weather-image
12°
×

Von genervten Autofahrern, intelligenten Ampeln und Grünen Wellen

Mächtige Lichter

Zwei Wochen seines Lebens verbringt jeder in Deutschland – rein statistisch – mit dem Warten an einer roten Ampel. Das führt oft zu Ärger bei den Autofahrern. Doch ohne die Verkehrsregler geht es vielerorts gar nicht weiter. Die richtige Taktung einer Ampel ist eine hohe Kunst – aber geht das auch intelligenter?

veröffentlicht am 18.09.2015 um 11:05 Uhr
aktualisiert am 18.11.2015 um 17:29 Uhr

Autor:

Die Ampel und der Autofahrer – eine Hassliebe. Zeigt das runde Licht den Autofahrern ein grünes Signal, freuen sie sich über freie Fahrt, scheint hingegen das rote Licht hell auf, heißt es bremsen und warten. Manch einer mag da an die ebenso wertvolle wie vertane Zeit denken, die er anders verbringen könnte. Mit etwas Sinnvollem, den Kindern oder einfach nur entspannen. Stattdessen steht das Auto, der Motor läuft weiter, Abgase werden in die Umwelt gepustet. Dass eine Ampelanlage im Sinne der Verkehrssicherheit sein muss, ist unbestritten. Strittiger hingegen sind die „sinnlosen“ Wartezeiten – die, in denen kein Verkehr aus einer anderen Richtung kommt und die Autofahrer trotz dessen an einer roten Ampel stehen müssen.

Verkehrsplaner versuchen, unnütze Wartezeiten so gering wie möglich zu halten, doch die Steuerung der Lichtsignalanlagen – wie Ampeln im Fachjargon heißen – ist eine komplizierte Angelegenheit. Die feinsten Einstellungen lassen sich justieren, um Grünzeiten zu planen und Ampelanlagen aufeinander abzustimmen. „Das Schwierige ist, die Ampeln intelligent untereinander zu verknüpfen“, sagt Manuel Demuth, der bei der Stadt Hameln für die Steuerung der Lichtsignalanlagen zuständig ist.

Ziel der Hamelner Ampelsteuerung ist es nicht nur, den Autofahrern zu schnelleren Grünzeiten zu verhelfen, sondern auch zu vermeiden, dass zu viel Verkehr die Innenstadt blockiert. Durch die geografische Lage zwischen den beiden vielbefahrenen Autobahntrassen A 2 und A 7 fließt viel Lastwagenverkehr durch Hameln. Verkehrszählungen der Stadt haben ergeben, dass es hier keine klassischen Spitzen zu Arbeitsantritts- und Feierabendzeiten gibt, sondern lediglich ein leicht erhöhtes Verkehrsaufkommen und ein kontinuierliches den gesamten Tag über.

Foto: pixabay (cc)

Besondere Belastungen treten dort auf, wo viele vorrangige Hauptströme zusammenlaufen. Das ist zum Beispiel an der Kreuzung von Thiewall, Erichstraße und Kastanienwall der Fall und etwas weiter an der Kreuzung von Kastanienwall und Deisterallee. „Den ausweichenden Verkehr durch einen Stau auf der A 2 können wir in Hameln nicht abfangen. Die Belastung merkt man auf den Straßen deutlich“, sagt Demuth. Eine einzelne Ampelanlage könne zwar auf den Verkehr reagieren, der Zentralrechner aber nicht.

In Hameln haben sämtliche Ampelanlagen einen eigenen Steuerungskasten. Der wiederum ist mit dem Zentralrechner verbunden. Die Ampelanlage selbst erkennt die Autos und sogar mit welcher Geschwindigkeit sie über die Ampel fahren oder ob sie vor ihr halten. Das funktioniert entweder über die Induktionsschleifen im Boden, die bemerken, dass etwas Metallisches sie überquert oder über Kameras auf den Ampelmasten, die Bewegungen in ihrem Messfeld registrieren. Stehen zu viele Autos vor einer Ampel, gibt es an manchen Kreuzungen Stauschleifen, die etwas weiter hinten liegen als die Induktionsschleifen und welche die Grünphase der betreffenden Ampel um ein paar Sekunden verlängern können.

In die Steuerung jeder Hamelner Ampel ist einprogrammiert, wann sie auf Grün schalten soll. Innerhalb eines Intervalls von 90 Sekunden tagsüber (6 bis 20.30 Uhr) und 70 Sekunden nachts (20.30 bis 6 Uhr) kann eingestellt werden, in welcher Sekunde des Intervalls sie umschaltet. Auf diese Weise können mehrere Ampeln leicht versetzt getaktet werden, sodass eine grüne Welle entsteht. Hier kommt nun der Zentralrechner ins Spiel. Er setzt den Zeitpunkt Null des Intervallstarts für jede einzelne Ampelanlage der Stadt. Ist die Verbindung zum Zentralrechner unterbrochen, funktioniert die Ampel trotzdem weiter. Es kann allerdings sein, dass die grüne Welle gestört ist, weil nicht mehr alle Ampeln den gleichen Intervallstart haben. Bei dieser Ampelsteuerung sind Verkehrssituationen vorgeplante Szenarien und permanent eingestellt. Eine Kommunikation der Ampeln untereinander findet nicht statt.

Anders versucht es die Stadt Hannover schon seit einiger Zeit mit der Erprobung einer „intelligenten“ Verkehrssteuerung an stark belasteten Kreuzungen wie der von Marienstraße, Hans-Böckler-Allee und Sallstraße in der südlichen Innenstadt. Das in der Landeshauptstadt eingesetzte Verfahren bedient sich der sogenannten „Dynamischen Pulkerfassung“. Hinter dem Wortungetüm verbirgt sich eine besonders flexible Ampelkoordination, die Autos in Pulks detektiert und als Pulk die Straße passieren lässt. Dabei erfassen die Induktionsschleifen unter der Straßendecke, wie viele Fahrzeuge über sie hinwegrollen. Sind es vier oder mehr, werden sie automatisch als Pulk erkannt, der dann mindestens bis zum nächsten Hauptknotenpunkt geführt wird, ohne an einer Ampel halten zu müssen.

Das soll gegenüber einer starren Grünen Welle den Vorteil haben, dass auch der Verkehr, der aus den Nebenstraßen einbiegen möchte, berücksichtigt wird. Dieser hat jeweils zwischen den Pulks die Möglichkeit, sich in den Verkehr einzufädeln. Bei der Grünen Welle werden dagegen immer feste Zeitbereiche für die Durchfahrt freigehalten – unabhängig davon, ob viele, wenige oder auch gar keine Fahrzeuge vorhanden sind.

Messungen der Stadt Hannover haben ergeben, dass mit dem Verfahren der „Dynamischen Pulkerfassung“ die Emissionen von Stickstoffdioxid reduziert werden können: auf der Marienstraße um 4,6 Prozent und auf der Sallstraße um 5,8 Prozent. Die Zahl der Halte für Fahrzeuge reduziere sich um bis zu 25 Prozent. Gleichzeitig seien die Wartezeiten für Benutzer der Geh- und Radwege sowie für den öffentlichen Personennahverkehr geringer als bei der Grünen Welle. Allerdings: Gegen Lieferfahrzeuge, die die Fahrbahn blockieren oder langsame Abbieger, die den Verkehrsfluss stauen, kann selbst die Pulksteuerung nichts ausrichten.

Auch in anderen Städten Deutschlands werden bereits stellenweise intelligente Ampelschaltungen getestet, doch bisher blieben durchschlagende Erfolgsmeldungen noch aus. Technikaffine Szenarios sehen sogar vor, dass das Smartphone oder bald das Auto selbst mit der Ampel kommuniziert. Doch das ist noch Zukunftsmusik. In Hameln wird weiter an der optimierten Einstellung der Ampelschaltung im Sinne des bestmöglichen Verkehrsflusses gearbeitet. Wenn es einmal hakt, wird eben nachjustiert. Jeden aufkommenden und kostspieligen Trend bei der Verkehrsregelung will der Leiter der Hamelner Verkehrsplanung, Frank Schweigert, jedenfalls nicht mitmachen.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2020
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt