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50 Jahre nach dem Unglück von Lengede sind die Erinnerungen bei heimischen Bergleuten noch frisch

„Lass sie heile wieder rauskommen“

Auf zwölf Quadratmetern kauern sich 21 Männer in Todesangst zusammen. Gerade noch sind sie mit letzter Kraft vor den tosenden Wassermassen geflohen, die ihr Bergwerk überfluteten und Dutzende Kumpel in den Tod rissen. Ihnen blieb nichts anderes über, als in einem instabilen, bereits verlassenen Hohlraum Zuflucht zu suchen. Doch auch hier sind sie nicht sicher. Der Stollen fällt langsam in sich zusammen, herabstürzende Gesteinsbrocken töten bereits in den ersten Stunden fünf Kumpel. Weitere fünf sollten in den kommenden Tagen dahingerafft werden.

veröffentlicht am 25.10.2013 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 12:54 Uhr

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Stv. Chefredakteur zur Autorenseite

Was diese Männer in „der Höhle des Grauens“, wie es der NDR in seiner Berichterstattung nennt, erleben mussten, kann kaum jemand nachempfinden. Doch dank der Berichte von Hunderten Reportern nehmen Millionen Menschen daran Anteil.

Besonders mitgenommen sind Bergmänner im ganzen Land, auch hier in der Region saßen sie bangend vor dem Fernseher, waren in Gedanken bei ihren gefangenen, von der Grubenleitung bereits für tot erklärten Kollegen.

Verstehen, wie man

sich dort unten fühlt, kann nur ein Bergmann

„Die Dunkelheit können Sie sich einfach nicht vorstellen“, versucht der ehemalige Bergmann Helmut Hofmann aus Oldendorf Worte zu finden, um das allumfassende Schwarz zu verdeutlichen, das einen dort unten umgibt. Wie sie sich einnistet, in die Köpfe der Männer, deren Kollegen tot um sie liegen, wo die Überlebenden sich nur schichtweise hinlegen können, weil nicht für alle genug Platz ist. „Man sieht nicht nur die Hand vor Augen nicht, man sieht einfach gar nichts mehr.“ Wirklich erklären lässt sich nicht, was dabei in einem vorgehen muss. In der Dunkelheit dehnt sich jede Minute, in der man wartet, das etwas passiert. Dass jemand kommt. Der Tod oder die Rettung.

„Meine Frau konnte nicht verstehen, wieso mich das so sehr mitnahm“, erzählt Hofmann. „Was damals passiert ist, das kann man nicht beschreiben.“ Auch der 2003 gedrehte Film „Das Wunder von Lengede“ habe nur die Hälfte von dem zeigen können, wie es wirklich gewesen sein muss. Natürlich war er nicht dabei, nicht verschüttet in Lengede, aber auch nur ansatzweise verstehen, wie das sei, das könne nur ein Bergmann, sagt Hofmann. „Lass sie da einfach heile wieder rauskommen“, das habe er immer wieder gedacht.

Einige Jahre vor dem Unglück hat Hofmann selbst erlebt, wie es sich anfühlt, in der absoluten Dunkelheit zu stehen. Bei Arbeiten im Stollen fiel plötzlich seine Grubenlampe aus. Keine Tragik, es gab ja noch die Stollenbeleuchtung, er machte sich weiter auf den Weg nach unten. Und stand von einem auf den anderen Moment im Dunkeln. In der gleichen absoluten Dunkelheit, in der drei Jahre später die Bergarbeiter von Lengede ausharren mussten. „Ich tat das einzig Richtige und blieb ruhig“, erklärt Hofmann.

Bloß nicht in Panik verfallen, rational bleiben und einen Weg zurück finden, das sei das Wichtigste in so einer Situation. „Ich ertastete die Schienen, setzte einen Fuß auf die Linke und den anderen auf die Rechte.“ Und so erkämpfte er sich Schritt für Schritt den Weg zurück. „Die meisten Bergmänner kann so schnell nichts erschüttern“, ist Hofmann überzeugt.

Doch mit der Situation der elf Männer in Lengede sei das natürlich nicht vergleichbar. Ohne Nahrung, nach einiger Zeit in absoluter Dunkelheit müssen sie für zwei Wochen ausharren, können nur das Wasser trinken, vor dem sie gerade noch verzweifelt flohen. Das Wasser, in dem ihre toten Kollegen liegen. Auch aus Angst vor Vergiftung verweigern sie es anfangs noch. Doch als die Not überwiegt, trinken sie es doch.

Auf der Oberfläche weiß noch niemand, dass sie leben. Von der Grubenleitung wurden sie bereits aufgeben. Das schwere Gerät, das für die Rettung aus der ganzen Region zusammen getragen wurde, wird zurückgeschickt. Die Zeitungen drucken Todesanzeigen für die noch Lebenden, ihre Frauen tragen schwarz, der Gedenkgottesdienst wird vorbereitet. Gunter Ludewig, der im Stollen Beckedorf bei Lindhorst, in einem Bergwerk arbeitete, sieht die Lastwagenkolonnen auf der Autobahn an sich vorbeiziehen. „Man hatte sie aufgegeben“, sagt er.

Doch in Lengede beschworen einige Arbeiter die Bergwerksleitung, es doch noch einmal zu versuchen. Sie haben die Hoffnung, dass sich einige Überlebende in einen alten, aufgelassenen Stollen zurückgezogen haben. Erst als sie androhen, damit an die Presse zu gehen, gibt die Bergwerksleitung nach. Eine Suchbohrung wird gesetzt.

„Plötzlich kommen uns die Kolonnen mit Bergbaugeräten wieder entgegen“, erinnert sich Ludewig. Auf dem Rückweg von einer Schicht im Bergwerk erfährt er dadurch hautnah von der Entwicklung. Noch dachte er sich nicht viel dabei. Erst nach und nach wird die Bedeutung klar. „Wir konnten es nicht fassen.“ In der Bergarbeitersiedlung, in der Ludewig wohnte, war der Teufel los. Alles war vergessen, nur die Nachricht: „Sie leben noch!“ beherrschte die Köpfe der Bergarbeiter in Lindhorst. Von der Bergung der elf Bergleute berichtet der NDR schließlich live in einer Sondersendung. Zuvor spricht noch Bundeskanzler Ludwig Erhard den Verschütteten Mut zu. „Das waren ergreifende Bilder“, findet auch Karl-Heinz Daum, ehemaliger Betriebsleiter im Bergwerk Nammen, „sie waren bereits totgesagt und dann findet man sie doch noch. Für uns Bergleute, war das ein riesen Ereignis.“

Nach einem tödlichen Unfall ließ sich Wilson

nach Lengede versetzen

Auch Herbert Brasohn, der ebenfalls im Bergwerk Nammen arbeitete, verfolgte die Berichterstattung über die verschütteten Kumpel intensiv. Was er damals noch nicht wusste: Auch unter seinen Kameraden sollte das Bergwerk in Lengede ein Todesopfer fordern.

„1966 hatten wir einen tödlichen Unfall in Nammen“, erinnert sich der Bergmann. Eine Gesteinsplatte löste sich von der Decke und begrub zwei Männer unter sich. Bei ihnen war Jimmy W. Wilson, ein afrikanischer Bergbaustudent, der nur überlebte, weil er gerade weggeschickt worden war, um etwas zu holen. „Ein junger Mann, so um die dreißig“, erinnert sich Brasohn. Wilson und Brasohn waren einige Monate Nachbarn. Doch nach dem tödlichen Unfall, dem er nur so knapp entgangen war, ließ sich Wilson sofort versetzen. „Dem war es wohl zu gefährlich, schon am nächsten Tag ist er nicht mehr aufgetaucht“, erzählt Brasohn.

Wilson, der ursprünglich aus Sierra Leone stammte, hatte durch ein Stipendium die Möglichkeit, sein Handwerk in Deutschland zu erlernen. Er arbeitete in Liberia für eine deutsche Bergbaufirma, die dort Eisenerz schürfte. In Deutschland studierte er Bergbau in Clausthal-Zellerfeld. 1968 absolvierte er ein Praktikum in der Grube von Lengede. Gerade einmal sieben Tage war er dort, als er schließlich beim Mittagessen unter Tage von einer unkontrollierten Explosion in den Tod gerissen wurde. „Durch die Druckwelle ist ihm die Lunge geplatzt“, erklärt Werner Cleve, Sprecher der Arbeitsgruppe Bergbau des Ortsheimatvereins Lengede. „Zumindest war es ein schneller Tod.“

Elf weitere Bergarbeiter kamen bei der Explosion und der dadurch entstehenden Druckwelle ums Leben. Ausgelöst wurde die Explosion abermals durch einen Wassereinbruch in der Grube Lengede. Durch die Schneeschmelze war Wasser in die Stollen geraten und setzte die Sprengstoffkammer unter Wasser. Der Sprengstoff wurde dadurch unbrauchbar und deswegen in einem bereits ausgeschürften Hohlraum untergebracht. Dieser Hohlraum sollte gesprengt werden, um den Sprengstoff zu versiegeln. Doch etwas ging schief, durch die Explosion entzündete sich auch der nasse Sprengstoff, drei Bergleute starben durch die Explosion selbst, neun weitere, die gerade im nahegelegenen Aufenthaltsraum aßen, starben durch die Druckwelle. Unter ihnen Jimmy W. Wilson.

Große Hoffnungen setzte man damals in Wilson, wie auch bei seinem Begräbnis betont wurde. Ein vielversprechender junger Mann, er sprach fließend Deutsch und sollte nach seinem Studium in seiner Heimat Großes bewirken. Doch kostete Lengede auch ihn das Leben. „Wäre er bei uns geblieben, säße er heute in Afrika“, bedauert Brasohn. Denn der tödliche Unfall 1966 im Bergwerk Nammen, vor dem Wilson floh, sollte bis heute der letzte gewesen sein.

Tief betroffen verfolgten heimische Bergarbeiter das Unglück von

Lengede in den Nachrichten. Besser als alle Anderen konnten sie sich in die Situation der Verschütteten

hineinversetzen. Was sie damals noch nicht wussten: Auch unter ihren

Kollegen sollte das Bergwerk in Lengede ein Todesopfer fordern.

Als Bergarbeiter im Erzschacht Marl-Hüls erlebte Helmut Hofmann (Mitte) die Dunkelheit, die auch die verschütteten Kumpel in Lengede umfing. Gebannt verfolgte er die Suche nach den zunächst Totgesagten im Fernsehen.pr



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