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„Unwahrscheinlich herzliche Menschen“

Kolumbien – zwischen Rum, Gastfreundschaft und Korruption

Es ist abends in Medellin. Ich liege in der Hängematte meines Hostels und habe etwas schlechte Laune. Auf dem Bildschirm meines Laptops blinkt der Cursor einer leeren Mail und ich finde keinen Anfang. Da kommt der Nachtwärter meines Hostels zusammen mit einem Mann um die 40 bei mir vorbei. „Das ist mein Freund Felipe. Er spricht auch Deutsch und da dachte ich, ich mache euch miteinander bekannt.“

veröffentlicht am 19.02.2018 um 13:15 Uhr

Kolumbien entdecken: Reisereporterin Kristin Häfemeier (li.), hier unterwegs mit ihren Freunden Freddy und Melissa im Wüstenort Cabo de la Vela. Fotos: KH

Autor:

Kristin Häfemeier
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Felipe stellt sich vor und lädt mich zu einem „kleinen, internationalen Stammtisch“ einen Raum weiter ein. Schon während meiner vorherigen Reise durch das Nachbarland Ecuador haben mir andere Backpacker von der kolumbianischen Gastfreundschaft vorgeschwärmt. Die herzlichen Menschen sind der Grund, warum alle Reisenden dieses Land zu lieben scheinen. Ich bin an diesem Abend aber nicht wirklich in der Stimmung zum Feiern. „Danke, vielleicht später. Ich muss noch eine Mail schreiben.“

Fünf halb angefangene und wieder gelöschte Sätze später steht Felipe mit zwei Rum-Shots vor meiner Hängematte: „Prost! Auf Mutti!“ (Anmerkung: Während ich sonst alle Gespräche frei übersetze, ist das hier ein Originalzitat.) Zu einem frei Hängematte servierten Rum sage ich selbst bei schlechter Laune nicht nein.

So bedanke ich mich artig und betone, dass das nicht nötig gewesen wäre, bevor wir auf Mutti anstoßen. „Kein Problem. Komm gerne rüber. Und – trink Wasser!“ Er deutet auf meine Wasserflasche, die leicht außer Reichweite steht. Bewegen? Hm … gerade nicht. Von einem Rum bekomme ich doch noch keine Kopfschmerzen. Wasser kann warten. Ich starre lieber weiter auf meine leere Mail, bis Felipe 20 Minuten später erneut mit zwei Rum-Shots vor mir steht.

Viel Farbe, unglaubliche Natur und unwahrscheinlich herzliche Menschen: Kolumbien zieht jeden Besucher in seinen Bann.
  • Viel Farbe, unglaubliche Natur und unwahrscheinlich herzliche Menschen: Kolumbien zieht jeden Besucher in seinen Bann.
Bogotá ist Kolumbiens Hauptstadt – so voller Sehnsüchte und schöner Momente, aber auch Probleme wie das Land selbst.
  • Bogotá ist Kolumbiens Hauptstadt – so voller Sehnsüchte und schöner Momente, aber auch Probleme wie das Land selbst.

Ganz schön hartnäckig, diese kolumbianische Gastfreundschaft!

„Felipe das ist echt nett, aber …“ „Kein aber! Trink schon! Prost! Auf Mutti!“ Mit etwas schlechtem Gewissen nehme ich den Rum an. „Komm gerne rüber zu uns. Und – du solltest wirklich Wasser trinken.“ Weder die Wasserflasche noch ich haben sich auch nur einen Zentimeter bewegt, als Felipe das dritte Mal mit zwei Rum-Shots vor mir steht. „Also entweder du kommst jetzt mit mir dort rüber, oder wir bringen die Party zu dir.“

Steter Tropfen höhlt den Stein. Und so trinken wir auf Mutti, bevor ich den Laptop zuklappe und mich zu der erstaunlich lustigen und jungen Runde geselle. Unzählige Rum und Wasser später habe ich richtig Spaß. Wir reden über Deutschland. Da sich gerade die Mexikanerin darüber beschwert hat, dass Lateinamerika stolzer auf seine Kultur sei und nicht immer versuchen sollte, Europa nachzueifern, ist es mir fast schon unangenehm, wie Felipe in dieser internationalen Runde von der Großzügigkeit der Deutschen schwärmt. Er hat 15 Jahre in Deutschland gelebt, studiert, gearbeitet, bis er nach seiner Scheidung zurück nach Kolumbien gegangen ist. Die deutsche Staatsbürgerschaft hat er trotzdem noch.

(Dialog auf Spanisch)
Felipe: „Ich hatte damals kein Geld auf meiner Mensakarte, aber ich wurde immer zum Essen mitgenommen. Die Deutschen sind super großzügig. Ich liebe diese Kultur einfach.“
Kristin: „Jetzt lob uns mal nicht in den Himmel! Viele Deutsche sind sehr verschlossen. Das mag ich zum Beispiel an Kolumbien. Dass die Menschen hier direkt, super herzlich und offen sind.“
Melissa:„Woran liegt das denn, dass Deutsche eher verschlossen sind?“
Felipe:„Melissa – Deutsche sind nicht wirklich verschlossen. Sie meinen es auch überhaupt nicht böse, wenn sie missmutig in ihrer Hängematte liegen und vorgeben, eine Mail zu schreiben, anstatt direkt mitzufeiern. Du musst nur etwas Geduld haben. Denn wenn sie auftauen, sind sie super.“

In diesem Moment fühle ich mich sehr ertappt und sehr, sehr deutsch. Ein bisschen zaghaft schaue ich zu meinem kolumbianischen Trinkpartner herüber und sage leise, dieses Mal auf Deutsch: „Hey Felipe – danke, dass du mich aus meiner Hängematte rausgeholt hast. Das war echt gut.“ „Habe ich gern gemacht. Und Kristin: lach mal kurz – na endlich!“

Meine Reise durch Kolumbien ist voll von solch schönen Begegnungen wie dieser. Ich habe diese offenen Menschen ins Herz geschlossen und viel von ihnen gelernt – nicht nur, dass man Rum besser mit Wasser trinken sollte. Denn sie freuen sich riesig über jeden Touristen, der nach dem Ende des jahrzehntelangen Drogenkrieges ihr Land bereist und erzählen mir bereitwillig vom Leben in ihrem Land.

Einen Satz höre ich dabei sehr oft: „Weißt du, Kolumbien hat noch so viele Probleme.“ Dann reden die meisten über enorme Korruption, insbesondere in der Politik.

Die Politikverdrossenheit ist riesig. Nur gut ein Drittel der Kolumbianer geht zur Wahl. „Selbst von den wenigen Wählern sind viele Stimmen gekauft“, erklärt mir Freddy. Er ist Kolumbianer und ich lerne ihn im Kleintransporter zum Wüstenort Cabo de la Vela kennen. Laut Freddy kostet eine Stimme bei den Wahlen 20 000 Pesos. Das sind umgerechnet zirka 6,50 Euro für das demokratische Recht der Mitbestimmung. „Am Ende ist es egal, wem du deine Stimme gibst – hier sind sowieso alle Politiker korrupt“, sagt Freddy.

Er ist Grundschullehrer und war Teil des einen Monat andauernden Streiks der Lehrer. So habe ich ihn vielleicht, ohne es zu wissen, vor unserer Begegnung in der Wüste schon einmal in einer großen Demonstration der Lehrer in Bogotá gesehen. Sie kämpften für mehr Geld, eine bessere Ausstattung und den Bau von Schulen in abgelegenen Regionen. Freddy hält seinen Berufsstand für einen der regierungskritischsten in Kolumbien.

„Kritisch? Was haben die Lehrer denn gemacht? Streiken einen Monat und sobald ihnen zwei Prozent mehr Geld versprochen wird, halten sie die Klappe! Und in der Region La Guajira verhungern weiter die Kinder!“, höre ich ein paar Tage später in Cartagena. Wer sich hier so aufregt, ist Chef. Diesen Spitznamen habe ich ihm verpasst, weil ich mir seinen richtigen Namen nicht merken kann.

Chef habe ich kennengelernt, als mich in Cartagena ein sintflutartiger Regen überrascht hat und ich mich zu ein paar Einheimischen unter eine Markise geflüchtet habe. Er ist Küchenchef und hält neben der Mafia Politiker für die größten Verbrecher Kolumbiens. Während ein paar Kinder im bis zum Bordstein anschwellenden Regenwasser spielen, versucht er, mir Kolumbiens Probleme an einem Beispiel deutlich zu machen:

Ein Semester an der Privatuni koste mehrere Millionen Pesos – unbezahlbar für den Otto Normalverdiener. Die staatliche Uni sei gratis, doch die Platzvergabe gehe nur über Kontakte in die Politik. Möchte jemand trotzdem studieren, brauche er Geld für die Privatuni. Am einfachsten ginge das als Auftragskiller für die Drogenmafia: 2 Millionen Pesos verdiene man pro Mord. Am Ende wisse jeder, wer in Cartagena Mitglied der Mafia sei, auch die Polizei. Aber die würde bezahlt, internationale Hilfsgelder zur Drogenbekämpfung verschwänden in den Taschen von Politikern und so ändere sich nichts.

Die Reichen und Mächtigen blieben unter sich und der Drogenhandel liefe weiter – so Chefs Logik.

Er erzählt mir diese Geschichte nicht am Stück. Immer wieder schickt er einen Mann in zerlumpten Kleidern weg, der um Geld bittet. Seine Augen quellen hervor, und als ein Jugendlicher ihn im Spaß in den Regen zieht, rastet er aus, zerschmettert seine leere Bierflasche auf der Straße. Chef und ein paar andere Männer versuchen, ihn zu beruhigen, und schließlich geht der Mann fluchend davon. Chef sieht ihm nach: „Da siehst du, wie Drogen einen Menschen kaputtmachen können.“

Weiß ein Grundschullehrer, wie viel eine Stimme bei der Wahl kostet? Weiß ein Küchenchef, wie viel man als Auftragskiller bei der Mafia verdient? Ich kann es schlecht nachprüfen. All das sind Dinge, die mir Kolumbianer aus ihrer ganz eigenen Perspektive auf ihr Land erzählt haben.

Doch eins habe ich nach einem Monat in diesem Land verstanden: Kolumbien hat vielleicht noch viele Probleme, aber dafür unwahrscheinlich herzliche Menschen.



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