weather-image
24°
×

Legale Drogen entstehen in Giftküchen

Sie haben verheißungsvolle Namen wie „Push“, „After Dark“ und „Armageddon“, und sie sind schon für ein paar Euro ganz einfach im Internet erhältlich. In sogenannten Head- oder Smartshops werden diese als Räuchermischungen deklarierten Rauschmittel angeboten. Die Bestellung ist leicht gemacht: Mit wenigen Klicks ist die Räuchermischung gekauft, bezahlt wird mit der Kreditkarte und geliefert wird per Post direkt in den Briefkasten - in neutralen, unverfänglichen Umschlägen.

veröffentlicht am 14.01.2013 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 19.04.2013 um 14:43 Uhr

Autor:

Was auf den ersten Blick nach Lufterfrischung und Duftkerzen-Stimmung klingt, ist nichts anderes als eine Mogelpackung: Denn wer die Räuchermischungen kauft, der will sie meistens gar nicht verräuchern, sondern rauchen. Die kleinen, bunten Päckchen, die es da problemlos bei Onlinehändlern zu kaufen gibt, garantieren bei Inhalation nämlich Rauschzustände. Verboten sind die Kräuterpäckchen nicht, werden deshalb auch als „Legal Highs“ bezeichnet. Und damit sind sie wegen der leichten Zugänglichkeit eine beliebte Alternative zum illegalen Cannabis geworden. Doch die Konsumenten wissen meist gar nicht, was sie sich da reinziehen, sagt Anke Knapp von der Hamelner Drogenberatungsstelle „Drobs“. In Chemielaboren auf der ganzen Welt werden die psychoaktiven Wirkstoffe der Räuchermischungen hergestellt, die genauen Inhaltsstoffe seien weitgehend unbekannt. Auf den Verpackungen deklariert werden sie schon mal gar nicht.

Die neuen Drogen wie die „Legal Highs“ bereiten Drogenberatungsstellen, Politik und Polizei Kopfzerbrechen. Das Problem: Nicht die Zusammensetzung der natürlichen Kräuter bringen die Konsumenten auf einen Trip, sondern es sind meist zugesetzte chemische Wirkstoffe, die zum Rausch führen. In den Giftküchen werden neuartige Rauschmittel produziert, die den herkömmlichen Drogen Cannabis, Heroin und Kokain Konkurrenz machen. Die Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EBDD) schlägt in ihrem Jahresbericht 2012 Alarm: Oftmals sind die neuen Designer-Drogen noch gefährlicher als die klassischen Rauchgifte, heißt es. Die legalen Räuchermischungen aus dem Online-Shop ersetzen dabei illegale Cannabisprodukte, die mit Zigarettentabak geraucht werden. Als Alternative zum Kokain gibt es sogar diverse „Badesalze“ zu kaufen, die in Lines „durch die Nase gezogen“ werden - völlig gesetzeskonform. Die Gefahren aber wiegen schwer: Die Dosierung der Wirkstoffe ist ebenso wenig bekannt wie ihre Wirkungsweise.

Aus der Erfahrung mit ihren Klienten weiß Anke Knapp, dass zwar etliche „Legal Highs“ schon einmal ausprobiert haben, die wenigsten aber derartige Drogen regelmäßig konsumieren. „Sehr viele haben negative Erfahrungen damit gemacht oder erzählen von Horrortrips“, sagt die Drogenberaterin. Herzrasen, Kopfschmerzen, Übelkeit und Angstzustände sind laut Studien die häufigsten Nebenwirkungen der „Legal Highs“. Auch Wahnvorstellungen und vollständiges Kreislaufversagen gehörten vereinzelt zu den Begleiterscheinungen des Drogentrips. Untersuchungen darüber, welche Langzeitfolgen bei regelmäßigem Konsum von Räuchermischungen auftreten, gibt es bislang nicht. „Aufklärung ist das beste Mittel gegen die Legal Highs“, meint Anke Knapp, „denn die Gefahren sind unkalkulierbar groß“.

Und doch überschwemmen immer wieder neue chemische Substanzen den Markt. Der Gesetzgeber wirkt dabei rat- und machtlos. Ein Beispiel: Als die Räuchermischung „Spice“ vor gut vier Jahren auf den Markt kam, begann auch ein Run auf die neue, legale Alternative zu Cannabis. Insbesondere bei jungen Kaufinteressenten machte „Spice“ schnell die Runde. Über das Internet war die Räuchermischung leicht zugänglich. Laut Verpackungskennzeichnung handelte es sich bei „Spice“ um ein Räucherwerk aus exotischen Pflanzen zur Aromatisierung der Raumluft. Schnell wurde aber klar: Spice wirkt wie Cannabis. In chemischen Analysen wurde das Eibischkraut als Hauptbestandteil der Kräutermischung ausgemacht. Doch das Kraut war letzten Endes nicht der Rausch-Auslöser. In Laboruntersuchungen haben das Freiburger Institut für Rechtsmedizin und das Bundeskriminalamt im Jahr 2009 als Hauptwirkstoff das synthetische Cannabinoid „JWH-018“ ausgemacht, das zwar strukturelle Ähnlichkeiten mit dem natürlichen Cannabis-Wirkstoff THC hat, aber eine um ein Vielfaches erhöhte pharmakologische Potenz besitzt. JWH-018 wurde „Spice“-Kräutern zugesetzt, erst dadurch erhielt die Räuchermischung eine psychoaktive Wirkung. Das BKA warnte damals: „Für Konsumenten ist nicht erkennbar, ob den Kräutermischungen synthetische, hochpotente Wirkstoffe zugesetzt wurden.“ Seit 2009 fällt Spice und der Wirkstoff JWH-018 unter das Betäubungsmittelgesetz. Seitdem ist das Produkt illegal, der Handel mit „Spice“ ist verboten und steht unter Strafe. Inzwischen fallen etliche andere chemische Zusatzsubstanzen unter das Betäubungsmittelgesetz. Erst im vergangenen Sommer hat die Bundesregierung 28 Substanzen, die in den harmlos erscheinenden Räuchermischungen beinhaltet waren, verboten. Doch das Problem ist der stetige Wandel: Bislang fallen nur Substanzen unter das Betäubungsmittelgesetz, bei denen eine genaue chemische Bezeichnung festgestellt worden ist. Neu erfundene Drogen müssen für ein Handelsverbot erst einmal genau identifiziert werden. In den Drogenlaboren aber gehen die Hersteller mit großer Kreativität ans Werk. Das belegen Zahlen aus dem Jahresbericht der EBDD: Zwischen 2005 und 2011 hat die Behörde 164 neue psychoaktive Substanzen auf dem europäischen Drogenmarkt registriert. Allein im Jahr 2011 waren es 49 neue synthetische Drogen. Im Klartext heißt das: Wenn heute eine psychoaktive Substanz per Betäubungsmittelgesetz verboten wird, gibt es morgen eine neue – legale – Droge.

Das Internet ist dabei ein weltweiter Marktplatz – mit steigender Zahl an Händlern. Allein in knapp 700 sogenannten Head- oder Smartshops in Europa, das hat die EBDD für das Jahr 2012 ermittelt, können potenzielle Konsumenten die neuen Drogen ziemlich einfach im Internet bestellen. Die Entwicklung des Online-Handels ist rasant: Im Jahr 2011 gab es erst gut 300 Onlinehändler, im Jahr davor sogar nur etwa 170.

Die EBDD spricht in ihrem Bericht von „einer neuen Ära“ des Drogenkonsums. Die Drogenpolitik steht vor ganz neuen Herausforderungen, weil Verbote nur schwer davon abhalten, neue legale Rauschmittel zu produzieren. Die Bundesregierung überlegt indes, wie sie grundsätzlich gegen die Verbreitung von „Legal Highs“ vorgehen kann. Während es in Österreich seit 2012 ein Gesetz gibt, was die „Legal Highs“ grundsätzlich verbietet, weil nicht mehr nur einzelne Wirkstoffe auf den Index kommen, sondern gesamte Substanzgruppen, fallen in Deutschland immer noch nur Einzelstoffe unter das Betäubungsmittelgesetz.

Die Bundesregierung verfolgt „die gegenwärtige Entwicklung neuer psychoaktiver Stoffe weiterhin kritisch“, heißt es auf der Internetseite der Drogenbeauftragten Mechthild Dyckmans. „In Zukunft müssen Wege gefunden werden, wie in der Praxis den ständig wechselnden chemischen Zusammensetzungen dieser Produkte noch effektiver begegnet werden kann.“



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2021
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige