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Nach einem Selbstmord leiden die Angehörigen – eine Suizid-Trauergruppe gibt Halt und Hilfe

„Man stirbt ein bisschen mit“

Es ist schlimm, einen geliebten Menschen zu verlieren. Hat der Verstorbene ein hohes Alter erreicht, lernt man im Laufe der Zeit, diesen Verlust zu akzeptieren, weil es zum Leben gehört. Ist aber ein geliebter Mensch freiwillig aus dem Leben gegangen, bleibt neben dem Schock und der Trauer vor allem die Frage nach dem „Warum“. Unsere Autorin hat die Arbeit der Suizid-Trauergruppe in Rinteln, der einzigen dieser Art in Schaumburg, begleitet.

veröffentlicht am 04.12.2018 um 10:15 Uhr

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Autor

Bärbel Lucas Redaktionssekretärin

Nimmt man Abschied oder behält man den Verstorbenen lieber so in Erinnerung, wie er vorher war? Die Tochter von Eva S. wollte auf jeden Fall ihren Bruder noch mal sehen und Abschied nehmen, auch der Vater wünschte sich diese Form des Abschieds. Die Mutter hatte Angst. „Wie sieht er aus? Verkrafte ich das? Ist es nicht besser, ihn so im Gedächtnis zu behalten, wie ich ihn kannte?“ Letztlich ist sie dann doch mitgegangen. Und – es war gut so, sagt sie heute.

Der Sohn von Ehepaar M. wurde obduziert, deshalb hatte die Mutter lange überlegt, ob sie sich auf diese Weise verabschieden wollte. Der Vater wollte den Sohn auf jeden Fall noch mal sehen. Auch hier ist die Mutter letztlich doch mitgegangen, und auch hier sagt sie im Nachhinein: „Es war gut so.“

Aber auch wenn kein verwandtschaftliches Verhältnis besteht, kann ein Suizid einen Schock auslösen, wie bei Sylvia R. Sie hatte erst vier Wochen nach dem Ereignis davon erfahren, dass ihr lieber Nachbar sich in seiner Wohnung erhängt hatte. „Wir haben uns relativ intensiv unterhalten, wenn wir uns getroffen haben, und er hat mich immer ,meine Kleine‘ genannt“, erzählt sie in der Gesprächsrunde. Der Nachbar war nicht zur Arbeit gekommen, auch auf Klingeln hatte er nicht reagiert. Als die Polizei später in die Wohnung eindrang, fand man ihn erhängt an der Bodentreppe.

Marjanne Griffioen-Besselsen
  • Marjanne Griffioen-Besselsen
Ein Suizid kann bei Hinterbliebenen unter Umständen einen Schock auslösen. Fotos: pixabay
  • Ein Suizid kann bei Hinterbliebenen unter Umständen einen Schock auslösen. Fotos: pixabay

Wie die Nachbarin wusste, war er wohl geschieden und seit längerem Single, einen Abschiedsbrief soll er an seine Ex-Frau gerichtet haben. „Er war ein kommunikativer Typ, seine Versuche, neue Freunde zu finden, sind aber misslungen“, weiß die Nachbarin. „Krankheit ist oft Thema der Unterhaltungen gewesen.“

Er war ein kommunikativer Typ, seine Versuche, neue Freunde zu finden, sind aber misslungen.

Sylvia R., Nachbarin

Über ihre eigene Reaktion auf diese Todesnachricht war sie selbst erstaunt. „Ich habe völlig neben mir gestanden“, sagt sie, „war 14 Tage lang durch den Wind und konnte mich auf nichts konzentrieren.“ Für sie war dieses Ereignis eine Anregung, sich tiefer allgemein mit diesen Themen auseinanderzusetzen, deshalb besucht sie die Suizid-Trauergruppe weiter. Man hat nichts bemerkt, er/sie war wie immer, hätte ich diese Tat verhindern können? Das sind die Fragen, die Angehörige von Suizidopfern sich häufig stellen. Schuldgefühle gesellen sich zu dem Schock und der vorhandenen Trauer. Kann man überhaupt etwas bemerken? Manchmal fallen einem hinterher mögliche Anzeichen auf, die falsch oder gar nicht gedeutet wurden. Ob man etwas hätte verhindern können, weiß keiner der Beteiligten der Trauerrunde. Was sie aber alle gelernt haben, ist, mehr hinzuhören, mehr mitzufühlen, oder besser ausgedrückt „mehr Hinfühlen zum Anderen.“

Es war eine ganz normale Familie, Vater, Mutter, zwei Söhne, einen Opa gab es auch noch. Bis es eines Tages anfing, dass die Mutter depressiv wurde. Eine schlimme Zeit begann für den Sohn Klaus (Name geändert), der selbst noch jugendlich war. Er kümmerte sich jahrelang um seine Mutter, litt mit ihr, die ganzen Höhen und Tiefen dieser Krankheit ließen ihn vorzeitig erwachsen werden. Aber es half alles nicht, als das Leben zu schwer für sie wurde, machte sie eines Tages selbst ein Ende. Doch damit nicht genug: Zwei Jahre nach dem Verlust der Mutter versuchte der Opa ebenfalls, sich umzubringen. Der Versuch misslang zwar, der Schock war dennoch groß. Zu groß für Klaus, denn sein Körper reagierte auf eigene Art auf den seelischen Stress der vergangenen Jahre: Er bekam über Nacht ein Magengeschwür, das ihn bis heute belastet. Der andere Sohn hat die Ereignisse ausgeblendet, der Vater hat wieder jemand kennengelernt. Klaus versucht bis heute, seine Trauer zu verarbeiten. Er ist inzwischen erwachsen, arbeitet sehr viel und versucht sich abzulenken. Durch einen Zeitungsartikel wurde er auf die Trauergruppe aufmerksam und führt bis heute Einzelgespräche mit der Trauerbegleiterin.

Information

Kontakt

Betroffene Angehörige können sich jederzeit mit dem Rintelner Hospizverein in Verbindung setzen unter der Telefonnummer: 0178/1657501. Das Handy ist Tag und Nacht erreichbar. Gespräche werden von einer der Koordinatorinnen des Hospizvereins entgegengenommen. Sie vermitteln dann den Kontakt zur Trauerbegleiterin. Die wird einen Termin ausmachen zu einem Einzel-Vorgespräch und entscheiden, ob zunächst weitere Einzeltermine gemacht werden oder Gruppentreffen sinnvoll sind. Die Trauergruppe trifft sich an jedem dritten Mittwoch im Monat, eine neue Gruppe beginnt im Februar 2019. Einzelgespräche sind aber jederzeit möglich. Die Trauerbegleiterin arbeitet ausschließlich ehrenamtlich und unterliegt der Schweigepflicht. blc

Es gibt Menschen, für die ist das Leben einfach zu schwer. Sie werden depressiv. Aber wie äußert sich das eigentlich? Diese Menschen sind gefangen in dem Hamsterrad ihrer Krankheit. Sie schwanken zwischen „himmelhoch jauchzend – zu Tode betrübt“. In der Regel haben sie hohe Ansprüche an sich selbst, wollen in allem perfekt sein. Was nicht funktioniert, jede Kleinigkeit, die davon abweicht, wirft sie aus der Bahn, lässt sie an sich selbst zweifeln und sie ziehen sich aus dem Alltag zurück. Weil sie ihren eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden können und sich als Versager sehen. Sie grübeln, sehen nur noch sich selbst und die eigenen Probleme, die restliche Welt wird weitgehend ausgeblendet. Sie haben keine Freude mehr. Mit diesem Tunnelblick erscheint das selbstbestimmte Ende oft der einzige Ausweg zu sein. Ein Teufelskreis!

Das Leben auf einem großen Bauernhof heißt schwere Arbeit. Sind dann noch fünf Kinder da, bleibt keine Zeit mehr für sich selbst. Nun war das sechste Kind unterwegs. Karla S. (Name geändert) wollte immer perfekt sein, hat immer alle Anforderungen an Hof, Kinder und Haushalt geschafft, aber dieses letzte Kind muss wohl der berühmte Tropfen gewesen sein. Nach der Geburt setzte eine Wöchnerinnen-Depression (postportale Depression) ein und damit der Gedanke an ein freiwilliges Ende. Was wiederum starke Schuldgefühle in der sehr stark gläubigen Frau auslöste. Gespräche mit der Trauerbegleiterin folgten und eine psychiatrische Behandlung. Aber das hat nicht gereicht, die Angst, nicht alles zu schaffen, nicht mehr perfekt zu sein, war stärker. Einige Wochen nach der Geburt nahm sich Karla das Leben. Sie hatte keinen anderen Ausweg mehr gesehen. Was sagen alle Betroffenen übereinstimmend aus? „Man stirbt ein bisschen mit und man ist nie wieder der, der man einmal gewesen ist.“


Wer unter Depressionen oder Selbstmordgedanken leidet, bekommt Hilfe von der Telefonseelsorge. Sie ist erreichbar unter den Rufnummern 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei.



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