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Minderheiten gegen religiös motivierte Regierung

Land der Widersprüche: Weltenbummler unterwegs in Malaysia

Wer hierzulande an Malaysia denkt, der hat vielleicht Kuala Lumpur mit seinen beiden Petronas Türmen im Sinn, oder tropische Regenwälder. Doch Malaysia ist noch so viel mehr – ein Land der Widersprüche, das sinnbildlich für den Aufstieg Asiens und den Niedergang des Säkularismus steht.

veröffentlicht am 19.08.2017 um 10:00 Uhr

Die ganze Innenstadt von Kuala Lumpurs besteht aus gläsernen Riesen, die Frankfurts Skyline geradezu lächerlich scheinen lassen. Foto: Ellada Azoidou
BK

Autor

Benjamin Krämer Reporter
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Man fühlt sich wirklich klein, wenn man vor den 451 Meter hohen Zwillingstürmen im Herzen Kuala Lumpurs steht. Hier hat Petronas der Stadt ein Wahrzeichen geschaffen, das bis 2004 das höchste Bauwerk der Welt war. Doch man fühlt sich nicht bloß klein, weil die beiden Wolkenkratzer mit ihren langen Blitzableitern tatsächlich an den Wolken kratzen. Nein, man fühlt sich hier auch klein als Europäer. Solch einen Gigantismus gibt es bei uns zwischen Gibraltar und Nordkap schlichtweg nicht.

Wenn man sich vor den Zwillingstürmen im Kreis dreht und an den Scharen staunender Touristen vorbeischaut wird schnell klar, dass an dieser Stelle auch noch nicht Schluss ist. Die ganze Innenstadt besteht aus gläsernen Riesen, die Frankfurts Skyline geradezu lächerlich scheinen lassen und überall werden weitere neue gebaut. Das ist dem Wachstum der malaysischen Wirtschaft zu verdanken, das bei jährlich sechs Prozent liegt. Und den Chinesen.

Wenn Sie jetzt an Investitionen aus China denken, ist das naheliegend, aber unzutreffend. In Malaysia lebt eine beachtliche chinesisch-ethnische Minderheit von etwa 25 Prozent. Sie sind ab dem 15. Jahrhundert nach Malaysia eingewandert und seither der wirtschaftliche Motor des Landes. Man könnte sich also zu der Annahme verleiten lassen, dass chinesische Malaysier gern gesehene Landsmänner zwischen Borneo und Penang sein müssten.

Die 451 Meter hohen Zwillingstürmen im Herzen Kuala Lumpurs. Foto: Ellada Azoidou
  • Die 451 Meter hohen Zwillingstürmen im Herzen Kuala Lumpurs. Foto: Ellada Azoidou

Doch weit gefehlt – und hier beginnt die Schattenseite dieses aufstrebenden Landes: Die Mehrheit der Malaysier sind Malaien, muslimische Bürger die 60 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Sie haben den Islam kurzerhand zur Staatsreligion gemacht und damit begonnen, andere Religionen systematisch auszugrenzen. Das lässt sich am anschaulichsten darstellen, indem man ihren Umgang mit der chinesischen Minderheit beleuchtet, die aktuellen Schätzungen zufolge für 75 Prozent des Bruttoinlandsprodukts verantwortlich ist: Der Zugang in die Politik ist quasi ausschließlich für Malaien, also Muslime, gestattet, wodurch die Chinesen politisch gar nicht repräsentiert sind. Die Übersetzung buddhistischen oder christlichen Texten – einschließlich der Bibel – ins Malaysische ist per Gesetz verboten und Kindergeld bekommen auch nur muslimische Familien.

Fakt ist leider auch, dass größere Geschäftsvorhaben für chinesische Malaysier so gut wie gar nicht ohne Beteiligung von Malaien durchführbar sind – weil es dann keine Genehmigungen von den zuständigen Ämtern gibt. Ämter sind im Übrigen dazu angehalten, Malaien, also Muslime, anzustellen.

Ein weiteres Beispiel ist ein gescheitertes Bauprojekt in der historischen Küstenstadt Melaka: Hier hat ein Baulöwe eine Magnetschwebebahn für Touristen gebaut, die an einigen der Sehenswürdigkeiten der Stadt vorbeiführt, beziehungsweise darüber hinweg. Der Trassenverlauf führt auch in respektvollem Abstand an schönen Moscheen vorbei und durch buddhistische Tempel hindurch. Ja, ganz recht, durch buddhistische Tempel hindurch. Auch gegen den Protest der örtlichen buddhistischen Gemeinschaft wurde die Bahn mitten durch den Tempel gebaut. Einer der wuchtigen Pfeiler steht im Garten und einer im Gebäude. Wäre der malaiische Unternehmer nicht pleitegegangen, würde heute mehrmals am Tag eine Magnetschwebebahn über die Betenden hinwegdonnern.

Es wird also schnell deutlich, dass die Minderheiten in Malaysia gegen den Strom einer religiös motivierten Regierung schwimmen müssen, um sich über Wasser zu halten. Das erfordert gesellschaftliche Muskeln, die sich die Chinesen hier zwangsweise antrainiert haben und die sie zu der erfolgreichsten Volksgruppe des Landes machen. Sie organisieren ihre eigenen Volksfeste, haben ein Spendensystem entwickelt, über das sie ihre eigenen Schulen finanzieren, in denen Mandarin und kantonesisch unterrichtet wird – denn staatliche Förderungen gibt es freilich nicht. Ihnen bleibt auch nichts anderes übrig, da sie malaysische Staatsbürger sind und keinen chinesischen Pass bekommen würden. Auch dort sind sie Fremde, obwohl sie sich ihrer historischen Heimat näher fühlen. Für sie bleibt bloß die Hoffnung, dass der von ihnen vorangetriebene wirtschaftliche Aufschwung dieses von Vielfalt geprägten Schwellenlandes den religiösen Eifer der unproduktiveren Mehrheit bremsen kann. Deutlich wird in den Häuserschluchten Kuala Lumpurs auch, dass die Malaien ihr Stück vom Kuchen durchaus genießen – etwa beim Flanieren durch Shopping Malls der Superlative.

Die Frage ist, wie lange diese Ungerechtigkeiten den Minderheiten noch schmecken und wie weit sich ein Motor gängeln lässt, bevor er seinen Dienst einstellt.


Benjamin Krämer und Ellada Azoidou berichten regelmäßig über ihr Abenteuer Weltreise auf www.horizonride.de und auf www.facebook.com/horizonride



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