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Im Austausch mit kritischen Medienkonsumenten ploppen auch mal Verschwörungstheorien auf

Kriegen Journalisten alles von oben diktiert?

Die Presse, der Journalismus, die Medienwelt – was darf man darunter verstehen? Pressefreiheit, Recherche, Nachrichten, Information und Wahrheit scheinen durch Schlagworte wie Lügenpresse, Fake News und alternative Fakten in Gefahr zu geraten. Unsere Zeitung macht ihr tägliches Tun für einen Monat zum öffentlichen Serienthema: den Journalismus. Heute beschäftigen wir uns mit der Behauptung: „Ihr bekommt das doch von oben diktiert.“ Wir wollten herausfinden, wie Menschen zu einer solchen Überzeugung kommen. Dazu haben wir Kontakt gesucht zu Nutzern, deren Kommentare im Netz eine solche Sicht als zumindest nicht abwegig erscheinen ließen.

veröffentlicht am 26.05.2017 um 16:52 Uhr
aktualisiert am 13.06.2017 um 14:28 Uhr

Juliane Lehmann

Autor

Reporterin (Pyrmonter Nachrichten) zur Autorenseite

Vorneweg: Mit Eiferern zu reden, die Journalisten rundweg als willfährig lügende Marionetten eines verlogenen Systems betrachten, ist kein ungetrübtes Vergnügen. Das Gespräch ist – zumindest auf einer Seite – nicht eben von Offenheit geprägt. Es hat den Anschein, als wolle die Person am anderen Ende der Telefonleitung vor allem ihren angesammelten Frust rauslassen, das Gegenüber der Lüge, Auslassung und Verdrehung der Wahrheit überführen. Egal, wie der Journalist darauf reagiert, werden persönliche Betroffenheit und der Wille unterstellt, Lügen und Auslassungen zu rechtfertigen.

Dabei steht am Anfang eines jeden Gespräches für den Journalisten vor allem eins: die Neugierde. Darauf, was jemanden zu seiner Überzeugung gebracht hat. Was er liest, hört und sieht, welchen Medien er vertraut.

Die Resonanz auf die Anfragen ist gering. Es melden sich nur wenige Menschen. Erstaunlich dabei: Bis auf ganz wenige Ausnahmen erweisen sie sich als aufgeschlossene Mediennutzer. Kritisch ja, aber keineswegs verblendet oder gar durchgeknallt.

Mit einer kontaktierten Frau kommt zwar kein Telefonat zustande. Sie lässt die Redaktion aber per E-Mail wissen, „dass ich meine Aussagen der allgemeinen Presse zuordne und nicht auf die Dewezet lenke“.

Einem Anrufer indes scheinen Journalisten zu wenig kritisch zu hinterfragen. Als Beispiel nennt er den Absturz des Germanwings-Fluges 4U9525 am 24. März 2016 mit 150 Toten. Er hält es für nicht ausgeschlossen, dass der Co-Pilot der Maschine zu Unrecht als Verursacher der Tragödie dargestellt worden sei. Dass die bislang bekanntgewordenen Ermittlungsergebnisse dem Image der Fluggesellschaft weniger schaden würden, als es ein Nachweis etwa von technischen Problemen als Absturzursache könnte, liegt für ihn auf der Hand. „Ich glaube erstmal gar keinem“, sagt der Mann. Früher habe er dem „Spiegel“ vertraut. „Aber der hat zu sehr Bildzeitungsniveau angenommen. Jetzt gucke ich die Übertragungen der Pressekonferenzen auf Phoenix lieber selbst.“

Durch die Digitalisierung seien die Medien zu schnell geworden, findet er. „Als Schreiber würde ich mit meinem Artikel doch lieber so lange warten, bis ich die Zusammenhänge weiß.“ Er sei gespannt, ob die Absturzursache jemals herauskomme.

Nach pauschaler Verschwörungstheorie klingt seine Sicht nicht. Deren Anhänger sind anders drauf: Sie zählen sich zu einem auserwählten Kreis, erleuchtet von einem Wissen, das die Mainstream-Medien den Massen vorenthalten. Sie aber haben die Wahrheit gefunden. Alle anderen sind entweder zu blöd oder zu bequem, um den Fakten ins Auge zu sehen (oder dem, was sie dafür halten). Beweise? Brauchen sie nicht.

Die Methode: Vollkommen unzusammenhängende Ereignisse, die durchaus tatsächlich passiert sind, werden mit selektiv ausgewählten Fakten in irreführender Weise zu einem scheinbar stimmigen Gesamtbild vermengt. Passt schon irgendwie.

Die Möglichkeiten der sozialen Medien tragen bekanntlich ihren Teil dazu bei: Wer in seiner Filter-Blase nur Nachrichten aufsaugt, die beispielsweise Straftaten von Flüchtlingen oder Verbrechen mit Migranten als Opfer streuen, kann schnell eine eindimensionale Sicht entwickeln. Ungereimtheiten in diesen Darstellungen und daraus abgeleiteten Verallgemeinerungen werden ignoriert.

Und obendrauf gibt‘s Andeutungen: „Da wissen wir alle, wohin die Reise geht…“, sagt ein Gesprächspartner in Anspielung auf einen Artikel über antisemitische Straftaten in Hameln. Aus zwei darin erwähnten Sachbeschädigungen schließt der Mann: „Hassverbrechen sehen anders aus. Das war eine Auftragsarbeit.“ Wer die Order zu den Graffiti gab? Der Mann erweckt den Eindruck, es zu wissen. Aber er hält sich bedeckt. Er habe mit der Polizei gesprochen, deutet er an. Aber die sagten öffentlich nichts. Die lokale Berichterstattung im Nachgang des einige Wochen zuvor veröffentlichten Antisemitismusberichts des Bundestages hält er für unangemessen. Sie solle wohl suggerieren, „dass in Hameln der Punk abgeht und die Juden schon kurz vor dem KZ stehen“.

Als wahre Opfer einer groß angelegten Verschwörung durch eine „christlich-jüdisch-amerikanische Allianz“ sieht er indes die in Deutschland lebenden Menschen mit türkischen Wurzeln beziehungsweise die Muslime ge-nerell. Sie würden in den Medien von morgens bis abends schlechtgemacht. „Es gibt nichts, was man ihnen nicht zuschreibt. Wenn eine Geschichte gegen Muslime geht, dann tun die Medien das den ganzen Tag.“ Er glaubt, Journalisten müssten die Stichwortgeber spielen für die großen Meinungsmacher wie Bertelsmann und Springer.

Da der Dewezet-Artikel über die „Sorge um Zunahme an Judenhass“ am selben Tag in der Zeitung stand wie ein Text mit dem Titel „Der Papst im Land der Christenmorde“ über den Besuch des katholischen Kirchenoberhaupts in Ägypten auf Seite 3, erkennt der Mann eine von oben gesteuerte „Tenorhaftigkeit“. Er stellt sich einen Redaktionschef vor, der alle Seiten der Zeitung auf dem Schirm hat und anti-muslimische Inhalte absichtlich platziert. Dass der Inhalt der überregionalen „Tagesthema“-Seite erst am späten Abend steht, wenn die andere Seite längst abgeschlossen ist, und niemand in der Zeitung ein Interesse verfolgt, das Image einer Minderheit – gleich, welcher – zu beschädigen, will oder kann er nicht glauben.

Der Hamelner Gesprächspartner mit dem türkischen Namen scheint blitzgescheit, gebildet – und irgendwie paranoid. So drängt sich eine Frage auf: Wie oft mag er schon als Kind zu spüren bekommen haben: „Du gehörst nicht dazu!“? Warum sonst sollte er alle Muslime und insbesondere Türken von früh bis spät in so gut wie allen Medien diskriminiert sehen?

Für jedes neue Attentat, das der jeweilige Täter mutmaßlich im Namen des Islam begangen hat, findet der Mann dieselbe Erklärung: „Alle Anschläge in Europa sind von Geheimdiensten ausgeführt worden.“ Als Beispiel für seine Theorie nennt er die Lkw-Attacke mit zwölf Toten auf dem Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz: „Das schafft kein Anis Amri.“ Ein kleinkrimineller Typ wie der hätte so einen Anschlag doch gar nicht ausführen können, meint er. Die Strippen zögen andere.

Auch hier tut’s eine nebulöse Andeutung: „Christen und Juden spielen in der Champions League der Zufälle.“ Zum Beleg führt er den Namen des Journalisten Richard Gutjahr an, der sowohl beim Anschlag von Nizza als auch beim Amoklauf von David S. in München vor Ort war. „Das waren beides False-Flag-Aktionen“, schließt er daraus. „Gutjahrs Frau sitzt in der Knesset und ist Mossad-Agentin.“ Dass die Frau dem israelischen Parlament nicht mehr angehört und es 20 Jahre zurückliegt, dass sie ihren Wehrdienst in einer Geheimdienst-Einheit ableistete – den Hamelner kümmert‘s nicht. Ebensowenig scheint ihm aufgefallen zu sein, dass seriöse Medien den Münchner Schützen David S. keineswegs als Islamisten darstellen. Auf Basis der Ermittlungsergebnisse der Polizei zeichnen sie das Bild eines zum Täter gewordenen Mobbingopfers.

Der Hamelner, der seine Überzeugungen auch als Blogger im Internet veröffentlicht, pflegt noch ein weiteres Feindbild: die Kurden. Vor allem die PKK betrachtet er als Drahtzieher des Terrors. Nicht zuletzt deshalb wolle er seinen Namen nicht in der Zeitung lesen. „Ich habe Angst, mich mit der PKK oder den Juden anzulegen.“

Als Beispiel dafür, dass die Medien das wahre Gesicht der kurdischen Organisation verschleiern, nennt er den derzeit wegen versuchten Mordes an seiner Ex-Frau vor Gericht stehenden Nurettin B.. Dessen Verbindungen zur PKK seien in der Zeitung kein Thema gewesen. Anders in der türkischen Community: „Da wurden noch am selben Tag Bilder von ihm bei einer PKK-Demo gezeigt.“ Der Schluss, dass die Ursache für die grausame Tat eines mutmaßlich gekränkten Machos in dessen politischer Überzeugung zu suchen ist, liegt für den Mann am Telefon auf der Hand.

Sein Weltbild erscheint in sich durchaus logisch – wenn man wegblendet oder passend macht, was nicht passt. Die Herangehensweise unterscheidet sich somit nicht wesentlich von jener, die andere Verfechter verwegener Theorien – gleich, aus welcher politischen Richtung – verbreiten. Die eigene Sicht hinterfragen? Wo kämen sie denn da hin?!

Allein die Fülle der aufgestellten Behauptungen schließt einen ebenso seriösen wie spontanen Faktencheck so gut wie aus. Eine zumindest für den Moment unüberprüfbare These jagt die nächste. So scheint sich die Geschichte zu wiederholen: Es gibt Thesen, Zweifel an den Thesen und Zweifel an den Zweifeln.

Generell gilt allerdings: Wer alle unbequemen Behauptungen als Verschwörungstheorie abtäte, würde fahrlässig handeln. Denn gelegentlich erweist sich im Rückblick, dass eine Verschwörungstheorie gar keine war. Das Operieren mit Unwahrheiten durch Politiker zu leugnen, wäre schlicht und einfach nicht wahr.



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