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Bei Niedrigwasser gibt die Weser Geheimnisse preis / Auch in Kiesseen gibt es Überraschungen

Knochen, Granaten, Autos und Roller

WESERBERGLAND. Wenn der Pegel fällt, gibt der Fluss Geheimnisse preis. Jüngst geschehen in Rinteln. Am Samstag wurde am Ufer vor dem Sandstrand des Bodega Beach Clubs eine scharfe Handgranate entdeckt – von Kindern. Aber auch andere Relikte aus der Vergangenheit werden sichtbar: Autowracks, menschliche Knochen, Kühlschränke.

veröffentlicht am 04.09.2018 um 18:07 Uhr
aktualisiert am 04.09.2018 um 19:22 Uhr

Latferde, Februar 2003: Ein Schwimmbagger hat dieses von einem Frachtschiff platt gedrückte Wrack geborgen und ans Ufer gehievt. Foto: ube
Ulrich Behmann

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Ulrich Behmann Chefreporter zur Autorenseite
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Wenn der Pegel fällt, die Weser schmaler wird und deshalb die Kiesstreifen rechts und links der Bundeswasserstraße breiter werden, gibt der Fluss Geheimnisse preis. Jüngst geschehen in Rinteln. Am Samstag wurde am Ufer vor dem Sandstrand des Bodega Beach Clubs eine scharfe Handgranate entdeckt – von Kindern. Nichtsahnend brachten die Kleinen den Sprengkörper, an dem sich ein Sicherungsstift befand, zu ihren Eltern.

Die Bar wurde vorsorglich evakuiert, Teile des Weserangers mussten gesperrt werden (wir berichteten). Nach Angaben des Kampfmittelbeseitigungsdienstes Niedersachsen stammt die offenbar funktionstüchtige Granate aus einem ehemaligen Mitgliedsstaat des damaligen Warschauer Pakts. Vermutlich wurde sie von einem Sammler entsorgt. Vor allem in der Nähe von Brücken würden solche Kampfmittel gern in Flüsse geworfen, sagt Sprengmeister Marcus Rausch vom Kampfmittelbeseitigungsdienst. „Frei nach dem Motto: Aus den Augen, aus dem Sinn.“ Ziehe sich das Wasser zurück, tauchten die brisanten Relikte aus der Vergangenheit wieder auf.

Gefährlich sei das, warnt Experte Rausch. Es seien vor allem Leute, „die etwas zu Hause in der Vitrine hatten oder zufällig auf dem Dachboden gefunden haben“, die Waffen und Infanteriemunition dann illegal in Gewässern entsorgen. „Gefühlt tauchen durch das extreme Niedrigwasser aktuell mehr Kampfmittel auf“, sagt Rausch. Sorgen bereitet dem Sprengmeister, dass immer mehr Magnetfischer auf der Suche nach Metallgegenständen unterwegs sind. „Das ist nicht nur sehr gefährlich, sondern auch verboten, weil zur Suche technische Mittel eingesetzt werden.“

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Hameln, Herbst 2017: Der Roller wird abtransportiert. Foto: jsp
  • Hameln, Herbst 2017: Der Roller wird abtransportiert. Foto: jsp
„Die Granate lag elf Meter vom Ufer entfernt – in einer Tiefe von fünf Metern.“ Christoph Nolte, Feuerwehrtaucher
  • „Die Granate lag elf Meter vom Ufer entfernt – in einer Tiefe von fünf Metern.“ Christoph Nolte, Feuerwehrtaucher
Ahe, November 2016: Polizisten suchen nach menschlichen Knochen, nachdem ein Angler vier Wochen zuvor einen Oberschenkelknochen gefunden hat. Foto: jak
  • Ahe, November 2016: Polizisten suchen nach menschlichen Knochen, nachdem ein Angler vier Wochen zuvor einen Oberschenkelknochen gefunden hat. Foto: jak
Samstag, Kiesteich am Kiebitzweg in Hameln: Feuerwehrtaucher Christian Löhr hat eine Nebelgranate geborgen. Christoph Nolte nimmt sie in Empfang. Foto: FEUERWEHR
  • Samstag, Kiesteich am Kiebitzweg in Hameln: Feuerwehrtaucher Christian Löhr hat eine Nebelgranate geborgen. Christoph Nolte nimmt sie in Empfang. Foto: FEUERWEHR
Samstag, Bodega Beach Club in Rinteln: Kampfmittel-Experten suchen das trockengefallene Flussbett ab. Unweit dieser Stelle wurde eine scharfe Handgranate gefunden (kleines Bild). Fotos: tol
  • Samstag, Bodega Beach Club in Rinteln: Kampfmittel-Experten suchen das trockengefallene Flussbett ab. Unweit dieser Stelle wurde eine scharfe Handgranate gefunden (kleines Bild). Fotos: tol
Extremes Niedrigwasser – die Weser bei Wehrbergen am Dienstag bei einem Pegel von 68 Zentimetern. Foto: ube
  • Extremes Niedrigwasser – die Weser bei Wehrbergen am Dienstag bei einem Pegel von 68 Zentimetern. Foto: ube
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Hameln, Herbst 2017: Der Roller wird abtransportiert. Foto: jsp
„Die Granate lag elf Meter vom Ufer entfernt – in einer Tiefe von fünf Metern.“ Christoph Nolte, Feuerwehrtaucher
Ahe, November 2016: Polizisten suchen nach menschlichen Knochen, nachdem ein Angler vier Wochen zuvor einen Oberschenkelknochen gefunden hat. Foto: jak
Samstag, Kiesteich am Kiebitzweg in Hameln: Feuerwehrtaucher Christian Löhr hat eine Nebelgranate geborgen. Christoph Nolte nimmt sie in Empfang. Foto: FEUERWEHR
Samstag, Bodega Beach Club in Rinteln: Kampfmittel-Experten suchen das trockengefallene Flussbett ab. Unweit dieser Stelle wurde eine scharfe Handgranate gefunden (kleines Bild). Fotos: tol
Extremes Niedrigwasser – die Weser bei Wehrbergen am Dienstag bei einem Pegel von 68 Zentimetern. Foto: ube

Nicht nur die Weser wird als Müllkippe missbraucht, auch in Kiesteichen lauert die Gefahr. Am Samstagnachmittag entdeckte Feuerwehrtaucher Mike Zimmermann während einer Übung an einem See am Kiebitzweg in Hameln eine Granate. Sie habe elf Meter vom Ufer entfernt gelegen – in einer Tiefe von fünf Metern, erzählt Christoph Nolte, der gemeinsam mit Michael Franke den Tauchdienst der Feuerwehr Hameln leitet. Die Froschmänner zogen sich zurück und informierten die Polizei. Der Kampfmittelbeseitigungsdienst stellte anhand der Beschriftung rasch fest, dass es sich um eine deutsche Nebelgranate handelt. Sie könnte aus Beständen der Bundeswehr stammen. „Da eine solche Granate nicht als Kampfmittel eingestuft wird, haben wir die Bergung vorgenommen“, sagt Nolte.

5 bis 10 Autos und bis zu 30 Kühlschränke, Waschmaschinen und Container spürt das Messschiff Herstelle“ pro Jahr auf

Im September 2017 waren die Taucher bei einer ähnlichen Übung an der Werderspitze auf zehn Jahre altes Diebesgut gestoßen. Auf dem Grund der Weser lag ein Motorroller. Kurz hinter dem Turbinenauslauf hatten die Taucher zwar mit ständig wechselnden Strömungsverhältnissen zu kämpfen. Dennoch gelang es ihnen auf Anhieb, ein Seil an dem Zweirad zu befestigen. Das andere Ende wurde am Feuerwehr-Trimaran „Tamara“ festgemacht.

Mit dem Mehrzweckboot wurde der Roller zum Ufer gezogen und dort von Ermittlern der Polizei in Augenschein genommen (wir berichteten). Die Kommissare ließen das Kennzeichen durch den Computer laufen und stellten fest, dass der Motorroller bereits im Jahr 2007 als gestohlen gemeldet worden war. Der Dieb muss ihn seinerzeit in der Weser versenkt haben. Am Ufer rostete der Roller wochenlang vor sich hin, dann stieg der Pegel – und die Gefahr bestand, dass das Gefährt abgetrieben wird. Mit dem Schwimmgreifer „Bodenwerder“ wurde der Roller schließlich geborgen und auf einer Anlegestelle zwischengelagert.

Im Oktober 2016 machte ein Angler bei Ahe an der Kreisgrenze zu Schaumburg (in der Nähe von Kleinenwieden) einen Fund, der Todesursachen-Ermittler und Rechtsmediziner beschäftigte. Der Sportfischer hatte den Oberschenkelknochen eines Menschen aus der Weser gezogen. Er dürfte schon mehrere Jahre oder sogar Jahrzehnte im Wasser gelegen haben. Im November suchten Polizisten und Feuerwehrleute den Bereich nach weiteren Knochen ab – ohne Erfolg.

Anfang Oktober 2015 gab es auch in Hameln einen Kampfmittelfund. Zwei Hamelner entdeckten unterhalb des ehemaligen Ruderhauses einen verdächtigen Gegenstand, der sich nach der Bergung durch Sprengmeister Marcus Rausch als eine amerikanische 81-Millimeter-Leuchtgranate entpuppte. Der Sprengkörper stammt nicht aus dem Zweiten Weltkrieg.

Am 3. April 2008 holte der Schwimmbagger des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamts ein demoliertes Wrack bei Hessisch Oldendorf aus der Weser. Als Polizisten das verrostete Fahrzeug inspizierten, machten sie einen grausigen Fund. Hinter dem Steuer entdeckten sie die sterblichen Überreste der Autofahrerin. Die Frau war bereits vor vielen Jahren als vermisst gemeldet worden.

Ein Schwimmbagger des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamts war es auch, der im Februar 2003 bei Latferde ein ebenfalls von Schiffsrümpfen platt gedrücktes Wrack an den Haken nahm und ans Ufer hievte. Anhand der Fahrgestellnummer stellte die Wasserschutzpolizei fest: Der 3er BMW wurde im Jahr 2001 im Landkreis Hannover gestohlen. Die Kennzeichen aus Winsen/Luhe stammten von einem 7er BMW – auch sie waren entwendet worden. Das von einem Frachter zerdrückte Fahrzeug war vom Messschiff „Herstelle“ per Echolot aufgespürt worden. Die Besatzung des Spezialschiffs findet nicht selten Fahrzeuge. Neben fünf bis zehn Autos werden pro Jahr bis zu 30 Kühlschränke, Waschmaschinen und Müllcontainer in der Weser oder im Mittellandkanal entdeckt.

Für Aufregung sorgte im Oktober 2003 ein Auto, das einige Hundert Meter flussaufwärts vom Yachthafen bei Rumbeck in der Weser entdeckt wurde, denn: Anfangs war unklar, ob sich noch Personen im Wagen befinden. Ein Großaufgebot an Rettungskräften rückte seinerzeit an. Erst zwei Stunden später konnten die Feuerwehrtaucher Entwarnung geben. Jemand hatte einen alten VW Golf ausgeschlachtet und den Schrottwagen danach in der Weser versenkt.



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