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Außerhalb der Norm und doch lecker – ein Plädoyer für Gemüse mit Schönheitsfehlern

Krumm und schief

Obst und Gemüse mit kleinen Schönheitsfehlern haben dieselbe Qualität wie Früchte, die der Norm entsprechen. Weil die allermeisten Kunden es aber nicht wollen, wird gute Ware einfach vernichtet. Was also kann man tun, um „krumme Dinger“ zu retten? Und wer hilft einem dabei? In unserem zweiteiligen Hintergrundartikel befassen wir uns mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen und der Frage, was Verbraucher damit zu tun haben, dass gesunde (Feld-)Früchte vernichtet und alte Sorten kaum noch angebaut werden.

veröffentlicht am 04.07.2018 um 17:58 Uhr

Krumme Gurken entsprechen nicht der Norm – haben aber die gleiche Qualität wie gerades Gemüse. Foto: dpa
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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite
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Hand aufs Herz, wir tun es alle, und das auch auf dem Wochenmarkt oder im Bioladen: Wir suchen uns nur das schönste Obst und Gemüse aus. Es soll die gerade Gurke sein, die Zucchini ohne Verfärbung an der Schale, der rundeste Apfel und ganz gewiss keine Möhre mit zwei „Beinen“. Die Händler wissen das. Ihr Angebot sieht sowieso fast immer aus wie gemalt. Das Obst und Gemüse mit Schönheitsfehlern hat kaum eine Chance bei den Kunden, selbst dann, wenn die wissen, dass es genauso gut schmeckt wie die makellose Konkurrenz. Immer noch wird rund ein Drittel der Gemüseernten für den Handel vernichtet, eine fast unglaubliche Verschwendung. Was also kann man konkret tun, um seinen inneren Schweinehund zu überwinden und solche Lebensmittel zu „retten“?

Für leidenschaftliche Hobbygärtnerinnen wie Uta Fah-renkamp aus Rinteln stellt sich diese Frage nicht. In ihrem Garten wächst ein ganzes Sortiment von Gemüse heran, von der Kartoffel über Tomaten und Erdbeeren, bis hin zu Peperoni, Zwiebeln und Kürbissen. „Ich esse alles, natürlich auch das ,Krunkelgemüse‘“, sagt sie. „Ich bin viel zu dankbar für diese Geschenke der Natur, als dass ich was verkommen lassen würde.“ Selbst den Apfel verspeist sie samt Kerngehäuse und nur der Stiel bleibt übrig.

Wer mitbekommt, wie das Gemüse heranwächst und wie viel Arbeit erledigt werden muss, bis es gegessen werden kann, stellt sich insgesamt weniger an, wenn etwas unregelmäßig gewachsen ist oder kleine Stellen hat. Das weiß auch Marita Vahlbruch, die auf ihrem Biohof in Coppenbrügge auch Gemüse für die sogenannte „Solidarische Landwirtschaft“ produziert. „Solawi“ bedeutet, dass sich landwirtschaftliche Betriebe mit privaten Haushalten zu einem Verein oder einer Initiative zusammenschließen, unter anderem genau deshalb, damit krummes Gemüse nicht weggeworfen werden muss.

Eine gut gefüllte Gemüsekiste mit krumm gewachsenen Feldfrüchten. Foto: dpa
  • Eine gut gefüllte Gemüsekiste mit krumm gewachsenen Feldfrüchten. Foto: dpa
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Jedes der etwa 50 Mitglieder der „Solidarischen Landwirtschaft am Ith“, kurz „Solawith“, zahlt knapp 50 Euro monatlich und erhält dafür pro Woche eine gut gefüllte Gemüsekiste, huckelige Kartoffeln und manchmal sehr kleiner Blumenkohl inklusive. Auch der Dorfladen „Süntellädchen“ in Flegessen bei Bad Münder besitzt vier Mitgliedschaften bei der „Solawith“ und wird von den Vahlbruchs beliefert. Die Kunden nehmen das Biogemüse auch deshalb so gut an, weil viele von ihnen bei den „Mitmach-Samstagen dabei sind und Hof und Acker kennenlernen. „Wenn man so eine direkte Verbindung von Wachsen und Werden der eigenen Lebensmittel erfährt, bekommt man einfach einen anderen Blick dafür“, sagt Marita Vahlbruch.

Das bestätigt alles in allem auch Claudia Masthoff, die im Rintelner Bioladen „Querbeet“ arbeitet und sich in der Solawi Vlotho engagiert. „Das Gemüse ist astrein und entspricht den Mindestanforderungen der Qualitätsnormen auch dann, wenn es mal krumm und schief ist“, sagt sie. „Manchmal muss man etwas Überzeugungsarbeit leisten, denn die Früchte werden zum Beispiel nicht gewaschen, damit sie länger haltbar bleiben.“ Je nach Erntejahr können auch besonders kleine Exemplare dabei sein. „Das ist im ersten Moment ungewohnt, aber wenn man einmal festgestellt hat, dass gerade kleines Gemüse viel geschmackvoller ist, als wenn es zu groß und damit wässrig geworden ist, versteht man, dass es eigentlich ein Qualitätsmerkmal ist.“

Eine Qual der Wahl in Bezug auf äußere Schönheit der Feldfrüchte gibt es nicht für die Mitglieder der deutschlandweit etwa 200 Solawis. Die Gemüsekisten kommen, wie sie kommen, man nimmt, was man kriegt. Das muss wohl auch so sein, wenn Lebensmittel nicht verschwendet werden sollen. Hella Kleindiek, die Inhaberin des „Querbeet“-Bioladens, hat die Erfahrung gemacht, dass auch ihre in Bio-Angelegenheiten sehr interessierten Kunden der Verführung nicht widerstehen können, nur makellose Ware aus den Gemüseregalen auszuwählen.

Dementsprechend vorsortiert trifft die Bioware der regionalen Produzenten auch bei ihr ein. „Man muss schon sagen, die Norm verkauft sich einfach besser“, so Hella Kleindiek. Was keine so guten Verkaufschancen hat, landet in der kleinen Bistroküche des Ladens. Anderes verschenkt sie an Pferdebesitzer oder sie macht daraus Gemüsesaft. „Dass ich mal eine Lieferung reklamiere, selbst wenn ich Grund dazu hätte, kommt kaum vor.“

Es gibt allerdings sowieso nur selten Grund, eine Warenlieferung zu reklamieren. Sabine Zeller vom Bioland-“Marienhof“ in Esperde erklärt, warum auch Biohöfe nur solches Obst und Gemüse verkaufen und liefern, dass bis auf wenige Ausnahmen denselben Handelsnormen entspricht, wie sie auch in Supermärkten angeboten werden. „Sortieren müssen wir sowieso, denn auf den großen Feldern wächst natürlich viel heran, was echte Fehler hat und für Menschen unbrauchbar ist“, sagt sie. Solches Gemüse wird entweder untergepflügt oder als Tierfutter verwendet. Aber eben nicht nur solches, sondern auch alles andere, dessen Verkaufschancen gering sind.

Könnte man das Gemüse mit leichten Schönheitsfehlern nicht einfach zu einem besonders günstigen Preis anbieten und auf diese Weise unter die Leute bringen? „Schön wär’s“, sagt Sabine Zeller, „aber das wäre für uns vollkommen unrentabel.“ Die eigentlichen Kosten entstehen durch die Arbeit auf dem Hof und während der Vertriebswege. Ein dritter Sortierschritt, der neben Unbrauchbarem und geeigneter Ware auch noch das „Krunkelgemüse“ berücksichtigt, erhöht die Kosten. Schönheitsfehlerware auszusondern und günstiger abzugeben, wäre ein garantiertes Verlustgeschäft. „Und für denselben Preis kaufen die Kunden es nicht.“

Weil das eben so ist, hat sich sogar ein großer Discounter, die Penny-Kette, einen besonderen Weg ausgedacht, um das nicht vollkommene Bio-Obst und -Gemüse in ihren Filialen doch regelmäßig und im größeren Stil verkaufen zu können. Die Idee besitzt eine gewisse Verwandtschaft mit den Gemüse-Überraschungskisten der Solidarischen Landwirtschaft. Unter dem Stichwort „Bio-Helden“ bietet der Discounter 21 regional erzeugte Gemüse- und Obstsorten an, unter denen sich auch leicht fehlerhafte Früchte befinden. Die stehen aber nicht lose zur freien Auswahl zum Verkauf – dann nämlich, das meint Pressesprecher Andreas Krämer, würden die krummen Dinger am Ende unverkauft übrig bleiben –, sondern befinden sich vereinzelt in der jeweiligen „Bio-Helden“-Verpackung.

Dieses für Lebensmitteldiscounter einzigartige Konzept kommt so gut an, dass die Produktpalette seit 2016 ständig erweitert werden konnte, so Krämer. Preisgünstiger als normgerechtes Biogemüse sind die Bio-Helden nicht. Das hat betriebswirtschaftliche und auch „ideologische“ Gründe. Die Ware habe eine gute Qualität und es sei ein falsches Signal, sie nur aufgrund von Verfärbungen oder Verformungen billiger zu machen.

Als das Thema „Lebensmittel retten“ vor fünf Jahren bundesweit verstärkt diskutiert wurde, überall Food-Sharing-Initiativen entstanden und andere Netzwerke wie zum Beispiel „Querfeld“, die „Solawis“ oder „Krumme Dinger“, gab es auch in den Landkreisen Schaumburg und Hameln-Pyrmont allerlei Aktionen im Sinne von „Zu gut für die Tonne“. Einzelne Landwirte gaben ihre Äcker zur „Nachlese“ frei, man organisierte „Schnippelpartys“ und gründete lokale Facebook-Gruppen, um der Verschwendung entgegenzuwirken. Anders als in den großen Städten ließ sich all das aber auf Dauer – abgesehen von den beiden Solawis in unserer Region – kaum durchhalten.

„Wir müssen weiter und immer weiter auf Aufklärung setzen“, das sagen Bioladen-Inhaberin Hella Kleindiek ebenso wie die Solawi-Verantwortlichen und die Bio-Landwirtinnen. Auch Hobbygärtnerin Uta Fahrenkamp trägt auf ihre Weise zur Aufklärung bei. In ihrem Rintelner Buchladen stehen viele Bücher zum Thema, und oft entwickeln sich dort Gespräche mit den Kunden, die dazu führen, dass man ein besserer Lebensmittelverwerter werden will. Sie habe eine wunderbar vorbildliche Bekannte, erzählt Uta Fahrenkamp. Wo immer diese einkauft, erbarmt sie sich abgelaufener Lebensmittel und wählt mit Bedacht genau solches Obst und Gemüse aus, das ohne sie fortgeworfen würde.


Lesen Sie im nächsten Teil: „Alte Sorten – wer will die schon haben?“



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