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Man lernt nicht aus – ein Leben lang

Nie wieder Schule!“, lautet das Motto vieler Abgänger, wenn sie erst ihr Abschlusszeugnis in der Hand halten. Nie mehr büffeln und auswendig lernen – genug ist genug. Doch irgendwann interessieren auch sie sich vielleicht dann doch für etwas Neues. Plötzlich ist da doch noch Platz im Kopf – und auch die Bereitschaft, etwas zu lernen.

veröffentlicht am 19.07.2011 um 00:00 Uhr

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„Grundsätzlich lernen wir ständig, wir können nicht nicht lernen“, sagt Prof. Horst Siebert vom Institut für Berufspädagogik und Erwachsenenbildung an der Leibniz Universität Hannover. Gesellschaftlich ist das in vielen Bereichen ja auch so gefordert: Erforderlich seien vor allem Sprach- und Integrationskurse für Migranten, aber auch berufliche Weiterbildung, um Arbeitslosigkeit zu verhindern, erklärt Siebert. Lernen sei aber auch notwendig für eine vernünftige Ernährung, Gesundheit, politische Urteilsfähigkeit und Auslandskontakte.

„Die Gehirnforschung und die Lernforschung zeigen längst, dass auch später noch ein intensives und fruchtbares Lernen möglich ist“, betonte sogar Bundespräsident Christian Wulff bei der Eröffnung des 13. Deutschen Volkshochschultages im Mai. Die Forschung zeige zudem, „dass wir, wenn wir als Erwachsene besser Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden können und Nützliches von Nutzlosem, dass wir dann möglicherweise zielorientierter und vor allem noch motivierter lernen können als in jungen Jahren“, sagte Wulff.

Hugo Nießner hat mit 63 Jahren noch einmal seine Nase in Bücher gesteckt: Er hat die Sportboot-Führerscheine Binnen und See gemacht, außerdem die dazugehörigen Funkscheine. Auf die Idee kam der Bauunternehmer während eines Urlaubs an der Müritz, wo er ein kleines Motorboot mit 5 PS ausprobierte. „Man muss schon was dafür tun“, sagt der heute 65-Jährige. Die vier Lehrbücher und 35 Fragebögen lagen zu Hause auf seinem Nachttisch. Zum Lernen habe er seine Frau weggeschickt, verrät er schmunzelnd. Gelernt habe er dann im Wohnzimmer oder im Bett. „Das war kein Büffeln, sondern eine Freizeitgestaltung, die Spaß macht“, sagt Nießner. Ein noch vergleichsweise harmloses Beispiel aus den Lernfragen: „Was bedeutet ,zu Berg‘ oder ,Bergfahrt‘ auf Flüssen?“ Antwort: „Die Fahrt in Richtung Quelle.“ Auch musste er lernen, die verschiedenen Schifffahrtsknoten mit geschlossenen Augen zu binden.

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Ramona Wickmann (vorne) und Astrid Tatge haben vor fünf Jahren angefangen, das Klavierspielen zu lernen. Dazu brauche es auch „ein bisschen Druck“, sagt Tatge. Foto: mod

„Das ist alles erlernbar“, versichert Nießner. Den Führerschein hat er gleich beim ersten Anlauf geschafft. „Da war ich stolz drauf“, versichert der 65-Jährige. Der Unterricht beim Motorboot-Club Hameln sei so gut gewesen, dass es ihm nicht schwergefallen sei. Die Kursteilnehmer hätten sich gegenseitig motiviert. Und Hugo Nießner hat eine grundsätzliche Erfahrung gemacht: „Lernen verbindet.“

„Erwachsene lernen selten Fächer wie in der Schule, sondern sie lernen für konkrete Verwendungssituationen“, sagt Prof. Siebert. Fast die Hälfte der Erwachsenen nehme jährlich mindestens an einer Veranstaltung der Erwachsenenbildung teil. Außerdem wachse das Interesse am Seniorenstudium. Gelernt werde aber nicht nur in Bildungseinrichtungen wie der Volkshochschule (VHS), sondern auch ganz informell in Vereinen, Bürgerinitiativen und im Urlaub.

„Lernen ist auch Arbeit, erfordert Disziplin und Fleiß“, sagt Fred Gorkow, Fachbereichsleiter für Politik, Gesellschaft, Umwelt und Deutsch als Fremdsprache beim Zweckverband VHS Hameln-Pyrmont. Wer als Kind und Heranwachsender nie gelernt habe, „dass Lernen einen Wert an sich hat, dass es Spaß machen kann, zu lernen“, der höre auf, diesen Weg weiterzuverfolgen. An der Volkshochschule werden im aktuellen Semester etwa 500 Veranstaltungen angeboten, das Programm umfasst allgemeine, berufliche, kulturelle und politische Bildung. 30 Prozent der Teilnehmer sind zwischen 35 und 50 Jahre alt, etwa 12 Prozent der Teilnehmer sind älter als 65 Jahre. Ob der Englischkurs „Fit for Travel“, „Finanzbuchhalter/-in“, „Acryl-Atelier“ oder „Energiesparmaßnahmen an Wohngebäuden“ – das Kursangebot ist so vielfältig wie das Leben.

Astrid Tatge (51) und Ramona Wickmann (39) haben vor fünf Jahren angefangen, das Klavierspielen zu lernen. „Wir wollten sofort was von den Beatles und Eros Ramazzotti spielen“, erinnert sich Wickmann. Doch erst einmal mussten die beiden Frauen das Notenlesen lernen. „Ich war über jeden Ton froh, den ich getroffen habe“, verrät Tatge und lacht dabei. Sie habe es sich einfacher vorgestellt.

Heute spielen sie „Die Moldau“ von Friedrich Smetana oder „Ballade pour Adeline“ von Richard Clayderman. Beide haben festgestellt, dass sie unterschiedliche Lerntypen sind. „Ich lerne schnell auswendig nach Gehör“, so Wickmann. Ihre Freundin könne sich die Noten besser merken, wenn sie diese sieht. Und Disziplin gehöre auch dazu. „So ein bisschen Druck braucht es“, gibt Tatge zu. „Sonst würde es im Sande verlaufen“, ergänzt ihre Freundin. Beide Frauen sehen das Lernen als eine Bereicherung. „Je älter man wird, desto gezielter kann man sich heraussuchen, was man lernen möchte“, sagt Wickmann. Für Tatge ist das Klavierspielen „eine Ausdrucksmöglichkeit mit therapeutischem Effekt“. Man lerne dabei, sich zu konzentrieren und seine Finger zu koordinieren.

„Neues Wissen auswendig zu lernen, fällt vielen Erwachsenen schwerer als jungen Menschen“, sagt Prof. Siebert. Dafür falle es ihnen hingegen oft leichter, Theorie und Praxis zu verknüpfen und Zusammenhänge herzustellen. Erwachsene orientierten sich beim Lernen an ihrer Biografie und Erfahrung. Häufig werde das Lernen in Seminargruppen mit Internet, dem sogenannten E-Learning, verbunden. Ältere Erwachsene lernten zudem gerne zusammen mit Jüngeren.

Im „Wilhelm-Gefeller-Bildungs- und Tagungszentrum“ der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie in Bad Münder lernen unter anderem Chemiefacharbeiter, Bürokaufleute, Bergleute und Beschäftigte in der Pharmaindustrie für ihre Arbeit als Betriebsräte und Gewerkschafter. Themen wie Ökonomie, Arbeitsrecht, soziale Kompetenz, EDV-Mitbestimmung sowie Medien- und Öffentlichkeitsarbeit sind Schwerpunkte. In sogenannten Planspielen spielen die Teilnehmer wirklichkeitsnahe Szenarien mit verschiedenen Rollen und Funktionen durch, um so Handlungsmöglichkeiten und Strategien erarbeiten zu können. Erfahrungs- und Meinungsaustausch, Diskussion und qualifiziertes Fachwissen seien dabei besonders wichtig, betont Sabine Süpke, Leiterin des Bildungszentrums. Da Erwachsene viel eigenes Wissen und Erfahrungen in die Seminare mit einbringen, gelte der Grundsatz: „Voneinander und miteinander lernen.“

Eine soziale Komponente der Erwachsenenbildung sieht auch Siebert – gerade für Ältere. Es sei positiv, dass man „interessante Menschen“ kennenlerne. „Man kann sich mit Freunden und der jungen Generation unterhalten, das eigene Selbstwertgefühl und auch die Gesundheit werden gefordert, man versteht politische und kulturelle Entwicklungen besser.“ Und auch die Tageszeitung sei neben Fernsehen und Internet für viele ein wichtiges Medium des Lernens, ergänzt der Professor aus Hannover. Früher habe es sogar spezielle „Zeitungskollegs“ gegeben.

Konkrete berufliche Weiterbildung bietet unter anderem das „TA Bildungszentrum/Technische Akademie Hameln“. Die Teilnehmer sind zwischen 24 und 55 Jahre alt, haben eine abgeschlossene Berufsausbildung und wollen in kürzester Zeit eine Weiterbildung im kaufmännischen oder gewerblich-technischen Sektor für die mittlere Führungsebene, sagt Geschäftsführer Frank Mauve. „Tendenziell ist festzustellen, dass Weiterbildungen sich in Richtung ,kompakt und intensiv‘ entwickeln“, erläutert Mauve. Das sei zwar sehr anspruchsvoll und anstrengend, trage aber den Wünschen der Studierenden Rechnung, die immer weniger Zeit aufwenden können. Weil sie nur eine beschränkte Zeit der Freistellung vom Arbeitgeber erhalten, seien bis zu 60 Unterrichtsstunden pro Woche keine Seltenheit. Zeit ist Geld – auch beim Lernen.

Lehrbücher, Unterrichtsstunden, Auswendiglernen – vielleicht sogar Prüfungen. Mancher glaubt, all das mit der Schule weit hinter sich zu lassen. Doch sogar noch im Rentenalter kommen viele zurück zum Pauken – freiwillig und mit Spaß: egal, ob Sprachen, ein Musikinstrument oder das Motorbootfahren. Lebenslanges Lernen ist Trend.



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