weather-image
13°

Barbara Kunze war Hamelns erste Kommissariatschefin – zum Weltfrauentag erinnert sie sich an ihre Anfänge bei der Polizei

Keine Waffe, keine Hose, keine Weste

Heute ist Weltfrauentag. Wir erzählen die berufliche Geschichte einer Frau, die sich in den 60er Jahren bei der Polizei durchkämpfen musste: Barbara Kunze fing damals bei der Weiblichen Kriminalpolizei an. So etwas gab es einst noch. Später war Kunze Hamelns erste Kommissariatschefin. Ein Rückblick.

veröffentlicht am 08.03.2016 um 09:38 Uhr

270_008_7844143_hin101_Kunze_pr_0803.jpg

Autor:

von sophie sommer

Meine erste Dienstwaffe habe ich 1980 in Hannover bekommen“, erinnert sich Barbara Kunze. Und das, obwohl sie da schon 14 Jahre als Kriminalpolizistin im Dienst war. Aber Waffen waren früher noch reine Männersache. Kunze war, wie alle Kriminalpolizistinnen bis Anfang der 80er Jahre, in der Weiblichen Kriminalpolizei (WKP). Nicht nur auf Dienstwaffen mussten die Frauen bei der Polizei verzichten. „So richtige Strafprozesse wie Haftbefehle und Durchsuchungsbeschlüsse durften wir nicht machen, das war automatisch Männersache“, so Kunze.

Kriminalpolizistinnen hatten ausschließlich mit Frauen und Kindern zu tun. Wenn es Vernehmungen wegen Sexualstraftaten gab, kümmerten sich die Polizistinnen ausschließlich um Frauen, während ihre männlichen Kollegen Frauen und Männer vernehmen konnten. Da die Kriminalpolizistinnen so viel mit Kindern zu tun hatten, mussten sie ein Jahr lang in einem sozialen Beruf arbeiten, bevor sie bei der WKP ausgebildet wurden. Kunze entschied sich für eine Ausbildung als Krankenschwester. Für diese Ausbildung gab es aber wiederum eine skurrile Voraussetzung: Frauen mussten zuerst ein Haushaltsjahr einlegen. Also begann Kunze ihre Ausbildung zur Krankenschwester erst 1960. Sie arbeitete noch sechs Jahre lang in Berlin als OP-Schwester – und das, obwohl Kunzes Traum schon immer die Arbeit als Kriminalpolizistin gewesen war.

Aber es gab eine weitere Bedingung, um bei der WKP anfangen zu können. „Man musste 24 Jahre alt sein“, sagt Kunze. Neben der Ausbildung in einem sozialen Beruf und einem Mindestalter von 24 Jahren gab es dann noch zwei weitere Voraussetzungen. „Man durfte nicht verheiratet sein oder die Absicht haben, in nächster Zeit zu heiraten“, so die ehemalige Kriminalpolizistin. Aber all das konnte sie nicht abschrecken, und so fing Kunze im April 1966 gemeinsam mit vier anderen Frauen ihre Ausbildung bei der WKP Schleswig-Holstein in Kiel an. Um im gehobenen Dienst arbeiten zu dürfen, musste Kunze zunächst ihr Abitur in der Polizeischule nachholen und fing dann erst ihre Ausbildung an. Für die Ausbildung nahm sie an vielen Lehrgängen teil und hospitierte unter anderem bei der Staatsanwaltschaft, der Schutzpolizei und im Bundeskriminalamt.

Aber trotz der vielseitigen Ausbildung sei die Arbeit in der WKP nie richtig gewürdigt und akzeptiert worden. Kunzes Vorgesetzten seien oft Äußerlichkeiten wichtiger gewesen. „Fräulein Kunze, wir leben in einer Männergemeinschaft, so können sie hier nicht rumlaufen“, hieß es, wenn sie mal einen Rock trug, der nicht drei Zentimeter über das Knie reichte oder Schuhe mit ein wenig Absatz trug. „Hosen zu tragen, wurde uns komplett verboten“, erinnert sich Kunze. Nicht nur auf die Kleidung wurde sehr genau geachtet, sondern auch auf den Kontakt mit männlichen Kollegen. „Wenn man sich da mal etwas länger auf dem Flur unterhalten hat, wurde sofort getuschelt“, erinnert sich Kunze.

Nach ihrer Ausbildung in Kiel wurde sie der WKP in Lübeck zugeteilt. „Da war es schon deutlich lockerer“, so Kunze – Frauen durften zum Beispiel Hosen tragen. Aber zufrieden gaben sich die jungen Polizistinnen damit nicht: „Wir haben uns natürlich dagegen aufgelehnt, dass wir weniger machen durften als die Männer.“ Besonders in Erinnerung geblieben ist Kunze, dass einer Kollegin verboten wurde, zu heiraten. Die Polizistin habe dagegen jedoch geklagt und recht bekommen. Seitdem habe sich viel verändert. Die Proteste wurden immer größer, sodass 1978 die WKPs in Niedersachsen und zwei Jahre später schließlich auch in Schleswig-Holstein aufgelöst wurden.

„Hosen zu tragen,

wurde uns komplett verboten“

In demselben Jahr verstarb Kunzes Mutter. Da ihr Vater sonst ganz alleine gewesen wäre, zog Kunze zurück nach Hameln und fing beim Ersten Kommissariat der Polizei Hameln an – als einzige und erste Frau überhaupt. Das erste Kommissariat ermittelt zum Beispiel bei Morden und Sexualdelikten. Hier bekam Kunze dann auch endlich ihre erste Dienstwaffe. „Die Umstellung war schon komisch“, so Kunze, die vorher ausschließlich mit Kolleginnen zusammengearbeitet hatte. Aber Schwierigkeiten mit ihren neuen Kollegen hatte sie trotzdem nie: „Das kommt auch auf einen selbst an, ich glaube schon, dass ich anerkannt wurde.“

Schwierigkeiten gab es dafür aber an anderer Stelle. „Damals war die Polizei noch nicht auf Frauen eingestellt“, so Kunze. Sie und einige Kollegen mussten damals den deutschen Terroristen Holger Meins im Krankenhaus in Hannover bewachen. „Für Frauen gab es keine passenden Schutzwesten. So saß ich da ungeschützt neben meinen Kollegen, die alle eine Weste anhatten“, erinnert sich Kunze. Nicht nur an Schutzwesten, sondern auch an einfachen Dingen wie Gummistiefeln mangelte es bei der Polizei. „Bei der Brandermittlung trägt man Gummistiefel, aber für Frauen gab es keine. Also musste ich mir welche von den Frauen aus der Küche leihen“, sagt die ehemalige Polizeikommissarin. Trotzdem habe ihr die Arbeit immer richtig viel Spaß gemacht.

„Und irgendwann haben wohl auch die Männer mal mitbekommen, dass Frauen mehr können als nur Kinder zu vernehmen“, sagt Kunze. Dass Kunze viel mehr kann, wurde ihren Kollegen im Ersten Kommissariat schnell klar. Kunze wurde schnell die Frau für die harten Fälle, wie der Obduktion von Kindern, die am plötzlichen Kindstod gestorben sind. „Das ging dann auch den Männern an die Nieren. Dann hieß es immer: „Barbara, kannst du nicht mal hingehen“, erzählt Kunze, der hier ihre Arbeit als OP-Schwester sehr geholfen habe. Da die Kollegen sich so auf sie verlassen konnten und Kunze schon jahrelange Berufserfahrung hatte, bewarb sie sich 1991 auf einen frei gewordenen Posten im Ersten Kommissariat: als Leiterin. Und obwohl es viele andere Bewerber gab, bekam Kunze den begehrten Platz. „Ich habe den anderen nie angeordnet, was sie machen sollen. Man kennt ja seine Kollegen und weiß, wer was am besten kann“, so Kunze. Die Arbeit habe ihr immer viel Spaß gemacht, auch wenn sie mit einigen Mordfällen gedanklich nicht so schnell abschließen konnte. Bis Kunze 2002 in Pension ging, leitete sie das Erste Kommissariat der Hamelner Polizei. Und sie stellte im Laufe der Jahre fest, dass sich die Zeiten geändert hatten – und immer mehr Frauen bei der Polizei anfingen.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Anzeige
Anzeige
Kommentare
Kontakt
Redaktion
E-Mail: redaktion@dewezet.de
Telefon: 05151 - 200 420/432
Anzeigen
Anzeigen (Online): Online-Service-Center
Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
Abo-Service
Abo-Service (Online): Online-Service-Center
Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
X
Kontakt