weather-image
27°
Man könnte wahnsinnig werden

Krätze: Von winzigen Milben, die es sich in der Haut gemütlich machen

Nur wenige Erkrankungen haben einen so bildhaften Namen wie die „Krätze“. Krätze kommt von Kratzen, ebenso wie der lateinische Fachausdruck Scabies, und wer die Krätze hat, muss sich kratzen. „Man könnte wahnsinnig werden“, sagt eine Bekannte, die es wissen muss. Sie wurde von der Krätze erwischt und war eine Woche krankgeschrieben, bis die Salben gegen den fürchterlichen Juckreiz einigermaßen wirkten.

veröffentlicht am 28.01.2018 um 15:00 Uhr

Wer von der Krätze befallen ist, muss sich kratzen. Heutzutage kann jeder Milben-Befall erfolgreich behandelt werden und Anti-Histaminika helfen, den Juckreiz zu vermindern. Foto: dpa/Kai Remmers
ri-cornelia2-0711

Autor

Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Immer, wenn sie jemandem erzählte, dass sie die Krätze habe, erntete sie ungläubige, besorgte Blicke. Erstens staunten alle darüber, dass man heutzutage überhaupt noch die Krätze kriegen kann; zweitens bekamen einige Angst, sie könnten sich anstecken, und drittens wusste kaum einer, was genau Krätze eigentlich ist.

„Es handelt sich dabei um eine allergische Reaktion“, erklärt Dr. Jörg Fedderke vom Gesundheitsamt Schaumburg, eine Reaktion des Körpers auf winzige Milben, die Krätzmilben. Diese Milben beißen nicht und stechen nicht. Sie ernähren sich von Hautpartikeln, und man würde ihre Existenz vermutlich so wenig spüren wie die Existenz der unzähligen Milben, mit denen wir unser Bett teilen, und die ebenfalls Hautschuppen auf dem Speiseplan haben. Das Problem: Die Krätzmilben krabbeln nicht nur auf der Haut, sondern sie richten sich in unserer Haut ein kleines Zuhause ein. Sobald der Körper das registriert, leitet er das Unternehmen Rausschmiss ein.

Es ist auch ganz schön dreist, was die befruchteten Milbenweibchen sich herausnehmen. Um ihre Eier abzulegen und sich dann um die Larven zu kümmern, graben sie kleine Gänge und Höhlen in unsere Epidermis. Ein Klo ist auch gleich dabei. Duschen und Baden kann ihnen unter der schützenden Haut nichts anhaben. Da sie anderseits nicht wirklich tief in den Körper eindringen – sie sind auf Sauerstoff zum Überleben angewiesen –, dauert es oft Wochen, bis eine Immunreaktion einsetzt. Oft reichen die Abwehrkräfte dann nicht aus, um wirklich alle Milben zu vertreiben.

Ärztin Jenny De la Torre zeigt ein Foto auf ihrem Laptop von einem Patienten, der von Krätze befallen ist. Foto: Daniel Naupold/dpa
  • Ärztin Jenny De la Torre zeigt ein Foto auf ihrem Laptop von einem Patienten, der von Krätze befallen ist. Foto: Daniel Naupold/dpa

Wo kommen die Krätzmilben denn nun eigentlich her? Tatsache ist: Sie sind Überlebenskünstler, und das seit Millionen von Jahren. Ähnlich wie Zecken und die Zigtausend anderen Spinnentierchen-Arten brauchten sie sich kaum zu verändern, um Bestand zu haben. In der Not können sie es aber doch. Dass die Scabies schon besiegt zu sein schien, liegt auch an heutigen Behandlungsmethoden mit speziellen Salben, durch die sie zuverlässig abgetötet werden. Der Gegenschlag der Milben: Sie entwickelten eine neue Form der Infektion, die Scabies incognita.

In diesem Fall pflanzen sich die Milben nicht massenweise fort, sondern begnügen sich mit einem kleinen Hausstand, der keinen größeren Ausschlag verursacht, sondern nur eher unauffällige Hautreizungen und das Jucken. „Hautärzte erkennen dann oft nicht, dass es hier um die Krätze geht und setzen dann unpassende Medikamente ein“, so Jörg Fedderke. Den Tierchen bleibt also mehr Zeit, um von einem Wirt zum anderen zu wandern und so der Salben-Attacke zu entgehen.

So locker-lässig, wie Läuse und Flöhe neue Wirte finden, läuft das bei den Krätzmilben allerdings nicht ab. Sie bewegen sich sehr langsam voran, sodass sie nur bei einem mindestens fünfminütigen Hautkontakt direkt zu einem anderen Menschen hinfinden. Wenn infizierte Menschen Sex haben, kann das den Milben also nur recht sein, zumal die dabei entstehende Wärme ihre Beweglichkeit erhöht. Am häufigsten aber wird die Krätze in Gemeinschaftseinrichtungen übertragen, in Seniorenheimen, Kindergärten, Krankenhäusern oder auch Flüchtlingsunterkünften.

Wahre Epidemien, wie hier in früheren Zeiten oder immer noch in Ländern, wo viele Menschen in beengten, unhygienischen Verhältnissen zusammenleben, werden dadurch allerdings nicht ausgelöst. Anfällig sind vor allem solche Menschen, deren Immunsystem geschwächt ist, also alte Leute, kleine Kinder oder auch besagte Bekannte, die gerade erst eine Krankheit überstanden hatte.

Die Statistik bestätigt das. Ganze drei Krätze-Fälle hatte der Landkreis Hameln/Pyrmont im Jahr 2016 zu verzeichnen; im Landkreis Hameln waren es keine zehn Fälle, bundesweit kam es zu etwa 7000 gemeldeten Krätzeinfektionen, das meldet das Robert-Koch-Institut nach einer Umfrage bei allen Gesundheitsämtern.

Die Dunkelziffer läge sicher um einiges höher, so Dr. Monika Stendle vom Gesundheitsamt Hameln/Pyrmont. Da die Krätze sich inzwischen so gut behandeln lässt, besteht eine Meldepflicht nur für Gemeinschaftseinrichtungen. Der Fall der Bekannten wird in kaum eine Statistik eingehen. „Und diese ist wohl eher selbstbewusst, dass sie überhaupt davon erzählt hat“, meint Amtsärztin Stendle. „Die meisten verschweigen das lieber. Es ist ihnen peinlich, weil die Krätze oft mit mangelnder Hygiene in Verbindung gebracht wird.“

Hygienemangel spielt zwar durchaus eine Rolle bei der Übertragung der Krätzemilben. Doch geht es dabei kaum um die individuelle Sauberkeit. Bei der Scabies crustosa etwa entstehen so viele Nachkommen, dass sie sich auch auf abgefallenen Hautschuppen tummeln. Schläft man dann im Bett eines infizierten Menschen, benutzt seine Bettdecke oder seine Kleidungsstücke, dann wird man schnell selbst zum Träger und Überträger der Milben. Genau deshalb war die Krätze eine Landplage, auch in Lagern von Soldaten zum Beispiel. Unter solchen Umständen ist es nur ein kleiner Trost, dass die Milben nur zwei bis vier Tage außerhalb ihres Haut-Zuhauses überstehen.

„Insgesamt aber ist es schon großes Pech, sich die Krätze einzufangen“, sagt Monika Stendle. Ist das nun aber mal geschehen, dann sollte man sich einer gewissen Verantwortung bewusst sein. Wie die Bekannte anderen von der Infektion durch die Milben zu erzählen, gehöre zum verantwortungsvollen Handeln dazu. Nur so können Menschen, mit denen man in engere Berührung gekommen ist, ahnen, dass Jucken und Hautausschlag, die vielleicht auch sie befallen, etwas mit der Scabies zu tun haben könnte. Je eher man behandelt wird, desto weniger lange dauert das Leiden. „Und es dauert sowieso schon ganz schön lange an“, so Stendle. Bis zu vier Wochen braucht der Körper auch nach Abtötung der Milben, um sie und ihren Abfall endgültig loszuwerden.

Auch Jörg Fedderke weist darauf hin, dass die engsten Mitmenschen mitbehandelt werden sollten, sogar ruhig prophylaktisch, also auch dann, wenn (noch) keine Hautirritationen aufgetreten sind. Die Kleidung und Bettwäsche des infizierten Menschen sollte man bei höheren Temperaturen waschen, und Dinge, die man länger berührt hat, die man aber nicht waschen kann – zum Beispiel Spielzeug – für mindestens vier Tage isolieren.

Man müsse wegen der Krätze nicht in Panik verfallen, das betonen beide. Früher freilich konnte die Infektion durchaus tödlich enden. In ihrer Verzweiflung versuchten die befallenen Menschen manchmal, Milben und Larven mit spitzen Gegenständen unter der Haut hervorzukratzen und verursachten dadurch bakterielle Infektionen, die im schlimmsten Fall in einer Blutvergiftung endeten. Heutzutage kann jeder Milben-Befall erfolgreich behandelt werden und Anti-Histaminika helfen, den Juckreiz zu vermindern. „Und schließlich“, so Stendle, „Windpocken jucken auch – man wird es überleben.“

Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Mehr Artikel zum Thema
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare