weather-image
11°
×

Leser wollen Papier in der Hand haben

Bereits seit zwei Jahren bietet der deutsche Buchhandel E-Books an und seitdem sind sie auch im Angebot, sagt Agnes Busch, Geschäftsleiterin der Rintelner Buchhandlung Sedlmair.

veröffentlicht am 19.06.2011 um 23:55 Uhr

Autor:

Die Texte der E-Books erscheinen meist im PDF-Format, das heißt, Gestaltung und Schrift sind wie im gedruckten Buch. Oder sie erscheinen als „E Pub“-Dokumente, Dokumente mit offenen Standards für E-Books, die in ihrer Gesamtgröße abgestuft werden können und den Textfluss dem Display anpassen. Zum Lesen der digitalen Bücher, also der Dateien, ist ein Lesegerät, der sogenannte Reader, erforderlich.

„Der Verkauf der E-Book-Reader lässt sich in unserer Buchhandlung jedoch nur vereinzelt vermerken“, berichtet Busch. Der Reader von Sony hat ein 6 Zoll großes Display, er speichert 160 bis 13 000 E-Books und kostet 299 Euro. Getestet werden könne ein solches Gerät bei Sedlmair allerdings nicht: „Uns steht leider kein Mustergerät zur Verfügung, aber per Bestellung bei unserem Großhändler kann der Reader bis zum nächsten Tag geliefert werden“, so Busch.

Kerstin Lorenzen von der Buchhandlung Scheck in Bückeburg berichtet: „Einen Reader verkauft haben wir noch gar nicht. Deshalb haben wir auch keinen vor Ort. Lediglich die E-Books bieten wir zum Verkauf an. Doch das Wahre für einen Buchhändler ist es nicht.“ Für einen „eingefleischten Buchhändler“ seien die E-Books ein Dorn im Auge. „An den Readern macht man nur einen geschätzten Gewinn von zehn Prozent; die Kunden haben lieber ein richtiges Buch in der Hand, das auch wesentlich günstiger ist.“ Sollte sich der Markt jedoch positiv für das E-Book entwickeln, werde man sich anpassen, so Lorenzen.

3 Bilder

Über so etwas kann sich die „Buchhandlung Schmidt“ auf dem Stadthäger Marktplatz nicht beschweren: Seit Mitte des vergangenen Jahres bietet sie E-Books wie auch Reader an. Vor dem Kauf eines solchen Gerätes haben die Kunden außerdem die Möglichkeit, es zu testen. „Es sind oftmals technikaffine Leute, die sich einen Reader anschaffen. Viele unserer Kunden bleiben lieber beim altbewährten Buch aus Papier“, berichtet Martin Schmidt, Geschäftsleiter der Buchhandlung. Ebenfalls positiv zu vermerken sei die Tatsache, dass viele Kunden die E-Books von der Homepage der Buchhandlung herunterladen und somit deren Umsatz unterstützen.

Einer dieser „technikaffinen“ E-Book-Pioniere ist Carsten Holzendorff aus Hameln, Geschäftsführer der CW Niemeyer Buchverlage GmbH. „Ich lese die Manuskripte, die mir Autoren zusenden, als E-Book“, sagt der 49-Jährige. Dabei schone er die Umwelt, weil er kein Papier ausdrucken muss. Mit seinem iPad habe er gleichzeitig E-Mail-Anschluss, eine Art Kleinbüro, das anwenderfreundlicher sei als ein reines Lesegerät.

„Der Trend geht in die Richtung“, sagt Holzendorff. Allerdings stecke der E-Book-Markt „noch sehr in den Kinderschuhen“. Der Nutzer werde entscheiden, wie sich der Markt weiterentwickeln wird. „Wünschenswert wären mehr Anbieter von Readern und geringere Preise“, so Holzendorff.

„Mehrere Hundert Euro für einen Reader sind nicht für jeden aufbringbar“, meint Busch und vermutet, dass dies der Grund für den Griff zum Buch statt zum E-Book ist. Bei Online-Händlern wie Amazon gibt es sie zwar günstiger als im Fachhandel, doch trotzdem seien die Preise noch recht hoch. „Ich denke, dass sie mit der Zeit günstiger werden. Das war bei anderen elektronischen Gerätschaften schließlich auch der Fall“, sagt Busch zuversichtlich.

Der wesentliche Unterschied zwischen diesen Geräten bestehe in der Größe des Bildschirms: Ein Reader von Sony hat 6 Zoll, das iPad von Carsten Holzendorff 9,7 Zoll. Allerdings wiegt es auch 730 Gramm, ist also schwerer als Umberto Ecos „Der Name der Rose“. Das hat im Taschenbuchformat 655 Seiten und wiegt 500 Gramm. „Außerdem gäbe es Unterschiede in den Lademöglichkeiten“, wie Schmidt weiß. Die Einen haben demnach einen direkten öffentlichen Internetzugang, während die Anderen einen extra Zugang benötigen.

„Ein großer Vorteil des E-Books liegt in der Platzersparnis“, erklärt Busch. Und auch die Verstellbarkeit der Helligkeit und der Schriftgröße sei speziell für Leute mit einer Sehschwäche äußerst praktisch. Lohnen würde sich die Anschaffung eines E-Books vor allem für Vielleser oder Studenten, ergänzt Busch. „Mein Sohn fliegt demnächst für vier Monate in die USA und hat sich für seine Reise drei Bücher auf seinen Reader geladen. Das erspart ihm eine Menge Platz im Koffer“, erzählt sie.

Generell gesehen gebe es kaum Preisunterschiede: „Die E-Books kosten ungefähr genauso viel wie ein Taschenbuch“, so Busch. Bei Büchern, die nur gebunden erhältlich sind, würde sich die Ausgabe als E-Book rentieren.

Doch ein Buch aus Papier hat auch Vorteile gegenüber einem E-Book. „Bücher sind dekorativer als ein E-Book. Ein Regal ohne Bücher sieht doch nicht aus und das E-Book kann man da ja nicht reinstellen“, sagt Busch. Das Lesen englischsprachiger Bücher sei mit einem E-Book allerdings einfacher: „Sollte man die eine oder andere Vokabel nicht kennen, kann der Reader sie übersetzen und man muss nicht ständig einen Duden mit sich herum tragen.“

Suboptimal sei hingegen, dass der Reader abstürzen kann, wie Schmidt erklärt: „Der Reader bietet in den meisten Fällen auch weitere Programme als nur das Lesen von E-Books. Wenn es dann zur Überladung kommt, dann kann er auch mal abstürzen.“ Das Problem: Bei einem Absturz des Readers gehen alle gespeicherten Bücher verloren. „Das kann einem mit einem Buch nicht passieren“, so Schmidt.

Die Meinungen der Schaumburger Buchhändlerinnen sind hingegen einstimmig: „Beim Lesen möchten wir die Seiten anfassen und umblättern können. Außerdem ist der Farbgeruch eines Buches einfach toll“, sagen Kerstin Lorenzen und Agnes Busch. Auch in der Stadtbücherei Rinteln ist das E-Book noch nicht angekommen. „Momentan gibt unser Etat es nicht her, E-Books anzuschaffen“, sagt Büchereileiterin Andrea Tuschke. Über kurz oder lang werde vermutlich auch in der Stadtbücherei die Digitalisierung Einzug halten. Doch bis es so weit ist, werde man noch am „gedruckten Wort festhalten“.

„Die Akzeptanz für E-Books im Allgemeinen ist noch sehr gering“, bestätigt Dr. Jan-Felix Schrape, Soziologe und Autor des Buches „Gutenberg-Galaxis Reloaded? Der Wandel des deutschen Buchhandels durch Internet, E-Books und Mobile Devices“. Nur wenige Leser wollten bislang auf das gedruckte Buch verzichten, denn im Unterschied zum Abruf von Film- und Musikinhalten, der seit jeher den Einsatz von technischen Geräten voraussetzt, bieten digitale Bücher auf dem Publikumsmarkt bislang kaum Mehrwerte, die einen Umstieg rechtfertigen könnten, so Schrape. Im Fachbuch-Bereich sehe dies anders aus, weil dort schnelle Recherchierbarkeit und unkomplizierte Weiterverarbeitungsmöglichkeiten im Vordergrund stünden.

Im Jahr 2010 betrug der Anteil von E-Books am Gesamtumsatz des deutschen Buchhandels je nach Schätzung höchstens 0,5 Prozent, erläutert Schrape. In den USA waren es 2010 immerhin 8 Prozent. „Eines ist sicher“, sagt der Soziologe voraus, „das E-Book wird sich in Deutschland langsamer durchsetzen, als vielfach vermutet.“ Positiv geschätzt könnten seiner Meinung nach die E-Books hierzulande im Jahr 2015 die 8 Prozent Gesamtumsatz erreichen, die 2010 in den USA vorlagen.

Laut Branchenexperte Kevin Kelly könnte Amazon den Reader Kindle schon im November 2011 verschenken. Schrape ist da skeptisch: „Ich rechne nicht damit, dass Tablets oder E-Reader hierzulande in den kommenden Jahren kostenfrei angeboten werden – und wenn, dann werden das nicht die State-of-the-Art-Geräte sein, welche die Kunden wollen.“

Als Johannes Gutenberg um 1450 die beweglichen Metall-Lettern erfand, begann die maschinelle Massenproduktion von Büchern aus Papier. Heutzutage, im 21. Jahrhundert, gibt es digitale Bücher ohne Papier, die sogenannten E-Books. Sind sie auch schon bei den Schaumburger Lesern angekommen?

„Es sind oftmals technikaffine Leute, die sich einen Reader für E-Books anschaffen“, sagt Martin Schmidt von der Buchhandlung Schmidt in Stadthagen. Nennenswerten Erfolg hat die elektronische Variante des Buches in Buchhandlungen oder Büchereien tatsächlich noch nicht. Fotos: tol

Umblättern der elektronischen Art: Zum Blättern im E-Book streicht der E-Book-Benutzer mit dem Finger über den Bildschirm.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2021
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige