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Vor Büchern wird gewarnt: Als Literatur, die nicht der Belehrung diente, verpönt war

„Lesen macht träge“

Normalerweise freuen sich Eltern, wenn ihre Kinder lesen. Erwachsene, die zu den Leseratten gehören, werden durchaus bewundert. Das war nicht immer so. Vor etwa 250 Jahren erschienen jede Menge Schriften, die sich mit dem Problem der neuen „Lesesucht“ beschäftigten.

veröffentlicht am 28.12.2015 um 18:35 Uhr
aktualisiert am 13.01.2017 um 12:27 Uhr

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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

Es entstand eine öffentlich ausgefochtene Debatte über die Gefahren der „Vielleserei“, die teilweise wortwörtlich an heutige Diskussionen rund um Computerspiele erinnert. Die „Leihbüchereien“, die in dieser Zeit überall im Land eröffneten, auch in Hameln und in Rinteln, sahen sich oft heftigen Angriffen ausgesetzt. Die Jugend sei „ohne Rettung verloren“, hieß es bei einem der Kritiker, denn das Lesen erzeuge eine „unüberwindliche Trägheit, einen Ekel und Widerwillen gegen jede reelle Arbeit“.

Auf den ersten Blick mag es erstaunen, dass solche Angriffe auf die erwachende Lesefreude in der Bevölkerung zu einem guten Teil von Autoren der Aufklärung vorgebracht wurden. Hätte es denn nicht gerade in ihrem Sinne sein müssen, dass nicht nur wenige gebildete Menschen an Kultur und Wissenschaft teil hätten, sondern prinzipiell jeder Mensch, egal, aus welcher Bevölkerungsschicht er stammt? Ja, schon. Doch waren es ja eben nicht Lehrbücher, Philosophie oder erbauliche Literatur, nach der die Leute dürsteten. Solche Bücher hätten sie in der Hamelner Stiftsbibliothek oder der Bibliothek der Rintelner Universiät „Ernestina“ finden können. Was die Bürger wollten, waren Romane.

Ablenkung von

den Pflichten des Alltags

„Ein Buch lesen, um bloß die Zeit zu tödten, ist Hochverrath an der Menschheit, weil man ein Mittel erniedrigt, das zur Erreichung höherer Zwecke bestimmt ist“, schrieb im Jahr 1799 der als liberal geltende Philosoph Johann Adam Bergk in seinem Buch „Die Kunst, Bücher zu lesen“. Das Lesen habe kein bloßes Vergnügen zu sein, schon gar nicht eine Ablenkung von den Pflichten des Alltags und Verführung zu (gar sinnlichen) Träumereien. Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werthers“, erschienen 1774, war in den Augen besorgter Kritiker ein Paradebeispiel dafür, was Literatur, die nicht zur Belehrung dient, anrichten kann. Unzählige junge Männer folgten Werthers Beispiel und nahmen sich ebenso wie die Romanfigur aus Liebeskummergründen das Leben.

Trotzdem gab es besagte Leihbüchereien, in Rinteln spätestens ab 1790. Drei Stück insgesamt waren es im frühen 19. Jahrhundert, das kann man einer Dissertation über die „Bedeutung der Leihbücherei in Hessen-Kassel“ entnehmen. Die vielleicht bekannteste davon führte der Verleger und Buchhändler Albrecht Osterwald, und der beschwerte sich gehörig über Frau Caroline Beyfuss aus Hameln, die dort ebenfalls im großen Stile Bücher auslieh und sich anmaßte, auch in der Grafschaft Schaumburg um Kunden zu werben, indem sie einen Beauftragten in Rinteln beschäftigte, bei dem man Einsicht in ihre Bücherkataloge bekam. Per Fuhrwerk und Postkutsche wurden die Leihexemlare hin und her transportiert, auch in die Dörfer.

Oft waren es Verleger und Buchhändler wie Albrecht Osterwald oder auch Karl Wilhelm Bösendahl, die dem schleppenden Verkauf damals noch sehr teurer Bücher entgegen wirken wollten, indem sie ihre Leihbüchereien aufmachten. Ein einfaches Geschäft war das allerdings nicht. Einerseits konnten sie den Lesewünschen ihrer Kunden manchmal gar nicht mehr nachkommen, so sehr waren diese auf immer Neues aus. Andererseits erhielten sie ausgeliehene Bücher oft spät oder gar nicht zurück, oder es stellte sich heraus, dass die Leser es am nötigen Respekt vor den Leihgaben hatten fehlen lassen: Unzählig die Beschwerden über „Eselsohren“ als Lesezeichen, über angestrichene Stellen, herausgerissene Seiten oder über unschöne Flecken. Der Zettel, den eine Stuttgarter Leihbücherei ihren Büchern beilegte, dürfte beispielhaft für viele ähnliche Maßnahmen anderer Büchereibesitzer gewesen sein: „Warnung!“ stand darauf. „Diejenigen Leser, welche sich bisher die Freiheit genommen hatten in Büchern Stellen zu unterstreichen, Anmerkungen beizusetzen oder gar Blätter zu verlieren, werden hiermit erinnert, dass jedes dergleichen bisher noch unbeschädigte Buch zurückgewiesen und mit dem Ladenpreis bezahlt werden müsse.“ Für Fettflecken musste ebenfalls gezahlt werden, mehr oder weniger, je nach Größe.

Andrea Tuschke, Leiterin der Stadtbücherei Rinteln, muss lachen, als sie von diesem Warn-Zettel und den Fettfleckgebühren hört. „Im Grunde hat sich in Sachen Bücherbeschädigung nicht viel geändert, nur, dass Bücher heute natürlich nicht mehr so teuer sind wie damals“, sagt sie. Am schlimmsten sei es nach den Sommerferien, wo Bücher signifikant erhöhte Wasserschäden aufwiesen und zudem den Sand der ganzen Welt in die Bücherei hineintrügen. Auch totgequetschte Mücken fände man zwischen Buchseiten, dazu Spuren von Hundeknabbereien, Schokoladenreste und natürlich besagte Fettflecken.

Dazu kämen die ewigen Besserwisser unter den Lesern, die ihr Besserwissen den Lese-Nachfolgern in Form von Korrekturen am Buchtext überlieferten. Sie habe sogar schon veränderte Kochrezepte entdeckt, und weit oben auf der Liste der Ärgerlichkeiten stünde ein unbekannter Buchausleiher, der seit Jahr und Tag die neue Rechtschreibung in ältere Bücher einführe, gern mit Kugelschreiber. Es gäbe auch Leute, die strichen ganze unliebsame Passagen einfach aus. „Wenn wir das bei der Rückgabe feststellen, muss es natürlich Schadensersatz geben“, so Andrea Tuschke. „Aber meistens weisen uns erst spätere Leser auf solche Übergriffe hin – man muss eben damit leben.“

Auch eine andere Klage aus den früheren Leihbüchereien könnte sie ebenso gut führen: diejenige über unendlich lange ausgeliehene oder ganz und gar verschwundene Bücher. Durch die heutige Elektronik kann man die verantwortliche Person immerhin meistens ausfindig machen. Die damaligen Leihbüchereibesitzer aber blieben nicht selten auf dem Schaden sitzen. Sie verliehen Bücher teils gegen eine Lesetag-Pauschale, teils an Jahres-Abonnenten. Letztere waren zur Absicherung des Geschäftes beliebte Kunden. Doch gerade sie bereiteten oftmals Ärger, indem sie die Bücher weiterverliehen, bis sich nicht mehr eruieren ließ, wo sie verblieben waren. In alten Zeitungen finden sich Anzeigen von Leihbüchereien, die versprechen, jede Überziehungsgebühr zu erlassen, wenn nur die Bücher zurückkämen.

Zwar besaßen Caroline Beifuss in Hameln und Albrecht Osterwald in Rinteln viele Tausend Bücher. Aber was ist das schon, wenn die Büchereien bereits vom frühen Morgen an geöffnet hatten, und begierige Leser sogar am späten Abend noch vor der Tür standen, um sofort Band drei einer beliebten Romanserie zu erhalten. Nach und nach schlossen die meisten Leihbüchereien ihre Türen, weil ihre Besitzer es sich nicht leisten konnten, ständig für neuen Nachschub zu sorgen. Es entwickelten sich andere Wege der Buchausleihe, etwa über die Schulbüchereien oder Büchereien in großen Betrieben wie etwa der Arbeiterbibliothek in der Rintelner Glashütte. Im Jahr 1914 schließlich eröffneten in Hameln und in Rinteln die jeweiligen Stadtbüchereien. Die noch verbliebenen privaten Leihbüchereien beschränkten sich auf „(Schund-)Romane“ oder auch auf Comics, die man für 20 Pfennig ausleihen konnte, um bei Rückgabe 10 Pfennig zurück zu erhalten. Was nun den Vorwurf betrifft, dass das viele Lesen bei den Frauen zu einer Vernachlässigung des Haushaltes führe, die Kinder zu körperlichen Schwächlingen erzöge und insgesamt sich zu einer „Störung des häuslichen Friedens“ entwickle – so schrieb es der Aufklärer Joachim Heinrich Campe in einem Aufsatz von 1809 – da kann Stadtbücherei-Leiterin Andrea Tuschke augenzwinkernd zustimmen. „Ehrlich gesagt, ich habe schon manches Wochenende, an dem ich eigentlich mal die Wohnung richtig aufräumen wollte, mit Lesen verbracht“, sagt sie.

Die vielen Warnungen vor der „Lesesucht“ betrafen alles in allem nur die Frauen und die ganz jungen Leute. Sie waren es, und sind es auch heute noch, die zu den wichtigsten Kunden der Büchereien gehören, jedenfalls was die „Schöne Literatur“ betrifft. Die Männer haben sich zu allen Zeiten vornehmlich an die Sachliteratur gehalten. Alfred Osterwald schloss seine Leihbücherei auch deshalb, weil man ihm verbot, ins Lippische zu expandieren. Die Behörden hatten Sorge, dass sie dann die Kontrolle über ihre Zensurbemühungen verlieren könnten.



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