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Was tun, wenn der Krankenhaus-Bettnachbar sich unmöglich verhält?

„Man muss nicht still vor sich hin leiden“

Ein Krankenhausaufenthalt ist für die meisten Menschen ohnehin schon eine belastende Situation. Doch im Doppelzimmer mit einem unliebsamen Bettnachbarn kann er manchmal zur Horrorgeschichte werden. Wenn der Fernseher durchgehend läuft, die Familie ständig vor Ort oder die Bettnachbarin schwer dement ist. Aber was kann man gegen unerträgliche Zustände unternehmen?

veröffentlicht am 21.01.2016 um 11:08 Uhr
aktualisiert am 13.01.2017 um 12:27 Uhr

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Reporterin zur Autorenseite

Es war ein Horrortrip!“ Das sagt Brigitte M. aus Rinteln über die Woche, die sie wegen einer Herzuntersuchung im Krankenhaus verbringen musste. Ihr selbst ging es gesundheitlich gar nicht so schlecht. Dass sie ihren Hospitalaufenthalt als schrecklich empfand, es lag an ihrer Bettnachbarin, mit der sie praktisch ununterbrochen Probleme hatte. Wir erzählen hier vier Geschichten von Menschen, die nur mit Grausen an ihre im selben Zimmer liegenden Mitpatienten zurückdenken können. Vorab: Man darf sich in solchen Fällen ruhig Hilfe bei der Stationsleitung suchen, ohne Nachteile befürchten zu müssen.

„Meine Bettnachbarin war eine sehr alte, sehr kranke Frau“, erzählt Brigitte M. „Sie hustete viel und bekam nur schwer Luft. Anfangs tat sie mir vor allem leid und ich versuchte, sie etwas aufzumuntern. Aber schon nach dem ersten Tag und der ersten Nacht wurde mir klar: Das wird hart!“

Die alte Frau konnte einfach nicht zur Ruhe finden. Tagsüber lag sie keuchend auf dem Bett, und wenn sie die Kraft fand zu reden, dann schimpfte sie laut über das Personal und das Essen. „Nachts dann aber saß sie senkrecht im Bett, morgens um zwei, und redete eine Stunde lang. Es hatte überhaupt keinen Sinn, sie um Ruhe zu bitten. Schließlich wurschtelte sie an ihrem Nachttisch herum, Schublade auf, Schublade zu, immer wieder, 50-mal und mehr. Morgens um fünf dann stand sie auf, um sich zu waschen. Da sie diese Atemprobleme hatte, dauerte das ewig, mit viel Geklirr und ununterbrochenem Wasserrauschen.“

Brigitte M. wurde klar, dass ihre Mitpatientin offensichtlich etwas dement war. Das zeigte sich vor allem an der Art, wie sie Bad und Toilette benutzte, nämlich leider so, dass beides danach eigentlich unbenutzbar war. „Sie wollte sich auch nicht von den Schwestern beim Toilettengang helfen lassen, darum benutzte ich immer die Besuchertoilette auf dem Krankenhausflur“, so Brigitte M. Die einzige Zeit, wo sie sich etwas erholen konnte, war der Abend. Bereits gegen 19 Uhr erbat sich die alte Frau eine Schlaftablette. Die wirkte bis gegen ein, zwei Uhr morgens – und dann begann für Brigitte M. erneut die Qual.

Warum nur hat sie mit niemandem darüber gesprochen, nicht um die Verlegung in ein anderes Zimmer gebeten? „Ich traute mich nicht“, sagt Brigitte M. „Ich wollte auf keinen Fall als Querulantin gelten. Außerdem: Was, wenn es kein anderes Zimmer gegeben hätte? Die Herzklinik war voll belegt. Alles wäre ja noch schlimmer geworden, wenn die Bettnachbarin mitbekommen hätte, dass ich mich über sie beschwere.“ Als Brigitte M. nach einer Woche endlich entlassen wurde, warf sie fast alles weg, was irgendwie mit ihrer Bettnachbarin in Berührung gekommen war, Hausschuhe und Kopfhörer, Bürste und sogar den Koffer.

Nina Bernhard, Pressesprecherin der Krankenhausprojektgesellschaft Schaumburg, hat sofort Verständnis, als sie von dieser Geschichte hört. „Ja, es gibt immer wieder Probleme dadurch, dass in den Krankenhäusern vermehrt Menschen mit Demenz behandelt werden“, sagt sie. „Das ist für alle Beteiligten nicht ganz einfach.“

Als Bettnachbar eines besonders schwierigen Patienten solle man unbedingt die Stationsleitung ansprechen. „Davor muss man überhaupt keine Angst haben, im Gegenteil“, sagt sie. „Krankenhäuser führen ein Beschwerdemanagement, wo man sich um solche Situationen kümmert. Wenn eine Verlegung möglich ist, wird sie auch gemacht. Und wenn nicht, dann gibt es immer einen Weg, die Lage wenigstens zu entschärfen.“

Barbara L.s Krankenhausgeschichte hat nichts mit einer an Demenz erkrankten Mitpatientin zu tun, aber zu leiden hatte sie trotzdem. „Es begann schon, als die ,Dame‘ das Zimmer betrat, mich mit einem abschätzigen Blick bedachte und sprach: ,Nur damit Sie es wissen, mir steht eigentlich ein Einzelzimmer zu. Ich kenne den Chefarzt persönlich!‘ Mir war von Anfang an klar, dass diese Frau keine Rücksicht auf mich nehmen würde, und so kam es dann auch.“ Stundenlang telefonierte ihre Bettnachbarin, beschwerte sich dabei lauthals über alles und jeden, inklusive Barbara L.

„Das Schlimmste war, dass sie außerdem ständig den Fernseher laufen ließ, die ganze Nacht durch. Sie war dann oft schon eingeschlafen, aber ich konnte ja nicht aufstehen, um das Ding auszuschalten, dazu war ich viel zu krank.“

Gefragt, ob sie denn nicht nach der Nachtschwester geklingelt habe, damit diese für sie das Gerät abschalte, schüttelt sie den Kopf. „Das hätte ich der Schwester nicht zumuten wollen, die hatten doch so schon genug zu tun“, sagt sie. Sie habe außerdem gefürchtet, dass die überhebliche Bettnachbarin dann aufwachen und schimpfen würde. „Man mag sich doch nicht streiten. Dann wird ja alles nur noch schlimmer.“ Was sie ihrer ehemaligen Mitpatientin aber von Herzen wünsche: Dass diese mal eine Woche im Vierbettzimmer liegen muss. „Ja, das würde ich ihr wirklich gönnen!“

Auch das Problem mit rücksichtslosen Patienten ist Pressesprecherin Nina Bernhard natürlich bekannt. „Selbstverständlich darf, ja soll man die Nachtschwester darum bitten, den nächtlichen Fernseher abzustellen, wenn man selbst das Bett nicht verlassen kann“, sagt sie.

„Über alle diese Dinge sollte man sprechen, speziell was die Nutzung des gemeinsamen Fernsehers, aber durchaus auch, was das Telefonieren betrifft. Wenn zwei Menschen ein Krankenhauszimmer teilen, muss man Kompromisse finden, das weiß ja grundsätzlich jeder.“ Die Schwestern vermitteln dabei und auch das Beschwerdemanagement sei für solche Fälle zuständig.

Was Corinna K. zu berichten hat, ist ebenfalls keine seltene Situation im Zweibettzimmer von Krankenhäusern. Sie hatte gerade ihr erstes Kind bekommen und sollte noch ein paar Tage auf der Geburtsstation verbringen, genau so wie ihre Bettnachbarin. „Es hätte eine schöne Zeit sein können“, meint Corinna K. „Wenn, ja wenn da nicht die Familie der anderen Mutter gewesen wäre. Der Kindesvater, der quasi rund um die Uhr mit im Zimmer war. Die Großeltern, die mit Kaffee und Kuchen vorbeikamen und Tanten, Onkel, Neffen und Nichten mitbrachten.“ Oft sei das Zimmer so voll gewesen, mit vom Flur reingeschleppten Stühlen, dass ihre eigene kleine Familie bei den Besuchen kaum Platz fand. „Ich wollte ihnen ihr Glück ja nicht missgönnen, aber mein eigenes Glück hat schon unter diesem Trubel gelitten“, meint sie.

Dazu Nina Bernhard: „Früher gab es das öfter, dass speziell auf Geburtsstationen die offiziellen Besuchszeiten sehr großzügig ausgelegt wurden. Heutzutage bestehen die Krankenhäuser da aber im Allgemeinen recht streng auf der Hausordnung.“ Man könne nachvollziehen, dass die Angehörigen möglichst oft in der Nähe des neuen Babys sein wollen. Normalerweise würden sie dann auf den Aufenthaltsbereich oder die Cafeteria verwiesen.

„Die Stationsleitung erklärt das den Besuchern auf freundliche Weise, und die allermeisten sind da dann verständnisvoll.“ Hier, wie in allen anderen Konfliktsituationen auch, gelte ebenfalls der Rat: „Lassen Sie sich helfen. Man muss nicht still vor sich hin leiden. Auch im Krankenhaus gelten die allgemeinen Regeln eines friedlichen Miteinanders.“

Hilfreich einzuschreiten ist vielleicht besonders schwierig in einer Situation, wie sie Ulrich B. schildert. Nach einer Bypass-Operation fand er sich im selben Zimmer mit einem Leidensgenossen, der mit großer Selbstverständlichkeit davon ausging, dass sie beide dieselbe rechtsradikale Auffassung vertreten würden. Ulrich B. nun kam aber aus der genau entgegengesetzten politischen Ecke. „Nach kürzester Zeit hasste ich meinen Bettnachbarn so sehr, dass ich glatt einen Herzinfarkt riskierte“, sagt er. „Ihm machte unser Schlagabtausch auch noch Spaß, und ich schaffte es einfach nicht, mich wegzudrehen und nicht mehr mit ihm zu reden.“ Er habe um eine Verlegung gebeten, aber das sei abgelehnt worden.

„Nun“, meint dazu Nina Bernhard, „in manchen Fällen muss man die Patienten mal daran erinnern, wo sie sind und warum sie da sind. Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus.“ Trotzdem versuche man, eine friedliche Lösung zu finden.

„Bevor sich zwei Streitende gegenseitig mit ihren Brotmessern bewerfen, wird man alles tun, um zu vermitteln.“ Manchmal, sehr oft sogar, helfe es, wenn man über so einen Konflikt sprechen kann und ein offenes Ohr dafür findet. „Es sind ja meistens nur ein paar Tage. Da muss man dann eben durch.“



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