weather-image
Sehnsucht, Briefe, Vertrauen: Wie Benjamin und Anna ihre Beziehung gestalten

Liebe hinter Gittern

Es ist ein braunes Ledersofa – der Platz für die Liebe. Ein Raum für Zweisamkeit, der einzige Raum im Gefängnis. Dort können Paare ungestört sein, für kurze Zeit. Doch wie kann eine Beziehung gelingen, wenn man sich nur alle paar Wochen für ein paar Stunden sieht, wenn Telefonate teuer, Mails und SMS-Kontakt verboten sind?

veröffentlicht am 30.06.2016 um 16:34 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 18:14 Uhr

270_0900_4069_hm302_ant_0306.jpg
Andrea-Tiedemann-Redakteurin-Lokales-Dewezet

Autor

Andrea Tiedemann Reporterin zur Autorenseite

Benjamin weiß, wie es geht. Der 23-Jährige sitzt seit Dezember 2012 hinter Gittern, seit 2013 ist er mit seiner jetzigen Freundin, Anna, fest zusammen. Eine Frau aus dem Gefängnis heraus kennenlernen? Nein, sagt Benjamin, er habe sie schon vorher gekannt, zusammengekommen seien sie aber erst, als er schon einsaß. Warum sucht eine junge Frau – Altenpflegerin mit fester Stelle – sich gerade einen Mann aus, der im Gefängnis sitzt? Benjamin hat immerhin einen bewaffneten Raubüberfall samt gefährlicher Körperverletzung auf dem Kerbholz. „Ich kann mit ihm über alles reden“, sagt Anna, „er war ein Freund, der immer für mich da war.“

Nicht alle ihre Freunde und Kollegen wissen, dass die 26-Jährige mit einem ehemaligen Straftäter zusammen ist. „Manche raten mir, vorsichtig zu sein“, sagt sie, das verunsichere sie manchmal. „Aber ich kenne ihn“, sagt sie. Die beiden sprechen über alles, außer einem: dem Raubüberfall. „Unser Blick ist auf die Zukunft gerichtet.“ Und sie habe Benjamin auch klargemacht, dass sie ihn verlässt, sollte er wieder Drogen nehmen wie früher schon einmal. „Ich bin in der Pflege tätig und habe da auch mit Betäubungsmitteln zu tun“, sagt Anna, „beim Thema Drogenkonsum bin ich total anti.“

Drei- bis viermal im Monat fährt sie aus Nordrhein-Westfalen nach Hameln, um Benjamin zu sehen, einmal im Monat ist Langzeitbesuch angesagt. „Da muss man drum kämpfen“, sagt Benjamin. Dann haben die beiden für maximal vier Stunden ihre Ruhe. Der schlicht eingerichtete Raum mit Kinderspielzeug, Tisch, Stühlen, Sofa und ohne Dusche lädt nicht unbedingt dazu ein, sich dort nahezukommen – dennoch ist es für die meisten, die ein paar romantische Stunden verbringen möchten, die einzige Gelegenheit für Sex – die durchaus genutzt wird. Für die Vollzugsbeamten ist es ein Balanceakt: Natürlich will man den Insassen die Zweisamkeit ermöglich, zugleich spielt der Sicherheitsgedanke eine wichtige Rolle. Ein Notruf-Knopf im Raum erinnert daran.

270_0900_4068_hm303_ant_0306.jpg
  • Im Langzeitbesuchsraum können Paare auch mal ungestört sein. Foto: ANT
270_0900_4067_hm301_ant_0306.jpg
  • Der Griff zu Stift und Papier hilft Benjamin, die Sehnsucht nach seiner Freundin zu ertragen. Foto: ANT

Anna konnte sich ohnehin nicht richtig mit dem Raum anfreunden. „Ich brauche eine häusliche Atmosphäre, Kerzen und so.“ Meist begegnen sich die Paare ohnehin an den Besuchstischen, während auch andere Besuch empfangen. Worüber sprechen die beiden? „Am Anfang habe ich noch viel aus dem Haftalltag erzählt“, sagt Benjamin – weil das für Anna noch neu war. Jetzt aber gehe es in erster Linie um Zukunftspläne. „Ausbildungsbetrieb finden, zusammenziehen“, solche Dinge. Benjamin macht derzeit eine Weiterbildung im Bereich Lagerlogistik. Für Anna ist das nicht einfach. „Ich habe schon Ängste vor dem Moment“, sagt sie, schließlich müsse auch sie sich erst mal daran gewöhnen, dass er entlassen wird. „Aber gleichzeitig freue ich mich darauf, ihn in den Arm zu nehmen und nicht mehr so lange warten zu müssen.“

Das wichtigste Rezept: Vertrauen

Denn emotional sei das nicht so einfach mit der Zweisamkeit nach Plan, sagt auch Benjamin. „Man freut sich eine Woche, aber nach dem Treffen geht es einem erst mal nicht so gut – da lassen einen die Leute auch in Ruhe.“ Anna sagt, das Wiedersehen mit Benjamin komme ihr – wenn sie später wieder in ihrer Wohnung ist – manchmal unwirklich vor.

Das wichtigste Rezept, um die Zeit gemeinsam zu überstehen, sei Vertrauen. Große Eifersuchtsgefühle kennen die beiden nicht. Wenn die Sehnsucht zu groß werde, greife er zum Stift und schreibe seiner Freundin einen Brief. Für Telefonate, die im Gefängnis nur über ein spezielles Konto abgerechnet werden können, gibt er pro Woche bis zu 150 Euro aus. Anna sagt, an manchen Tagen der Sehnsucht habe sie tagelang aufs Telefon geschaut. „Wenn die Nummer unbekannt ist, weiß ich, dass er es ist.“

Richtig unangenehm sei es einmal gewesen, erinnert Anna sich, als die beiden einen Streit am Telefon hatten. „Dann war das Geld leer und die Verbindung weg.“ Wenige Minuten später sei ihr klar gewesen, dass sie überreagiert hatte, sagt Anna. Doch das Normalste der Welt – noch einmal anrufen und sich entschuldigen – war nicht möglich. Ein schreckliches Gefühl.

Auch wenn Benjamin bereits zwei Kinder hat – von zwei verschiedenen Müttern –, möchte er gerne mit seiner jetzigen Freundin noch zwei weitere. Zu den anderen Kindern und deren Müttern habe er regelmäßig Kontakt. Abends gemeinsam einschlafen, spazieren gehen, in Urlaub fahren – darauf freuen sich Anna und Benjamin am meisten.

Für Daniel hingegen stehen Ausflüge mit seinem Sohn auf der Wunschliste. Seine jetzige Freundin war schon schwanger, als er noch draußen war. Über drei Jahre sind die beiden jetzt zusammen, „die meiste Zeit davon war ich in Haft“. Es sei nicht so einfach, einen Kontakt zum Kind aufzubauen, wenn man sich nur im Besucherraum sehen könne, sagt Daniel. „Mein Sohn fremdelt zwar nicht, aber ein bisschen ungewohnt ist es natürlich schon für ihn.“ Daher setzt der 22-Jährige derzeit alle Hoffnung auf eine Haftlockerung. Bei Ausgängen könne er mit dem Kind draußen etwas unternehmen.

„Umarmen, mehr gibt’s nicht“

Daniel sitzt wegen eines Einbruchdiebstahls im Gefängnis. Seine 20-jährige Freundin müsse sich draußen immer wieder dafür rechtfertigen, warum sie mit Daniel zusammen ist. „Weil wir uns lieben“, sagt er, „und für den Kleinen.“ Zweisamkeit spiele bei den Treffen – wie wohl bei jedem jungen Paar mit Kind – eine untergeordnete Rolle. „Umarmen, mehr gibt’s nicht.“ Das erste Jahr sei die Sehnsucht sehr groß gewesen, dann werde es leichter, so Daniels Eindruck. Wichtig sei, sich abzulenken. „Wenn ich mir ständig einen Kopf mache, mache ich mich nur kaputt.“

Auch Daniel hat noch ein weiteres Kind aus einer früheren Beziehung. Die Mutter habe aber nicht gewollt, dass das Kind ihn im Gefängnis besuche. „Mit dem werde ich dann, wenn ich entlassen bin, Kontakt aufbauen.“ Wie genau seine Zukunft in Freiheit aussieht, ist bei Daniel noch offen. Auf der Suche nach einer Lehrstelle im Bereich Abfallwirtschaft habe er sich auch in Berlin beworben – seine Freundin wohnt aber in Bremen. Ob sie dann mitziehe, sei noch unklar. Eine Fernbeziehung? Zumindest was lange Kontaktpausen angeht, sind die beiden in Übung.

Die getaktete Partnerschaft:

Wie viele Insassen der Jugendanstalt Hameln in festen Beziehungen sind, ist statistisch nicht genau erfasst. Die Partnerinnen sind nur zum Teil bekannt. Die Schätzungen der Justizvollzugsbeamten aus den einzelnen Abteilungen variieren: Von 40 bis 50 Prozent in manchen Abteilungen bis zu 15 Prozent in einer anderen Abteilung. Verheiratet sind wenige der Männer. Allerdings: Schon zweimal haben sich Paare in der Jugendanstalt das Ja-Wort gegeben. Dafür muss ein Standesbeamter ins Gefängnis kommen.

Bis zu vier Stunden pro Monat haben die Insassen Anspruch auf direkten persönlichen Kontakt zum Partner. Im Besuchsraum sitzen sie in der Regeln 90 Minuten lang an einem gemeinsamen Tisch. Eine feste Beziehung und ein familiärer Kontakt sei ein „Kapital für die Wiedereingliederung“, sagt Anstaltssprecher Dietmar Müller. Allerdings komme es häufig vor, dass Beziehungen nicht halten – oft werde der Druck kurz vor der Entlassung sehr groß.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare

    Kontakt

    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt