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Gemüseschnitzkunst: Wie aus einer Karotte ein „Paradiesvogel“ wird

Kommt ’ne Möhre geflogen…

„Je krummer, desto besser“, sagt Huyen Tran Chau. Eine dieser kurvenlosen, EU-genormten Karotten, ohne Ecken und Kanten, die interessieren in diesem Fall nicht die Bohne.

veröffentlicht am 06.07.2016 um 18:12 Uhr

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WESERBERGLAND. Bohnen, übrigens, seien für die Augen gut geeignet. Unter den zwei Dutzend Möhren, die auf dem Tisch liegen, sucht Huyen Tran Chau sich ein dickes, gebogenes Exemplar heraus: „Sehen Sie? Man erkennt darin schon das Motiv.“ Nun, die meisten Betrachter einer solchen Möhre mögen in erster Linie keinen Vogel, sondern wohl nur die vielen lästigen Huckel sehen, die einem das Gemüseschälen erschweren. Huyen Tran Chau aber nicht. „Hier der Kopf, der Kamm, da der Körper, die Flügel …“

In groben Zügen erzählt sie, wie aus der schiefen orangefarbenen Wurzel ein mit den Flügeln flatternder Vogel wird. Die Fantasie kennt keine Grenzen. Und wenn sie nicht nur frei, sondern buchstäblich auch noch querbeet ihren Lauf nimmt, Karotten, Radieschen, allerlei anderes Gemüse, aber auch süße Marzipan-Rohmasse die sagenhaftesten Blüten treiben und sich in sagenhafte Figuren verwandeln, dann – dann trifft asiatische Kunst auf europäische Märchen.

Genauer gesagt, sind es die Fantasie der Grimm-Sagen und die Kreativität der vietnamesischen Gemüseschnitzkunst, die Huyen Tran Chau in Verbindung bringt. In einem Workshop im Rahmen der Ausstellung „Die Sagenwelt der Brüder Grimm“ führt die Künstlerin Interessierte in die in Asien hoch angesehene Schnitzkunst, mit der sie selbst von Kindesbeinen an vertraut ist.

3 Bilder

Frau Holle etwa, sie ist eine Komposition aus Holunderbeeren und Kartoffeln. Der Rattenfänger von Hameln braucht viel mehr Futter, um eine hübsche Figur abzugeben: Drachenfrucht, Kartoffel, Radieschen, schwarze Bohnen, Kartoffelkeime, Grapefruitschale, rote Paprika und Lauch. Die Grimmschen Märchen, überhaupt Märchen, sagt Huyen Tran Chau, bergen eine Fülle an gestalterischem Potenzial. In ihrer Heimat Vietnam, erzählt Huyen Tran Chau weiter, sei es Tradition, Figuren aus Gemüse und Obst zu schnitzen, das Essen damit liebevoll zu dekorieren.

Die Mühe, die man sich mit der Essensgestaltung mache, sie habe mit der Wertschätzung der Gäste zu tun, die man zum Essen einlädt. Vor allem aber gehe es um die Faszination und den Respekt vor der Vielfalt und Einzigartigkeit der Natur und ihrer Produkte – „in jedem Gemüse steckt eine Seele“, erklärt die 53-Jährige, die 1983 nach Deutschland floh, von der Cap Anamur gerettet wurde und heute mit ihrer Familie in Goslar lebt.

„Wir hatten als Kinder kein Spielzeug“, erzählt sie. „Wir Kinder haben daher aus allem möglichen Grünzeug um uns herum und dem Restgemüse, das nicht zum Kochen verwendet wurde, die verschiedensten Figuren geschnitzt.“ Es sollte Jahre dauern, bis die Schnitzkunst zu ihrem Beruf wurde. Huyen Tran Chau studierte Chemie an der Universität Ulm, bildete sich später im Bereich der Kunstgeragogik weiter, praktizierte die Gemüseschnitzkunst autodidaktisch und ist seit 2012 als freie Künstlerin tätig.

Huyen Tran Chau lacht: „Von der Chemie zur Alchemie“, beschreibt sie scherzhaft ihre berufliche Laufbahn. Vom Laien zu einem, der aus Möhren und Radieschen kleine, einfache Blümchen zaubern kann, sollen es später – nach drei Stunden Schälen und Schnitzen – die vier Kurs-Teilnehmer schaffen. „Alles Übungssache. Man kann es lernen“, weiß Huyen Tran Chan.

Sie greift zu ihren Arbeitsgeräten: Schnitzmeißel, ein einfaches Schälmesser, eine kleine Kneifzange, Bambusstäbchen holt sie aus der Blechdose mit dem Motiv der Maus aus der beliebten TV-Kindersendung auf dem Deckel. In der bekommt der Zuschauer bekanntlich beigebracht, wie beispielsweise ein Alltagsgegenstand hergestellt wird und wie es funktioniert. Huyen Tran Chau nimmt es mit der Karotte auf.

Schritt für Schritt macht sie vor, wie daraus ein Paradiesvogel geformt werden kann. Mal trägt sie millimeterdünne Schichten mit dem Schnitzmeißel ab, mal macht sie mit dem Messer tiefe Schnitte oder bohrt mit dem Bambusstäbchen Löcher in das orangefarbene Gemüse. Das dickere Ende der Möhre: der Kopf, die Augenpartien, zwei Löcher für die Augen, in die später jeweils eine kleine grüne Bohne gesetzt wird. Ein schlanker Hals, die abgerundete Brust, der Bauch – der Meißel hobelt über die Möhre, während die Workshop-Teilnehmer gespannt und gebannt jede Handbewegung verfolgen. Ein Schnitt oben auf den Kopf, zwei seitlich in den Körper. Dort werden zum Schluss die separat geschnitzten Elemente Kamm und Flügel eingesetzt. „Vorher aber werden noch die Feinarbeiten vorgenommen“, sagt Huyen Tran Chau.

Sie zeigt nach wenigen Minuten ein perfektes Resultat: „Wow, das ist ja Wahnsinn! Wunderschön! Der sieht aus, als würde er gleich davonfliegen“, sagt Hannelore Friedrich. Sie und die anderen Kursteilnehmer allerdings fangen einige Nummern kleiner an, schnitzen Blumen aus Radieschen und formen Rosen aus Marzipan.

„Gar nicht so einfach, das richtige Fingerspitzengefühl zu entwickeln“, lautet die Feststellung. Umso größer die Freude über die kleinen Werke. Nur die Haltbarkeit hat ihre Grenzen: Die Kunstwerke sind vergänglich. Tipp von Huyen Tran Chau: Gleich aufessen oder über Nacht in Wasser stellen, dann können sie bis zu zwei Wochen halten.



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