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„Von der Flut in die Glut“

Kartoffel-Ernte so mühsam wie seit Jahren nicht

Der jetzt einsetzende Regen kann nicht darüber hinwegtäuschen: Staub, Steine, Kluten und 25 Prozent Verlust: Die Kartoffel-Ernte war so mühsam wie seit Jahren nicht. Wegen alter Verträge profitiert Christian Beißner in Westendorf noch nicht mal von den aktuellen Rekordpreisen. Ein Bauer unter Druck.

veröffentlicht am 24.09.2018 um 11:40 Uhr
aktualisiert am 24.09.2018 um 15:10 Uhr

Christian Beißner zeigt das Ärgernis: Hier ist mehr als jeder zweite Klumpen keine Kartoffel, sondern ein steinharter Lehmklumpen. Foto: dil

Autor:

Dietrich Lange
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Riesige Staubwolken markieren den Weg der Kartoffel-Roder, die in diesen Wochen auch im Wesertal die Ernte einbringen. Christian Beißner aus Westendorf, seit 2006 selbstständig im Kartoffelanbau und mit 80 Hektar einer der größten Kartoffelbauer in Rinteln und Umgebung, sieht den Staub, den Lohnunternehmer auf seinen Feldern aufwirbeln, mit Unbehagen. „Keine Vorsortierung auf dem Roder möglich, das kann man niemandem mehr zumuten“, schimpft er. „So kommen Erdkluten, hart wie Beton und groß wie Kartoffeln, sowie Steine in die Einlagerung, machen bis zu 20 Prozent der Masse aus, auf ganz schlechten Flächen sogar 80 Prozent, aber dann hören wir auf. Die Kluten können wir erst bei der Wäsche vor der Auslieferung wieder von den Kartoffeln trennen. Es war erst zu nass, dann zu trocken und zu heiß dieses Jahr, wir kamen von der Flut in die Glut.“

Bis zu 40 Prozent Ernteverlust auf leichten Böden in Niedersachsen, da kommt Beißner mit geschätzt 25 Prozent weniger Erntemenge noch mit einem blauen Auge davon. Aber was da über Förderbänder von Lastwagen und Traktor-Gespannen in die bis 2000 Kubikmeter großen Lagerboxen rollt, sieht oft nur aus wie Kartoffeln. „Hart wie Beton, kaum zu unterscheiden, mit den Kanten aber gute Kartoffeln beschädigend, so kommt das hier an“, erklärt Beißner mit Blick auf die Erdbrocken.

Vier Männer stehen am Förderband und sortieren außerdem noch Steine von einem lippischen Acker aus. Dessen Besitzer hat eine 2000-Kubikmeter-Box zum Einlagern gemietet. Wohin mit den Steinen? „In den Wegebau zwischen unseren Feldern“, lacht der Lkw-Fahrer aus Lippe. Beißner ergänzt: „Oder auf eine Bauschuttdeponie, aber das kostet extra.“

Weil es auf den Feldern extrem staubt, können die Kluten nicht auf dem Roder aussortiert werden... Foto: dil
  • Weil es auf den Feldern extrem staubt, können die Kluten nicht auf dem Roder aussortiert werden... Foto: dil
...sondern müssen in der Lagerhalle per Hand von den Erdäpfeln getrennt werden. Foto: dil
  • ...sondern müssen in der Lagerhalle per Hand von den Erdäpfeln getrennt werden. Foto: dil

Warum so viele Kluten? „Der Boden ist so hart, die nimmt der Roder einfach mit auf. In normal feuchten Jahren zerfällt das schon auf dem Feld als Erde“, teilt Beißner mit. „Diesmal haben wir die Brocken mit im Lager. Es müsste einfach mal mindestens 50 Liter Regen pro Quadratmeter geben, dann wäre das Problem gelöst.“

Seit Ende Juli läuft die Kartoffelernte, zwei Wochen früher als üblich, Ende September soll bei Beißner alles im Lager sein. Danach könnten erste Nachtfröste die Einbußen auf dem Feld noch vergrößern. Im Lager warten die Erdäpfel dann bei fünf Grad Celsius bis zur Auslieferung ab März. Weiterverarbeiter rufen die Mengen ab, die sie gerade für Chips und Pommes frites brauchen, und sehen bei der Qualität sehr genau hin. „Da bin ich in diesem Frühjahr auf größeren Mengen sitzengeblieben, musste sie im Mai billig an eine Biogasanlage im Auetal abgeben, um das Lager wieder leer zu bekommen. Und dann zog im Juni auf einmal die Nachfrage wieder an, und ich hatte nichts mehr.“ Der Markt ist unbarmherzig.

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So extrem wie lange nicht

So nass wie der Herbst, so trocken wie der Sommer, das hat hat Heinz Poock aus dem Ortsteil Fuhlen von Hessisch Oldendorf seit 30 Jahren nicht erlebt. Auf sieben Hektar baut er verschiedene Sorten Erdäpfel an, verkauft ab Hof und liefert an einen nahen Supermarkt.

Was tut er gehen die harten Kluten? „Wir roden langsam, setzen zwei Arbeitskräfte zum Aussortieren noch auf dem Roder ein“, sagt Poock. „Der Staub ist immens, aber gerade noch auszuhalten.“

Auf jeden Fall sind die Kartoffeln bei ihm dieses Jahr kleiner, wie hoch der Gesamtverlust wird, kann er erst nach der Ernte einschätzen. Poock: „Aber erheblich auf jeden Fall.“ dil

Auch das Wetter kennt keine Gnade. Zunächst war es zu nass. „Schon 2017 habe ich acht Hektar wegen der Nässe gar nicht mehr abgeerntet“, erinnert sich Beißner. „Dieses Jahr war es zum Glück noch lange nass, sodass sich die zuerst ausgesäten Kartoffeln noch gut entwickelten, danach wurden sie wegen der Trockenheit immer kleiner. Bewässern können wir aber nicht. Zum Glück gab es wegen der Trockenheit auch kaum Krautfäule, wir konnten beim Spritzen von Fungiziden also einiges an Geld sparen.“

Doch nun fehlt es an Menge, und ein großer Teil der Ernte ist in Lieferverträgen von 2017 schon vergeben. „Da wollte ich mir nach Niedrigstpreisen bis vier Euro pro Dezitonne ein solides Angebot mit zehn Euro sichern, doch jetzt schießen die Preise in den Himmel. Bis 22 Euro, und ich kann nur wenig davon profitieren“, ärgert sich der Landwirt. 2017 musste er den Abnehmern hinterher telefonieren, dieses Jahr drängen sich die Kunden selbst auf, überbieten sich, und bekommen fast nichts. Beißner prognostiziert: „Im Frühjahr wird es in den Chips-Fabriken mit den Rohstoffen knapp, und in Europa waren alle von der Trockenheit betroffen. Aus Übersee wäre der Kartoffelimport noch zu teuer, außer bei Frühkartoffeln aus Ägypten.“

80 Prozent seiner Ernte verarbeitet die Industrie zu Chips und Pommes, 20 Prozent sind Speisekartoffeln. Letztere vermarktet Beißner zunehmend auch selbst, per Lagerverkauf und aus einem Automaten. „Wir haben sogar neue Sorten, die rotschalige, vorwiegend festkochende Birgit, bei uns Schaumburger Rote genannt, ist noch neu. Ebenso Goldmarie, etwas heller und festkochend. Aber diese Sorten haben wir nur je auf einem halben Hektar. Laura, seit drei Jahren auf einem Hektar angebaut, ist bereits gut gefragt. Aber am meisten verkaufen wir Belana.“

Kartoffeln sind Beißners Hauptgeschäft, fast 3000 Tonnen erntet und lagert er. Zur geplanten besseren Vermarktung im Einzelhandel hat er seinen Betrieb dieses Jahr sogar zertifizieren lassen (Global Gap-Zertifikat). Doch ein zweites Standbein gibt Sicherheit gegenüber Turbulenzen im Kartoffelmarkt: Auf noch mal 80 Hektar baut Beißner außerdem Getreide an, mästet zahlreiche Schweine. „Das ist auch gut für die Fruchtfolge Kartoffeln kommen nur alle vier Jahre auf den gleichen Acker. Deshalb pachte ich jedes Jahr Ausweichflächen von anderen Bauern, bis rund 20 Kilometer rund um Deckbergen. Noch bekomme ich genug Flächen zusammen.“

Weg von der Kartoffel will Beißner (als Landwirt Einzelkämpfer mit vier Saisonkräften) nicht: „Wir haben die Erfahrung, die Technik und die Lagerkapazitäten“, sinniert er. „Nur keine stabil guten Preise. Jetzt muss ich mich wieder entscheiden: Lieferkontrakte für 2019 zu halbwegs attraktiven Preisen oder auf noch ein Jahr mit hohen Preisen spekulieren? Ach, am liebsten eine gute Ernte mit weniger Stress, Staub und Kluten.“



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