt er – aber sie waren bereits in die Amateurliga aufgestiegen und hofften, nach und nach auf den im Internet veröffentlichten Ranglisten weiter nach vorne zu rutschen. Da aber Counter Strike das in Deutschland mit Abstand beliebteste Spiel ist, muss, wer dort mithalten will, mindestens dreimal in der Woche etwa vier Stunden trainieren. „Das war mir einfach zu viel!“

Jetzt spielt der Schüler „Starcraft“, ein Strategiespiel, dass auf fernen Planeten angesiedelt ist und in Korea zu einer Art Volkssport wurde, so populär, dass die Wettkämpfe auf drei Sendern im Fernsehen übertragen und die dortigen Spitzenspieler, ähnlich wie hier Fußballstars, bejubelt werden. Die Herausforderung besteht darin, seine Kampftruppen geschickt auf dem Spielfeld zu platzieren, dabei immer für den Nachschub der Rohstoffe zu sorgen, im richtigen Moment anzugreifen und dabei das Schlachtfeld so klug im Blick zu haben wie ein Schachspieler die Figuren auf dem Schachbrett. Alle diese Aktionen werden rasend schnell mit Maus und Tastatur ausgeführt. Der kleinste Fehler führt zum Untergang.

Das alles klingt ziemlich martialisch und viele der Älteren, die nicht mit diesen Spielen aufgewachsen sind, fürchten, dass hier Aggressionen geschürt und vielleicht sogar Hass und Gewaltfantasien ausgelebt werden.

Dennis, Linus und Vladislav können da nur lachen. Sie loggen sich ins Internet ein und holen eine der Spielaufzeichnungen, wie man sie auf der Video-Plattform YouTube finden kann, auf den Bildschirm. In bunten Farben wimmelt und krabbeln winzige Figürchen in einer felsigen Landschaft herum. Einige bauen Rohstoffe ab, andere sorgen dafür, dass panzerähnliche Maschinen entstehen oder Kampfwesen ausgebrütet werden, und wenn die Gegner schließlich aufeinander losgehen, sieht das aus wie in einem aufgebrachten Ameisenhaufen.

„Man hat überhaupt nur für ein Gefühl Zeit: Dass man gewinnen will!“ sagt Linus. Und Dennis: „Es ist eben Mind-Gaming! Die meisten Taktiken sind schon vorher im Kopf entstanden.“

Vladislav erklärt, dass hier die Truppen der „Terraner“ gegen „Zerg“-Truppen antreten, die über jeweils unterschiedliche Fähigkeiten verfügen und gegeneinander ausgespielt werden müssen. Dass es sich hier um eine „Schlacht“ handelt, ist ebenso wenig zu erkennen, wie man bei einem Schachspiel konkret daran denkt, dass auch dabei eigentlich eine Schlacht geschlagen wird.

Vladislav sieht sich oft solche Aufzeichnungen an und verfolgt fremde Spiele auch bei den Direktübertragungen im Internet, um dabei für sein eigenes Spielen zu lernen. Ungeübte Spieler können oft gar nicht auf die Schnelle durchschauen, was sich da im Einzelnen abspielt. Auch deshalb sind einige gute und geistreiche Kommentatoren in der E-Sport-Szene geradezu berühmt geworden. „Homer“ gehört dazu, oder „Der Frodo“, beides Sprecher, die fast so schnell kommentieren können, wie die Spieler ihre Handlungen ausführen (Profis schaffen mehrere 100 Einzelaktionen in einer Minute).

Dennis und Linus sind zusammen mit acht anderen Spielern in einem Clan, der eine eigene kleine Homepage im Internet besitzt. Einer der Mitspieler hat 40 Euro dafür ausgegeben, in der Hoffnung, dass man vielleicht Sponsoren findet, die darauf Werbung machen oder neue Computerteile spendieren. Auch gute neue Spieler könnten dadurch angelockt werden. Vladislav wirft einen Blick darauf und lächelt müde: „So was bringt doch nichts! Ich hatte auch schon solche Websites, aber die sind immer wieder eingegangen. Es ist viel zu viel Arbeit, sich vernünftig darum zu kümmern. Und es gibt viel zu viele davon.“

Immerhin – auch diese kleinen Internetauftritte zeigen, dass das Spielen am PC keine einsame Angelegenheit ist, selbst wenn man dabei vielleicht allein in seinem Zimmer sitzt. Wer sich, ob als Einzelner, ob mit seinem Team, dem Wettkampf stellt, tut das übers Internet und spielt mit anderen aus ganz Deutschland, ja aus der ganzen Welt. Man verständigt sich mithilfe eines Programms, das „Teamspeak“ heißt und den Spielern ermöglicht, miteinander zu sprechen. Dadurch lernt man neue Leute kennen, vor allem aber tauscht man sich mit den Mitgliedern des eigenen Teams aus, spricht sich ab, kommentiert die Spielzüge, probiert neue, bessere Strategien aus. Training eben.

Ob Counter Strike, Starcraft oder das kostenlose League of Legends, das Linus und Dennis gerne spielen, alle diese Spiele finden immer auf denselben Spielfeldern („maps“) statt. Man muss sie in- und auswendig kennen, mit jedem Winkel vertraut sein, das ist eine der Voraussetzungen für gutes Spielen. Langweilig, könnte man meinen, aber: „Wieso? Fußballspieler spielen doch auch immer auf dem gleichen Spielfeld“, so Linus. „Es ist immer dasselbe und immer wieder neu.“ Dass die Landschaft in manchen Spielen durchaus reizvoll aussieht, interessiert ihn nicht. „Wichtig ist nur, dass man jeden kleinen Schleichweg kennt.“

Während er und sein Freund Dennis eher spielerisch an die Sache herangehen und in den Ranglisten der ESL irgendwo auf Platz 180 000 registriert sind, hat Vladislav durchaus größeren Ehrgeiz. Seit er einmal ein Finale innerhalb der Amateurliga erreichte und beinahe 50 Euro gewonnen hätte, will er es schaffen, in die Profiliga aufgenommen zu werden. Dort gibt es Preisgelder von vielen Tausend Euro pro Spiel, insgesamt schütten Sponsoren jährlich an die 125 000 Euro aus. Solche Wettkämpfe werden nicht online ausgetragen, sondern finden zum Beispiel in Köln statt, von wo aus die Spiele dann live ins Internet eingespeist werden.

Die Wahrscheinlichkeit, dass ihm und seinem Team ein solcher Aufstieg gelingt, ist allerdings eher gering. „Die Spanne ist so riesig wie zwischen Amateurliga und Bundesliga beim Fußball“, meint er. Meistens spielt er an Wochentagen, wenn Schule und Hausaufgaben erledigt sind.

„Solange ich kein Profi bin, verändert Starcraft ja nicht mein reales Leben“, sagt er. „An den Wochenenden bin ich immer mit meinen Freunden oder der Familie unterwegs.“

Das ist bei ehrgeizigen Sportlern aus anderen Sportarten nicht unbedingt so. Die können nicht vor dem PC „auf ihrem Arsch“ sitzen, sondern müssen ihre Gegner immer im „Real Life“ aufsuchen.

Über eine Million Menschen in Deutschland spielen Computerspiele in Ligen. Als Sportart anerkannt ist der sogenannte E-Sport allerdings in der breiten Öffentlichkeit noch lange nicht. Auch wenn man davon sogar leben kann – wenn man gut ist.



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