weather-image
10°
Bildmotive dienten häufig der Kriegsverherrlichung / Die Brutalität der Front wird verdrängt

Kartengrüße von der Front

Am 11. November 1918 endete der Erste Weltkrieg, in dem über 17 Millionen Menschen ihr Leben verloren. Rund 60 Kilometer nordöstlich von Paris, im Wald von Compiègne, wurde das Waffenstillstandsabkommen zwischen Deutschland und den Alliierten unterzeichnet. In einer siebenteiligen Serie beleuchten wir unterschiedliche Aspekte dieser „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ (George F. Kennan). In der letzten Folge werfen wir einen Blick auf die Feldpostkarten und ihre Bildmotive. Die Angehörigen an der „Heimatfront“ erhielten die Karten von den kämpfenden Soldaten über die Feldpost zugeschickt.

veröffentlicht am 10.11.2018 um 11:07 Uhr

Heroisierung des Soldatentodes im Ersten Weltkrieg: Diese frühe Postkarte („Schwere Kämpfe bei Ypern“) zeigt eine Szene der ersten Flandern-Schlacht von 1914. Foto: private Sammlung
Avatar2

Autor

Bernhard Gelderblom Reporter
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Schon der Erste Weltkrieg war ein Medienkrieg und damit ein Vorbild für die Kriege der Gegenwart. Mit der Herrschaft über das Kriegsbild war die Deutungshoheit über den Krieg verbunden. Die Motive der Bildpostkarten waren keine Abbilder des wirklichen Kriegsgeschehens. Die Karten entstanden unter Aufsicht der allgegenwärtigen Zensur.

Verglichen mit Filmaufnahmen, die oft nachgestellt wurden, haben die Fotos einen etwas höheren dokumentarischen Wert. Sie haben nicht selten ihren Ursprung im offiziellen Rahmen der Kriegsberichterstattung. Als historische Quellen taugen sie aber nicht. Sie zeigen die Welt des Krieges, wie sie gesehen werden sollte. Damit haben sie ihren Erkenntniswert als Quellen zur Wahrnehmungsgeschichte des Ersten Weltkrieges und zu den Techniken politischer Propaganda. Von der Brutalität des Ersten Weltkriegs, der als erster industriell geführter Massenvernichtungskrieg gilt, wird nichts sichtbar.

Der Bevölkerung verhalfen die Bildpostkarten dazu, sich Vorstellungen vom Krieg sowie von den Feinden und Freunden zu machen. Insbesondere für den ländlichen Raum kann man sagen, dass das Bild vom Ersten Weltkrieg nicht unwesentlich von den Bildpostkarten geprägt wurde. Zu den Abbildungen gab es kaum Alternativen. Regionale Tageszeitungen brachten nur selten Fotografien, und der Einzug des Kinos kam auf dem Land erst viel später. Zwangsläufig wurde den Karten eine hohe Authentizität zugesprochen. Dieser Beitrag handelt das Thema nicht in aller Breite ab. Er bezieht sich vielmehr auf ein Album aus unserer Region, das erhaltenblieb und dem Verfasser zur Auswertung überlassen wurde. Es enthält 36 Bildpostkarten, die ein Soldat seinem auf einem Dorf wohnenden Sohn, der damals noch die Schule besuchte, im Laufe des Krieges geschickt hat.

Bildpostkarten aus dem Ersten Weltkrieg. Foto: Private Sammlung
  • Bildpostkarten aus dem Ersten Weltkrieg. Foto: Private Sammlung
Bildpostkarten aus dem Ersten Weltkrieg. Foto: Private Sammlung
  • Bildpostkarten aus dem Ersten Weltkrieg. Foto: Private Sammlung

Herrlich ist der Tabaksduft, bläst man Ringe in die Luft.

Begleittext auf einer Bildpostkarte

Die Stempel verraten, dass der Absender im Magazin der Fuhrparkkolonne Nr. 3 der 5. Landwehrdivision diente, also beim Nachschub und nicht bei der kämpfenden Truppe. Die Nachrichten auf den Karten sind sehr kurz gehalten.

„Lieber Fritz, sende dir viele Grüße. Dein Vater. Gruß an Mutter.“ Einzelheiten über den Einsatzort oder das Kriegsgeschehen erfahren wir nicht. Allein die versandten Bildmotive lassen die Einsatzorte an der West- wie an der Ostfront erkennen.

Am zahlreichsten sind in dem Album Karten von der französischen Front vertreten. Sie veranschaulichen die zumeist schweren Zerstörungen in Orten im Umkreis von Verdun (Fey-en-Haye, Preny, Vilcey und Dannevoux). In der „Blutmühle“ von Verdun standen sich Millionenheere im anhaltenden Stellungskrieg gegenüber.

„Arme Bewohner warten auf die Ausgabe von Lebensmitteln“ ist eine Postkarte untertitelt. Eine Menschenschlange steht vor einem Gebäude in der französischen Kleinstadt Saint-Mihiel. Zerstörung, aber auch Hunger gibt es nur beim Feind – eine Botschaft an die Heimatfront, die unter extremem Hunger litt. Die Hauptfeinde des Deutschen Reiches waren das „falsche“ und fette England, die feige und erschrockene französische „Marianne“ und das kulturlose Russland. Unter der Überschrift „Russische Kultur“ finden sich auf einer damals in vielen Versionen verbreiteten Karte die Verse: „Hier laust sich der Vater, hier laust sich das Kind. Hier laust sich der Herr, hier laust sich’s Gesind‘. Ich als Quartiergast sitz‘ in der Mitt‘. Erst schau ich zu, dann laus‘ ich mit.“

„Lustig ist das Soldatenleben“, wenigstens in der Etappe. Die nachkolorierte Bildpostkarte, auf der der zitierte Satz vermerkt ist, zeigt einen Zigarre rauchenden Soldaten und den Spruch: „Herrlich ist der Tabaksduft, bläst man Ringe in die Luft.“

Angesichts der Kriegslage stellte sich das Führungspersonal des Reiches in aller Schlichtheit und Einfachheit dar. Auf der kolorierten Postkarte (unten links wiedergegeben) steht der faktisch weitgehend machtlose Kaiser Wilhelm II. (l.) neben dem populären Generalfeldmarschall Hindenburg, dem Chef des Generalstabs. Nach der Schlacht bei Tannenberg 1914 in Ostpreußen blühte der Kult um Hindenburg auf. Man widmete ihm Heldengedichte, Lieder, Dankadressen und viele Bildpostkarten.

Die Themen Tod und Verwundung waren keinesfalls tabu. Vielmehr sind ihnen erstaunlich viele Karten gewidmet. Eine frühe, oben groß abgebildete Postkarte („Schwere Kämpfe bei Ypern“) zeigt eine Szene der ersten Flandern-Schlacht von 1914: Ohne Deckung und Schutz voranstürmende, fallende und getötete Soldaten, mit Pickelhaube und Marschgepäck, vor sich Granateneinschläge und lodernde Flammen. Man möchte daran denken, wie damals ganze Freiwilligen-Bataillone ins feindliche Feuer geschickt wurden, angeblich voller Kriegsbegeisterung, das Deutschlandlied auf den Lippen und bereit, den Heldentod zu sterben.

Drei Jahre später hat sich die Darstellung der kämpfenden Soldaten gewandelt. 1917, zur Zeit des amerikanischen Kriegseintritts, veröffentlichte die Reichsbank ein Plakat mit dem Brustbild eines deutschen Infanteristen. Er trägt den neuen Stahlhelm, der 1916 die lederne Pickelhaube abgelöst hatte, eine Gasmaske hängt um seinen Hals und zwei Handgranaten stecken in seinem Gürtel. Der Soldat steht in einem Stacheldrahtverhau, der den Stellungskrieg an der Westfront symbolisiert. Von Kriegsbegeisterung findet sich keine Spur. Stattdessen vermittelt das Plakat heroischen Durchhaltewillen und Kraft. Die Aufforderung „Helft uns siegen! Zeichnet Kriegsanleihe“ richtete sich unmittelbar an den Betrachter daheim, der sich diesem Appell emotional kaum entziehen konnte. Als im Herbst 1917 die nächste (siebte) Kriegsanleihe aufgelegt wurde, entschied sich das Reichsschatzamt für das (links wiedergegebene) Motiv eines Fliegers, der, obwohl verletzt, doch seine Pflicht tut. Wieder symbolisiert das Plakatmotiv den Willen, unter allen Umständen durchzuhalten.

Selbst das anrührende Bild eines deutschen Soldatenfriedhofes in Mars-la-Tour bei Metz mit seinen hölzernen Kreuzen, auf denen in ungelenken Buchstaben die Namen der Getöteten stehen, ist weit entfernt von der Realität des tausendfachen Sterbens, in dem der Tod als Maschinist des industrialisierten Krieges auftrat.

Fazit: Es gibt keine wahren Bilder vom Krieg. Bildern vom Krieg ist grundsätzlich zu misstrauen. „Lüge und Krieg sind Zwillinge.“



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare

    Kontakt

    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt