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Spektakel am Nachthimmel

Magie des Mondes: Heute längste Finsternis des Jahrhunderts

In der kommenden, hoffentlich sternklaren Nacht müssen wir auf das silbrige Licht des Vollmonds verzichten – und werden doch reichlich entschädigt. Genau zur abendlichen „Primetime“ beginnt nämlich eine seltene totale Mondfinsternis, die den Mond in ein rotes Licht tauchen wird. Man darf gespannt sein, ob es das erwartete tiefdunkle Rot sein wird. Exakt vorhersagen kann man dies nicht.

veröffentlicht am 27.07.2018 um 07:00 Uhr

So sieht der Vollmond während einer totalen Mondfinsternis aus: geheimnisvoll in einem roten, „magischen“ Licht leuchtend. Foto: Ernst-Michael Stiegler

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Ernst-Michael Stiegler Reporter
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Das uns vertraute „Mondgesicht“ wird unmittelbar nach Sonnenuntergang vollständig über dem südöstlichen Horizont aufgegangen sein. Und dann geht es schon los: Um 20.24 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit (MESZ) tritt der Mond in den Kernschatten der Erde ein. Der sich zunächst nur als schmaler Streifen am linken Rand des Mondes bemerkbar macht. Das ändert sich, wenn der Mond innerhalb von gut einer Stunde immer tiefer in den Schatten hineinwandert. Nach und nach verdunkelt dieser die gesamte Mondoberfläche. Wer genau hinschaut, kann bemerken, dass der Erdschatten auf seiner vorangehenden Seite leicht abgerundet ist. Dies fiel bereits den antiken Griechen vor über 2000 Jahren auf. Sie schlossen daraus auf die Kugelgestalt der Erde.

Ganz entscheidend für die Schönheit einer totalen Mondfinsternis ist die Erdatmosphäre. Ohne diese dünne Luftschicht würde der Mond zeitweise unsichtbar. Tatsächlich lenkt unsere Lufthülle aber mittels Lichtbrechung einen Teil des Sonnenlichts um die Erde herum in den Kernschatten hinein. Wenn dann der Mond ab 21.30 Uhr MESZ vollständig in den Kernschatten eingetaucht ist, beginnt das Farbenspiel auf dem Mond. Am rechten Rand, zum Halbschatten hin, ist er noch heller und eher gelblich, während er links, in Richtung des zentralen Bereichs des Kernschattens, schon deutlich rötlich sein kann. Der Höhepunkt der Finsternis ist um 22.22 Uhr MESZ. Der Mond, genau gesagt die Mitte der Mondscheibe, kommt dieses Mal dem Zentrum des Kernschattens außergewöhnlich nah. Das könnte eine sehr dunkle Finsternis bedeuten und der Mond daher in einem durchaus unheimlich wirkenden Rost- bis Blutrot leuchten.

Die bekannte Tageszeitung mit den vier großen Buchstaben titelte vor wenigen Jahren auf ihrer ersten Seite: „So glücklich macht der Rote Mond!“ Denn „Astrologen“ seien sich „sicher, dass uns dieses Himmels-Spektakel Glück bringt“. Auch Wissenschaftler würden „günstige Einflüsse, z. B. auf das Sexleben“ erwarten.

Der Vollmond, wie er uns normalerweise erscheint, … Foto: Ernst-Michael Stiegler
  • Der Vollmond, wie er uns normalerweise erscheint, … Foto: Ernst-Michael Stiegler
Der Kernschatten der Erde wandert innerhalb einer guten Stunde über den Mond. Foto: Ernst-Michael Stiegler
  • Der Kernschatten der Erde wandert innerhalb einer guten Stunde über den Mond. Foto: Ernst-Michael Stiegler

Immerhin glauben tatsächlich rund neun von zehn Deutschen daran, dass der Mond sie bzw. das Geschehen auf der Erde beeinflusse. Zu den populären Meinungen gehört, dass sich bei Vollmond das Wetter ändert, dass er die Ursache für Schlaflosigkeit und Gemütsveränderungen ist, dass der Mond das Pflanzenwachstum fördern oder hemmen kann. Denn schließlich „wachse“ ja auch der Mond mit zunehmender Phase und werde „größer“. Tatsächlich erhält der für uns sichtbare Teil des Monds lediglich mal mehr und mal weniger Sonnenlicht. Und was ist mit Ebbe und Flut? Beides entsteht, weil sich die Erde und der Mond um ihren gemeinsamen Schwerpunkt bewegen (zusätzlich zieht die Sonne an den Flutbergen, was mitunter zu einem Springhochwasser führen kann). Würde die Erde nur so langsam rotieren wie unser Nachbarplanet Venus, dann wären Ebbe und Flut kaum zu bemerken.

Dennoch: im kommenden Herbst werden sicherlich wieder „Mondkalender“ mit hohen Auflagen verkauft. Sogar die Hessische Gartenakademie veranstaltete vor Jahren „Gärtnern nach dem Mond – alles Quatsch?“. Weil die Bäume „von der Wurzel her ergrünen“, so Hildegard von Bingen, und der zunehmende Mond Feuchtigkeit emporziehe, sollen Bäume bei abnehmendem Mond gefällt werden. Horst Thiel von der Volkssternwarte in Bad Driburg erteilt der „Magie des Mondes“ eine klare Absage: „Menschen, die anhand der Mondphasen ihren Garten bestellen, folgen unseriösen Veröffentlichungen. (…) Genauso wenig gilt, dass Mondholz besondere Eigenschaften haben kann.“ Beim Mond prallen persönliche Überzeugungen und Pseudowissenschaften auf empirische Ergebnisse der Naturwissenschaft - seit den amerikanischen Mondlandungen vielleicht noch mehr als zuvor. Wer wurde also tatsächlich erobert? Und wirkt der Mond wie ein kosmisches Placebo? Etwa wenn Menschen im Mondschein eine Karaffe mit Wasser ins Freie stellen, um damit „Mondwasser“ herzustellen?! Oder ein lediglich limitiert erhältliches „Mondwasser“ kaufen: aus einer Quelle in den Pyrenäen. Wen der hohe Preis nicht stört, wird ein sehr gutes Mineralwasser erhalten, mehr aber auch nicht.

Angeblich soll die Zahl der Geburten bei Vollmond höher sein als zu anderen Zeiten. Und medizinisches Datenmaterial deuten manche dergestalt, dass operative Blutungen bei Vollmond häufiger passieren. Vielleicht nicht ganz ernsthaft wünscht sich ein Arzt, „nur noch in stockdunklen Nächten zu operieren und die mondhellen Nächte der Liebe“ vorzubehalten.

Unser Wort Laune leitet sich vom lateinischen „Luna“ her. Politessen sind zeitweise mit besonders schlecht gelaunten Verkehrssündern konfrontiert, wie sie berichten: „Wenn Hitze und Vollmond zusammenkommen, ist es am schlimmsten.“ Haben alte Weisheiten, die geheime Verbindungen zwischen dem Menschen und dem Mond annehmen, vielleicht doch recht? Der jüdische Talmud warnt davor, im Mondlicht zu schlafen. Im Englischen wird jemand als „lunatic“ bezeichnet, der nicht ganz richtig im Kopf ist. Und überglückliche Menschen sind „over the moon“. Ganz anders erging es vor über 2500 Jahren dem nepalesischen Prinzen Gotama, der der Legende nach bei Vollmond unter einem Feigenbaum meditierend erleuchtet und somit zum Buddha wurde.

Die annähernde Übereinstimmung des weiblichen Zyklus‘ mit der Zeit zwischen zwei Vollmonden – 29,5 Tagen – ist auffällig, aber weit naheliegendere, vor allem individuelle Faktoren bestimmen die Zyklusdauer und ihre Veränderungen wesentlich mehr. Oder: vor 60 Jahren klagten lediglich 20 Prozent aller Deutschen über lunare Schlafstörungen, heute fühlt sich die Hälfte der Frauen in Deutschland vom Vollmond um den Schlaf gebracht (und knapp 30 Prozent der Männer).

Was macht den Mond scheinbar so wirksam, ohne dass es dafür wissenschaftliche Belege gibt? Der Sozialwissenschaftler Edgar Wunder, Ruhr-Universität Bochum, findet als Erklärung, dass sich Menschen im „Alltag auf der Grundlage einzelner Ereignisse“ ihr Weltbild, ihre Lebenswirklichkeit konstruieren. Diese Ereignisse müssen auffällig und prägnant sein! – so, wie es die helle Nacht mit einem schönen Vollmond am Himmel eben ist. Ein Beispiel: Reißen nach langer Schlechtwetterlage die Wolken auf und erscheint dahinter der volle oder fast volle Mond, wird er für die Wetteränderung verantwortlich gemacht. Die Wissenschaft nennt das „selektive Erinnerung“: Zwei völlig unabhängige Vorgänge werden im Gedächtnis bewahrt und in einen kausalen Zusammenhang gebracht. Der Glaube versetzt bekanntlich nicht nur Berge. Er lässt auch monatlich die Befürchtung wachsen, beim bevorstehenden Vollmond mal wieder nicht schlafen zu können. Was dann auch geschieht: im Teufelskreis einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Kann man entspannt mit kontroversen Mond-Meinungen umgehen? Vielleicht so: indem man zu Tisch bittet und sich vom „Kochen im Zeichen des Mondes“ inspirieren lässt. Empfohlen wird dafür „Rapunzelsalat mit heißen Schalotten und gebratenem Speck“ oder „Kohlrabi mit Tomatenfüllung“. Dazu können ein „Mondbier“ schmecken der Badener Familienbrauerei Bauhöfer oder ein „Mondwein“ des Weinguts Kirmann am nördlichen Harzvorland: vielleicht so oder so eine Entdeckung! Und zum Abschluss kann ein „Mondkäse“ gereicht werden, der bei Schlaflosigkeit helfen soll…!



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