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Dada ist dada ist dada

Künstler des Weserberglandes im Porträt – heute: Werner Koch aus Hameln

Das hier ist das letzte Bild“, sagt Werner Koch und deutet mit dem Kopf zu einer Wand im galerieähnlichen Eingangsbereich seines Hauses. Er will es näher erläutern, das großformatige Werk, und auch die Doppeldeutigkeit seiner Aussage über dieses „letzte“ Bild auflösen. Hält aber inne, dreht sich zu den blauen, skizzenhaft gezeichneten Köpfen an der anderen Wand. Noch eins seiner Werke, diese Bilder-Gruppe, die vom Boden bis fast unter die hohe Decke reicht: Porträts von Hans Richter, Francis Picabia, Emmy Hennings, Hugo Ball, Kurt Schwitters, Wassily Kandinsky. „Ich bin jetzt also beim Dada gelandet“, sagt der Künstler.

veröffentlicht am 02.10.2017 um 10:27 Uhr

Werner Koch hat einen besonderen Bezug zum Dadaismus. Foto: amg
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Alda Maria Grüter Reporterin
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Das ist erst einmal wörtlich zu verstehen, denn er befindet sich auf Augenhöhe mit den Dadaisten-Porträts – Werner Koch steht auf der obersten Stufe der Leiter, kann nun das große Dachflächenfenster schließen. Das lästige Geräusch der trommelnden Regentropfen auf den Glasscheiben ist jetzt leiser. Er steigt die sechs Sprossen der Leiter hinab, greift das Stichwort Dada wieder auf. „Ich bewege mich im Absurden.“ Soll heißen: Absurdes, das ist der Begleiter seines Alterswerkes mit einem besonderen Bezug zum Dadaismus. Die sechs Porträtbilder stellen die Verbindung Kochs zu dieser Strömung her, einer der wichtigsten Avantgarde-Bewegungen der Kunst (und der Literatur) zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Und eine Verbindung zu der Wiege des Dadaismus, dem 1916 gegründeten Züricher Cabaret Voltaire. Unter jedem der sechs, auf durchsichtigem Gewebe gemalten Porträts, scheinen jeweils Bilder aus den verschiedenen Werkphasen Kochs hindurch. So lautet denn auch der Titel der Retrospektive, die im September im Roemer- und Pelizaeus-Museum in Hildesheim gezeigt wurde „100+1= 80 – Dada ist dada ist dada.“

Ein Jahr nach dem 100-jährigen Bestehen des Cabarets Voltaire, in dem ihr Mann übrigens Mitglied sei, feiere er seinen 80. Geburtstag, erklärt Gisela Koch. Werner Koch schmunzelt, schaut zu dem vermeintlich letzten Werk und knüpft nun die Erklärung an: „Also, ich meine, das ist nicht das letzte Bild überhaupt. Zumindest hoffe ich es. Sondern, das ist das letzte, das ich mit 80 Jahren gemalt habe.“ An diesem Tag des Hausbesuchs bei dem Ehepaar Koch in Hameln ist es sechs Wochen her, dass der Künstler Geburtstag hatte – das besagte Werk ist also eine seiner aktuellen Arbeiten. Einen Gang zurückschalten, ja, das müsse er mit 80 schon, wirft seine Frau Gisela ein. Aber ans Aufhören denke ihr Mann bestimmt nicht. Sie wohl ebenso wenig. Die 75-Jährige, die bis zum Jahre 2000 als Studiendirektorin an der Elisabeth-Selbert-Schule in Hameln tätig war, ist seit der Heirat vor 55 Jahren die Frau an der Seite des Künstlers – und: die Frau im „Büro“. Sie übernehme alles Organisatorische und sorge so dafür, dass der Künstler zuhause sowie in seinem Atelier im Hefehof ungestört arbeiten könne.

Gisela Koch holt aus dem Regal Unterlagen, in denen seine Werke sorgfältig katalogisiert sind, zeigt einige, die für die Retrospektive ausgewählt werden sollen: Neben 20 Figuren sind es 28 von den fast 1000 Skizzen, die Werner Koch über die Jahre geschaffen hat. Anhand eines Modells, das neben Mappen voller Skizzen auf dem Tisch steht, erläutert er das Konzept der bevorstehenden Schau. Unter anderem hängen riesige, aus bloßen Umrissen bestehende Figuren kopfüber von der Decke: „Die Welt steht Kopf. Mal wieder, immer noch, immer wieder“, kommentiert Koch. Ebenso noch in Arbeit, das „letzte“ Bild: „Haben wir eigentlich schon einen Titel dafür?“, fragt Gisela Koch. „Haben wir nicht“, antwortet der Künstler. „Weil es noch unfertig ist. Weil die Komposition mir noch nicht gefällt.“ Den oberen Bereich wolle er noch ändern. „Ich habe den Eindruck, dass der untere Teil im Verhältnis zum oberen ein bisschen zu schwer und mächtig erscheint“, sagt er über das unfertige Bild, das, wie der Großteil seiner Produktionen, nach dem Prinzip Collage entsteht. Meist arbeitet Koch in Serien. Eine eigensinnige und eigenständige Auseinandersetzung mit der Realität, die ihn umgibt, prägt und bewegt, kennzeichnen seine Werke. „Hier ist der Ursprung: die Dewezet“, erläutert Koch das „unfertige“ Bild. „Das heißt, die Zeitungsseite, auf der ich beim Malen den Pinsel ausgestrichen habe. Zeitung – das ist für mich eine ästhetische Erscheinung, die Zeitung an sich, das Schwarz-weiß der Druckerschwärze, finde ich spannend.“ Zeitungen dienen sowohl als Bildträger als auch als gestalterisches Material und faszinieren den Künstler seit Jahrzehnten. „Dinge aus der Zivilisation, wie eben bereits Abgebildetes, waren für mich der Ansatz, um Individualität und Persönlichkeit in die künstlerische Umsetzung hineinzubringen.“ Ob als Hand- oder Druckschrift, Koch nutzt den Doppelcharakter von Ästhetik und Information auf unterschiedliche Weise. Durch die Bearbeitung werden die Aussagen anders- und vieldeutig, es entstehen neue Kontexte. Eine „eigene Formsprache“ gefunden und Zeitungen als Arbeitsmaterial habe er eigentlich schon früh für sich entdeckt. 1985 quittierte Koch den Schuldienst, um sich, nach 15 Jahren als Kunsterzieher an der Fachschule für Sozialpädagogik, ganz der Arbeit als freischaffender Künstler zu widmen. In puncto eigene Ausbildung: Bereits während der Lehre habe er „Schrift konstruiert“, erzählt Werner Koch. „Das hat mich schon immer gefesselt“, sagt der Künstler, der zunächst „aus Familientradition eine Malerlehre absolvierte, da der Großvater Hofdekorationsmaler des Großherzogs zu Weimar war“. Später folgten das Studium der freien und angewandten Malerei an der Werkkunstschule in Dortmund, weitere Studien an der Akademie der bildenden Künste in München sowie an der Staatlichen Hochschule für bildende Künste in Kassel. Wichtige Impulse für seine künstlerische Entwicklung erhielt er dort von Professor Fritz Winter, einem der bedeutendsten deutschen Vertreter der abstrakten Kunst. 1970 wurde Werner Koch zu seinem Meisterschüler ernannt. In der Auseinandersetzung mit Raum und Zeit, mit Zeitfluss, Flüchtigkeit, Vergänglichkeit und der menschlichen Existenz stellen Druckmedien eine Konstante dar. Ebenso die aus Umrissen bestehenden Figuren seiner Installationen. Dass er Maler, kein Bildhauer sei – Werner Koch legt Wert darauf, das zu betonen: Die Figuren haben mit seinen Bildern zu tun, in denen figürliche Darstellungen, Silhouetten, immer wieder vorkommen. Die einzelnen Figuren seien aus den New Yorker Skizzen gewonnen. Dort hat Koch gearbeitet. Malaufenthalte, außerdem in Paris und London. In Hameln landete der gebürtige Bochumer 1970 – und blieb. „In der Masse zu existieren und in der Stille seines Hamelner Ateliers völlig ungestört arbeiten zu können – das ist so sein Ding“, charakterisiert Gisela Koch ihren Mann. Immer wieder verließ er die beschauliche Rattenfängerstadt Richtung New York, wo er zwischen 1992 und 2003 regelmäßig längere Arbeitsphasen einlegte. „Das Spannende in der Großstadt sind die Begegnungen mit den Menschen.“ Menschen, die mit ihrem Lebenshintergrund anonym bleiben: „Man ahnt ja immer nur.“ In dem legendären Chelsea-Hotel an der 23rd Street in Manhattan, bekannt für seine kreativen Bewohner, hat Werner Koch in einem Zimmer-Atelier gearbeitet. Damals, da seien „die jungen Wilden“ ein Thema in der New Yorker Künstlerszene gewesen, und da zog es auch Werner Koch hin. Eine Fülle von Bildern entstand in dieser Zeit: Menschen im Strom der Massen und der Zeit, skizzenhaft reduzierte Augenblicke, Umrisse, durch die der Hintergrund hindurchscheint. Figuren, die hat Koch einmal auch sprichwörtlich aus dem Bild, das heißt, aus großformatig gemalten Zeitungseiten, als lebende Person heraustreten lassen.

Noch unfertig und ohne Titel: Werner Kochs jüngstes Werk, eine Collage, die Zeitungsseiten als Grundlage hat. Foto: amg
  • Noch unfertig und ohne Titel: Werner Kochs jüngstes Werk, eine Collage, die Zeitungsseiten als Grundlage hat. Foto: amg

Neben Malerei und Installationen gehören also auch Performances zu dem vielseitigen Spektrum seiner künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten. Und einen Wunsch möchte er noch umsetzen: „Solange es geht, einmal im Jahr in Züricher Cabaret Voltaire auszustellen.“

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