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Mit der Afrikanischen Schweinepest droht dramatischer Preisverfall für Schweinefleisch

Landwirte plagt Angst vor Seuche

HAMELN-PYRMONT. Am Wochenende knallten noch einmal in Waldgebieten des Weserberglandes bei Drückjagden die Büchsen. Mit intensiven revierübergreifenden Jagden will die Jägerschaft den Wildschweinbestand reduzieren, um der Afrikanischen Schweinepest (ASP) vorzubeugen. Die Seuche breitet sich von Osteuropa Richtung Westen aus.

veröffentlicht am 15.01.2018 um 18:34 Uhr

Schweine, Schweinemast in Lachem, Schweinestall, Betreiber Carsten Amelung in Rot, Foto: Dana

Autor:

Peter Jahn
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„Das im Frühjahr gesetzte Ziel, im Landkreis Hameln-Pyrmont mehr als 2000 Sauen im Jagdjahr 2017/18 zu erlegen, ist bereits erreicht“, kann Kreisjägermeister Jürgen Ziegler feststellen.

Noch hat die Seuche Deutschland nicht erreicht. Doch es herrscht höchste Alarmbereitschaft, denn man geht davon aus, dass es nur eine Frage der Zeit ist, wann auch hier der erste positive Fall festgestellt wird. Nicht nur, dass der ASP-Virus die Wildschweine hinraffen wird, auch die Hausschweinbestände sind in Gefahr. Bricht die Afrikanische Schweinepest erst einmal aus, ist der wirtschaftliche Schaden für Schweinezüchter und -mäster immens. Eine Einschleppung würde bedeuten, dass Deutschland kein Fleisch aus der Schweinemast mehr in Länder außerhalb der EU exportieren kann. Es droht dann ein dramatischer Preisverfall für Schweinefleisch aufgrund des Überangebots auf dem deutschen Markt.

Es sind nicht allein die Wildschweine für die Verbreitung der Krankheit verantwortlich. Auch Reisende können den Erreger übertragen – durch verunreinigte Kleidung zum Beispiel, durch weggeworfene Essensreste, auch Futtermittel sind nicht auszuschließen. Dass das Virus auf solchen Wegen und nicht durch Wildschweine übertragen wird, zeigt sich in Polen. Dort hat man eine Sicherheitszone gezogen, die im Dezember „durchfahren“ wird und hundert Kilometer weiter bricht die Krankheit aus. Schon seit Wochen halten sich Bauern, die Schweine im Stall haben, aus Angst vor Einschleppung der Krankheit von Jagden fern. Auch meiden sie den Kontakt zu anderen Jägern, die in Revieren im Osten unterwegs sind.

Mit intensiven revierübergreifenden Jagden will die Jägerschaft den Wildschweinbestand reduzieren, um der Afrikanischen Schweinepest (ASP) vorzubeugen. Foto: pj
  • Mit intensiven revierübergreifenden Jagden will die Jägerschaft den Wildschweinbestand reduzieren, um der Afrikanischen Schweinepest (ASP) vorzubeugen. Foto: pj
Die Vermehrungsrate der Wildschweine ist hoch. Das ganze Jahr über tauchen in den heimischen Revieren Frischlinge auf. Foto: PJ
  • Die Vermehrungsrate der Wildschweine ist hoch. Das ganze Jahr über tauchen in den heimischen Revieren Frischlinge auf. Foto: PJ

Die Afrikanische Schweinepest ist eine Infektionskrankheit, die bei Wild- und Hausschweinen meist innerhalb weniger Tage zum Tode führt. Ansteckungsgefahr für den Menschen besteht nicht. Die größte Schuld an der Verbreitung trägt allerdings dieser, so warnen die Virologen des Friedrich-Löffler-Instituts. Von den Fachleuten auf der Insel Riems wird das Einschleppungsrisiko durch den Menschen weiter als hoch eingestuft. Die Seuche reise im Führerhaus von Lastwagen mit – als Brotzeit von Fahrern aus Tschechien, Litauen oder aus der Ukraine. Rohe Wurstware aus Gebieten in Osteuropa, in denen die ASP ausgebrochen ist, kann belastet sein, wirft ein Fahrer Reste davon weg, die das Virus enthalten, ist die Infektionsgefahr groß. Es wird vermutet, dass in der Tschechischen Republik und Rumänien die Schweinepest über weggeworfene Wurstbrote übertragen wurde, so der Deutsche Bauernverband.

Auch Reisende können den Erreger übertragen – durch verunreinigte Kleidung zum Beispiel, durch weggeworfene Essensreste, auch Futtermittel sind nicht auszuschließen

Jägerschaft und Bauernverband wollen, dass der Wildschweinbestand durch intensivere Jagd noch mehr gesenkt wird. In einigen deutschen Bundesländern gibt es bereits Abschussprämien, um den Wildschweinbestand zu verringern. Für jedes erlegte Tier werden in Mecklenburg-Vorpommern 25 Euro und in Bayern 20 Euro an den Jäger gezahlt. Auch in anderen Ländern wird mit Prämien zum Jagen aufgerufen. In Polen hat Präsident Andrzej Duda angeordnet, dass Jäger bis zu sechs Tage bezahlten Sonderurlaub bekommen, wenn sie diesen zur Jagd auf Wildschweine nutzen. In Niedersachsen sind sich viele Landtagspolitiker einig, dass es nicht mehr darum geht, ob, sondern wann die ASP nach Deutschland kommt. In Niedersachsen werden rund 8,5 Millionen Hausschweine in 7500 Betrieben gehalten. Im Landkreis Hameln-Pyrmont ist die Dichte wesentlich geringer als im Nordwesten Niedersachsens, wie Kreislandwirt Karl-Friedrich Meyer erklärt. „Die Betriebe verteilen sich gleichmäßig über das Kreisgebiet“, weiß Meyer. Die von ihm gestern ermittelte Zahl der gehaltenen Schweine beläuft sich auf rund 35000 Tiere in 36 Sauenhaltungen und 94 Mastbetrieben.

Der FDP-Fraktionschef im Landtag in Hannover, Stefan Birkner, fordert eine ganzjährige Jagdzeit auf Wildschweine, eine Aufwandsentschädigung von 25 Euro pro Tier. Außerdem sollen die Gebühren für die Fleischuntersuchung erstattet werden. Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast hat beim Finanzministerium um die Freigabe von 3,5 Millionen Euro im Nachtragshaushalt gebeten, um Präventionsmaßnahmen einleiten zu können.

Die Ministerin möchte die Schonzeit für Schwarzwild aufzuheben. Soll der Bestand der Schwarzkittel drastisch verringert werden, angepeilt wird eine Verringerung um 70 Prozent, ist dies vor dem Hintergrund, dass sich Wildschweine bei uns sauwohl fühlen und eine Zuwachsrate von rund 300 Prozent im Jahr haben, keine leichte Aufgabe für die Jägerinnen und Jäger. Vor allem, da sich die Jagd auf Mondnächte und Drückjagden beschränkt. Bei den letzten beiden Drückjagden im Landkreis, die sich am Wochenende auf die Reviere im gesamten Süntel und im Bereich des Hegerings Börry erstreckten, kamen 55 Schwarzkittel im Süntel und sieben in Börry zur Strecke. „Die Drückjagdzeit ist jetzt vorbei, es liegen Frischlinge in den Kesseln, nun geht es weiter mit der Einzelbejagung“, betont Jürgen Ziegler. Die Ansitzjagden beschränken sich jedoch auf die Tage mit ausreichend hellem Mondlicht. Dem Einsatz von Nachtzielgeräten und Wärmebildkameras in dunkleren Nächten steht Landwirtschaftsministerin Otte-Kinast kritisch gegenüber.

Landwirten, Veterinären, Politikern und Jägern ist klar, dass in der jetzigen Situation eine enge Zusammenarbeit notwendig ist. Bricht die Afrikanische Schweinepest in Deutschland aus, muss die Weltorganisation für Tiergesundheit alarmiert werden. Vermutlich wird dann der Export zusammenbrechen, denn ausländische Händler werden kein deutsches Schweinefleisch mehr kaufen. Das führt hierzulande zur Überproduktion und einem unvermeidlichen Absturz des Schweinepreises. Für viele Betriebe kann dies die Pleite bedeuten.

Deutsche Bauern machen mit Schweinen derzeit rund sieben Milliarden Euro Umsatz pro Jahr. Die Zusammenarbeit zwischen Jägerschaft und dem Kreisveterinäramt klappt ausgesprochen gut, wie Ziegler erklärt. Seit Jahren ziehen die Waidgesellen „in jedem Winkel des Landkreises Blutproben von erlegten Wildschweinen“, die von den Veterinären im Hamelner Kreishaus untersucht werden. „Es wurden in all den Jahren weder Erreger der für Hunde tödlichen Aujeszkyschen Krankheit, der Klassischen oder Afrikanischen Schweinepest gefunden“, stellt Ziegler fest.

Umweltschutzorganisationen wie der WWF kritisieren, dass auch die Freigabe der Jagd auf Wildschweine in Naturschutzgebieten gefordert und damit von den Ursachen der großen Bestandsdichte von Wildschweinen abgelenkt wird. Wildtierexperten erklären, dass die Zahl der Wildschweine durch die Decke geht, seit der großflächige Anbau von Mais und Raps stark zugenommen habe. „Jagd allein wird den Bestand weder kurzfristig noch dauerhaft ausreichend senken“, sind sie sicher und fordern: „Wir brauchen wieder mehr Vielfalt in den Anbauflächen und deutlich weniger Mais- und Rapswüsten.“

Auch Christian Rehmer vom BUND sieht im Wandel der Landwirtschaft eine Hauptursache für die historisch hohen Bestände. „Es werden 2,5 Millionen Hektar Mais in Deutschland angebaut“, sagte er und fügt an: „Dabei handelt es sich schon fast um ein Schweinemastprogramm der Bauern. Das ist die ideale Nahrungs- und Deckungsgrundlage für Wildschweine.“ Angesichts der derzeitigen Situation bleibt zu hoffen, dass alle Verantwortlichen Augenmaß beweisen, die richtigen Maßnahmen einleiten und nicht übers Ziel hinausschießen.

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