weather-image
10°
×

Letzte Chance: Vom Leben hinter Gittern

Lukas (22) wurde wegen Totschlags zu achteinhalb Jahren Jugendknast verurteilt. Ungewöhnlich lange für eine Jugendstrafe, denn acht bis zehn Jahre gibt es normalerweise für Mord. Die durchschnittliche Haftdauer in Hameln beträgt 1,8 Jahre. Gut die Hälfte seiner regulären Strafzeit hat der 22-Jährige bereits abgesessen. In einigen Monaten soll er vorzeitig entlassen werden.

veröffentlicht am 16.01.2013 um 00:00 Uhr

Autor:

„Das Schlimmste ist gar nicht das Eingesperrtsein“, erzählt Lukas (Namen von der Redaktion geändert) über sein Leben hinter Gittern. Viel schwerer zu ertragen sei die permanente Kontrolle, der Verzicht auf Familie, die Unmündigkeit. „Man hat immer jemanden im Nacken, der einem sagt, was man tun soll – da kommen viele nicht mit klar,“ sagt er. Wenn die jungen Häftlinge von der Arbeit zurück in die Zellen kommen, müssen sie immer damit rechnen, dass die Vollzugsbeamten nach Drogen und anderen verbotenen Gegenständen gesucht haben.

Lukas ist mittlerweile im Haus 5 untergebracht, der Abteilung für Sozialtherapie, in der die Gefangenen den größten persönlichen Bewegungsfreiraum haben. Sie dürfen mehr private Gegenstände besitzen, sind nicht rund um die Uhr in der Einzelzelle eingeschlossen, sondern können sich in Gemeinschaftsräumen mit anderen Häftlingen aufhalten.

In welches Haus man kommt, hängt von der Mitarbeitsbereitschaft des Jugendlichen ab, erklärt Dietmar Müller, zuständig für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Jugendanstalt. Die Haftbedingungen sind von Haus zu Haus unterschiedlich streng, aber eine Regel ist für alle gleich: Um 19.30 Uhr ist Zelleneinschluss, bis zum morgendlichen Wecken durch die Vollzugsbeamten.

2 Bilder

Die Sozialtherapie steht am Ende der Haftzeit und ist für einige Delikte Pflicht. Während in Haus 7 Sexualstraftäter an der Sozialtherapie teilnehmen, sitzen im Haus 5 in der Regel Jugendliche mit besonderer Gewaltproblematik – etwa ein Drittel wegen Tötungsdelikten, ein Drittel wegen schweren Raubs, die übrigen wegen Körperverletzung. Während der Sozialtherapie müssen die Jugendlichen ihre Straftat intensiv aufarbeiten, diverse Therapien, Gruppenangebote und Sozialtrainings wahrnehmen. So sollen sie auf ein Leben in sozialer Verantwortung vorbereitet werden.

Für viele jugendliche Straftäter ist die Jugendanstalt die letzte Chance vor dem Erwachsenenknast. Weil alle Gefangenen irgendwann das Gefängnis wieder verlassen – sie verbüßen Strafen von sechs Monaten bis zu zehn Jahren –, ist der Auftrag der JA Hameln klar formuliert: Im Vollzug der Jugendstrafe sollen die Gefangenen vor allem fähig werden, künftig in sozialer Verantwortung ein Leben ohne Straftaten zu führen. Außerdem dient der Vollzug dem Schutz der Allgemeinheit vor weiteren Straftaten.

Ein Spagat, der Dietmar Müller zufolge nicht immer einfach ist. Jugendliche „drinnen“ auf das Leben „draußen“ vorzubereiten, erscheint paradox, erklärt aber die gesamte Struktur des Strafvollzugs.

Mit Blick auf die Vorbereitung für „das Leben danach“ gibt es jede Menge Bildungsangebote, Sport- und sogar Musik-Projekte in der JA. Dinge, die leicht den Eindruck erwecken: Das Leben in der JA ist doch eigentlich ganz bunt, oder? – Ein Imageproblem, mit dem die JA immer wieder zu kämpfen hat, erklärt Müller. All die Angebote seien nämlich nötig, um den Bildungs- und Erziehungsauftrag zu erfüllen. Er betont aber: „Die JA ist und bleibt ein Gefängnis.“ Und das merkt man bereits wenige Minuten, nachdem man das Tor der JA passiert hat – frei bewegen kann sich auf dem Gelände niemand. Kein Handy, kein Facebook, keine Partys – das, was das Leben eines „normalen“ Jugendlichen so ausmacht, gibt es nicht. 25 Prozent der Gefangenen sind ausländischer Herkunft aus mehr als 30 Nationen.

Spätestens, wenn die neuen Häftlinge – etwa 500 im Jahr – mit den Transportern angeliefert werden, ist Schluss mit Privatsphäre. Die Gefangenen geben ihre persönlichen Dinge ab, bekommen in der Kammer ihre Knastkleidung und müssen dann zu ihrem Erstgespräch ins Haus 8, der Abteilung für Diagnostik und Planung. Das bedeutet, dort wird geguckt: Welche Voraussetzungen bringt der Jugendliche mit und was muss er tun, damit er draußen nicht wieder straffällig wird?

Auf dem Flur warten vier Jugendliche auf ihr Erstgespräch. An der Wand stehen blaue Müllsäcke, gefüllt mit ihrer Knast-Ausstattung. Die Stimmung ist eher gedrückt, einige sind zum ersten Mal da, andere kennen das Prozedere bereits.

Klaus-Peter Stein-Spitczok von Brisinski arbeitet seit Jahren in der Abteilung, in der die Erziehungs- und Förderpläne für jeden einzelnen Häftling erstellt werden. Zuvor durchlaufen die Jugendlichen aber einen 14-tägigen Eingangskurs. Psychologische Tests, Intelligenztest, Gespräche, Bildungsberatung. „Die meisten haben keinen Schulabschluss wenn sie hier her kommen“, berichtet von Brisinski. Gefangene mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung könne man „mit der Lupe suchen“. Nach Ablauf der zwei Wochen entscheidet sich, in welches Haus der Jugendliche kommt, alle vier Monate wird der Plan überprüft und fortgeschrieben.

Lukas hat seinen Plan vorzeitig erfüllt und wird deshalb auch früher entlassen, zunächst in den offenen Vollzug, ebenfalls in Hameln. Insgesamt 16 Monate verbringt er zum Ende seiner Strafzeit im Haus 5. Im Gefängnis hat er eine Ausbildung zum Industriemechaniker abgeschlossen, zur Überbrückung und um die Zeit rumzukriegen, macht er jetzt noch einen Schweißerschein und eine extra Qualifikation im Technologiezentrum. Ob er seinen Aufenthalt im Knast bei der Bewerbung angibt, ist er sich noch nicht sicher. In Hameln will er sich jedenfalls nicht bewerben, auch nicht in seinem Heimatort. Dort, wo er das Delikt begangen hat – „Da hält mich nichts mehr“, sagt er. Kontakt zu seinen Eltern und Freunden hat er noch. Telefonisch und ab und zu bekommt er Besuch von der Familie. Wie man die Zeit übersteht? „Am besten, man lebt in den Tag hinein, macht das, was sie einem sagen“, meint er. Wenn er gegen 15.30 Uhr von der Arbeit zurück ins Haus kommt, sieht sein Alltag in etwa so aus: Essen, telefonieren, duschen, und dann stehen eigentlich jeden Tag Therapien, Einzelgespräche und andere Gruppenangebote auf dem Programm. Einschluss ist um 19.30 Uhr. „Am meisten nerven die Einzelgespräche“, wenn immer wieder in der Vergangenheit rumgebohrt werde. Zu oft über die Tat nachzudenken – da gehe man kaputt.

Auch Marcus (22) ist im Haus 5. Allerdings hat er sich freiwillig – auf Rat der JA – dafür entschieden. Auch er absolviert hinter den Gefängnismauern eine Ausbildung. Er will Koch werden. Im Vergleich zu Lukas sitzt er mit zwei Jahren und acht Monaten eine relativ „kleine Jugendstrafe“ ab. „Wegen unterschiedlicher Jugendsünden, Körperverletzung“, erzählt er. Seine kriminelle „Karriere“ begann bereits mit zwölf, dreizehn Jahren. Mit Gewalt ist er aufgewachsen – „das war eben so in der Clique“. Erst war es Spaß, „dann wurde es immer härter. Mit zehn Jahren hat man noch das Spielzeughäuschen angezündet, mit 16 dann 600 Gramm Marihuana in der Tasche.“ Ob er sich viele Gedanken über seine Zukunft macht? „Mit 22 im Jugendknast zu sitzen und noch nichts geschafft zu haben“, gibt er zu.

Bald wird er entlassen, hat bereits ein Vorstellungsgespräch in „einem guten Haus“. In der Bewerbung hat er von seinem derzeitigen „Wohnort“ nichts erwähnt, aber bei der Bewerbung will er „mit offenen Karten spielen“, sagt er. Begleitet wird er dabei von seinem Ausbilder. Zusätzlich zu den Maßnahmen im Haus 5 hat er am Projekt „Anstoß für ein neues Leben“ teilgenommen, das unter dem Motto „Mit Fußball zurück in die Gesellschaft“ steht. Eine bundesweite Initiative der DFB-Sepp-Herberger-Stiftung zur Resozialisierung jugendlicher Strafgefangener. In den teilnehmenden Justizvollzugsanstalten werden sogenannte „Anstoß-Mannschaften“ gegründet. Auch hier steht das Leben nach dem Gefängnis im Fokus – und diesen „Anstoß“ sollen die Straftäter bereits während der Haft bekommen.

Die 1980 eröffnete Jugendanstalt in Hameln ist die einzige geschlossene Jugendanstalt in Niedersachsen und die größte Jugendstrafvollzugseinrichtung in Deutschland. Sie verfügt über rund 570 Haftplätze für männliche Straftäter zwischen 14 und 24 Jahren. Für viele Jugendliche ist der Jugendknast die letzte Chance. Ein Blick

hinter Gefängnismauern.

Wer in der Jugendanstalt Hameln einsitzt, kommt meistens auch wieder heraus – spätestens nach zehn jahren. Dennoch ist der Jugendknast für viele Häftlinge die letzte Chance, das Leben in den Griff zu bekommen und Möglichkeiten für die Zeit nach dem Gefängnis zu schaffen.

Fotos: rg/kil

Unterschiedliche Haftbedingungen: In manchen Zellen gibt es große Freiräume, andere entsprechen dem gewohnten Knast-Image.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2021
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt