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„Märchen bilden unser Leben ab“

Herr Prof. Uther, wir feiern den 200. Geburtstag von Grimms Märchen. Sie selber beschäftigen sich seit mehreren Jahrzehnten damit. Ihr Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen zählt zu den wichtigsten Standardwerken. Was fasziniert Sie an dieser literarischen Gattung?

veröffentlicht am 20.12.2012 um 00:00 Uhr

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Autor:

Catherine Holdefehr

Ich habe mich schon immer für Literatur interessiert und schon immer viel gelesen. Es ist ein glücklicher Zufall, dass ich diese Vorliebe auch als Beruf ausüben kann. Ich habe Germanistik, Geschichte und Volkskunde studiert und da auch die Bekanntschaft mit Märchen gemacht. Faszinierend ist, zu sehen, wie Märchen aus älterer Zeit weiterwirken und immer wieder revitalisiert werden.

Märchen wie beispielsweise „Hans im Glück“ oder „Die Bremer Stadtmusikanten“ mögen Sie besonders gerne. Gibt es denn auch ein Märchen, das Sie nicht mögen?

Nein, das gibt es nicht. Höchsten solche, die schlecht konzipiert sind, die unlogisch sind, das gibt es ja auch. Aber ein Märchen, das mir nicht gefällt, kann ich spontan nicht benennen. Selbst Märchen mit pessimistischem Ausgang haben aus ihrer Zeit heraus betrachtet eine besondere Bedeutung.

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Werden die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm seit 200 Jahren in jeder Generation erzählt?

Dass Märchen erzählt werden, ist heute sicher nicht mehr so häufig. Märchen werden öfter vorgelesen und vor allem in den neuen Medien genutzt. Das heißt, von Generation zu Generation hat sich stets ein neues Verständnis von Märchen ergeben, man hat sich den Märchen immer wieder neu angenähert. Wenn wir die heutige Zeit betrachten, dann wirken Märchen auf vielfältige Art und Weise auf uns ein. Es gibt viele Märchen-Bilderbücher und viele Märchen in den jeweils populären Medien, wie DVD, Hörspiel, E-Book oder Film. Erzählt wird kaum noch und auch, das zeigen Untersuchungen, in den Familien immer weniger vorgelesen. Und wenn wir an die frühere Zeit denken, muss man davon ausgehen, dass Märchen auch nicht unbedingt vorgelesen wurden. Bis ins 19. Jahrhundert hinein wurde diese literarische Gattung nicht immer positiv aufgenommen.

Die Bewertung der Märchen hat sich also immer wieder verändert. Mal galten sie als rückwärtsgewandt, mal als zu brutal und für Kinder ungeeignet – welche großen Phasen der Märchenbewertung lassen sich unterscheiden?

Die erste Phase beginnt in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, als man Märchen in deutscher Sprache herausbrachte, die nicht nur abhängig waren von ausländischen Vorbildern. Man gestaltete diese Märchen selber als kurze, überschaubare Erzählungen. Dann kam es zu einer Diskussion, ob Märchen gut und nützlich seien oder nicht. Da hat sich die Haltung der Brüder Grimm durchgesetzt: Märchen sind wichtig und dienen der Erziehung. Märchen wurden immer stärker positiv betrachtet. Diese positive Bewertung hält im 19. und 20. Jahrhundert zunächst an. Um 1970 herum kam es zu einem radikalen Bruch. Im Zuge der 1968er Studentenbewegung kam die Idee auf: Märchen seien total schädlich, rückwärtsgewandt, brutal, grausam und für Kinder völlig ungeeignet, weil sie Bilder vermittelten, die nicht mehr in unsere heutige Gesellschaft passten. Die Diskussion hielt ein paar Jahre an, bis Mitte der 70er Jahre ein Buch des österreichisch/amerikanischen Freud-Anhängers Bruno Bettelheim erschien mit dem Titel „Kinder brauchen Märchen“. Er stellte nun heraus, wie wichtig Märchen für Kinder seien. Sie beförderten die kindliche Phantasie und würden zur Entwicklung beitragen. Das führte zu einer positiveren Betrachtungsweise, weil man gesehen hat, dass man sie nicht auf Grausamkeit reduzieren kann, sondern dass Kinder eine ganz eigene Sehweise auf Märchen haben, die mit Grausamkeit überhaupt nichts zu tun hat. Märchen enthalten klare Bilder, was gut und böse ist. Wichtig ist der Sieg der Gerechtigkeit.

Mit dem Argument, die Märchen seien nicht „kindgemäß“ genug, hatten auch die Brüder Grimm schon zu kämpfen. Wilhelm Grimm hat darauf reagiert und die Erzählungen überarbeitet. Warum?

Wilhelm Grimm hat die Märchen immer wieder bearbeitet. Die einen ganz stark, die anderen weniger, manche gar nicht. Das hängt damit zusammen, dass er bemüht war, die beste Form zu finden. Sie sollte geeignet sein, dafür zu sorgen, dass die Märchen weiter existieren. Und das hat er so gut gelöst, dass die Märchen bis heute die Zeiten überdauern. Die Strukturen des Vorgegebenen sollten beibehalten, aber die Geschichten der Zeit angepasst werden. Er war der Ansicht, man müsse doch „ein bisschen mehr Butter bei die Fische tun“. Dafür fügte er Redensarten und Sprichwörter ein, sorgte für Anschaulichkeit oder einen harmonischen Schluss und einen guten Anfang.

Dreht sich die Diskussion bei Märchen auch meist um ihre Eignung für Kinder, sind die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm ursprünglich nicht ausschließlich für Kinder geschrieben worden. Was können Erwachsene heute noch aus Märchen lernen?

Die Märchen bilden unser Leben ab. Genau wie die Bibel. Dort werden alle möglichen Konflikte geschildert. Zwischen Generationen, zwischen Geschwistern, das Aufbrechen in die Fremde, das Herauslösen aus einem gewohnten Alltagstrott – das alles sind Dinge, die jeden von uns betreffen. Heute wie damals. Oder sie zeigen auf, wie unschuldig Verfolgte doch zu einem befriedigenden Leben finden und sogar ihren sozialen Status verändern können. Märchen sind Hoffnungsliteratur und insofern auch für Erwachsene wichtig, weil man sich selbst ebenso in diesen Konflikten oder problematischen Situationen wieder finden kann. Es gibt in Märchen Patchwork-Familien, die Witwen oder den Witwer mit den zwei Kindern oder Waisenkinder, die auf sich alleine gestellt sind. Alle diese Dinge sind in Märchen eingefangen und enden glücklich. Dadurch sind sie auch für Erwachsene interessant.

In vielen Märchen geht es darum, eine Prinzessin zu retten. Für ihre Rettung wird dem männlichen Helden ihre Hand versprochen. Auf den ersten Blick hat das mit einem emanzipierten Geschlechterbild wenig zu tun. Sind die Rollen tatsächlich so klar verteilt?

Den Vorwurf, dass Märchen auch ein Frauenbild widerspiegeln, das der vergangenen Zeit entspricht, hat man den Märchen immer wieder gemacht. Es ist sicher richtig, das kann man aber auch in ganz anderen literarischen Gattungen so sehen. Ich denke, wichtig ist, dass es auch andere Märchen gibt, wo beispielsweise Frauen auf sich allein gestellt sind und aus sich und über sich heraus wachsen. So wie Aschenputtel zum Beispiel. Das sind nicht nur unschuldig verfolgte Frauen, die aus der Männersicht geschildert werden, sondern sehr aktive Frauen. Zusammengesehen ergibt sich dadurch ein anderes, vielschichtigeres Bild.

Sie arbeiten an einer 15-bändigen Enzyklopädie der Märchen, viele Germanisten, aber auch Wissenschaftler anderer Gebiete forschen bis heute zu Grimms Märchen. Gibt es tatsächlich noch immer Neues zu entdecken?

Aus meiner fast vierzigjährigen Tätigkeit als Erzählforscher möchte ich sagen: Man kann immer noch wieder Neues entdecken, selbst bei den Märchen der Brüder Grimm, die ja nun von X Generationen untersucht und abgeklopft worden sind. Ein Problem ist jedoch, dass sich die Wissenschaft fast nur mit den Märchen der Brüder Grimm beschäftigt, so verkennt man, dass es doch neben diesen kanonisierten Buchmärchen auch viele andere Märchen und kulturhistorische Zeugnisse der Vergangenheit gibt, die es zu entdecken gilt. Darum kümmert man sich nicht, weil sie nicht im Mainstream liegen. Das ist sehr bedauerlich.

Das Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm (de Gruyter , Berlin 2008) von Hans-Jörg Uther zählt zu den Standardwerken zu Grimms Märchen. Foto: de Gruyter

Ob Rotkäppchen, Schneewittchen, Aschenputtel oder Hänsel und Gretel – die Märchen der Brüder Grimm sind um die Welt gegangen. Vor 200 Jahren, am 20. Dezember 1812, erschien die Erstausgabe ihrer „Kinder- und Hausmärchen“. In dieser Woche ehren wir Jacob und Wilhelm Grimm. Eine märchenhafte Serie, heute Teil vier: Wir haben mit dem Erzählforscher und Grimm-Experten Prof. Dr. Hans-Jörg Uther darüber gesprochen, ob die Geschichten heute noch zeitgemäß sind.



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