weather-image
12°

Keine Frage, wer hier der Chef ist

Weihnachten ist für Tierheimmitarbeiter ein Reizwort. Denn über Weihnachten und Neujahr ist Hochsaison. Claudia Gebhardt vom Tierheim Hameln schildert, sie habe den Eindruck, viele Menschen hätten kein Empfinden mehr dafür, dass sie mit einem Haustier auch eine Verantwortung übernehmen. Ex und hopp. Gängige Begründungen dann: „Wir haben zu wenig Geld“ oder „wir wollen umziehen“. Manche machen es sich noch einfacher: Sie lassen ihre Katze einfach zurück. Meist fällt es erst Nachbarn auf, wenn die Mieze noch ums Haus streicht.

veröffentlicht am 27.12.2012 um 00:00 Uhr

270_008_6065147_hi_katzen_3.jpg

Autor:

Hans Weimann

Als „Weihnachtsgeschenk“ haben die Hamelner ohnehin keine Katze herausgerückt. Wer seine Oma mit so einem Schmusetier beglücken wollte, bekam einen Gutschein. Sicher ist sicher, vielleicht wollte Oma ja gar keine Katze.

Mit derzeit 70 Katzen ist das Tierheim in Hameln übervoll. Es sind vor allem junge Katzen vom Frühjahr oder Herbst, für die sich niemand zuständig fühlte.

In den Städten und Gemeinden wird deshalb zurzeit darüber diskutiert, eine kommunale Verordnung zu erlassen, die Katzenhalter verpflichtet, ihre Katze kastrieren und chippen zu lassen, wenn ihr vierbeiniger Hausgenosse auch nach draußen darf. So hofft man langfristig, die Fundtierzahlen zu senken. Es ist eine Frage der Mathematik: Ein Katzenpaar bekommt im Schnitt zwei Würfe im Jahr mit zwei bis drei Kätzchen. Jungkatzen wiederum sind nach einem halben Jahr geschlechtsreif.

2 Bilder

Eine solche Verordnung, das sogenannte Paderborner Modell, ist unter anderem bereits in Blomberg und Barntrup beschlossen worden. In Hameln hat die SPD zum Jahresschluss einen entsprechenden Antrag eingebracht, auch in Coppenbrügge und Bückeburg wird über eine solche Verordnung diskutiert.

Tierärzte sehen einerseits die Notwendigkeit, die ausufernde wilde Katzenpopulation zu begrenzen, fragen sich aber, wer soll das bezahlen? Bei einer Katze, die hinter dem Küchenfenster sitzt, gibt es kaum Zweifel, wo sie zu Hause ist.

Wer aber will auf einem Dorf mit drei oder vier Höfen, wo jeder Katzen hat, sicher wissen, zu wem der Katzennachwuchs gehört, wenn alle ähnlich aussehen? Dass eine Katze auf einem Grundstück herumläuft, heißt noch lange nicht, dass hier auch der Tierhalter wohnt.

So war Tierärztin Dr. Vera Güldenhaupt in Bückeburg völlig überrascht, als jüngst gleich drei Landwirte mit mehreren Katzen gekommen sind, um sie kastrieren zu lassen: „Das ist ja auch eine Kostenfrage.“ Solche Landwirte könne man nur loben.

Der Rintelner Tierarzt Michael Kirchner erlebt, dass Privatleute schon deshalb kommen und ihre Katzen kastrieren lassen, weil sie keinen Katzennachwuchs im Haus wollen. Das funktioniert – ganz ohne behördliche Verordnung. „Die fragen schon bei der ersten Impfung einer jungen Katze: Wann kann ich sie kastrieren lassen?“

Ähnlich sei die Situation beim Chippen. Privatleute lassen ihre Katze tätowieren oder chippen, weil sie ihr Tier wiederhaben wollen, wenn es verloren geht.

Das Problem seien die vielen herrenlosen Tiere. Nur: Ob man das mit einer Verordnung löst? Kirchner nennt ein Beispiel: In Krankenhagen gebe es eine Scheune, da halten sich um die zwanzig Katzen auf. Irgendein Katzenfreund füttert sie, obwohl sie ihm nicht gehören. Diese Tiere vermehren sich unkontrolliert.

Kastrieren gibt es nicht zum Nulltarif: Eine Katze zu kastrieren kostet um die 100 Euro, der einfachere Eingriff bei einem Kater die Hälfte.

Doch nun zum Positiven: Also, Weihnachten ist vorbei und Sie haben jetzt eine Katze. Die schnurrt in ihrem Körbchen unter dem Weihnachtsbaum. Glückwunsch, wenn noch alle Kugeln und das Lametta am Baum hängen. Unsere Mieze hat erst einmal abgeräumt, kaum war sie aus dem Katzentransportkorb. Zum Glück brannten die Kerzen noch nicht.

Junge Katzen testen alles an und kriechen überall hin. In Schränke und Einkaufskörbe, unter und auf Möbel. Auch dahin, wo man sie nicht vermutet. Es ist keine gute Idee, sich mit Schwung auf das Bett fallen zu lassen. Unter der Bettdecke könnte Mieze stecken und die ist dann ziemlich sauer. Wir wissen, wie ausgefahrene Krallen wirken. Wir schließen die Schlafzimmertür, doch Mimi hat bald entdeckt, wie Schwerkraft wirkt, wenn man sich an die Klinke hängt. Jetzt schließen wir sie abends in den Keller – mit Katzenklappe versteht sich.

Könnte eine Katze sprechen, würde sie sagen: „Hallo, ich Chef“. Bei der Familie Masthoff in Uchtdorf hängt ein Schild in der Küche: „If you want the best seat in this house, move the cat!” – möchtest du auf den besten Platz in diesem Haus, musst du erst die Katze wegscheuchen.

In der Verniedlichung Stubentiger steckt noch das Raubtier, das ignorieren Katzenfreunde meist geflissentlich selbst dann noch, wenn Federn durch Flur und Wohnzimmer segeln, weil der vierbeinige Hausgenosse gerade einen Piepmatz zerlegt hat. Unsere beiden Katzen bevorzugen übrigens Meisen. Da ist dann meist ein größerer Staubsaugereinsatz fällig. Meine Frau brüllt die Katzen jedes Mal wütend an. Alles für die Katz. Die Wirkung: gleich null, denn eine Woche später ist der nächste Vogel dran.

Es gibt eine Postkarte, Marke schwarzer Humor, mit einem dicken Katzenkopf und der Unterschrift: „In diesem Bild ist ein kleiner Vogel versteckt. Finde ihn!“

Der Konflikt Katzen- versus Vogelfreund nimmt bisweilen tragische Züge an, wenn ein Vogelliebhaber, der im Winter ein Futterhaus aufgestellt hat, plötzlich entdeckt, dass sein Häuschen auf Katzen in der Nachbarschaft ähnlich anziehend wirkt wie McDonald’s auf pubertierende Teenies.

Doch vor allem fressen Katze Mäuse. Das ist ja auch ihr Job. Katzenfreunde erkennt man daran, dass sie morgens beim Aufstehen nicht die Sonne im Fenster begrüßen, sondern nach unten auf den Boden blicken. Das sind Menschen, die am frühen Morgen mit nackten Füßen auf einen zermantschten Mäusekadaver vor der Schlafzimmertür getreten sind.

Wildert eine Dorfkatze übrigens im Wald, ist sie zum Abschuss freigegeben. Jäger dürfen Katzen erlegen, die 300 Meter von der nächsten Ansiedlung entfernt sind. Doch verlässliche Zahlen über wildernde Katzen gibt es nicht. Forstamtsleiter Christian Weigel vom staatlichen Forstamt Hessisch Oldendorf ist sich sicher: Kaum ein Jäger wird dem Landkreis melden, dass er eine Katze geschossen hat, das gibt nur Ärger.

Der neue Hausgenosse lehrt seine Besitzer schnell: Hunde haben Herrchen, Katzen Bedienstete. Also meine Frau kann Mimis Jammerton nicht widerstehen, mit dem sie zum Futternapf lockt.

Hunde sind Schleimer, Katzen eigensinnig und schnell beleidigt. Sind wir länger als ein Wochenende unterwegs, kümmern sich unsere Nachbarn um die Viecher. Kommen wir wieder, erwartet uns keineswegs ein freundlich schnurrendes Empfangskomitee. Mimi und Joker lassen sich meist erst einen Tag später gnädigerweise wieder bei uns blicken.

Sollte die Katze plötzlich verschwunden sein, müssen es keineswegs automatisch die bösen Tierfänger gewesen sein. Vielleicht ist Mieze ganz einfach in ein fremdes Auto eingestiegen. Unsere Katzen sind schon in Kleintransportern von Elektrikern und Malern mitgefahren.

Glücklicherweise wussten die Handwerker, wo die Schwarzfahrer hingehören, die sie beim Aussteigen auf dem Werkstatthof entdeckt haben. Also schauen Sie immer in den Kofferraum, wenn Sie den Einkauf ausladen, ob nicht in der Zwischenzeit ein Vierbeiner eingestiegen ist. Wir tun das.

Katzen sind Feinschmecker und lieben Abwechslung: Bitte nicht jeden Tag Thunfisch, Pute oder Hühnchen. Manchmal mögen sie es in Soße, manchmal in Gelee. Vegetarier und Katzen passen deshalb eher schlecht zusammen.

Katzen sind ein Kostenfaktor. Beim „Fressnapf“ in Hameln kostet das billigste Katzenfutter, die 400-Gramm-Dose, einen Euro, man kann aber auch 1,85 Euro dafür ausgeben. Zwei Dosen pro Tag pro Katze sind schnell verputzt.

Hameln ist übrigens eher eine Hundestadt, wenn man die Futterverkaufszahlen zugrunde legt, war zu erfahren. Bei Fressnapf hat man dafür auch eine Erklärung. In Hameln gebe es viele Reiter. Und Reiter hätten eher Hunde als Katzen.

Seit Joker entdeckt hat, wie gebratenes Hackfleisch schmeckt, nachdem er einen Teller ausgeleckt hat, den wir nicht schnell genug in die Geschirrspüle gesteckt hatten, lässt er sich neben dem Herd nieder, wenn was in der Pfanne brutzelt. Er muss es kilometerweit riechen. Denn plötzlich ist er da.

Katzen haben ihr Revier und das wird nicht nur markiert, sondern auch verteidigt. Dazu gehört selbstverständlich auch das Auto, das vor der Haustür parkt. Ein Autodach ist ein optimaler Ausguck, wenn der Köter vom Nachbarn vorbeischleicht.

Katzen haben angeblich sieben Leben. Wir sind überzeugt, seit der Kater eines Bekannten einen Kaltwaschgang in der Waschmaschine überlebt hat. Und sie werden auch die Menschen überleben, wenn man der TV-Serie „Zukunft ohne Menschen“ glauben darf, wo in einem menschenleeren New York Katzen das Kommando in den Wolkenkratzern übernommen haben.

Unterm Weihnachtsbaum schnurrt jetzt in mancher Familie ein neuer Hausgenosse: eine Katze. Andererseits sind die Tierheime voll von jungen, herrenlosen Miezen. Städte wollen die Katzenflut per Verordnung eindämmen. Tierärzte haben Zweifel, ob das funktioniert. Eine Bestandsaufnahme.

Hunde haben Herrchen – Katzen Bedienstete

Joker liebt Autos und war schon als Schwarzfahrer mit einem Elektriker und Maler unterwegs. Die wussten zum Glück, wo er hingehört, als sie ihn auf dem Firmenhof entdeckt haben.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt