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Nach dem Extrem-Sommer: Trockene Teiche und Bäche bringen das Ökosystem ins Wanken

Kein Wasser – kaum Leben

In der Luft liegt modriger Geruch. Wo Rohrkolben ein paar Lücken lassen, bedeckt eine übel stinkende Masse den Boden. Das kleine Biotop am Fuße des Katzberges bei Hachmühlen ist längst nicht mehr das, was es einmal war: ein Refugium für Frösche, Kröten, Lurche und Libellen. Der durch die Renaturierung einer ehemaligen Sandkuhle entstandene Teich bietet einen traurigen Anblick. Er ist ausgetrocknet.

veröffentlicht am 30.11.2018 um 12:00 Uhr

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Frank Neitz

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Frank Neitz Reporter / Fotograf zur Autorenseite

Dieser Tümpel ist bei weitem nicht der Einzige, der momentan ein trostloses Bild abgibt. Teiche am Hamelner Riepen liegen ebenfalls trocken. Auch mehrere Bachläufe führen kein Wasser mehr. Ein alter Weserarm – sonst ein riesiges Feuchtgebiet – ist knochentrocken.

Einen detaillierten Überblick, wie viele der hiesigen Feuchtbiotope betroffen sind, kann man beim Landkreis Hameln-Pyrmont nicht geben. „Sicherlich sind viele der kleinen Waldbäche trocken gefallen und haben somit Einschränkungen oder Verluste in der Biozönose. Auch einige Stillgewässer sind komplett ausgetrocknet“, sagt Harald Baumgarten, Leiter der Unteren Naturschutzbehörde.

Ein Ökosystem besteht aus dem Verbund von Biotop und Biozönose. Anders ausgedrückt: Der Lebensraum und die darin lebenden Organismen bilden zusammen ein Ökosystem. Dabei treten Biotop und Biozönose (Anm.: eine Gemeinschaft von Organismen) nie isoliert auf, sondern immer nur in kombinierter Form. Das Fehlen des einen würde die Existenz des anderen unmöglich machen.

Trostloses Bild am Hamelner Riepen: Ein Teich ist ausgetrocknet. Foto: wal
  • Trostloses Bild am Hamelner Riepen: Ein Teich ist ausgetrocknet. Foto: wal
Finden Eisvögel keine Nahrung mehr, suchen sie sich neue Reviere. Foto: fn
  • Finden Eisvögel keine Nahrung mehr, suchen sie sich neue Reviere. Foto: fn
Ein Frosch sitzt auf dem Trockenen. Foto: fn
  • Ein Frosch sitzt auf dem Trockenen. Foto: fn

Sind durch die Auswirkungen der langen Trockenheit Feuchtbiotope auf Dauer verloren gegangen? Experten verneinen das. Es sei denn, dass trockene Sommer und schneearme Winter zum Dauerzustand werden, wie Baumgarten mutmaßt: „Wenn wir über Jahre hinweg diese Extreme bekommen sollten, dann wird sich die Natur sicherlich schon verändern. Aber im Moment würde ich das erst einmal beobachten wollen. Noch kann man da nichts zu sagen.“

Der Aufwand, ein Biotop zu retten, wäre unverhältnismäßig hoch.

Christian Weidnerr, Nabu-Vorsitzender

„Wenn es durchgängig trockener und heißer werden wird, dann werden bestimmte Tier- und Pflanzenarten hier verschwinden“, meint Christian Weidner, Vorsitzender der Hamelner Gruppe beim Naturschutzbund Deutschland (Nabu).

„Die Natur versucht sich, bis zu einem gewissen Grad selber zu helfen“, ist sich Dietmar Meier sicher. Der im Nabu-Kreisverband Hameln-Pyrmont für Gewässerökologie zuständige Fachmann macht sich Sorgen um das Leben im Rohdener Bach bei Hessisch Oldendorf. Dessen Oberlauf sei laut Meier komplett trocken. „Es sind nicht nur Fische, die nicht abwandern konnten, in Schwierigkeiten geraten“, meint Rohdener.

In der Nahrungskette seien auch kleinere Fische bis hin zu Mikroorganismen. „Wir sprechen von Makrozoobenthos, tierische Organismen bis zu einer definierten Größe, die mit dem Auge noch erkennbar sind, wie Köcherfliegenlarven oder Bachflohkrebse. Die brauchen ein fließendes Gewässer. Selbst wenn das wenige Wasser im Bach nicht mehr fließt und einen Stillgewässercharakter bildet, können einige Tiere meist nicht mehr drin leben und sterben ab. Bei Karstgewässern wie dem Rohdener Bach im Oberlauf kann das schon mal vorkommen“, erklärt der Mann vom Nabu.

Der Gewässer-Experte gibt das Ökosystem im Rohdener Bach aber nicht auf. Führt der Bach wieder Wasser, werde auch dort erneut Leben einziehen, meint er. „Selbst bachaufwärts gibt es ein Wiederbesiedlungspotenzial. Aber das nimmt eine gewisse Zeit in Anspruch, wohl mehrere Jahre. Wie lange genau, das weiß man nicht“, so der Naturschützer.

Fehlt Vögeln wie dem fischfressenden Eisvogel die Nahrung, wandern sie ab. Sie dürften im Nu ein neues Revier finden. Auch Amphibien wissen sich zu helfen. „Ein Frosch kommt schon einige Zeit ohne Wasser aus. Wenn er merkt, dass er nicht mehr klarkommt, würde auch der versuchen, abzuwandern“, weiß Meier. Lurche würden sich auch unter Steine verkriechen und Schutz suchen. „Es gibt immer noch Ecken, wo auch bei Trockenheit noch Restwasser vorhanden ist, auch in Steinbrüchen“, konnte Harald Baumgarten beobachten.

Spricht man von Verlierern der Trockenheit, sind es überwiegend die Tiere des Makrozoobenthos – und Fische in kleineren Gewässern. Zu denen dürfte das Bachneunauge – ein gefährdeter und in klaren Bächen lebender Fisch – zählen. „Ich frage mich, wo die Bachneunaugen jetzt sind.“ Diese Frage stellt sich Christian Weidner. Er musste feststellen, dass der Herksbach bei Hilligsfeld, in dem zuvor die 10 bis 20 Zentimeter langen Fische tummelten, kein Wasser mehr führte.

Ausgedörrt sei auch ein Weseraltarm bei Weibeck – ein Biotop und geschützter Landschaftsbestandteil, erzählt Dietmar Meier. „So trocken kenne ich den nicht. Selbst Schilfbestände stehen bereits im Trockenen. Eigentlich ist der ehemalige Weserarm in der Mitte so nass, dass dort nur Schilf wächst“, erklärt der Nabu-Experte.

Jetzt bestehe laut Meier die Gefahr, dass sich eine „Pioniervegetation an Bäumen“ auf dem Areal breitmacht. Haben Bäume erst einmal Fuß gefasst, beginnen sie, die Lebensverhältnisse des Standortes zu verändern. Bäume durchwurzeln den Untergrund, führen dem Boden Nährstoffe zu, spenden Schatten und können Schilf und andere Pflanzen verdrängen.

„Als Nabu können wir nichts dagegen unternehmen. Wir können keine gezielten Maßnahmen ergreifen. Auch nicht für eine Vernässung von Feuchtgebieten sorgen, wenn wir künstlich Wasser reinkippen“, stellt Weidner klar. Der Aufwand, ein Biotop zu retten, wäre unverhältnismäßig hoch. „Ich denke, dass die Tiere immer noch Lebensräume finden, wohin sie sich zurückziehen“, meint der Nabu-Vorsitzende.



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