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Wildwest-Methoden am Altkleider-Container / Seriöse Vereine und Verwerter haben das Nachsehen

Lumpen unter den Sammlern

Wenn der Kleiderschrank ächzt und der Schuhschrank stöhnt, ist es Zeit, durchzusortieren. Was hängt schon lange nur noch rum? Für welche der Treter läuft nichts mehr? Vieles wäre ja eigentlich noch verwendbar… Sicherlich können andere damit gut etwas anfangen! Also ab in den nächsten Altkleider-Container. Der Markt für alte Sachen ist attraktiv. Dort machen neben seriösen Unternehmern kaum behelligt auch skrupellose Geschäftemacher Abfall zu Geld. Einblicke in den Container-Krieg.

veröffentlicht am 24.07.2015 um 10:23 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:02 Uhr

Marc Fisser

Autor

Reporter zur Autorenseite

Klappe auf, Altkleidersack rein, Klappe zu – gutes Gewissen. So läuft es meistens, wenn die Deutschen ein- oder zweimal im Jahr ihren Kleiderschrank kritisch durchgesehen haben. In einer aktuellen Umfrage betonen sie, die abgelegten Sachen dem Roten Kreuz oder anderen Hilfsorganisationen zu spenden. Zumeist im guten Glauben, damit direkt bedürftige Menschen einkleiden zu helfen. So allerdings funktioniert die Verwertung nur zum kleineren Teil. „Wir sammeln monatlich 12 bis 13 Tonnen Altkleider ein“, sagt Martina Marino-Grusow, die beim DRK Schaumburg für die Kleiderläden zuständig ist. „3 bis 5 Tonnen davon kommen in unsere fünf DRK-Shops.“ Die „schlechten Stücke“ – die große Überzahl – werden an einen „zertifizierten Entsorgungsbetrieb“ weiterverkauft. Der Erlös fließe in die DRK-Arbeit. Bundesweit nimmt das DRK hierdurch gut 13 Millionen Euro ein.

Die Unseriösen

sammeln dann eben ohne Genehmigung

Die Schaumburger kooperieren mit der Firma East-West in Langen bei Cuxhaven. Das DRK Weserbergland in den Landkreisen Hameln-Pyrmont und Holzminden setzt auf Transtex-Egohelp in Varrel. Bundesweit hat das DRK gut 20 solcher Partner – und muss penibel darauf achten, dass der eigene gute Ruf nicht etwa durch ein schwarzes Schaf der Branche beschmutzt wird. Denn ob beim Sammeln der Altkleider, bei den Verwertungsarbeiten in Deutschland oder bei der weltweiten Vermarktung: Es gibt auf diesem Markt viele Möglichkeiten, Gesetze zu unterlaufen, Menschen auszubeuten, die Natur zu schädigen – und den eigenen Reibach zu maximieren, ohne sich um Recht und Gesetz zu scheren. Der Begriff „Lumpensammler“ hat eine weitere Bedeutung bekommen.

Altkleider sind offiziell Müll, in Wahrheit aber ein begehrtes Wirtschaftsgut. Jahr für Jahr rund 750 000 Tonnen dieser Ware schenken die Deutschen den Container-Betreibern. Der Preis für das Material hatte sich binnen fünf Jahren auf 500 Euro pro Tonne fast verdoppelt, ist derzeit aber weltmarktbedingt auf 280 Euro zurückgegangen. Viele klamme Kommunen nutzen inzwischen die Chance, etwas von den Geldern abzugreifen. Die Stadt Hameln hat die Lizenz zum Sammeln ausgeschrieben: Nur die SP Textilverwertung aus Peine, die für den Drei-Jahres-Zeitraum 58 500 Euro geboten hat, von der Dekra überprüft wurde und viele Referenzen vorweisen kann, besitzt nun in der Rattenfängerstadt das Recht, auf festgelegten öffentlichen Flächen 43 Altkleider-Container und 32 Schuhsammelbehälter aufzustellen. Andreas Besser vom DRK Weserbergland bereitet das Bauchschmerzen. „Unsere Altkleidermenge ist seit den Ausschreibungen um 40 bis 50 Tonnen im Jahr zurückgegangen“, sagt er. Das sei ein Verlust von rund zehn Prozent und ein Nachteil für die gemeinnützige Arbeit und die Wertschöpfung vor Ort. Der Verband zehrt aber davon, in beiden Landkreisen trotzdem noch 100 Sammelbehälter zu betreiben, meist auf eigenen Grundstücken etwa an DRK-Kindertagesstätten. Vieles wird von den Eigentümern auch direkt bei den Rotkreuzlern abgegeben.

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Eine Straße, zwei Welten: Während das Unternehmen SP Textilverwertung in Hameln die Lizenz erworben hat, Altkleider-Container zu betreiben (li.), hat die Firma DTRW ein paar Meter weiter in derselben Straße einen Behälter ungefragt auf Privatgrund gestellt. Dana/Wal

Andere, die nicht zum Zuge kommen – weil ihnen das Renommee fehlt oder ihr Ausschreibungsangebot zu schlecht ist –, lassen sich etwas einfallen, um nicht aus dem Markt zu fliegen. Die Unseriösen sammeln dann eben ohne Genehmigung und damit kostengünstig. Teilweise subventionieren sie offenbar ihre erlaubten Sammlungen mit Einnahmen aus den krummen Geschäften – und machen damit den Seriösen das Leben doppelt schwer. Bei den Hilfsorganisationen und bei den rund 80 Entsorgern im Fachverband Textilrecycling schrumpfen die Sammelmengen jedenfalls auffällig stark. Dabei sind die Deutschen konsumfreudiger denn je und haben damit unverändert allen Grund zum Ausmisten. „Vor drei Jahren haben wir noch das Doppelte gesammelt“, stellt Marino-Grusow fest. Sie sehe „eine Menge illegaler Kleider-Container“ in den Straßen stehen. Von den Nutzern oft unbemerkt, landet die eigentlich für gemeinnützige Zwecke in der Region gedachte Spende damit bei den international agierenden Abzockern. Diese verwenden Wildwest-Methoden. Und wie im Film schaut der Sheriff meist hilflos zu.

Oft werden Altkleider-Behälter über Nacht und ohne zu fragen im Randbereich von Privatgrundstücken abgestellt. Nicht selten fällt der Kleider-Schlucker für längere Zeit niemandem auf. Und wenn doch, dann läuft es wie in dem Fall, der gerade in Hameln für Aufsehen gesorgt hat. Auch nach fünfmonatigen Bemühungen war es der Hauseigentümerin nicht gelungen, die Blechkiste legal und ohne Prozess- oder Kostenrisiko aus dem Weg schaffen zu lassen. Stadtverwaltung, Polizei, Staatsanwalt – niemand konnte oder wollte helfen. Am Ende statuierte die Zeitung ein Exempel. Nun steht der Kasten auf dem Druckereigelände am Rande der Stadt – mit Wissen des Eigentümers, der Firma DTRW im hessischen Burgwald, beobachtet von einer Webcam. Für DTRW ist es wohl nur ein schwacher Nadelstich. Aber macht das Beispiel Schule, würde es doch lästig für den 31-jährigen Firmenchef. Der hatte – den Erfolg seines entsprechend tätigen älteren Bruders vor Augen – einst mit Euro-Zeichen in den Augen nach wenigen Semestern sein Wirtschaftsstudium abgebrochen. Sicherlich bevor das Seminar „ehrbarer Kaufmann“ dran war.

Der Staat

schaut oft nur hilflos zu

Die Altkleider-Unternehmen der beiden Brüder tauchen immer wieder in Berichten über unlautere Machenschaften auf. Die gebürtigen Kasachen haben es sich anscheinend abgewöhnt, auf Beschwerden zu reagieren – und machen weiter. Die Kalkulation ist einfach: Ein Altkleider-Container kostet in der Anschaffung 500 Euro, gebraucht oder geklaut ist es noch weniger. Mit wenigen Füllungen ist das Geld wieder eingespielt. Zudem dürfte es preiswerter und unbürokratischer sein, einen neuen Kasten zu besorgen als einen abtransportierten auszulösen oder gar Gerichte einzuschalten. DTRW besitzt nach eigenen Angaben 12 000 Container – ein gewisser Schwund ist sicherlich einkalkuliert.

Zwar wirbt DTRW mit einer „Belohnung von 1000 Euro“, wenn Zeugen die Polizei benachrichtigen, sobald Container-Diebe am Werk sind. Doch das dient wohl eher dazu, Gelegenheitsganoven vom Kleider- oder Schrottklau abzuschrecken. Nicht mehr beeindrucken lassen sich von solchen Aufklebern die Konkurrenten. Zwischen den Seriösen und Unseriösen, aber auch den Unserösen untereinander herrscht längst ein Container-Krieg. Da werden Behälter, für deren Standorte der Betreiber eine Genehmigung der Kommune hat und für die er Gebühren bezahlt, verstellt oder mitgenommen, sogar dreist durch die eigenen Kisten ersetzt. Als kürzlich ein solcher Fall in Hannover aufflog, hoffte der Geschädigte auf juristische Genugtuung. Doch inzwischen hat ihm die Polizei mitgeteilt, die Ermittlungen seien „mangels öffentlichen Interesses eingestellt worden“. „Was für ein Signal an die Täter“, beklagt die Opferseite.

Die „Guten“ in der Branche, die ihre Betriebe mit großem Aufwand von externen Experten durchleuchten und zertifizieren lassen, oder auch Supermärkte, deren Parkplätze von den Jägern unter den Sammlern missbraucht werden, haben dazugelernt. Sie ziehen die durchaus legale Selbsthilfe vor und die Schwarz-Container ein, anstatt darauf zu warten, dass der in diesem Punkt schwache Staat aufrüstet. Der hat oft das Problem, bei Eigentumsverletzungen den Strafrechtsparagrafen „Hausfriedensbruch“ nicht anwenden zu können – schlicht, weil am „Tatort“ der Zaun fehlt. Und Zivilverfahren sind so langwierig und die verhängten Urteile so schwer durchzusetzen, dass in dieser Zeit der Altkleider-Rowdy weiterhin seinen Schnitt macht. Denn unkritisch werfen Anwohner säckeweise Aussortiertes sogar in Behälter hinein, die von Betroffenen mit Warnhinweisen versehen oder blockiert wurden. Führt nichts an einem Standortwechsel vorbei, reichen oft ein paar Meter, um das Verfahren bei Null beginnen zu lassen. Und wieder Zeit und Geld zu gewinnen. „Gegen die Container-Mafia ist nicht anzukommen“, befürchtet ein Insider.

Info: Woran erkenne ich seriöse Container?

  • Festnetz-Telefonnummer und Adressdaten vorhanden – und Versuch der Kontaktaufnahme läuft nicht ins Leere.
  • Kein wohltätig klingender, aber unbekannter und nicht nachverfolgbarer Vereinsnamen.
  • Container im guten Zustand: Sicherheitsmechanismus an der leicht bedienbaren Klappe, keine großen Beulen oder Rostschäden, kein Aufkleber-Wildwuchs.
  • Standort mit klarer Zuordnung zu einem Grundeigentümer – im Zweifel die Anlieger fragen, ob die Aufstellung erlaubt wurde.
  • Umfeld des Containers wird im Zuge der Leerung gereinigt.
  • Ideal: BVSE-Qualitätssiegel mit dem Firmennamen und Siegelnummer; aktuelle Liste der Siegelträger im Internet unter
  • www.qs-textilsammlung.de.
  • Oder: Siegel von FairWertung. Mehr als 120 Sammler haben sich bisher angeschlossen; Infos im Internet unter www.fairwertung.de.


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